
| Interview: | MORTIIS |
| Titel: | Unstillbarer Ideenhunger |
Lange ist es her - als sich Håvard „Mortiis“ Ellefsen 1992 als Gründungsmitglied, Bassist und Songtexter von Emperor „trennte“, gründete er noch am nächsten Tag sein gleichnamiges Ambient-Projekt, welches zunächst als „Era I“ auf dem eigenen Label Dark Dungeon Music autobiografische Züge tragen sollte.
Zu der Zeit hatte sich der eigenwillige Genre-Pionier innerlich bereits ohnehin vom Black Metal verabschiedet. So erstreckte sich die Stilistik des fantasievoll maskierten Solokünstlers über all die Jahre von Darkwave/Dungeon-Synth über (Gothic)Synth- und Electro-Pop bis hin zum Industrial Rock.
Und mit dem neuen Album „Ghosts Of Europa“ erfindet sich der skandinavische Nuancenmeister abermalig neu, wie das Video zum Titelsong aufzeigt, in dem neben Thorsten Quaeschnings Synthesizern und Sequenzern auch bzw. vor allem die erfahrenen Gastsängerinnen Jezebel Deva, Laurie Ann Haus und Iliana Basileios Tsakiraki zu einiger Faszination beitragen.
Der Titelsong überrascht mit seinem erhebend chorhaftem und ziemlich cineastischen Charakter, was nicht von ungefähr kommt.
„Ja, die Nummer begann sich anfangs als ein eher Synth-lastiger Track zu entwickeln. Aber als ich später Sarah und später weitere Sängerinnen hinzunahm, entwickelte er sich durch deren Ideen und Inputs ganz natürlich zu etwas Chorartigem. Das war absolut nicht geplant, vielmehr hat es sich einfach so ergeben. Ich finde das enorm spannend. Genau deshalb lasse ich Gästen in meinen Liedern ganz bewusst freie Hand. Sie sind schließlich Spezialisten in ihren Fächern, vor allem in den gesanglichen Bereichen. Wenn sie ihre Ideen einbringen, hebt das den Song oft über das hinaus, was ich mir vorgestellt habe. Hin und wieder passe ich meine Kreationen sogar ganz an ihre Beiträge an - die Musik findet gewissermaßen ihren eigenen Weg, wenn man es ihr nur erstmal gestattet. So habe ich nicht wenige Parts umgestellt, damit sie besser zu dem passten, was beigesteuert wurde. Auch die Gitarren spielten eine markante Rolle. Wir haben nämlich verschiedene Ebenen aufgebaut, auf denen viel mit Klangfarben und Sounds probiert wurde.“
Im Weiteren würdigt Mr. Mortiis auch die generellen Verdienste von Quaeschning, der mit seiner eigenen Elektronik-Vorreiter-Band Tangerine Dream ab den 70ern bekannt wurde. „Daneben reizen mich die ‚historischen‘ Synthesizer ungemein, welche damals von Tangerine Dream verwendet wurden, die waren zu der Zeit noch unsagbar teuer.“
Was das Liederschreiben an sich angeht, da gibt es für ihn keine bestimmten Regeln, wie der ständig Kreative konstatiert. „Ich kollektiviere meine Ideen, Melodien, als auch - fragmentarische - Texte und bewahre sie gut sortiert auf, manchmal geht das über Jahre hinweg. Zu einer späteren Zeit schaue ich mir das Ganze dann noch einmal an und setze Dinge zusammen, die gut zusammenpassen. Das hat sich bestens bewährt. Mir geht es bei dieser Vorgehensweise primär darum, Stimmungen aufeinander abzustimmen, ganz so, wie man Farben kombiniert bzw. mischt.“
Wie er weiter wissen lässt, liebt er dynamische Liederentwicklungen am allermeisten, welche sich bedingt durch Gesang vollziehen - weswegen die Sängerinnen gerne bei der Erstellung ihrer Beiträge mit viel Freiraum experimentieren durften.
„Derlei gestalterischer Freiraum kann nämlich zu ganz erstaunlichen Resultaten führen, manchmal aber auch zu weniger guten – doch das gehört meines Erachtens ganz einfach zum Prozess dazu. Selbstverständlich ist es auch bei mir immer ein sich schrittweise erstreckender Prozess. Ansätze bzw. Ideen entwickeln sich dabei ständig weiter. Ich habe natürlich grundsätzlich schon eine klare Vorstellung von einem Song. Ein großer Wendepunkt für viele neue Stücke war de facto aber genau der Zeitpunkt, an dem der jeweilige Gesang hinzukam. Als Sarah, Lori und Iliana mir ihre Parts zurückschickten, veränderten sich die betreffenden Songs wirklich gänzlich. Die menschliche Stimme, sie hat einfach etwas Magisches in und an sich … und sie ist deswegen imstande, einfach alles in einem Lied umzuwandeln. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass es eine bessere Atmosphäre und bessere Musik schafft, wenn man den Leuten Freiraum lässt. Unter Stress bringt niemand seine beste Leistung.“
Zu Beginn seiner Karriere hielt es der Multi-Musikus eher stoisch, á la „Entweder gemäß meiner Vorgaben und Wünsche, oder eben gar nicht“, wie er bilanziert.
Doch diese Einstellung hat immer wieder mal zu einer angespannten Lage und kontraproduktiven Stimmungen geführt.
„Jetzt konzentriere ich mich voll auf Respekt und ganz auf Kommunikation. Wenn etwas nicht wie gewollt funktioniert, spricht man es einfach auf konstruktive Weise an - und macht harmonischer weiter. Sein eigenes Ego dabei beiseite lassen. Das ist das Wichtigste.“
Apropos, beim aktuellen Albumtitel werden viele an aktuelle oder auch historische politische Belange denken, doch dies war bzw. ist nicht die Intention dahinter, so Mortiis.
„Ich verstehe natürlich schon, warum man das so interpretieren könnte, aber: Es ist ganz klar unpolitisch gemeint von mir. Mir kam die Idee dazu während der Covid-Zeit, als die ersten Versionen der neuen Songs Gestalt annahmen. Der Titel tauchte einfach in meinem Kopf auf, er wirkte sofort attraktiv geheimnisvoll und ‚offen‘ auf mich. Ich wusste zu der Zeit nicht wirklich, was er bedeutete, aber er sprach mich schlagartig an. Ich habe ja so meine ganz eigenen persönlichen ‚Geister‘ aus der Vergangenheit, daher fühlte es sich vom ersten Moment richtig für mich an. Als dann der Krieg in der Ukraine begann, kam mir schlagartig in den Sinn: ‚Oh nein, die Leute werden sicherlich annehmen, dass das politisch ist.‘ Aber ich wollte eine gute Idee deswegen nicht einfach wegwerfen. Letztlich wirkt ‚Ghosts Of Europa‘ in aktuellen Kontexten aber dennoch prophetisch und angesichts all der düsteren Ereignisse in der Welt fällt es mir schwer, es jetzt nicht so zu sehen. Mir wäre es viel lieber, es wäre nicht der Fall, doch so empfinde ich es eben in mir.“
Die Tage während der weltweiten Pandemie haben dem Künstler nicht wenig zugesetzt, wie er sich erinnert. „Mir ging es nicht gerade gut in dieser befremdend seltsamen Zeit! Ich entsinne mich, wie ich nach Oslo fuhr und es sich für mich anfühlte wie in einem Film. Die Städte, sie waren leer geworden, alle Geschäfte etc. waren geschlossen - man durfte ja nicht mal mehr nicht nach draußen. Nichts fühlte sich real an, und diese Stimmung hat meine neue Musik definitiv beeinflusst: Rückblickend kommen mir diese 18 Monate immer noch wie ein obskurer Traum vor. Aber ich versuchte natürlich auch, als Songwriter etwas Positives einzubringen, schließlich möchte ich immer erreichen, dass es selbst am Ende des längsten Tunnels ein Licht gibt. Denn zu lange an einem dunklen Ort zu verweilen, kann doch einfach für niemanden gesund sein.“
© Markus Eck, 14.05.2026
Photo Credit: Soile Siirtola
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