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Interview: BLINDEAD 23
Titel: Hart, zart, smart

Das herausfordernd einnehmende Debütalbum „Deuterium" ist emotionale Achterbahnfahrt, hypnotisches Klangkaleidoskop und läuternde Eigentherapie in einem geworden.

Der metaphorisch großvisionäre und ebenso komplex wie progressiv strukturierte Avant-garde Post-/Art Metal des polnischen Vierers um Sänger Patryk Zwoliński vereint eine außergewöhnliche Präsenz an markant ausgeprägten Gegensätzlichkeiten - vor allem auch Sänger Patryk Zwoliński brilliert dual.

Ebenso eigen ist der Werdegang an sich - was nämlich eigentlich 2003 als Blindead mit Atmospheric Sludge Metal begann, kriselte ab 2019 und zerwarf sich schließlich 2022 nach sechs Alben.

Wie Axeman Mateusz Maurycy Smierzchalski wissen lässt, begann er seine musikalische Laufbahn von Pommern aus, als er unter dem Pseudonym „Havoc" mit gerade mal 17 Jahren seinen damaligen Einstand als Gitarrist bei Behemoth auf deren 2000er Album „Thelema. 6" gab.

„Es ging dann auch schon gleich auf Tour für mich mit ihnen, das Abenteuer hatte begonnen. Behemoth wurden zu der Zeit immer erfolgreicher, die Gigs waren großartig besucht, ich stürzte mich also kopfüber in eine mir völlig neue Welt. Doch ich merkte mit der Zeit immer mehr, dass es eben so gar nicht meine Welt war. Ich bin ein viel zu eigenwilliger Geist, das - blasphemisch aufgeladene - Spektrum im Black Metal schien mir von Anfang an viel zu limitiert; ich wollte lieber mein ganz eigenes, vielfältigeres Ding machen.“

Beim 2002er Albumnachfolger ,Zos Kia Cultus (Here And Beyond)" war Mateusz noch dabei, dann verließ er die Formation um Nergal noch vor deren 2004er „Demigod“, um sich einen (Roadie)Namen als versierter Gitarrentechniker für illustre Acts wie Emperor, Dimmu Borgir, Therion, Eluveitie, Sólstafir, Decapitated und Leprous zu machen.

So wurden 2003 Blindead gegründet, um fortan mit originell-innovativen Songs zu faszinieren. Mateusz gab nicht auf - und nun sind wir eben bei Blindead 23 und „Deuterium“.

Schonungslose Offenheit als Programm: „Ich trug schon einige Jahre eine heftige innerliche Schwere mit mir herum. 2019 war ich dann ziemlich am Boden, hatte existenziell bedrohliche Probleme mit Drogen, Alkohol - die ganze Palette. Es ging da richtig ums Überleben. Ich wusste also ab diesem bestimmten Punkt, dass ich dringlich etwas ändern muss, um nicht unterzugehen - also öffnete ich mich nicht nur meinem hoch geschätzten Psychotherapeuten, sondern auch bestimmten vertrauten Freunden, Kollegen usw. Das tat mir sehr gut. Nachfolgend ging ich immer öffentlicher damit, in und aus aus der Covid-Zeit gingen viele Künstler mit ihren mentalen Problemen viral. Gleichzeitig nutzte ich meine dadurch vielfach tiefer inspirierte Kreativität, um auch musikalisch wieder voranzukommen - und meine neuen Ideen halfen mir sehr, mich wiederzufinden und zu erden. So habe ich zum neuen Debütalbum den ‚absoluten‘ Bezug. Ich kann meinem Co-Gitarristen und -Composer in der Band, Roger Öjersson, der früher bei Katatonia war, gar nicht dankbar genug sein für all seine selbstlose Zuwendung und Hilfe - er war immer da, wenn ich ihn brauchte, und ich brauchte ihn so oft. Dank ihm entdeckte ich meine Kreativität wieder.“

Als das Gespräch persönliche Hörgewohnheiten und damit einhergehende musikalische Einflüsse thematisiert, gerät der immens auskunftsfreudige Saitenschrubber, der sein Dasein nach einem Suizidversuch heute vielfach mehr schätzt, noch viel mehr in Redefluss.

„Über die Jahre habe ich viel entdeckt, in so vielen Stilen und Bereichen, das könnte man den meisten ‚knallharten Metallern’ gar nicht kundtun, ohne dafür abwertende Worte zu kassieren. Ich bin jedoch längst selbstbewusst genug geworden, um mir da keinerlei Gedanken mehr zu machen. Mein Motto: Mir muss es einfach nur gut tun im Moment des Anhörens, es muss sich richtig anfühlen. Und da ich brutale, dystopische Extreme in der Musik gleichermaßen schätze wie anmutige, surreale oder hypnotische Sphären, bringe ich das dementsprechend zueinander. Das neue Werk ist daher ohnehin ein sehr persönliches Konzeptalbum für mich, mit welchem ich meine letzten Jahre und all meine Depressionen und simultan damit entstandene Hürden, Probleme und Schwierigkeiten ganz bewusst verarbeite - deswegen ist ‚Deuterium‘ auch gar so extrem in den jeweilig uferlosen Gefühlsausbrüchen geworden.“



Auch die auffällig angefügte Zahl 23 direkt hinter Blindead ist für ihn von bedeutender Wichtigkeit, so Mateusz. „Ja, nach 22 Jahren vielfach bewegter Historie der Band, ihrem zeitweisen Ende und meinem nachfolgenden Neuanfang wollte ich etwas dabeihaben, was das alles sofort ganz klar herausstellt. Die vielen Jahre der Existenz dieses Bandnamens mögen alle für immer vergangen sein, doch Blindead ist noch immer da. Wie ich.“ Spricht’s und freut sich sichtlich aus vollem Herzen.

© Markus Eck, 11.04.2026

Photo Credit: Blindead 23

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