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Interview: VISIONS OF ATLANTIS
Titel: Seelenheilende Piraterie

Der superbe Albumvorgänger „Wanderers“ beglückte bereits fulminant eine komplette Fantasy Symphonic Metal-Welt. Danach wurden auch Band und Fans weltweit von den fatalen Covid-19-Auswirkungen heimgesucht. Doch anstatt sich deswegen dem Verdruss hinzugeben und verängstigt hoffend abzuwarten, begaben sich unsere atlantisch großvisionären Genrestars viel lieber auf schnurgerader, kurstreuer Freibeuterfahrt in noch epischer erhebende, noch opulenter verwöhnende, noch feierlicher orchestrierte und damit noch viel cineastischere Gefilde!

Aufregend zu erleben ist die neue, die wilde und die ungezügelte Schaffenslust der vollauf motivierten Beteiligten auf dem taufrischen Album „Pirates“, das eine unerhört wohltuend wehende Brise des vorstellbar besten Songmaterials in die Ohren wehen lässt.

Sängerin Clémentine Delauney freut sich in bester Laune riesig über die ebenso respektvoll-kollegiale wie künstlerisch produktive und harmonische Zusammenarbeit mit dem italienischen Co-Sänger und Frohnatur Michele ‚Meek‘ Guaitoli, wie sie angeregt berichtet:

„Es ist traumhaft mit ihm! Er brachte bereits kurz nach seinem Einstieg bei uns für ‚Wanderers‘ zwei Songs an, die wir optimal verwenden konnten. Wir wussten auch relativ schnell nach seinem Eintritt, dass sein Enthusiasmus, seine Songwriting-Skills und seine Einflüsse uns nur nach vorne bringen konnten. Es zeichnete sich daher schnell ab, dass wir uns eng zusammen mit dem Multitalent Meek weiterentwickeln wollten - da er selbst schon in mehreren Bands aktiv war und auch als Producer versiert ist, konnte das Ganze letztlich auch nichts anderes als exzellent werden!“

Auch Produzent Felix Heldt, erstmals neu im kreativen Team, war rasch voll und ganz im Banne der neuerlichen Entwicklung bei Visions Of Atlantis, so erinnert sich die temperamentvolle Französin.

„Felix brachte ebenfalls sehr viel an wichtiger und richtiger Frische ins Songwriting. Da er bereits als Musiker bei seiner eigenen Band dArtagnan erfolgreich tätig ist sowie als sehr vielseitiger Producer für solch unterschiedliche Acts wie beispielsweise Feuerschwanz oder auch Hämatom gute Arbeiten leistete, sagte ihm seine Erfahrung sofort, dass dem guten Meek diesmal viel mehr Raum zu geben ist. So bildeten wir ein hervorragendes Dreigespann - ich und Meek komponierten das neue Material, Felix assistierte, optimierte und ergänzte auch selbst nach Kräften, wahrlich ein echtes Dream-Team!“

Laut Clémentine krempelten Visions Of Atlantis dann ungewöhnlich schnell und intuitiv tatsächlich den kompletten - und an sich schon bestens bewährten - Songwritingprozess komplett um.

„Da gab es gar kein Halten, es ging fast wie von selbst. Meek ist ja wirklich ein ganz großer Motivator - er reißt einen unweigerlich mit, wenn er gute Ideen hat. Typisch italienisch, oder?“ [lacht] So war es relativ zügig von allen in der Gruppe entschieden, lässt die Vokalistin wissen, bei so einer außergewöhnlich günstigen Entwicklung auch mal den Produzenten zu wechseln, um - wenn, denn schon - gleich alles mutig und entschlossen auf eine Karte zu setzen.

„Meek fungierte in der Tat als ein dermaßen massiver ‚Gamechanger‘, dass uns eindeutig klar wurde, unsere Geschicke und unsere Musik könnte mit ihm größer als je zuvor werden. Er ging das Ganze mit einer geradezu umwerfenden Selbstsicherheit an, ja, zeigte von Bescheidenheit zum Glück keine Spur, so soll das sein! Und alles, was danach geschah, sollte unserer Entscheidung recht geben.“

So saß man in Frankreich, Italien, Österreich, Deutschland und mehr im Weiteren emsig, eifrig und arbeitshungrig vor dem jeweiligen Computer - die markante Goldkehle blickt informierend zurück:

„Ja, so läuft das eben im - mittlerweile ja gar nicht mehr so neuen - digitalen Zeitalter. Ich für meinen persönlichen Teil fahre mit dieser doch sehr speziellen Arbeitsweise noch immer nicht so routiniert als wie ich sollte, aber das wird sich wohl auch nie mehr ändern. Ich bevorzuge einfach das zwischenmenschlich Reale, das echte, mental so guttuende Miteinander einer Band im Probenraum etc. Aber es ist nun mal so eine Entwicklung einher gegangen, wer wäre ich, dass ich mich da verschließe? Es ist eine Herausforderung, und ich nahm sie natürlich an. Letztlich gilt: Was der Band zugute kommt, und was niemand schadet, wird auch einfach gemacht! Die geographischen Distanzen waren aber aufgrund unserer gigantischen kollektiven Schaffensfreude für niemanden in der Band ein Thema geschweige denn störend spürbar etc. Alles in allem konnten wir einen ebenso guten wie spitzenmäßig vorwärtsgehenden Arbeitsfluss erzielen, und das hört man den Kompositionen auch deutlich an, so denke ich. Alles kommt so elegant als auch famos flüssig rüber, wir erreichten die kollektiv genau so erwünschte, ausgeprägte Homogenität! Es geriet gar so ungezwungen, dass ich selbst mit dem Titeltrack den allerersten Metalsong meines Leben schrieb“, platzt es noch impulsiv aus ihr heraus. Und ganz so ‚steril‘ lief es ja auch nicht durchgehend ab, lässt sie in dem Kontext noch verlauten.

„Wir trafen uns glücklicherweise auch im wirklichen Leben, so flog ich mehrmals nach Italien zu Meek! Wir enterten zusammen seinen Rehearsal-Room und legten nach Herzenslust los. Und das ging ehrlich gesagt auch gar nicht anders - denn, ich sage, wenn du mit jemandem in Kooperation Musik schreiben willst, musst du einfach absolut in echt mit ihm zusammen arbeiten, ihn als Künstler gänzlich erleben, zutiefst fühlen, spüren und dich von ihm und seiner Energie, seiner Ausstrahlung etc. inspirieren lassen. Nur so keimt und sprießt dann ein echter Workflow. Dort entstand dann tatsächlich auch der von mir komponierte Titelsong ‚Pirates Will Return‘. Ich weiß es noch ganz genau, ich setzte mich ans dortige Piano, dann kam plötzlich diese feine Melodie über meine Finger zum klanglichen Leben und ich sagte sofort zu Meek: ‚Das ist gut, das gefällt mir, lass‘ uns das sofort weiter ausarbeiten!’ Und es glückte uns ein richtig schöner Song! Ich weiß um meine Kompetenzen, ich bin nicht gut darin, Drum-Parts beispielsweise zu erstellen oder auszuarbeiten, mein Ding waren, sind und werden immer Melodien an sich bleiben.“

Leider war die Pandemie in den letzten zwei Jahren dennoch auch innerhalb der Symphonic Metal-Enthusiasten ständig ein präsentes Thema. Clémentine:

„Ich hätte anfangs wie viele auch nicht gedacht, dass es sich so dermaßen lange hinziehen würde. Ein Jahr hätte ich mir noch vorstellen können, aber zwei nie im Leben. Die gesamte Musikindustrie wurde in Mitleidenschaft gezogen, und die vielen Bands erst recht. Von dem anfänglichen Schock erstmal ernüchtert, kommunizierten wir in unserer - multinationalen - Band natürlich noch mehr als wahrscheinlich andere darüber, wie es nun weitergehen würde. Reisen etc. war ja schlagartig vorbei. Es war übel. Doch, und dabei habe ich dann auch ich endlich meinen eigenen Frieden mit der Cyber-Situation machen können, die ganze globale Misere konnte uns nicht ansatzweise aufhalten - wir haben ja schließlich allesamt Computer und Smartphones!“

Kurzerhand reifte damals auch der gemeinsame Entschluss in Visions Of Atlantis, es jetzt gerade mit Fleiß und Tat noch sehr viel offenherziger, unumwundener, konkreter angehen zu lassen: „Keinerlei Zurückhaltung mehr - das Piratending konnte damit endlich aus uns allen so richtig ausbrechen! Eigentlich war es schon immer da, doch es bedurfte bei uns wohl Covid-19 und all den leidigen, damit verbundenen Erscheinungen, vor allem einengender Natur, um sich unserer unerschrockenen Piratenseelen ganz und gar bewusst zu werden! Es galt auf einmal, sich des eigenen, jeweiligen Tages noch viel mehr zu erfreuen und jede noch so kleine Freude darin auch umso mehr auszukosten.“

Piratisch sollte es also fortan sein, und das gleich rundherum: „Wir waren uns einig, unser Freibeuter-Image noch stärker, so stark wie nie zu repräsentieren. Dies ging auch nahtlos in die Songtexte über - wir sahen die Chance dazu und ergriffen sie in aller Tiefe. Auf einen Schlag war es klar - es reichte uns nach besagter Erkenntnis einfach nicht mehr, nur eine ‚Symphonic Metal-Band‘ zu sein. Es schrie sinnbildlich nach kompromissloser, nach überfälliger, nach finaler Selbstverwirklichung.“ Doch entgegen der nun entstandenen Erwartungshaltung, die vielleicht jetzt einige Follower der schwermetallischen Fantasy-Symphoniker hegen mögen, wollen Visions Of Atlantis alles andere als eine ‚historisch fundierte‘ Freibeutertruppe sein, so die Sängerin.

„Das wäre uns zu eindimensional, zu limitiert und auch ehrlich gesagt zu ‚trocken‘. Die neuen Songtexte sind daher eher gezielt vielfältig ‚verwendbar‘, jeder kann bestimmt etwas davon in seinem jeweiligen, persönlichen Leben wiederfinden bzw. verwenden. Für mich persönlich stellt die Piraterie primär nämlich auch ein Konzept dar, wie man Dinge, Gegebenheiten oder Erlebnisse betrachten kann. Ich sehe es vielmehr so, dass man einem Piraten gleich, auf das pfeift, was einem die vielen Konventionen, Schubladen und sonstige Rasterungen gleich welcher Art sie auch sein mögen - und somit eben wild und mutig seine eigenen Kräfte zur Hand nimmt, um aus sich und seinem Leben etwas zu machen, dass man selbst auch mag und gut und stimmig für einen findet. Piraten standen schon immer für absolute Freiheit, und auch für mehr oder weniger rücksichtslose Attitüde. Rücksicht nehmen ist natürlich grundsätzlich sehr gut, doch man sollte bei allem auch Rücksicht auf sich selbst und seine Bedürfnisse nehmen. Zuviel Rücksicht auf Regeln zu nehmen und das eigene Ich damit zu unterwerfen, zu untergraben etc. kann einem Menschen doch einfach nicht wirklich gut tun, oder? Worum sollte es jedem von uns allen auf dem Globus im Kern gehen? Um’s Glücklichsein - und dem sollte man einzig entgegenstreben, bevor man überlegt, wie gut man in allerlei von außen vorgefertigte Formen und Förmchen hineinpasst.“

Aus dieser Erwägung heraus animiert die Stimmstarke sogleich alle ihrer Band geneigten Zeitgenossen da draußen in merklich intensiver Art und deutlicher Formuliermanier: „Hört in euch hinein, seid euch eurem Selbst vollauf bewusst und greift euch eure Träume! Seid positive Piraten! Bekämpft eure inneren Dämonen einfach auf Freibeuter-Art! Seien es niederdrückende Depressionen, ständig arg nagende Selbstzweifel, sei es innere Unruhe oder was auch immer. Lasst es hinter euch, nehmt euren eigenen Kurs auf! Akzeptiert es einfach nicht, wenn es euch nicht gut tut! Fahrt couragiert und beharrlich hinaus in euer ganz eigenes Schicksal! Sucht und findet das Licht in euch! Befreit euch so gut es geht von den - viel zu oft viel zu unrealistischen - Erwartungen anderer, die damit nicht selten mehr an sich als an euch denken! Genau darum geht es in letzter Konsequenz in jedem Menschenleben. Das ist der moderne Anspruch, den wir mit dem neuen Album an das Thema stellen. Mir selbst hat es auch viel gebracht, mich gedanklich und philosophisch so vertieft damit zu beschäftigen. Sozusagen eine Universalkur für den gesamten Geist. In vielen Liedern auf dem neuen Album geht es darum, ich singe mit Meek oft auf metaphorische Weise über den Kontext der Selbstbefreiung. Das tägliche Leben von uns allen auf der Welt beispielsweise ist dabei der Ozean sowie der in vorgefertigten Lebensmustern von ‚oben’ gesteuerte Mensch darin als Pirat von mir erachtet wird. Mir hat es viel Spaß gemacht und Freude bereitet, all dies in der ‚Seefahrersprache‘ zu formulieren, sehr reizvoll und attraktiv.“

Also ‚den eigenen Piraten in sich selbst‘ beim aufmerksamen Genießen ihrer Musik zu entdecken, das bejaht Clémentine als genannte Prämisse auf dem neuen Langspielwerk sofort gänzlich. „Ich und die Band haben damit doch etwas ‚Universelles‘ erschaffen, so bin ich der Auffassung, dass alt und jung gleichermaßen erfreuen, positiv animieren und nachhaltig in Erinnerung bleiben kann. Überaus passend kommt auch zum neuen Ganzen hinzu, dass es auch lyrisch ein nur logischer Schritt von ‚Wanderers‘ hin zu ‚Pirates‘ war - selbst visuell, und das rundet alles noch zusätzlich exquisit ab, wir bewegten uns einmal mehr nur folgerichtig nach vorne.“

Ohne lange Redepause geht die - wie der Rest der Gruppe auf den neuen Fotos - für „Pirates“ filmreif kostümierte Dame sofort in den nächsten Themenkontext über.

„Einmal dermaßen in ‚umwälzende’ Fahrt gekommen, überschlugen sich die Ereignisse sozusagen, großartig, das zu erleben. Es fühlte sich so unfassbar richtig an! Und es fühlt sich an, als ob wir damit anfingen, unseren Traum jetzt erst so richtig ausleben zu wollen und zu können - und dieses Gefühl will gar nicht aufhören. So nahmen wir uns auch gleich noch der künftigen visuellen Ausrichtung von Visions Of Atlantis an, das geht ja bei uns schon immer eng Hand in Hand. Und gerade auch Meek war sofort mächtig von dem Thema angetan!“

Alles erfreuliche Fakten und positiv auswirkende Umstände, die von Clémentine aufgezählt werden, sehr zur Freude der Anhängerschaft. Einziger, jedoch verschmerzlicher Wermutstropfen: Das neue Album sollte schon früher erscheinen.

„Ursprünglich sollte ‚Pirates‘ im bereits schon im Herbst 2021 auf den Markt kommen. Doch wir waren uns darin absolut einig, dass wir ein weiteres Album unbedingt auch live auf echten Bühnen mit echtem Publikum betouren möchten, etwas anderes kam so gar nicht infrage. So hatten wir ungeduldig zu hoffen und zu warten. Ich kann dem Schicksal also gar nicht genug zusammen mit der Band danken, dass es letztendlich doch noch möglich geworden ist. Es hätte ja auch ganz anders kommen können! Und so wurde es doch noch möglich - wir touren derzeit mit Dragonforce und teils mit Firewind auf ausgedehnter USA-Konzertreise durch ganz Nordamerika. Es ist eine enorm aufregende Zeit gerade … wir veröffentlichen daneben auch Singles, Videos etc. - mir hat das so sehr gefehlt! Endlich geht wieder so richtig die Post ab!“

Und die neuen Stücke kommen live auch bereits bestens an, wie sich im weiteren Gesprächsverlauf noch herausstellt. „Die Leute gehen steil ab darauf, wir feiern gegenwärtig einen Live-Triumph nach dem anderen, wie man auch an unseren Facebook-Fotos von den Gigs sehen kann.“

© Markus Eck, 01.05.2022

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