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Interview: VISIONS OF ATLANTIS
Titel: Gewachsen durch Resilienz

Der uralte Meergott Poseidon, er dürfte glatt noch feuchtere Augen bekommen beim neuen Album der österreichischen Symphonic Metal-Visionäre Visions Of Atlantis.

Schließlich liefert die außergewöhnlich standfeste Formation mit dem hitstarken „The Deep & The Dark“ ihr bislang am meisten überzeugendes und zeitlosestes Werk ab. Liebhabern des Genres erschließt sich dabei eine verführerische Liederkollektion von erlesener, kompositorischer Reinheit und bemerkenswerter, gesanglicher Exklusivität.

Denn auch Clémentine Delauney und ihr männlicher Counterpart Siegfried Samer brillieren auf dieser Volltreffer-Veröffentlichung mit Glanzleistungen.

Clémentine, mit Lebensfreude in der Stimme am Start, freut sich über die Komplimente:

„Ich bin unsagbar glücklich, dass wir es doch noch geschafft haben, dieses Album auf die Beine zu stellen. Für einige Jahre hatten wir die Hoffnung schon verloren, dass es noch jemals geschehen würde. Nun kann ich es nicht mehr erwarten, endlich auf Tour zu gehen und den Leuten unsere neuen Lieder live zu präsentieren!“

Dass ihre vortrefflichen Stimmdarbietungen stets so perfekt zu den vielen Nuancen der Stücke passen, resümiert die im Gespräch wunderbar aus sich herausgehende Dame als ein für sie selbst gar nicht so schweres Unterfangen, wie sie zu erzählen weiß.

„Ich arbeitete die Vokallinien in enger Kooperation mit unserem Produzenten aus, Frank Pitters von Silverline Music. Er war sehr offen für alles und gewillt, mir eine ganze Menge stimmlicher Freiheiten dabei zu lassen. Ich wollte alles so besingen wie es jeweilig am besten zu den Stimmungen in den Liedern passt und den Gefühlen, die ich dabei empfinde. Wir haben uns entschieden, nicht das ganze Album mit klassischem Gesang zu versehen, ich platze vor Glück, wenn ich mir verinnerliche, wie gut und richtig diese Entscheidung doch war! Ich konnte meine Stimme auf vielerlei Weise zur Geltung bringen, und das ist etwas, was zu tun ich von ganzem Herzen liebe. Es ging mir einfach so gut bei den Aufnahmen, das ganze Prozedere war das reinste Vergnügen!“

Spannend und reibungslos verlief das Songwriting für „The Deep & The Dark“ anfangs allerdings nicht, wie Siegfried lachend offenbart. „‚Lows’, ja die gab es definitiv. Ursprünglich war ja eben der Gedanke von Thomas, seine alten Mistreiter aus Gründertagen in die Band zurückzuholen, und wir spielten ja auch einige Shows mit Werner, Chris und Mike und hatten auch viel Spaß auf Tour. Vor allem Werner und Chris waren in der Vergangenheit ja die Songwriter bei den Alben mit ihrer Beteiligung. Allerdings gestaltete es sich dann schwierig, in einen Songwriting-Flow zu kommen, und es passierte lange nichts, was wie erwähnt vor allem an anderweitigen Verpflichtungen durch Jobs und Familien lag. Das ist ja auch ganz normal, mit Mitte dreißig steht man einfach anders im Leben als mit Anfang zwanzig, da gibt es andere Prioritäten und man hat nicht mehr so viel Zeit für Dinge wie eine Band. Deswegen waren ja auch immer wieder dann schon Dushi, unser jetziger Gitarrist, und Herbert, unser Bassist, bei Liveshows dabei und sind eingesprungen wenn Mike und Werner nicht konnten. Aber letztlich wollten wir ja dann doch unbedingt ein neues Album machen. Und so wurde dann die Entscheidung getroffen, dass wir enger mit unserm Soundmann und Producer Frank Pitters zusammenarbeiten würden, der dann mit dem Songwriting für das Album beauftragt wurde, und gemeinsam mit ihm ging es dann flott voran, und das Album wurde im Grundgerüst binnen weniger Monate aus dem Boden gestampft. Das ‚High‘ folgt hoffentlich jetzt - mit der Veröffentlichung der neuen Scheibe!“

Die harmonischen und wunderbar wohlklingenden Gesangsduette tragen auf „The Deep & The Dark“ massiv zu hohen und auch ausladend breiten Stimmungsbögen bei.

Für die kompletten Vokal-Arrangements hat ebenfalls Produzent Frank Pitters gesorgt, so Siegfried.

„Er hat auch die Songs geschrieben. Insofern war es da für mich nicht ‚knifflig‘, da er sich um diese Belange gekümmert hat. Die Herausforderung für mich war eher, im Gegensatz zu meiner anderen Band Dragony, nicht alleine die ‚erste Geige‘ zu spielen, sondern öfter eben auch die zweite Stimme zu übernehmen. Das war ungewohnt für mich, aber eine tolle Erfahrung. Und Clémentine ist ja eine fantastische Sängerin, da tut man sich dann leicht“, lobt der Mann seine französische Bandkollegin mit herzlich lachendem Mund.

Bei der Gelegenheit zu persönlichen gesanglichen Idolen befragt, kommt die Antwort ebenso schnell wie eindeutig formuliert.

„Absolut, ich würde sagen mein Favorit ist Russell Allen von Symphony X. Aber natürlich stehe ich auch auf die Klassiker: Freddy Mercury, Ronnie James Dio, Bruce Dickinson.“

Wie Siegfried offenbart, verspürt auch er eine gigantische Erleichterung, wenn er an die hörenswerten, überraschend gelungenen neuen Songs von „The Deep & The Dark“ denkt.

„Dass wir es nach über vier Jahren in diesem Line-Up nun endlich geschafft haben, ein neues Album zu veröffentlichen, auf das sowohl wir als Band als auch die Fans schon lange warten, ist toll. Und dann empfinde ich natürlich auch Zufriedenheit, dass die Songs stilistisch sehr passend geworden sind und sehr gut den ‚Spirit‘ der früheren Visions Of Atlantis-Alben einfangen und dabei trotzdem auch ‚neu‘ klingen.“

Den Beteiligten in der Band dämmerte es im Workflow relativ schnell, dass diesmal etwas ganz Besonderes entstehen wird, erinnert sich der Sänger mit bedeutungsvollem Blick.

„Das war ziemlich schnell klar, als wir die ersten Demosongs von Frank erhielten - er hat hier ein sehr gutes Gespür für den Stil, nach dem wir gesucht haben, und bringt auch sehr viel Erfahrung in dem Genre mit. So arbeitet er bereits viele Jahre für und mit unseren Landsleuten von Edenbridge zusammen, und hatte auch selber seine erfolgreiche Band namens Dignity, gemeinsam mit Jake E von der Band Cyhra, ehemals bei Amaranthe. Auch Visions Of Atlantis kannte er noch von gemeinsamen Touren vor vielen Jahren, und wusste daher genau, in welche Richtung es gehen sollte. Und das konnten wir dann gemeinsam mit ihm auch sehr gut umsetzen!“

Ursprünglich, schaltet sich Clémentine wieder in den Gesprächsverlauf ein, sollte „The Deep & The Dark“ ja wie erwähnt eigentlich von den Gründungsmitgliedern geschrieben und aufgenommen werden. Ihre Miene wird dabei dezent nachdenklicher:

„Doch das verlief eben nicht wie anfangs vorgesehen. Mitte letzten Jahres hatten wir diese Pläne ja nämlich leider komplett zu verwerfen. Es mussten ernsthafte Entscheidungen getroffen werden von uns und Bandleader sowie Drummer Thomas Caser, was die Besetzung unserer Gruppe angeht. Einzig Mike Koren, der originale Bassist, nahm seine Spuren daher noch für das neue Album auf. Er ist mittlerweile durch Herbert Glos ersetzt. Der Rest an Saitenarbeit wurde von dem neu rekrutierten Gitarristen Christian Douscha eingespielt.“

Da der ausgeschiedene Axeman Werner Fiedler, besagter Mike und auch der vorherige Keyboarder Chris Kamper die Steirer Symphonic Metaller nicht bei ihren früheren Live-Shows begleiten konnten, mussten Visions Of Atlantis auf die entsprechende Unterstützung von Christian und Herbert zurückgreifen, so berichtet Clémentine.

„Es lag einfach nahe und fühlte sich auch sehr natürlich an, diese zu fragen, ob sie nicht fest bei uns einsteigen wollten, als wir realisierten, dass es besetzungsmäßig so unmöglich noch weitergehen konnte. Nun haben wir endlich das genau richtige Line-Up, mit dem es sich prima arbeiten und auch optimal live spielen lässt! Ein neuer Keyboarder wird noch bekannt gegeben.“

Die Kooperation der Musiker bei den Aufnahmen für das neue Album hat Siegfried als noch etwas schwierig in Erinnerung.

„Dies vor allem, weil ja wie bekannt auch erst kürzlich entschieden wurde, dass die langjährigen Mitglieder und auch Gründungsväter von Visions Of Atlantis, Mike, Werner und Chris nun leider doch nicht mehr Teil der Band sein konnten, da sie doch zu sehr mit anderen Projekten und insbesondere familiären und beruflichen Verpflichtungen eingespannt sind, um sich ausreichend zeitliche Ressourcen für eine Band wie Visions Of Atlantis freischaufeln zu können. Insofern beschränkte sich meine Kooperation eigentlich auf jene mit Frank Pitters im Studio, und mit Clémentine beim Schreiben der Lyrics. Das funktionierte aber super, und hat auch viel Spaß gemacht!“

Den lyrischen Grundstein für das maritime Hauptthema auf „The Deep & The Dark“, so Siegfried, legte Bandchef Thomas, welcher den Albumtitel vorgab. „Für die Themen der einzelnen Songs war aber zunächst Clémentine verantwortlich, da es ihr auch sehr wichtig war, ihre eigenen Themen endlich in Lyrics verpacken zu können, was sie bei ihren früheren Projekten in der Form so nicht umsetzen konnte. Gemeinsam haben wir dann die Ideen ausgearbeitet und die Lyrics finalisiert.“

Es war einfach der dahinterstehende Grundgedanke, mit dem Albumtitel und dem damit verbundenen Gesamtkonzept, so der Vokalist weiter, wieder zu den ursprünglichen Wurzeln von Visions Of Atlantis zurückzukehren. „Dies zum einen, und dann eben auch mehr jene Themen von Seefahrten, dem Ungewissen und dem Verträumten wieder zu verarbeiten wie auf den ersten Alben, und da passt der neue Titel sehr gut, finde ich! Quasi ein bisschen ‚versunkene und verborgene Schätze‘ wieder aus dem Dunkel des Meeres zu fischen.“ [lacht]

Das sagenhafte ‚Atlantis' … Siegfried fühlt sich dieser Legende ziemlich nahe, bekennt er. „Ich stehe auch auf alle möglichen verschiedenen Mythologien und Sagen, egal ob traditionell-historisch oder auch reine, fiktive Fantasy. Atlantis ist da natürlich ein sehr prägnanter und auch bekannter Mythos, der sich toll für eine musikalische Umsetzung eignet.“

Clémentine hingegen, so gibt sie preis, ist vom Unbekannten und den Naturkräften im Meeresbereich angetan.

„Gewaltige Ozeane wirken auf mich immer schon ungemein beeindruckend, beinahe schon einschüchternd. Sie stecken voller Geschichten, Schätze und wundervoller Tierwelt. Ich liebe die Vorstellung, dass man in der historischen Vergangenheit, als viele der heute bekannten Teile der Erde noch gar nicht entdeckt waren, einfach noch Segel setzen konnte, wohin man wollte, um dabei vielleicht gänzlich neue Länder zu entdecken. Neue Zivilisationen, neue Kulturen. Ich hätte es geliebt, einer der damaligen Entdecker zu sein!“

Wie Siegfried breit grinsend noch dazu einbringt, sind Visions Of Atlantis selbst bereits schon einmal auf einem mächtigen Schiff auf dem Meer unterwegs gewesen. „Lustigerweise spielten wir nämlich 2016 bei den ’70.000 Tons Of Metal’, der Metal-Kreuzfahrt in der Karibik. Das war natürlich ein sensationelles Erlebnis, und total passend für eine Band wie Visions of Atlantis. Dieses Jahr bin ich wieder mit dabei, allerdings diesmal nur als Gast.“

Zum Abschluss konkret befragt, was er über die ersten drei Alben seiner Band denkt, lässt der Front-Counterpart noch wissen: „‚Eternal Endless Infinity‘ sehe ich ein bisschen wie ein Demo an, da natürlich damals die Produktionsverhältnisse noch nicht so gut waren, und auch das Songwriting noch nicht so ausgereift. Man sieht dabei klar, dass viel Potenzial vorhanden ist, aber dass noch etwas Entwicklung notwendig sein wird. Diese konnte man dann bei ‚Cast Away‘ und vor allem natürlich bei ‚Trinity‘ erkennen, wobei vor allem ‚Trinity‘ meine persönlichen Favoriten aus dem Visions Of Atlantis-Backkatalog beinhaltet, wie etwa ‚Seven Seas‘ und ‚Passing Dead End‘, die wir auch immer gerne live spielen.“

© Markus Eck, 08.02.2018

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