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Interview: TRIBULATION
Titel: Diktiert von der inneren Stimme


Ihr ganz besonderes Händchen für beflügelnd gruftrockende Dunkelstimmungen verhalf den offenherzig feinfühligen Schweden seit der Bandgründung 2004 zur absoluten Ausnahmestellung.

Wenigen Formationen ist es vom Musikschicksal vergönnt, sich dermaßen individuell und überzeugend aus der breiten Masse zu erheben.

Doch die sehr speziellen Werke von Bassist und Sänger Johannes Andersson mitsamt seinen Progressive Death Black Metal-Sargschläfern zählen zum Atmosphärischsten, Stimmungsvollsten und Zeitlosesten, was überhaupt möglich ist.

Für das neue Album „Down Below“ schärften die vier Urheber ihre Sinne noch glatter und spitzer, was sagenhaft einnehmende, hypnotisch-wahnhaft nachtschmeichelnde Vollblutlieder voller vampirischem Verlangen mit sich bringt.

Laut selbstsicher formulierter Aussage von Gitarrist Jonathan Hultén wurde das Songwriting für „Down Below“ auch diesmal wieder unverändert mit denselben Komponenten begonnen wie immer bislang im individuellen Arbeitsprozess von Tribulation.

„Das läuft stets aufs Neue ähnlich ab. Wir verwandeln die Zutaten lediglich mittels neuer Elemente in immer andere Ergebnisse. Und das geschieht intuitiv, wie von selbst. Wir legen los und ein Song nach dem anderen entsteht in sprichwörtlicher Eigendynamik. Einiges kommt frisch dazu, manches lassen wir weg. Dies hat uns bis jetzt immer optimal geholfen, dem Kern der Band zwar treu zu bleiben, aber dennoch neue, unterschiedliche Reiche innerhalb der prinzipiell selben Struktur zu entdecken, zu erwecken.“

Dennoch, so der Frontmann, haben sich Tribulation für das neue Werk einige wenige ‚Ziele’ gesetzt.

„Das ist eine ziemliche Seltenheit bei uns! Eigentlich haben wir sie nicht mal erreicht, und ehrlich gesagt hat ohnehin keiner von uns auch daran geglaubt. Das wirkt allerdings nicht im Geringsten entmutigend, denn wir sehen derlei eher als ein Werkzeug zur Aufrechterhaltung der Kreativität an. Bei Tribulation wird oftmals in abstrakten Ideen und Metaphern formuliert, wenn wir über unsere eigene Musik sprechen. Diesmal verkündeten wir vorab, dass wir ein Album machen möchten, das sich anhört wie ein hölzernes, grässliches Haus, mitten in der Natur, am Rande einer Stadt, vielleicht sogar in der Vergangenheit. Dabei hatten wir die Farben Blau und Schwarz im Sinn, gespenstisches Mondlicht und so weiter. Wir sind dieser Vision recht nahe gekommen, aber letztlich eher in einer Kapelle oder einer Krypta auf dem Gelände. Die entstandenen Klangfarben sind nun ja mehr von einem kränklichen gelb und rot durchzogen. Wir haben uns auch keinen Hardrock-Sound gewünscht, der ist einfach so, aus irgendeinem Grund da rein gekommen.“

Dass die extremeren, rabiateren Aspekte im Sound seiner bleichgesichtigen Friedhofskapelle nun endgültig der Vergangenheit angehören, möchte Jonathan nicht bestätigen. „Ich kann weder behaupten, dass unsere knallharten Zeiten vorbei sind noch dass es künftig atmosphärischer und tiefer in die aktuelle Ausrichtung gehen wird. Ich bin vielmehr der Ansicht, dass Songs wie beispielsweise ‚Subterranea‘ und ‚Lacrimosa‘ im Kern offensichtliche Extreme Metal-Parts aufweisen, doch am Ende haben wir daraus eben etwas anderes werden lassen.“

Letzteres liegt den Typen einfach im Blut, so der Vokalist, denn er und seine Kollegen hörten schon immer gerne die unterschiedlichsten Arten von Musik, sagt er. „Selbiges gilt auch für Filme und Kunst an sich. Interessant dabei ist vor allem auch, dass uns seltsamerweise genau das Gleiche gefällt. Auch, was entsprechende Abneigungen angeht, stimmen wir auf faszinierende, geschmackliche Weise überein. Irgendwie ist es da ganz automatisch gekommen, dass alle in der Gruppe über die Jahre einerseits dieselben Interessen für bestimmte Sorten von Metal entwickelten, gleichzeitig aber auch Ausschau nach anderen, unserer Ansicht nach guten Dingen hielten. So fließen die ungewöhnlichen Ideen in unsere Lieder ein. Auf diesem Wege entstand in uns ein großer Raum zur Realisierung mannigfaltiger Einflüsse und Ideen, die unter dem Namen Tribulation ihren Lauf nehmen. Es wurde schließlich zu einer Aufgabe, unsere Kreativität nicht zu zerstören, indem wir die Dinge eingrenzen und dabei immer noch sehr auf die Traditionen zu setzen, aus denen wir kommen.“

Diejenigen Stellen auf „Down Below“, an denen es auch diverse Stimmungsverstärker wie okkult wirkendes Orgelspiel und beschwörende Mönchschöre zu hören gibt, wurden überlegt gewählt.

„Eine Melodie ist nicht unbedingt immer ausreichend, um gewisse Momente zu erheben. Manchmal hat man Zusätzliches zu addieren, um Tonfolgen von ihrer optimalsten Seite zu präsentieren. Mit einer Gitarre allein funktioniert dies nicht immer so gut, wie wir es in einem Song beabsichtigen. Mitunter braucht es auch bei uns Extras!“

Dass man bei aller ausgeübten Fan-Faszination mit derartigem, bewusst progressiv gehaltenem Credo auch Leute vor den Kopf stoßen kann, wird gerne in Kauf genommen, so der Mann. „Viele werden tatsächlich frustriert reagieren, die viel eher neue Kompositionen in dem damaligen Stil unserer ersten beiden Alben erleben möchten. Uns aber kratzt dieser Punkt wirklich nicht die Bohne. Wir starteten niemals, um die Erwartungen anderer Menschen brav zu erfüllen. Dennoch kann ich beide Seiten ganz gut verstehen, die Zugewandten und die Abgeneigten gleichermaßen.“

© Markus Eck, 10.01.2018

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