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Interview: SÓLSTAFIR
Titel: Unnachahmlich

Als man 1995 in Reykjavík loslegte, sollte sich die heutige Ausrichtung der Band noch nicht mal ansatzweise abzeichnen. Album für Album kreuzten diese herrlich verschrobenen Individualisten mit neuen Elementen, positiven Überraschungen und extrem ungewöhnlichen Songs auf.

Und Sólstafir wurden tatsächlich immer noch besser. Ein Kunststück im wahrsten Sinne des Wortes, das den Wenigsten so vollendet und sauber gelingt.

Sólstafir machen genau so weiter. Vom anfänglichen Viking Black Metal bis zum heutigen ‚Atmospheric Icelandic Rock and Roll‘ war es ein weiter und kurviger Weg, der aber jederzeit in aufrechter Ideallinie beschritten wurde.

Das neue Album „Berdreyminn“ bestätigt auf weiter künstlerischer Ebene, dass der kernige Haufen um Gitarrist und Sänger Aðalbjörn ‚Addi‘ Tryggvason auch 2017 in jederlei Hinsicht absolut einzigartig ist. Mit den Reaktionen und Ergebnissen zum 2014 veröffentlichten Albumvorgänger „Ótta“ ist Addi hochgradig zufrieden.

„Wir konzertierten mehr als je zuvor damit. 2014-2015 stieg es dann sogar auf 200 Gigs pro Jahr an. Zum Auslauf der Tour im Mai 2016 nahmen wir vier Streicher und einen Pianisten ins Live-Line-Up auf, was für mich persönlich das Highlight in unserer Live-Historie überhaupt darstellt. Das alles resultierte aus dem überaus hohen Booking-Verlangen respektive dem Fakt, dass die Fans in dieses Album tiefer eintauchten als es je zuvor der Fall war. Das Album davor, ‚Svartir Sandar‘ aus 2011, war bereits ein Erfolg im gewohnten ansteigenden Standard, sodass ich mir beim Schreiben für ‚Ótta’ ehrlich gesagt gar nicht sicher war, ob wir überhaupt ein besseres hinbekommen würden. Als sich dann zum Schluss hin die Dinge sortierten und sich ein besserer Überblick ergab, hatten wir schon dieses ganz spezielle Gefühl, dass uns ein handfester Wurf geglückt ist … so, wie jetzt auch vor dem Release von ‚Berdreyminn‘.“


Die naheliegende Frage, ob sich Sólstafir als isländische Formation im Rest der Welt überhaupt ausreichend verstanden fühlen, entlockt dem Mann zunächst einige Sekunden des positiv gesinnten, nachdenklichen Schweigens. Dann jedoch richtet sich der Blick vollkommen klar aus:

„Knifflig … wir singen die Lieder schließlich in unserer Landessprache, und ich bin mir nicht sicher, ob die Leute sich in unsere Texte so sehr einlesen beziehungsweise sie übersetzen. Da kommt wenig bis gar kein Feedback. Auf kreativem Sektor sieht es ein klein wenig anders aus“, erzählt Addi mit einem sanften Lachen im Gesicht, „ein Teil der Hörer versteht nicht, woher wir kommen, während der andere Teil nicht versteht, wohin wir gehen, ob wir überhaupt irgendwohin gehen. Und dann gibt es da noch diese Sorte von Menschen, die wir bei unseren Konzerten treffen, die uns rein gar nichts zu unserer Musik und den Lyrics fragen, sondern die einfach intuitiv spüren, wie und wer wir sind. Das sind eben diejenigen, die uns verstehen!“ 


Die neuen Stücke warten noch auf ihre Bühnenpremiere.

„Wir proben sie derzeit noch. Einige der Songs sind thematisch schon sehr persönlich, enthalten ziemlich dunkle Inhalte. Ich kann derzeit noch gar nicht sagen, wie es mir dabei auf den Bretter ergehen wird. Ich nehme mir die Texte ja immer sehr zu Herzen, daher kann es schon sein, dass mir eine Zeile den reinsten Hirnfick auslöst, der mir dann nicht mehr aus dem Kopf will. Ich bin gespannt.“

„Berdreyminn“ klingt auf ganz eigenständige Weise ‚gebraucht‘ und sogar noch organischer als der Vorgänger, was zum Material an sich optimal passt. Rockig-schwermütige Zeitlosigkeit pur.

„Gut getroffen, genau das sind die Begriffe, um die es uns immer geht. Ich denke, ‚Ótta‘ war bereits schön zeitlos, vielleicht auch durch den 70s-Sound im Klangbild bedingt, obwohl solcherlei Musik ja damals wiederum gar nicht existierte. Es sind halt viele kleine Dinge, die ein Album andersartig werden lassen können oder es auf den richtigen Weg zu bringen vermögen. Wir würden niemals eine Platte machen, die mit modernem Equipment wie EMG, LDT oder 5150 überfrachtet oder gar überproduziert ist. Sondern Sólstafir fokussiert sich vielmehr auf sich selbst, wir möchten vielmehr unsere Persönlichkeiten durch die Musik erweitern. Ich weiß, das hört sich ein wenig pseudodramatisch an, aber es kommt unserer Attitüde ganz einfach am allerbesten nahe.“


Den eigentlichen Charakter von „Berdreyminn“ sieht der Saitenschrubber im erfolgreich vorangebrachten Aspekt musikalischer Simplizität.

„Es sind solidere Takte und weniger komplex gehaltene Arrangements enthalten. Einige Lieder weisen sogar die gleiche Akkordprogression auf, und hören sich dann doch nicht gleich an. Die ‚Stimme‘ der Scheibe ist eher wütend, wie im Trauerprozess, oder im Gefühl eines erlittenen Verrats. Oder auch so, als wenn eine Totenrede, ein Nachruf gehalten wird. Alle unsere klassischen Bestandteile sind sozusagen mit dabei. Der Gitarrensound hat sich nicht geändert, der Bass von Svavar Austmann hingegen hört sich ein wenig mehr ‚Steve Harris-mäßiger‘ an als zuvor. Das Spiel unseres Schlagzeuger Hallgrímur Jón Hallgrímsson rückte höher an die Oberfläche, nicht mehr so ‚begraben‘, so nieder und nachhallend.“


So wurde für die neuen Kompositionen gezielt keinerlei moderne Technologie verwendet. Addi: „Es wurde mit viel mit teils sehr altem Gerät gearbeitet, auch mit deutschen Mikrofonen, die viele Jahre auf dem Buckel haben. Atmosphäre war auch immens wichtig bei den Aufnahmen. Wir spielten in einem großen Wohnzimmer, umrahmt von alten, stilechten Orgeln. Alles sollte sich lebendig und ungekünstelt entfalten dürfen.“

Und wurde der Gesang ganz bewusst bereits auf „Ótta“ weicher und sanfter ausgerichtet, so fing Addi beim dazugehörigen Touren auch schon an zu bemerken, dass ihm darin eine Portion an Aggression fehlte.

„Gerade dann, wenn das Leben einen mit aller Härte trifft und niederstreckt, verändert es die eigene Weise, sich auszudrücken. Und zu der Zeit wurde ich heftig vom Schicksal gebeutelt. Als ich diese Art der Formulierung meiner Stimme beim Ausarbeiten des 2005er Albums ‚Masterpiece Of Bitterness’ erstmals entdeckte, kam ich auf einen ganz neuen Trichter. Konkretisiert klar zu singen hatte ich ja bis dato eher vermieden. Vom 2009er ‚Köld’ bis ‚Ótta‘ experimentierte ich als Sänger. Mittlerweile habe ich das aber so weit ausgefeilt und optimiert, wie man nun auf dem neuen Release eindeutig hören kann. Ich bin auch sehr froh, dass wir uns trauten, zum ersten Mal mit Orange Amps zu werkeln, es gab den Stücken so einen wunderbar frischen, belebend erneuernden Klang!“


© Markus Eck, 17.05.2017

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