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Interview: SATAN
Titel: Gebündelte Kräfte

Mit ihren hoch respektierten Alben „Court In The Act“ und „Suspended Sentence“ wurden sie zu einem der originellsten, eigenständigsten und wichtigsten Vertreter der NWOBHM überhaupt.

1979 gegründet, löste sich die einflussreiche Formation aus Newcastle zwar 1993 auf, doch die Fans hielten Satan sprichwörtlich eiserne Treue.

Weder gewechselte Bandnamen, Rotationen im Besetzungskarussell noch sonstige interne Querelen bremsten die lauten Rufe nach einer Wiedervereinigung. 2004 war es dann endlich soweit - ein erster Satan-Gig nach 20 Jahren konnte sofort wieder begeistern! Doch es sollte bis 2011 dauern, um die Glut in den Beteiligten wieder aufflackern zu lassen.

Das 2013er Comeback-Album „Life Sentence“ markierte einen starken Neuanfang, zwei Jahre später gefolgt vom nicht minder gelungenen „Atom By Atom“. Sagenhaft kreativ, ideenreich und dabei vollauf linientreu präsentiert sich das Quintett um Vokalist Brian Ross mit dem neuen Langdreher „Cruel Magic“.

Wie Gitarrist und Gründungsmitglied Russ Tippins zu berichten weiß, forderte ihm der Kompositionsprozess für „Cruel Magic“ beinahe alles ab.

„Endlich kann ich mich auch mal wieder ein wenig ausruhen“, bekennt er lachend.

„Es waren zwei Jahre an nicht enden wollender Arbeit. Lieder schreiben, proben, aufnehmen, anhören, bewerten etc. Selbstzweifel kamen auf, mussten aus dem Weg geräumt werden, Lieder wurden umgeschrieben usw. Es hörte nicht auf, bis unserem neuen Label dann endlich die Mastertapes überreicht werden konnten. Und danach fiel zwar der ganze Druck von mir ab, aber es war irgendwie schwierig, wieder in einen regulären Tagesablauf zu kommen. Doch langweilig wird mir natürlich nicht - nachdem ich den nötigen Abstand von der ganzen, intensiven Arbeit an dem Album in mir spüre, geht es schon wieder ans nötige Proben für unsere kommenden Live-Shows. Ich bin schon ganz aufgeregt, wenn ich daran denke, einige der neuen Stücke auf der Bühne zu spielen.“

Vorab wird der Track „Doomsday Clock“ am sechsten Juli als 7“- und Digital-Single veröffentlicht, welcher die urtypische, betont traditionelle NWOBHM-Richtung der englischen Altmeister perfekt aufzeigt. Ross gefällt die Einschätzung, dass der Song ein stabiler Brückenschlag aus der Vergangenheit in die Neuzeit ist.

„Das sehe ich ganz genauso. ‚Doomsday Clock‘ ist die kürzeste Nummer auf dem neuen Album, und die Leute sagten uns, dass er ziemlich eingängig ist, also perfekt als Single-Auskopplung geeignet. Und, bemerkenswert, wir haben auch ein Musikvideo zu dem Song gemacht, das allererste von Satan überhaupt!“

Progressive Nuancen runden die instrumentell taufrisch klingende, neue Scheibe dezent ab.

Um seine ganz persönliche Einschätzung des primären musikalischen Charakters von „Cruel Magic“ gebeten, gerät die Miene des Axeman in noch konkretere Züge.

Ross dazu in aller Klarheit: „Es ist erkennbar Satan! Brians Stimme, und vor allem auch die Doppelgitarren-Attacken sind sehr präsent. Eine kraftvolle Gibson auf der linken Seite gegen eine schneidende Fender auf der rechten ergeben eine hektisch-dynamische Rhythmussektion. Wie immer sind Melodien für uns wichtig, sowohl in den Gesangslinien als auch in den Gitarrenlinien. Ein Lied, das nichts als Power-Akkorde aufweist, interessiert mich nicht - so etwas möchte ich weder performen noch hören. Sowohl ich selbst als auch Co-Six-Stringer Steve Ramsey bemühen uns, mit unseren Lead-Breaks markante Aussagen zu machen, ohne in die Gitarrenpornografie abzusteigen. Klar, Spieltechnik an sich ist für mich schon sehr wichtig - aber Malmsteen und all seine Nachahmer lassen mich völlig kalt, tut mir leid. Zur allgemeinen Übersicht möchte ich noch hinzufügen, dass es eine ganze Menge Melodie auf ‚Cruel Magic‘ gibt.“

Wie Ross erfreut daran anfügt, ist das spezielle und relevante Gefühl, zusammen in einer Gruppe zu spielen, mittlerweile wieder sehr stark in den Mitgliedern angewachsen.

„Ich denke, dass wir auch erstmals seit dem 1983er Debütalbum ‚Court In The Act‘ wieder bewusst und voll darauf aus waren, ein Album zu machen, das einfach nach fünf Musikern klingt, die in einer Band spielen. Daher wird man auch keine Rhythmusgitarren hören, die hinter unseren Unison-Twin-Leads usw. spielen. Für das Schlagzeug wurden keinerlei Clicktracks verwendet und der Unterschied ist wirklich zu hören.“

So wurden laut Aussage des sympathischen Griffbrett-Profis in den grundlegenden Backingtracks von Schlagzeug, Bassgitarre und den zwei Rhythmusgitarren viele Fehler sogar absichtlich in den unkorrigierten Versionen belassen.

„Wir haben erst danach die Lead-Breaks und die Vocals hinein-überspielt, und ganz genauso haben wir das damals auch mit ‚Court In The Act‘ gemacht. Es gibt auch ein Lied namens ‚Ophidian‘ auf der Scheibe, wobei wir in einem langsameren, kontrollierteren Tempo spielen. Nicht genau Doom, aber es ist sicherlich eine unerwartete Abweichung vom Gewohnten für uns.“

Mit Gefühlen wird zudem so gar nicht gegeizt, lässt der offenherzige Saitenveteran noch wissen.

„Einige der Themen sind ziemlich dunkel angelegt. Persönlich gesprochen, wurden drei der Songs sogar in der bisher schwärzesten Zeit meines Lebens geschrieben. Emotionen haben daher eine große Rolle beim Komponieren gespielt, und natürlich auch in den Texten. Der dominierende Zustand hinter den besagten drei Tracks ist Hoffnungslosigkeit.“

„Einige der Themen sind ziemlich dunkel angelegt. Persönlich gesprochen, wurden drei der Songs sogar in der bisher schwärzesten Zeit meines Lebens geschrieben. Emotionen haben daher eine große Rolle beim Komponieren gespielt und natürlich auch in den Texten. Der dominierende Zustand hinter den besagten drei Tracks ist Hoffnungslosigkeit.“

Dann kommen Brians atemberaubende, unverwechselbare Vocals auf den Tisch.

Er ist sicherlich einer der meisten herausragenden Sänger im gesamten Metal-Bereich, der keinerlei Extreme braucht, um Leidenschaft und Hingabe zu zeigen.

Völlig individuell, angenehm unverbraucht, zutiefst erfahren und teils immer noch hoch und schrill wie eine Sirene.

Ross stimmt nahtlos und breit grinsend mit ein: „Was kann ich über Brian sagen? Er verwirrt weiterhin alle und widersetzt sich den Gesetzen der Natur. Tatsächlich sage ich das ohne eine Spur von Übertreibung - er ist in der besten Form seines Lebens. Das ist ganz offensichtlich auf unserer neuen Platte und auch auf der neuesten Veröffentlichung von Blitzkrieg. Er schaltet keinen Gang runter - sogar ganz im Gegenteil, Brian ist der reinste Workaholic mit seiner Musik! So singt er nicht nur bei zwei Tourbands, sondern spielt daneben auch noch die Rolle von Alice Cooper in einer speziellen Bühnenshow hier in England. Ich bin mir sicher, dass seine enorm einsatzfreudige und enthusiastische Attitüde zum großen Teil dazu beiträgt, dass er das alles immer noch so tun kann - die Tatsache eben, dass er einfach nicht aufhört.“

Und der gute Brian widersetzt sich auch darin dem Regelwerk der Sänger, indem er sich niemals während einer Tour über irgendetwas beschwert, lobt Ross seinen Bandkollegen voller Hochachtung. „Unglaublich eigentlich, aber das hat er echt noch nie getan. Die allermeisten Sänger sind ja eher arg nervende Primadonnas, die ständig wegen dem Hotel oder dem Essen oder der Garderobe herum jammern“, platzt es laut lachend aus dem flinken Gitarristen heraus, „aber, wenn jemand eine Primadonna in dieser Band ist, dann bin ich es!“

© Markus Eck, 12.08.2018

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