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Interview: NULL POSITIV
Titel: Gänzlich gefestigt

Diese Brandenburger setzen mit ihrem ebenso eigenständigen wie brachialen Modern Metal voll und ganz auf Individualität.

Und wie sie mit „Amok“, dem aktuellen Nachfolger zum 2017er Debütalbum „Koma“ offenbaren, sind Null Positiv auch durchaus für eine Überraschung gut. Denn das Material strotzt vor einer Vielzahl an den unterschiedlichsten Dynamiken. Und wenn Front-Amazone Elli Berlin tief Luft holt und ihre unfassbaren Shouts in die Welt entlässt, gibt es sowieso kein Halten mehr.

Wie Elli mit Lockerheit in der Stimme erzählt, war es gar nicht so schwer für die Beteiligten, zu einer dermaßen intensiven und bissigen Truppe zusammenzufinden.

„Irgendwie merkten wir einfach, dass wir uns für genau dieselbe Musik begeistern, ja, seelenverwandt sind. Und so wuchs dann Stück für Stück das Team zusammen. Jetzt sind wir verdammt gute Freunde. Ein riesiger Vorteil, wenn man über Monate auf engstem Raum zusammen im Tourbus lebt.“

Auf den einprägsamen Bandnamen sind Null Positiv bei ihrer Suche nach einem Namen gekommen, der bei seinem Klang sofort die Band und die Musik beschreibt, so legt die impulsive Wildkatze die Fakten dar.

„Null Positiv. Es ist das Blut in den Venen, welches uns alle vereint. Es bedeutet für uns Leben, auch wenn wir für dessen Erhalt unbequeme Themen anfassen müssen. Wir sind deutschsprachig mit mir als Frontsängerin und schreibt man die beiden Symbole für Null und Positiv untereinander, ergibt das unser Logo, aber auch das Zeichen für Weiblichkeit.“

„Amok“ vereint die kantigen, Riff-lastigen Songs mitsamt ihren tiefbösen Growls mit nahezu epischen, melodischen Flächen, so beschreibt die Frontfrau das aktuelle Material ihrer Kapelle. „Dazu kommt Rockgesang und Texte, die eine düstere Schwere mit sich bringen, dass es einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Es gibt aber auch zwei wunderschöne melancholische Klaviernummern auf dem Album.“

Bereits seit sie 16 ist, so sagt sie, verdient Elli ihr Geld als Sängerin. „Aber es war noch nie so ganz meine Musik. Wir haben damals viel gecovert und auch eigene Songs geschrieben aber es hatte nicht die Tiefe, den Druck und die Intensität wie ich es mir in meinem Kopf vorgestellt hatte. So kam es dass mein ehemaliger Gitarrist Micha, heute Manager der Band, und ich auf die Suche gingen und uns nach Gleichgesinnten umschauten. So fanden wir Oliver, einen guten Freund und tollen Musiker, der mit uns die ersten kreativen Bausteine für Null Positiv legte. Mit den Demos gewannen wir dann unseren Drummer Flo, der durch Zufall auch gerade im selben Studio Aufnahmen machte. Er hörte die Ideen und wurde sofort infiziert. Bei Tom, unserem Bassisten, war es ähnlich, nur das wir uns schon lange vorher durch unsere Musikerszene kannten. Bene, das Riffmonster an der Gitarre, hat dann Flo mitgebracht. Die zwei sind echt wie Brüder.“

Null Positiv … doch die Mitglieder freuen sich dennoch oder gerade deswegen, auf dieser Erde sein zu dürfen. Elli: „Natürlich! Die Welt ist mit so vielen prächtigen Gegebenheiten doch absolut wundervoll. Genau deshalb kämpfen wir ja auch mit unserer Stimme und der Musik für die Achtsamkeit und das Bewusstsein, diese schönen Dinge zu erhalten.“

An den Texten hat Oliver Pinelli, seines Zeichens Produzent, Songwriter und ein guter Freund der Band, maßgeblichen Anteil.

Insider kennen Pinelli auch von den Hits, die er beispielsweise für Wolfsheim und Unheilig schrieb.

Die Vokalistin freut sich: „Er hat das Talent, aus unendlich vielen Gedanken einen Faden zu spinnen und dann die richtigen Worte zu finden. Als Inspiration diente dafür alles, von der Verarbeitung der eigenen Vergangenheit bis zum Aufschrei über die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Es ist unsere eigene Wahrnehmung der Dinge, die um uns und in der Welt passieren. Wir alle sollten unseren Beitrag leisten und unsere Verantwortung nicht einfach in fremde Hände legen. Wir haben uns entschieden mit der Musik ein Bewusstsein dafür zu schaffen, sodass Frieden, Freiheit und Gleichberechtigung nicht irgendwann nur noch in unseren Geschichtsbüchern existieren.“

Null Positiv wollen tatsächlich das Sprachrohr für all diejenigen sein, denen die Songs direkt aus der Seele sprechen, wie es Elli auf den Punkt zentriert.

„Wir sehen uns als Lebensretter in Situationen, wo ein Lied zum Soundtrack des Wiederaufstehens dient. Wir sind Visionäre, kreieren und inszenieren uns, die Musik und unsere eigenen Bilder. Wir machen schließlich nicht Musik um dem Kommerz gerecht zu werden, sondern um uns gerecht zu sein. Bei uns herrschen absoluter Musikenthusiasmus, Teamfähigkeit, Kreativität und Willenskraft!“

Die Zusammenarbeit der Band für „Amok“ beschreibt die Vokalistin wie folgt: „Wie jede musikalische Ehe. Da fliegen auch mal die Teller. Na ja, ganz so war es nicht und zum Glück muss man ja heutzutage nicht mehr wegen jedem Ton ins teuer gebuchte Tonstudio reisen. Die Aufnahmen wurden oft hin und her geschickt und Oliver hat im Studio die Nächte zum Tag gemacht und das Album produziert. Jetzt finden wir uns alle darin wieder - obwohl es natürlich persönliche Favoriten unter den Songs für jeden von uns gibt. Es ist wirklich manchmal schwer, wenn alle kreativ sind und eine Flut an Ideen auf einen einschlägt, niemanden zu benachteiligen. Aber lieber zu viele Ideen als zu wenig. Die beste siegt und bei der Umsetzung hilft, dass jeder seine Kernaufgaben in der Band hat und in dem Bereich dann auch das letzte Wort bekommt. Damit fahren wir ganz gut, weil niemand zu kurz kommt oder dem anderen auf die Füße tritt.“

Inmitten der ganzen NDH-, Deutschrock- und Alternative-Sparte fühlt sich die Spreewald-Formation sowieso völlig frei und ungebunden. „Ich könnte jetzt von uns behaupten, dass wir innovativ und eigen die Songelemente aus Rock, Metal und NDH kombinieren und dadurch einzigartig sowie etwas völlig Neues sind. Aber das ist natürlich Schwachsinn. Es ist ja nicht so, dass noch keine Band vor uns diese Bausteine für sich entdeckt hat. Und es gibt auch nunmal nur zwölf Töne, zumindest in unserer westlichen Musik. Das, was es letztlich aber doch einzigartig macht, ist die Mischung aus der Musik und unseren Charakteren. Wir sind das neue Puzzleteil in der großen Schlacht um Wiedererkennbarkeit und Authentizität. Schubladen werden andere für uns finden.“

Null Positiv sind besessen von Musik, freut sich die Sängerin zu erzählen.

„So gesehen hören wir alles was uns unter die Finger kommt. Natürlich viel in allen Facetten des Metal. Aber auch Rock oder NDH sind vertreten. Bei mir im Auto liegen gerade die neuen Alben von Parkway Drive und Jonathan Davis. Bei Tom die der Architects und Periphery. So hat jeder von uns seine Einflüsse … und da kommen ständig neue dazu.“

Der Faktor ‚Künstlerische Identität' ist den Beteiligten als Musikgruppe sehr wichtig, lässt Elli noch verlauten.

„Ich habe schon viele gute Bands, darunter auch Freunde erlebt, die ihre Freiheit für einen Plattenvertrag oder ein Management abgegeben haben und damit ihre Identität verloren haben. Sie wurden gebogen und gelenkt, was sie dann nicht nur unglücklich sondern auch unauthentisch machte. Deshalb, immer gut durchlesen was man unterschreibt und sich dann fragen ob es den Preis wert ist.“

Als relative Newcomer haben Null Positiv auf das Haifischbecken namens ‚Musicbiz‘ keine Lust. Die Sängerin legt dar:

„Wir konnten uns auch nie richtig vorstellen was ein Label für uns tun könnte. Jedenfalls hat uns da noch niemand überzeugt. Also genießen wir unsere Freiheit und den Fans scheint es ja zu gefallen. Und die Haie die wir bis jetzt kennenlernen konnten waren alles eher ganz nette Delphine.“

Wenn es für Null Positiv demnächst mit den neuen Songs auf die Bühnen gehen wird, dann wird sich einiges an heftiger Energie entladen. Schließlich:

„Wir freuen uns alle schon riesig darauf, unsere Emotionen so zu transportieren, dass sie sich wie ein Presslufthammer in die Herzen der Besucher bohren. Wir leben dafür, unsere Musik live mit den Fans zu teilen. Das ist der schönste Moment für uns. Darauf kommt es an, dafür arbeiten wir. Am besten, man schaut es sich einfach selbst mal an. Der nächste Termin für uns ist zum Beispiel der 23. November im Club From Hell in Erfurt. Alle weiteren Konzertdaten findet man auf unserer Website.“

© Markus Eck, 18.10.2018

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