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Interview: LOST IN GREY
Titel: Ausbruch aus der Stille

Bereits der Albumvorgänger, das 2017er Debüt „The Grey Realms“, überraschte neben raffinierten Kompositionen auch mit schwer gehaltvoller und interessanter, weil symbolschwangerer Erscheinung.

Dass der neue und zweite Langspieler der Finnen dermaßen außergewöhnlich geraten würde, war in solcherlei Eigenständigkeit, Hermetik und Facettenreichtum jedoch nicht zu erwarten. Lost In Grey bieten ihren theatralisch opulenten, visionär fokussierten Symphonic Metal diesmal mit einer waschechten Konzeptstory dar. Literarisch klassisch aufgeladen, brechen sich Drama und Epik in aller Entfaltung auf „The Waste Land“ einen abenteuerlich ereignisreichen Weg.

Sänger und Keyboarder Harri Koskela, der in der Konzeptgeschichte auf dem Album als ‚Patrick‘ wirkt, sagt resümierend, dass er alles bereits vor Beginn des Songwritings fest im Kopf hatte.

Der Fingerfertige spielt ansonsten auch noch bei den progressiven Power Metallern Thaurorod auf den Tasten.

„Das Debütalbum ‚The Grey Realms‘ und die Band an sich erwuchsen sozusagen aus einem einstigen ‚Drei-Song-Sideproject‘. Es war anfangs noch gar nicht mal so sicher, ob daraus überhaupt je eine richtige, neue Band mit einem eigenen Album werden würde. Es war auf vielerlei Weise ein nicht exakt vorherzusehender Entwicklungsprozess. Als ich das Liederschreiben und die textliche Basis für die neue Platte anging, waren mir der Kern und die Essenz völlig klar. Und das bedeutet, dass ich mit drei Sängern und ihren Charakteren in der Geschichte bereits den gesamten theatralischen Metal-Aspekt im Sinn hatte. Daher ist ‚The Waste Land‘ für mich insgesamt kohärenter - und für den Hörer vielleicht etwas leichter zu verdauen. Ich denke, das Album hat für jeden etwas zu bieten, der Metalklänge liebt.“

Es war eine ganz spezielle Erfahrung für den Mann, diese Scheibe entstehen zu lassen, lässt er verlauten. „Es ist immer ein gigantisches Vergnügen, mit so hochgradig talentierten Menschen und liebevollen Geistern zusammenarbeiten zu dürfen. Es war die allerschönste Freude, mit so vielen großartigen Leuten mit den Aufnahmen zusammenzuarbeiten, dass ich absolut demütig bin. Ganz zu schweigen davon, dass wir das Album - zumindest meiner Meinung nach - in gewisser Rekordzeit beendet haben. Künstlerisch ist es mir bei einer neuen Platte immer sehr wichtig, dass ich das Gefühl habe, als Komponist und Musiker gewachsen zu sein. Man lernt viel von jedem Song und jedem Album, wenn man es bewusst zulässt. Das Wichtigste der neuen Veröffentlichung für mich in einem Wort: Atmosphäre! Und das sowohl auf dem fertigen Tonträger als auch beim Kreieren desselben. Dafür lebe ich und exakt dafür mache ich es.“

Sängerin Anne Lill, auf „The Waste Land“ als fiktive ‚Lillian‘ vertreten, beantwortet die Frage nach dem Eigentlichen, was die neue Platte ausmacht, mit glänzend leuchtenden Augen.

„Das wird natürlich letztlich jeder anders sehen. Grundsätzlich tauchen wir bei diesem Album tiefer in die Themen ein, die zu den Ereignissen auf unserem Debütalbum ‚The Grey Realms‘ zurück führen. Man lernt aktuell auch die Figuren ‚Lillian‘, ‚Odessa‘ - Emily Leone, unsere Sängerin und Violinistin -, und ‚Patrick‘ besser kennen. Emotional gesehen gibt es definitiv viel Ärger, Verzweiflung und Frustration diesmal, aber vielleicht auch Samen der Hoffnung. Und diese Gefühle verbinden sich auch mit dem Albumtitel. Man stelle sich zum Beispiel eine ganz bestimmte Situation vor, in welcher man nicht imstande ist, das zu sagen, was man gerade will. Oder in der man vielleicht aus irgendeinem anderen Grund einfach nicht sprechen möchte. Oder aber vielleicht, egal, wie sehr man es versucht, rein niemand hört einem zu. Das ‚Waste Land‘, also das Niemandsland, repräsentiert in unserer Story einen Ort irgendwo am Rande der Grauzonen-Reiche, dort, wo es sich genau so unheimlich ‚still’ anfühlt. Was je nach Verständnis entweder symbolisch oder auch als Metapher zu verstehen ist.“

Die vorherrschende Düsternis auf „The Waste Land“ kommt ohnehin nicht von ungefähr. Da Harri nämlich die ganz persönliche Tradition pflegt, seine sommerliche Freizeit in der Natur zu verbringen und dabei beispielsweise auch gerne durchs malerische Lappland zu wandern, komponiert er ausschließlich im Winter, wie er offenbart. Typisch finnisch?

„Ja, mag sein. Ich erachte die dunklere Zeit des Jahres um einiges inspirierender zum Arbeiten an neuen Liedern. In meiner Songwritinghöhle tauche ich dann immer so voll und ganz in meine Ideen ein, dass sich die Stücke gewöhnlich sozusagen beinahe wie von selbst schreiben. Manche benötigen mehr Zeit für die Fertigstellung, einige aber entwickeln ihre finale Form bereits binnen ein bis zwei Tagen. Mir gefällt der spezifische Gedanke, dass es beim Komponieren eigentlich gar keine echten ‚Nachteile‘ gibt, da jeder Song eine eigene Reise ist und man jedes Mal etwas Neues dabei erfährt. Normalerweise habe ich einfach Freude daran, mit Ideen herumzuspielen und mich selbst auf die bestmögliche Art herauszufordern.“

© Markus Eck, 17.12.2018

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