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Interview: LOCUS NOIR
Titel: Umarmendes Loslassen

Als er 2013 bei den hoch gewürdigten Schweizer Industrial Metallern Sybreed ausstieg, sollte Sänger Benjamin Nominet fortan für eine ganze Weile Selbstfindung betreiben.

Letzteres vollzog sich erfolgreich - seit 2025 ist er nicht nur dort wieder Frontmann, sondern mit Locus Noir präsentiert der Stimmstarke auch sein neues Bandprojekt, welches ihn sozusagen entscheidend zu sich selbst zurückführte!

Das Debütalbum „Shadow Sun“ hat eine wahre Unmenge zu bieten. In komprimierter Trio-Formation zelebrieren die Beteiligten da schließlich auf berührend nostalgische und belebend pulsierende Weise das betont emotional ausgelebte Gothic-Rock-Bekenntnis, besiegelt mittels inniglich klagender Post-Punk-Beschwörungen.

Als Hauptsongwriter fühlt sich Ben DMN, so der Künstlername, mit dem neuen Release aktuell sichtlich positiv gespannt.

„Ich bin begeistert, weil mir dieses Projekt besonders am Herzen liegt. Die Veröffentlichung des Albums und von Locus Noir selbst ist kein Comeback im dramatischen Sinne des Wortes; es geht vielmehr darum, endlich etwas Gestalt annehmen zu lassen, das schon seit langer Zeit in mir gereift ist. Nach fast zwei Jahren Arbeit ist es nun eine große Erleichterung für mich, zu sehen, wie das Album Wirklichkeit wird und sein eigenes Leben beginnt. Ich bin dankbar für das Interesse und die Reaktionen, die es bereits hervorruft, aber vor allem fühle ich mich jetzt bereit für das, was als Nächstes kommt.“

Der Dreier hat sich laut dem Vokalisten ganz natürlich zusammengefunden. „Obwohl ich nach wie vor die treibende Kraft hinter dem Projekt bin, war es mir wichtig, mit Musikern zusammenzuarbeiten, denen ich sowohl musikalisch als auch persönlich vertraue. Die zwischenmenschliche Dynamik ist genauso wichtig wie die technischen Fähigkeiten, insbesondere wenn man das Projekt langfristig betrachtet. Wir teilen ein ähnliches Engagement für die Musik und einen tiefen gegenseitigen Respekt. Ales und ich arbeiten seit mehreren Jahren zusammen, und er schien mir die nahe liegende Wahl für Locus Noir zu sein. Ich war auf der Suche nach einem Bassisten mit einer starken Präsenz und einem Spielstil, der dem von Tony Pettitt ähnelt, und Ales passt perfekt zu diesem Profil. Der Schlagzeuger Ben Marmier und ich haben in der Vergangenheit auch schon sporadisch zusammengearbeitet, und Locus Noir gab uns die Möglichkeit, diese Zusammenarbeit in einem Post-Punk-Kontext zu festigen. Der Kern der Band steht nun fest. Ich bin derzeit dabei, den Live-Gitarristen auszuwählen, der die Besetzung vervollständigen wird, und ich habe bereits einige vielversprechende Kandidaten im Auge.“

Type O Negative, eben The Fields Of The Nephilim und Paradise Lost während ihrer melancholischsten Zeit - Bens individuelle Verbundenheit zu diesen Größen und ganz allgemein zu einem bestimmten Sound und einer bestimmten Atmosphäre reicht bis in seine Teenagerjahre zurück, wie er offenbart.

„Anfangs fühlte ich mich eher zum Post-Punk und Gothic Rock hingezogen, und erst später entdeckte ich dank des Albums ‚Bloody Kisses‘ von Type O Negative Musik, die näher am Metal war. Dieses Album war für mich ein Wendepunkt, weil es mir zeigte, dass Melancholie, Atmosphäre und rohe Kraft ganz natürlich nebeneinander existieren können. Seitdem bin ich so etwas wie ein Einzelgänger geblieben, auf halbem Weg zwischen der Gothic-Subkultur und der Metal-Szene. Obwohl ich den größten Teil meiner Karriere in Metal-Bands verbracht habe, sind diese frühen Einflüsse nie verschwunden, sondern nur in den Hintergrund getreten. Ich wusste immer, dass ich mich eines Tages damit auseinandersetzen musste, aber nicht durch Nachahmung oder Hommage. Es war mir wichtig, meinen eigenen Weg zu finden, einen Weg, der die Essenz dieser Einflüsse respektiert und gleichzeitig zukunftsorientiert ist. Was ich einfangen wollte, war sehr spezifisch und entsprach genau dem, was ich an einer bestimmten Art von dunklerem Rock schätze: Eine Art liturgische Kälte, eine Vorliebe für Esoterik und gleichzeitig eine gewisse ironische Distanz und eine Anti-Establishment-Haltung. Diese Balance definiert heute meine Beziehung zu dieser Musik.“

So erfuhr Ben sein Songwriting für „Shadow Sun“ auch eher als eine sich logisch aktualisierende Weiterentwicklung denn als beharrliches Zurückschauen.

„Es war keine Nostalgie im Sinne eines rückblickenden Bedauerns, sondern eher Kontinuität. Ich habe auch nicht direkt auf den Zustand der Welt reagiert, aber ich habe das Gefühl, dass heute oft etwas Wesentliches fehlt: Tiefe, Geduld und eine Art Leidenschaft für Kunst, die über das Unmittelbare hinausgeht. Das Schreiben von ‚Shadow Sun‘ gab mir das Gefühl, mich wieder mit einer Sprache zu verbinden, die mir immer noch viel bedeutet. Viele klassische Alben wurden vor Jahren aufgenommen, aber das bedeutet nicht, dass ihr emotionales Vokabular veraltet ist. Im Gegenteil, ich denke, es ist auch heute noch sehr relevant, sogar notwendig. In diesem Sinne war dieses Album auch ein Prozess der Selbstfindung und der Festigung meiner Persönlichkeit, in einer Zeit, in der die Welt selbst viele von uns dazu zu drängen schien, unsere eigene Natur in Frage zu stellen.“

© Markus Eck, 15.02.2026

Photo Credit: Cyril Perregaux

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