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Interview: LEICHTMATROSE
Titel: Manische Selbstentkernung

Wenn mal als Sänger so ungezwungen und als Texter gleichermaßen originell am Start ist, sollte man kompositorisch breite Segel für optimal dazu passende Lieder in den kreativen Wind stellen.

Und genau das ist die Stärke des aus der Reihe tanzenden Hamburgers Andreas Stitz, der mit seinem von ihm so titulierten Stil ‚Electro Chanson‘ eine ganz eigene, düster-theatralisch aufgeladene Nische besetzt.

Der keck, tiefgründig und behutsam in einem agierende Freigeist, eine Entdeckung von Joachim Witt, beglückt Außenseiterseelen nun mit dem neuen Album „Heile Welt“.

Ob schräg und abgründig, lebenslustig-frivol oder poetisch und bittersüß - der Leichtmatrose trifft ins Herz! Auf den einprägsamen Bandnamen angehauen, grinst Andreas verschmitzt. „Als ich mich 2008 dazu entschloss, ein Soloprojekt anzugehen, war einer meiner ersten Songs ‚Leichtmatrosen haben‘s schwer’. Gleichzeitig hatte ich noch ein Foto von Marc Almond aus den 80ern in Erinnerung, wo dieser als androgyner Matrose posierte. Da dachte ich, cooler Name, schickes Image!“

„Heile Welt“, ein Albumtitel, der die Frage aufwirft, ob der Urheber ein wenig Zynismus, dezenten Sarkasmus oder einfach nur seinen lange gehegten Wunsch verdeutlichen möchte. Der legt dar:

„Diese ‚Heile Welt‘ ist aufgrund von Generationskonflikten und Abgrenzung nie ein inniglicher Wunsch gewesen. Diese heile Welt zerstören wir jeder selbst, um eine eigene neue Welt zu erschaffen. Gleichzeitig zeigt das Album auf, dass es die eigentliche heile Welt niemals geben wird. Ich benutze in meinen Texten Sarkasmus, Zynismus und Ironie, um die fadenscheinige heile Welt bloßzustellen.“

Wie der Vokalist weiter berichtet, ist „Heile Welt“ das erste Werk, welches im Dreierteam entwickelt wurde. „Thomas Fest als Keyboarder, Co-Songwriter und Vorproduzent war ja schon beim letzten Album ‚Du, ich und die andern’ mit an Bord, aber seit Anfang diesen Jahres ist der Gründer der Formation Scooter und Produzent Rick J. Jordan ein fester Bestandteil von Leichtmatrose. Dadurch wurde das neue Album noch organischer und ‚wummst‘ auch noch mehr. Primär ist dieses Werk eine Reise durch das Leben, durch unsere Träume und Hoffnungen, durch die Probleme des Zusammenlebens und der Gesellschaft … und letztendlich auch durch die Liebe zu sich selbst.“

Tastenmann Thomas lobt: „Rick war einer der wenigen, der in unseren Vorproduktionen auf Anhieb verstanden hat, wo bei den neuen Songs die Reise hingehen soll. Das hat bei uns allen eine unglaubliche Energie reingebracht. Wir mussten in der Produktion plötzlich nicht mehr ‚erklären’, was wir wollten – die perfekte Synergie für uns alle.“

Rick wiederum dazu: „Ich bin ja quasi mitten in die laufende Produktion reingestolpert und mir fiel auf, dass die Band auf mich live deutlich härter und organischer wirkte als in der Produktion. Da habe ich als Producer versucht, den Fokus ein Stück weit vom Electro zum Alternative hin zu verschieben - natürlich ohne die musikalische Identität von Leichtmatrose zu verwässern.“

Die Zusammenarbeit der beteiligten Musiker für „Heile Welt“ war eine spannende Angelegenheit, erinnert sich Andreas mit Freude im Gesicht.

„Manche Tracks des Albums entwickelten sich absolut reibungslos. Da dauerte es nicht lange vom Songwriting bis zur Endproduktion. Bei einigen Sachen wurde ewig herumgedoktert bis das gewünschte Ziel erreicht war. Manchmal reichte aber auch das nicht aus - dann muss aussortiert werden.“


Thomas ergänzt: „Wir spielen uns gegenseitig die Bälle zu. Meistens ist es irgendeine Melodie oder Akkordfolge, die mir spontan in den Sinn kommt. Andreas probiert dann bei Gefallen ein wenig daran herum, und wenn er eine Hookline findet, ist das Fundament für den Song gesetzt. Rick bringt dann seine ersten Ideen in die Grundstruktur ein, was dem Song dann möglicherweise plötzlich eine ganz andere Richtung verleiht - von da an werden die Bälle eigentlich ständig hin und her gespielt, bis hin zur fertigen Produktion.“

So hat sich seine Art des Songwritings mit den Jahren als Musiker natürlich verändert und optimiert, sagt Andreas. „Das erste Leichtmatrose-Album habe ich noch komplett alleine geschrieben. Da sind die musikalischen Möglichkeiten automatisch begrenzt. Es trägt zwar schon ganz klar die Leichtmatrosen-Handschrift durch meine Texte und Gesangsmelodien, aber durch Thomas und Rick wird Leichtmatrose tiefer, mächtiger und abwechslungsreicher.“

Thomas hierzu: „Bei ‚Du, ich und die anderen‘ haben wir den sehr viel Wert auf Orchestrierung gelegt. Das war der erste Schritt weg vom reinen ‚Synthie-Sound‘. Bei ‚Heile Welt‘ war uns von Anfang an bewusst, dass wir diesen Schritt weiter verfolgen wollten – es sollte noch ‚organischer‘ klingen. Außerdem wollten wir bei den Songs auch den Gitarren wesentlich mehr Raum einräumen, als es bisher der Fall war.“

Ab dem 15.11. spielen Leichtmatrose als Special Guest deutschlandweit 13 Konzerte im Vorprogramm der „Confessions & Doubts Tour 2018“ von Peter Heppner.

Und seine aktuelle Bandbesetzung ist laut Andreas eine absolute Einheit auf der Bühne.

„Trotzdem lebt jeder in der Band auf den Brettern seine Individualität aus! Neben uns dreien ist es Tom Günzel an den Drums, der mit seiner Energie und Spielweise unser Live-Set sehr gut nach vorne bringt. An der Gitarre spielt momentan Carsten Klatte, den viele wahrscheinlich durch Heppner, Project Pitchfork, Wolfsheim und Widukind kennen dürften. Carsten verkörpert eine gewisse Aura auf der Bühne. Und Rick ist nicht nur Produzent von Leichtmatrose sondern spielt auch hervorragend Bass auf der Bühne. Wer hätte das gedacht, dass der ehemalige Keyboarder von Scooter beim Bass noch besser aufgehoben ist! Thomas Fest hält das Live-Programm seit Jahren zusammen und sorgt durch seine eigene Art Piano zu spielen für eine spezielle Atmosphäre.“

Rick fügt dazu an: „Das ist schon geil, jede Idee, die man bringt, fällt auf fruchtbaren Boden, jeder Set-Durchlauf bei den Proben verbessert direkt das Ergebnis. Diese Band hat einfach eine unglaublich intensive künstlerische Präsenz, die sich mit naiver Spielfreude paart! Und das mit einem einmaligen Teamspirit.“

Für ihn ist Authentizität das Wichtigste überhaupt, lässt Andreas verlauten. Zu musikalischen Einflüssen befragt, die sich in den neuen Stücken facettieren, zieht der Mann die Augenbrauen weit hoch. „Alles was uns drei irgendwie kickt und berührt - so zwischen Muse, Element Of Crime, Placebo, Depeche Mode, David Bowie, The Cure und Tausenden anderen. Aber auch neue Produktionen aus der Popwelt haben sicherlich ihren gewissen Einfluss.“

Inmitten der ganzen deutschsprachigen Sparte sieht Andreas seine Band jedoch gar nicht im Electro-Bereich, sondern eher im großen Alternative-Pop-Areal, wie er mit visionärem Gestus verkündet.

„Es kristallisiert sich immer mehr heraus, dass wir Songs mit Pathos bevorzugen. Und wir haben festgestellt, dass es zwar internationale Bands in dieser Richtung gibt, aber dass wir in Deutschland diesbezüglich gerade eine neue Richtung aufmachen. Und, ja, der Faktor ‚Künstlerische Identität‘ ist mir tatsächlich extrem wichtig! Ansonsten sollte ich keine Musik machen und auf der Bühne stehen. Ich erhoffe mir schließlich den Traum vom Durchbruch. Hast du diesen Traum verloren, dann solltest du wirklich aufhören!“

Über die lyrischen Kontexte von „Heile Welt“ beziehungsweise darüber, woher Andreas die Impulse und Anregungen für seine berührend schonungslosen, nicht selten drückend-philosophisch umgesetzten Themen nimmt, kann man stundenlang reden, ohne dass einem die Fragen ausgehen. Der Meister selbst runzelt dazu die Stirn und winkt entschieden lässig ab.

„Ich weiß es gar nicht genau, woher ich die Themen und Worte nehme. Die stecken wahrscheinlich in mir drin und kommen durch die Musik ans Tageslicht. Ich glaube, dass muss auch so sein, sonst geht die Authentizität verloren. Kunst kann man nach meiner Meinung nach nicht konstruieren.“

Mit unvermeidlichen Meinungsverschiedenheiten, Zwist und verletzten Gefühlen geht man bei Leichtmatrose ganz offen um, wie Andreas darlegt. „Man spricht darüber … man diskutiert und manchmal streitet man auch über die verschiedensten Sachen. Bis jetzt sind wir aber immer zu einen Konsens gekommen und oft sind wir dadurch sogar auch zu einen besseren Ergebnis gelangt.“

Thomas scherzt diesbezüglich noch: „In der Regel rede ich so lange, bis die anderen aufgeben! Nein - im Ernst: Meinungsverschiedenheiten sind wichtig, um durch andere Sichtweisen eben das Beste aus allem raus zu holen. Wir tauschen aus, wägen ab und sind uns am Ende irgendwie dann doch einig, weil wir feststellen, dass wir ja doch eigentlich alle das Gleiche meinten.“

© Markus Eck, 09.10.2018

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