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Interview: KORPIKLAANI
Titel: Stimmungsvolle Strecke

Über so viele Jahre künstlerisch dermaßen offen und dennoch linientreu in einem zu bleiben, gelingt nicht allzu vielen Bands. Für die 2003 gegründeten Korpiklaani stellt es jedoch etwas völlig Natürliches und Selbstverständliches dar, wie auch der aktuellste Tonträger wieder mit Leichtigkeit offenbart.

So zeigt das neue Album „Kulkija“ die springlebendige Kunst der finnischen Folk Metal-Waldmänner von diversen, teils Unerwartetes auffrischenden Seiten. Ihre Vorreiterrolle können sie damit nicht nur würdig bewahren, sondern auch weiter ausbauen und festigen.

Wie Gitarrist Kalle ,Cane‘ Savijärvi frohgemut aus dem Nähkästchen zu plaudern weiß, erfreuen sich Korpiklaani anhaltender Beliebtheit im Dunstkreis des Genres. „Das Feedback für ‚Noita‘ war ganz prächtig, wir bekamen viele lobende und wertschätzende Rezensionen. Auch die Streaming-Zahlen sprechen eine deutliche, positive Sprache. Die Leute scheinen den Weg zu mögen, den wir mit der Band gehen.“

Aus seiner markanten Stimme spricht eine kernige Portion an Stolz auf die neue Veröffentlichung, was Cane auch gar nicht unterschlagen will.

„Wir stellten ‚Kulkija‘ bereits vor einigen Monaten fertig - und alle in der Band sind glücklich und selig damit. In sechs Wochen wird das Ding dann endlich auf den Markt kommen. Bislang haben wir zwei Singles veröffentlicht, die einen ganz guten Vorgeschmack auf das Album geben können: Am achten Juni ‚Kotikonnut’ und am sechsten Juli kam dann ‚Harmaja’. Die Reaktionen darauf sind von allen Seiten wirklich höchst erfreulich zu erleben. Ob weitere Single-Auskopplungen darauf folgen werden, wird sich noch zeigen. Wir sind jedenfalls schon verdammt neugierig und harmonisch erwartungsvoll gestimmt auf die kommenden Reviews und weiteren Meinungen zum neuen Werk ‚Kulkija‘.“

Um seine grundsätzliche, musikalische Einschätzung zu besagtem Dreher gebeten, kommentiert der überaus gefestigt wirkende Cane kurz und knapp, jedoch ohne jede Arroganz: „Es gibt Folk und Metal in einer Mischung, die so nur von Korpiklaani gemacht werden kann.“

Diesmal konzentrierten sich die Macher laut Aussage des Axeman vermehrt auf den Gesamtklang ihres mittlerweile zehnten Studio-Langspielers. „Wir versuchten, alles noch natürlicher klingen zu lassen und dabei auch den jeweiligen Instrumenten noch mehr verdienten Raum zu ermöglichen. Gesamtspieldauer der 14 Kompositionen ist über 71 Minuten, also unser bislang längster Output überhaupt. Wir arbeiteten erstmalig mit Producer Janne Saksa zusammen, aufgenommen wurde hier bei uns in Finnland im Petrax Studio in Hollola. Den Mix wurde dann in den Sound Supreme Studios in Hämeenlinna besorgt. Ebenfalls interessant ist, wie ich denke, wer schließlich das Mastering übernommen hat: Niemand Geringerer als der renommierte Toningenieur Svante Forsbäck, der sogar auch schon für Rammstein tätig war.“

Die Vorproduktion und die Arrangements nahmen einen Großteil der eigentlichen Arbeit an der taufrischen Liedersammlung ein, wie in dem Kontext noch zu erfahren ist.

Und Akkordeonist Sami Perttula, so Cane weiter, seit 2013 in der Gruppe und diesmal sogar Songwriter von zwei neuen Nummern, hat großartige Arbeit mit all den liebevoll koordinierten Folklore-Arrangements geleistet.

„Alles ist ganz deutlich und klar zu hören. Vor allem Akkordion und Fidel kommen gut zur Geltung und halten den traditionellen Geist unserer Musik erneut wunderbar kultivierend aufrecht. So, wie es auf den Vorgängeralben bereits zu hören ist. Uns geht es eben sehr um genau diese folkigen Melodielinien.“

Die neuen Korpiklaani-Kompositionen sind aller metallischen Grundhärte oft auch mal verträumt, sehnsuchtsvoll bis entspannend - aber jederzeit stimmungsvoll und gefühlsbetont, und alles wirkt echt. Cane denkt kurz dazu nach, um dann mit sehr besonnenen Worten zu formulieren:

„Es gibt eigentlich kein dominierendes, vorherrschendes Gefühlsspektrum auf dem Album, finde ich - vielmehr wechseln sich viele verschiedene Emotionen in schöner Regelmäßigkeit darauf ab. Das Ganze ist wie eine kleine Reise mit Glück, Freude, Sehnsucht und Trauer.“

Die Frage, welche bestimmten und speziellen Visionen vor seinem geistigen Auge entstehen, während er das neue Material seiner Truppe performt, lockt den aufgeweckt-fidelen Scherzkeks aus ihm heraus: „Wenn ich anfange, derlei Visionen beim Spielen zu haben, dann weiß ich immer, dass die Pilze beginnen zu wirken!“ [lacht]

Als es an musikalische Einflüsse geht, lässt der Mann die Leidenschaft für Klampfen durchblicken.

„Eine gute Quelle für ergiebige Inspirationen war es bei mir schon immer, sich eine neue Gitarre zuzulegen. Diesmal beispielsweise eine neue Akustikbraut mit Nylonsaiten, auf welcher sich unser Sänger Jonne die grundsätzlichen Ideen für ein paar der neuen Stücke erarbeitete. Jonne hat wie schon immer bei uns auch erneut die meisten der neuen Songs erschaffen.“

„Kulkija“, übersetzt ‚Wanderer‘, entspricht dem lyrischen Inhalt des neuen Drehers bestens, lässt Cane dazu wissen.

„In den Texten geht es viel um die Erfahrung, die Welt mit ganz eigenen Augen zu sehen, zu erfassen und zu schätzen. Und dies im Guten sowie im Schlechten. Ich denke, da haben unsere mannigfaltigen Tourerfahrungen der ganzen Jahre auch nicht wenig mit reingespielt.“

Der Gitarrero berichtet, dass der Opener ‚Neito‘, also ‚Maid‘ seiner Ansicht nach ein gutes, probates Beispiel ist, um seinem vorherigen Statement zu folgen. „Die Straße ist sinnbildlich die Braut des Wanderers, sie ist wie ein jungfräuliches Mädchen, das er ständig vermisst und mit dem er umherzieht. Das reale Mädchen wartet jedoch auf seine Rückkehr nach Hause. Ein Reisender wurde geboren, um zu wandern.“

Die Besetzung der Formation ist seit einigen Jahren willkommen stabil. Und das hört man den Liedern auch an, vor allem in Sachen Spielfluss und Homogenität. Cane teilt die Wonne darüber. „Wir haben allesamt echte Freude an der gegenseitigen Gesellschaft und die zwischenmenschliche Chemie ist dementsprechend hervorragend. Ich spüre immer wieder, dass es bei den anderen genauso ist wie bei mir - es regiert einfach primär die Liebe zur Musik. Wir lieben es zu spielen und Musik zu schreiben. Was könnte schließlich schöner sein, als für sich selbst etwas zu Erarbeiten, welches einem sehr wichtig ist im Leben?“

© Markus Eck, 08.08.2018

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