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Interview: FINNTROLL
Titel: Spitze Ohren, spitze Lieder

Als verdammt spritzige Genre-Erfrischer genießen sie im schwarzmetallisch geschmiedeten Folk Metal seit 1997 ebenso Anerkennung wie sie auf qualitativen Ebenen Begeisterung einfahren können.

Und auch wenn seit dem 2013 veröffentlichten „Blodsvept“ bis jetzt kein weiteres Album von Finntroll kam - auf der faulen Haut sind die schlitzohrigen Mystiker und Humppa-Speedsters definitiv nicht gelegen, wie Vokalist Mathias ‚Vreth’ Lillmåns zum kommenden Longplayer „Vredesvävd” zu berichten weiß.

„Es ist schon komisch, dass die Leute denken, wir hätten eine Art Pause eingelegt. In den sieben Jahren, in denen es keine neue Musik von uns gab, waren wir jedoch tatsächlich viel auf Tournee. Letztes Jahr spielten wir beispielsweise auf so einigen Festivals und hatten auch recht viele Wochenenden mit Clubauftritten.“

Bei der Gelegenheit stellt der stimmstarke Fronttroll gleich klar:

„Wir sind nun mal einfach nicht die Art Band, die auf Tournee neues Material schreibt. Und in den drei Jahren, welche auf die Veröffentlichung des ‚Blodsvept‘-Albums folgten, haben wir sehr viel getourt und sind dann sozusagen direkt zu einer 10-Jahres-Jubiläumstournee der 2004 herausgekommenen ‚Nattfödd‘-Platte übergegangen. Zu dieser Zeit versuchten wir zwar, ein wenig neues Material zu erarbeiten, und wir bekamen sogar ein paar volle Songs dabei hin - aber es klang für unser spezielles Empfinden nicht richtig. Es fehlte etwas. Besagtes Material ging wirklich in mehrere Richtungen, die nicht zusammenpassten. Wir beschlossen daher, einfach weiter Auftritte zu spielen und zu sehen, was weiter passiert. Aus irgendeinem Grund vergingen nachfolgend ein paar Jahre sehr schnell. Und letztes Jahr beschlossen wir schließlich, dass wir 2020 ein Album herausbringen müssen, sonst fangen die Leute an, uns zu vergessen. Wir bekamen eine Deadline von unserem Label Century Media und schrieben sozusagen alle Songs in einem halben Jahr komplett neu.“

Durch die entschlossene Besinnung rein auf ihre Intuition haben es die finnischen Rabauken geschafft, Ihren ursprünglichen Stil auf dem neuen Output regelrecht neu aufleben zu lassen. Vreth grinst auf breiter Ebene:

„Ja, ich schätze, wenn Keyboarder Trollhorn und Bassist Tundra erst mal so richtig damit anfangen, für Finntroll Musik zu schreiben, dann geht es wie von selbst. Auch die typischen, melancholischen Melodien sind nach 23 Jahre nach der Gründung der Band immer noch voll da.“

Ein absolut bewährtes Zweigespann also, was in Form von Henri ‚Trollhorn‘ Sorvali und Sami ‚Tundra’ Uusitalo auch 2020 wieder vollsaftig liefern kann. „Trollhorn hat auch für die Kompositionen auf ‚Vredesvävd‘ sozusagen wieder einmal als ‚Hauptdarsteller‘ gearbeitet, aber Tundra hat mit einigen Riffs und Ideen auf der ganzen Platte mitgewirkt. Ich selbst war diesmal auch etwas mehr involviert und habe eine ganze Menge davon produziert und arrangiert.“

Der definitiv schwierigste Teil des gesamten Songwriting-Prozesses war laut Aussage des Sängers die Entscheidung, welche Art von Musik er und seine Finntrolle auf diesem neuen Album überhaupt haben wollten.

„Es geht im Grunde genommen immer darum, anfangs den roten Faden zu finden, was am längsten dauert. Wenn man ihn endlich gefunden hat, beginnt das Material in einem ganz anderen Tempo zu fließen.“

Auf musikalische Einflüsse wurde erneut komplett gepfiffen, sagt der Kerl.

„Wir nehmen niemals Bezug, noch denken wir an irgendwelche anderen Bands und ihre Referenzen, wenn wir an neuen Sachen schreiben. Wenn überhaupt, dann würde ich sagen, dass wir diesmal wirklich in unserer älteren Diskographie nach Inspirationsquellen gesucht haben. Man kann wirklich hören, dass einige der neuen Lieder auch auf unsere frühen Alben ‚Jaktens Tid' oder ‚Nattfödd‘ gehören könnten!“

Obwohl der wahnwitzig aufspielende Waldhaufen aus Finnland stammt, sind ihre Songtexte in schwedisch verfasst - genauer genommen auf Fenno-Schwedisch, von einer Minderheit in Finnland, deren Hauptsprache schwedisch ist. Interessant:

„Ja, ich und auch unser ehemaliger Tastenmann und Sänger Jan ‚Katla‘ Jämsen sind beide fenno-schwedisch. Wir sind in Finnland geboren, aber in schwedischsprachigen Häusern. Wir sind beide mit Schwedisch aufgewachsen, betrachten uns aber dennoch als finnische Staatsbürger. Es gibt auch nicht mehr viele von uns, vielleicht 250.000 hier in Finnland. Finnland ist ein zweisprachiges Land, was bedeutet, dass wir zwei offiziell gesprochene Sprachen haben, Finnisch und Schwedisch. Jeder hier muss zum Beispiel in der Grundschule beide Sprachen lernen. Auch Verkehrsschilder, Artikel in Lebensmittelgeschäften, Ärzte und Lehrer müssen beide Sprachen verwenden.“

Für die heutige Musikwelt, insbesondere für die globale Pagan- und Viking-Metal-Musikszene nimmt Vreth sich nicht mehr so viel Zeit als früher noch, so offenbart er unumwunden. „Ich kann nicht wirklich sagen, dass ich seit der Überdosis, die wir diesbezüglich um 2010 bis 2012 herum hatten, im Weiteren noch allzu sehr daran interessiert war, neue oder alte Bands innerhalb der Szene zu entdecken oder mich sonstig kundig zu machen.“

© Markus Eck, 01.09.2020

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