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Interview: FIDDLER’S GREEN
Titel: Drei Dekaden dabei

„Inzwischen gibt es die Band länger als mein halbes Leben“, resümiert Gründungsmitglied Rainer Schulz voller Freude und gibt an, noch keinen einzigen Auftritt von Fiddler’s Green ausgelassen zu haben.

Dass er mit seinen Speedfolkern irgendwann einmal das 30-jährige Bandjubiläum feiern würde, wäre dem integren Tieftöner damals zu Beginn nicht mal im Traum eingefallen.

Geradezu perfekt dazu passend erscheint mit „Acoustic Pub Crawl II – Live In Hamburg“ die neue Veröffentlichung der vielfach unterhaltsamen Erlanger.

Sieht man sich ihrer Facebookseite die alten Fotos an, welche die Kerle aus aktuellem Anlass jüngst zur Schau stellten, so mögen einem die 30 Jahre wie eine unglaublich lange Zeit vorkommen. Dazu befragt, ob ihm persönlich die Fülle an Erinnerungen ein anderes Empfinden vermitteln, geht der Mann zunächst in sich.

„Die meiste Zeit an die ich mich erinnern kann, habe ich tatsächlich mit der Band verbracht - wobei einige Jahre eher im Verschwommenen sind, das hat aber andere Gründe. Bei der Zusammenstellung der Fotos für unsere ’30 Jahre in 30 Tagen’-Zusammenstellung über die Bandgeschichte ist mir das so richtig bewusst geworden. Es ist auch für mich selbst beeindruckend, wie viele Geschichten aus den Anfangstagen plötzlich wieder ins Bewusstsein geraten, wenn man sich nur ein paar wenige Fotos ansieht. Anfang der 1990er gab es leider noch keine Digitalfotografie. Da ist man dann auf sorgsam angelegte Fotoalben oder wohlsortierte Schuhkartons angewiesen. Das reduziert dann die Anzahl sehr.“

Wie kommt es seiner Meinung nach, dass auf den meisten alten Bandfotos sofort erkannt werden kann, zu welcher Zeit sie ungefähr aufgenommen wurden, wird Rainer gefragt - auch, ob die Bekleidungsindustrie selbst ‚Alternative‘ und ‚Querköpfe’ doch so sehr zu beeinflussen imstande ist.

Der Bassist grinst auf ganzer Breite: „Die ersten Jahre der Bandgeschichte waren bei uns ein Beispiel für massive Geschmacksverirrungen im modischen Bereich. Zum Glück ist das inzwischen so lange her dass es einem nicht mehr zwingend peinlich sein muss. Wir wollten uns nie typisch ‚folkig‘ kleiden. Also ganz bewußt kein Schottenkaro oder dergleichen. Allerdings sind wir da teilweise sehr stark in geschmackliche Absurditäten abgeglitten. ‚Radlerhosen‘ bei den Frontmännern waren eine bittere Episode. Da weiss ich ehrlich gesagt heute gar nicht mehr, woher dieses modische Highlight kam. Von Guns ’N Roses eventuell …“

Entsinnt man sich der Zeit zu Anfang der 1990er, in welcher die Fiddler’s damals frohgemut loslegten, tauchen primär Themen wie ‚Techno‘, ‚Raver‘, ‚Ecstasy-Exzesse‘, ‚Dreitage-Durchtanzen’, Plateau-Schuhe etc. vor dem geistigen Auge auf.

Der Mann blickt zurück: „Anfang '90 waren wir alle Studenten - bis auf den ersten Geiger, der war damals der einzige ‚Arbeitende‘, ein Allgemeinarzt. Folglich war unser allseits beliebte Motto ‚Wein, Weib und Gesang‘. Ich persönlich war in erster Linie an allem was Spaß macht interessiert. Und das möglichst viel. Mit der Band war man dann in der äußerst angenehmen Situation, immer einen Grund zum Party feiern zu haben - und am Ende die Rechnung bezahlt zu bekommen. Da waren dann natürlich alle Schleusen offen. Ein Wunder, wie ich zu der Zeit noch mein Studium in Biologie und Biochemie erfolgreich beenden konnte! Politisch und gesellschaftlich war das natürlich auch eine extrem spannende Zeit: Mit der Wiedervereinigung kamen ganz neue Regionen für Auftritte hinzu. Wir waren auch gleich sehr viel in Sachsen und Thüringen unterwegs. Dort vor allem in kleinen Clubs und Kneipen auf dem Land, wo die Zeit völlig stehen geblieben war. Leider sind die meisten davon inzwischen geschlossen.“

Als das Gespräch tiefer zu den Dingen übergeht, welche sich gegenüber den Anfängen bis heute am allermeisten in seiner Band verändert haben, reißt Rainer zunächst die Augen sehr weit auf.

„Es hat sich wirklich sehr viel verändert - ich glaube wir würden ein Wochenende wie in den Anfangstagen schon mal gesundheitlich gar nicht mehr überstehen. Auch das organisatorische Chaos würde unsere Nerven überstrapazieren. Musikalisch haben wir uns eigentlich weniger stark verändert. Wir sind nur deutlich fokussierter geworden und lassen viele stilistische Spielereien weg. Keine ausufernden Experimente mit allen möglichen Stilrichtungen - wir wissen jetzt, so denke ich, genau wer und was wir sind.“

Bands, welche mit den Fiddler’s damals zeitgleich an den Start gingen und die ebenso immer noch aktiv sind, gibt es laut dem Bassisten eine ganze Menge.

„Wenn man so lang dabei ist, hat man ja die meisten anderen Bands ab ihren Anfangstagen miterlebt. Mit Subway To Sally zusammen hatten wir 1992 einen Auftritt in Jena - das war durchaus legendär. Wir hatten gerade unsere erste CD aufgenommen - Eric und Konsorten noch keine. Wenige Jahre später böllerten sich uns In Extremo ins Dauergedächtnis - von Rammstein ganz zu schweigen.“

Ein Woodstage Open Air in Glauchau ist ihm dabei noch erwähnenswert:

„Wir kamen mit dem Nightliner von einem Auftritt in Oberbayern. Um in den damals eher improvisierten Kojen besser schlafen zu können gab es reichlich Bier und Jägermeister. Somit waren wir, als wir morgens am Hotel zum Einchecken und Frühstücken ankamen noch extrem durch den Wind. Umso bizarrer war dort die Begegnung mit den Mädels von Umbra Et Imago, die bereits zum Frühstück im knappen Auftrittsoutfit rumliefen. Später am Festivalgelände zogen sie sich zwischen uns um - wir waren nach ihnen auf der Bühne und mussten unsere Backline vorbereiten. Da wurden nicht nur die Augen grösser ... direkt nach uns kam dann Rammstein - zu der Zeit noch wenig bekannt. Aber umso lauter! War sehr beeindruckend, der Tag.“

Wie viele, stilistisch ähnliche Bands gab es eigentlich damals als die Fiddlers anfingen - und wie viele sind heute im Bereich Irish Folk ebenso aktiv wie erfolgreich, lautet die nächste Frage.

„Als wir anfingen standen wir vor dem Problem dass wir eigentlich die ersten waren die sowas gemacht haben. Es gab zwar die Pogues - die waren aber eher ‚true‘ und unter dem Genre ‚Traditioneller Folk‘ einzusortieren. Hier in Deutschland mussten wir unser eigenes Genre erfinden damit man uns irgendwo hinstecken kann: Der Irish Speedfolk war geboren. Somit kann man zum Anfang der Band sagen dass es keine andere Band gab. Subway To Sally hatten am Anfang auch irische Elemente und englische Texte. Später gab es dann noch einige Bands mit denen wir musikalisch verwandt waren. Leider hat davon keine 30 Jahre durchgehalten. Von manchen wie beispielsweise Paddy Goes To Holyhead existiert noch eine Version in Minimalbesetzung. Dropkick Murphys und Flogging Molly kamen dann erst fast 10 Jahre später.“

Die bei Fiddler’s Green massiv ausströmende gute Laune sowie die köstlisch-spritzige Power-Attitüde trugen neben der Beharrlichkeit und Liebe zur eigenen Musik viel zum Erfolg und zum Bestand der Band bei. Rainer ergänzt:

„Wir waren am Anfang, dass muss man ehrlich sagen, wirklich faule Säcke - und nur aufgrund der enormen Nachfrage kamen wir glaube ich zu so vielen Shows in den ersten Jahren. Wir wurden quasi überrannt. Das haben wir natürlich baldigst geändert und uns dann auch tatsächlich reingehängt. Was in unserem Umfeld wirklich sehr entscheidend war, ist, dass sich alle gegenseitig unterstützt haben. Es gab keine Konkurrenz zu anderen. Wir haben uns die Techniker und Übungsräume, sowie die Erfahrungen geteilt. Somit konnten alle profitieren. Daher stammen auch Bands wie Fiddlers, JBO, Feuerschwanz und Hämatom hier alle aus einem Sumpf. Eigentlich erstaunlich für so eine kleine Region.“

Die Welt hat sich markant verändert die letzten Jahrzehnte, die Fiddlers selbst haben sich verändert etc. - hat sich das Publikum denn eigentlich auch mit verändert? „Viele Fans sind mit uns älter geworden - es kommen aber auch immer wieder neue hinzu. Über die Jahre hat sich im Musikbusiness und der Promo durch die Digitalisierung so ziemlich alles verändert. Und dadurch auch die Art wie man mit den Fan kommuniziert und was dieser über die Musiker so alles weiß. Früher war es wichtig, dass ein gewisses Geheimnis um alles gemacht wurde - eine Unnahbarkeit was das Private betrifft war ein Muss. Heute postet der ein oder andere alle fünf Minuten alles aus seinem Privatleben. Das macht von uns jetzt zum Glück keiner - aber bizarr ist das schon teilweise!“

© Markus Eck, 02.04.2020

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