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Interview: FIDDLER’S GREEN
Titel: Fixe Jungs

Wer die beständigen und unsagbar spielfreudigen Erlanger Folk Rocker besser kennt, der weiß um diese erfreuliche Attitüde der Truppe, die ihren ansteckend quirligen Stil passend als ‚Speedfolk‘ benennt.

Und wie man es von ihm auch gar nicht anders gewohnt ist, steigt Bassist Rainer Schulz auffallend positiv in den Dialog zur diesmaligen Jahresbilanz seiner Formation ein.

Als der fidele Freigeist anfängt zu berichten, breitet sich sofort eine angenehme Aura um ihn herum aus. „Das Jahr 2018 war ein sehr schönes Jahr! Wir durften bei sehr vielen fantastischen Festivals dabei sein und haben fast nebenbei ein wunderbares neues Album aufgenommen. So gesehen war es wie erhofft. Natürlich hat auch das Wetter vieles bei den Festivals angenehmer gemacht. Dauerregen kann einem das allerschönste Festival sehr versauen. Und bei diesem Sommer, der kaum ein Tröpfchen Regen zuließ, hatten wir schon sehr viel Spaß auf den zahlreichen Open Airs, die sich bei uns ja nicht auf Deutschland alleine beschränken. So hatten wir einen wunderschönen Konzertabend zum Beispiel am Fuße des Mont Blanc, durften zwei großartige Konzerte mit Dropkick Murphys spielen und konnten im Rahmen eines Konzertes in Notaresco einen Strandtag im wunderschönen Italien verbringen. Waren wir mal nicht auf Konzertreise, ging es nach Münster ins Studio, um den 2019 erscheinenden Langspieler ‚Heyday’ fertigzustellen, in welchen all diese tollen Erlebnisse in gewisser Weise bestimmt mit eingeflossen sind.“

Am achten März 2019 wird besagter Dreher erscheinen. Der Tieftöner resümiert:

„Es ist der 14. Silberling der Bandgeschichte. Wir waren dazu insgesamt fast zwei Jahre im Studio. Und ich muss sagen, es hat sich wirklich gelohnt! Es ist das kompakteste Album der Bandgeschichte geworden. Ein sehr energiegeladener, flotter Tonträger, mit dem wir wieder darauf geachtet haben unsere Live-Energie auch bei der Studioarbeit nicht zu verlieren. Am Schluß hatten wir wieder richtig viele Ideen zusammen, und haben dann auch mehr aufgenommen, als wir eigentlich auf das Album packen wollten. So wurde dann erst am Schluss anhand fertiger Mixe eine Songauswahl für ‚Heyday’ getroffen. Hoffentlich ist hier auch der Name Programm.“

Die zwischenmenschliche Chemie in der auch genreübergreifend enorm beliebten Gruppe aus Idealisten war auch 2018 wie gewohnt extrem entspannt, freut sich Rainer zu verkünden.

„Trotz der vielen Tage die wir teils auf sehr beengtem Raum im Nightliner verbringen, vertragen wir uns schon seit vielen Jahren erstaunlich gut. Hier und da das ein oder andere Getränk ist da natürlich sehr hilfreich“, so gibt er liebevoll grinsend preis, „fast 30 Jahre Bandgeschichte schweißen auch ordentlich zusammen. Die Macken der Anderen kennt man ja bereits gut. Weiter kommt hinzu, dass wir alleine in der Band sechs Personen sind und mit kompletter Crew teilweise als 14-köpfiges Team touren, sodass man immer für seine Bedürfnisse oder individuelle Stimmungen den richtigen Partner findet. Unsere aktuelle Bandbesetzung ist auch seit Bandgründung die stabilste. Das heißt, es wurde noch niemals seit 1990 solange ohne Wechsel eines Bandmitgliedes zusammengespielt. Wir scheinen uns also gefunden zu haben!“

Das schönste Konzert des Jahres auszumachen ist für den Dehner der dicken Saiten immer wieder ziemlich schwierig, wie er mit nachdenklichem Gesicht zugibt. „Da gibt es glücklicherweise sehr viele! Besondere Highlights für mich waren die Auftritte mit den Dropkick Murphys. Ganz großes Kino! Viele Menschen und eine wirklich sehr nette Band. Sie sind völlig zu Recht die Platzhirsche der Szene. Solche Abende sind eigentlich perfekte Abende. Man spielt sein eigenes Konzert vor tausenden von Menschen und danach feiert man die Songs von seiner Lieblingsband bei drei bis zehn Guinness ab. Aber natürlich sind unsere Gastspiele im Ausland auch stets etwas Besonderes und zählen somit auch zu den allerschönsten Konzerten.“

Doch auch Saitenrisse ohne Ende, durchgeschlagene Felle beim Schlagzeug oder diverse Evakuierungen wegen Feueralarm oder Gewittersturm gehörten 2018 bei den Fiddlers fast schon zum Alltag, wie zu erfahren ist.

Rainer: „Am Ende haben wir jedoch immer die Bühne geentert und unser Konzert gespielt. Technische Probleme sind letztendlich auch nicht zuletzt aufgrund unserer tollen, kompetenten und eingespielten Crew fast immer zu lösen. Die sind schon fast so eine Art ‚MacGyvers‘, deren Kreativität bei großen Problemen erst so richtig lossprudelt. Man muß also feststellen, dass 2018 diesbezüglich fast langweilig war: Kein Schlagzeuger, der vom Podest fällt, kein Sänger, der irgendwohin kotzt während der Show oder kein Geiger, der vom Groupie überrannt wird. 2018 war ein sehr kontrolliertes Jahr“, gibt er schallend lachend zu Protokoll.

Für ihn und den Rest seiner Bandgetreuen, so resümiert er überdachend, verlief das musikalische Jahr 2018 insgesamt wie erhofft. Dann beginnt das Antlitz des aufgeweckten Geistes, ziemlich besorgte Züge aufzuweisen.

„Die politische Entwicklung hingegen stimmt uns alle sehr nachdenklich. Überall ist ein Rechtsruck zu spüren, Rechtspopulisten fangen sich ihre Opfer wie Rattenfänger und schaffen es mit Hetze die Welt schlechter werden zu lassen. Es fühlt sich an, wie eine Rückwärtsbewegung, eine Abkehr von den tollen Dingen, für die wir Jahrzehnte gekämpft haben. Es ist auch nicht nur eine kleine Gruppe von Hirnlosen, die einen nachdenklich machen, sondern es fühlt sich so an, als hätte diese Hetze die Masse erreicht, als wär sie salonfähig geworden. Eine schockierende Entwicklung, die uns auch persönlich tagtäglich aufs Neue sehr sauer aufstößt.“

Leider wurden Fiddler’s Green im März auch von der damalig grassierenden Grippewelle flachgelegt, erinnert sich der Bassist. „Deswegen mussten wir unsere St. Patrick's Day Tour 2018 absagen und dann auch den Beginn unserer Aufnahmen fürs neue Album verschieben. Das war, wie sicherlich viele selbst erfahren durften, diesmal ein ganz besonders gemeines Virus. Stimmlich war ein paar Wochen nichts zu machen. Da wir aber beim Vorgängeralbum auch schon mit der immer wiederkehrenden Grippe Probleme bekamen und dann sogar damals den Release verschieben mußten, hatten wir dieses mal genug zeitlichen Puffer eingebaut. Somit sind wir genau ‚in time‘ fertig geworden und das alles ohne Stress.“

Übel gab es viele in 2018, so Rainer - so viele, sagt er, dass hier leider der Platz nicht ausreicht, um alles beziehungsweise alle aufzuzählen.

„Allem voran Trump - viele seiner ‚Kollegen‘ weltweit sind leider auch sehr bedenklich ... inzwischen ist es auch sehr schwer geworden, alle Kriege auf der Welt einzeln zu nennen oder der Schwere nach zu beurteilen. Eigentlich sollte man meinen, dass die Menschen im Lauf der Zeit dazulernen - sobald viel Geld oder Religion oder beides ins Spiel kommen, brechen aber alle Dämme. Aber auch außerhalb der Politik wurden leider schreckliche Taten begangenen, wie zum Beispiel der Amoklauf in den USA, dem 19 Schüler zum Opfer gefallen sind. Oder auch das Verfolgen von Ausländern, beziehungsweise von ausländisch aussehenden Menschen durch Nazis in Chemnitz sind schockierende Momente des Jahres 2018.“

So freut sich der Charaktermensch umso mehr, auch Positives erwähnen zu können. „Der Hambacher Forst ist für mich ein Thema, das mal wieder zeigt, dass man in der Gesellschaft etwas bewirken kann, wenn man nur dafür kämpft. Tausende haben sich gegen die Rodung eingesetzt und damit immer mehr Gehör in der Bundesrepublik erhalten, bis die angesetzte Räumung der Demonstranten und die Rodung ausgesetzt wurden. Das sollte allen Mut machen, nicht alles hinzunehmen und nicht den Glauben daran zu verlieren, dass man durchaus etwas verändern kann in der Welt. Also nicht zuhause lethargisch vor der Glotze sitzen, sondern raus auf die Straße - dann geht was! Das war schön zu erfahren, die Leute gehen wieder auf die Straße, weil sie es als notwendig empfinden. Und aus Bayern kommend hat uns natürlich der Erfolg der Grünen bei der Landtagswahl wahnsinnig gefreut!“

Auch musikalisch konnten ihn in diesem Jahr diverse Acts angenehm überraschen, wie er sich zurückerinnert. „Aus dem engeren musikalischen Dunstkreis ist beispielsweise Feuerschwanz mit ‚Methämmer’ ein wirklich sehr schönes Album gelungen. Die Band ist über die Jahre wirklich sehr gut gereift! Eine neue Entdeckung für mich ist gerade Fever 333, die höre ich gleich mehrmals täglich, eine tolle Mischung aus altem Crossover und neuen, modernen Elementen. Und im deutschsprachigen Raum haben zum Beispiel auch Swiss & Die Andern sowie Alligatoah richtig geile Alben herausgebracht.“

Massenmedial vielfach präsentierte Erfolgsmodelle werden im Zuge dessen auch genannt, kommen jedoch beim geschmackssicheren Rainer allerdings nicht sonderlich gut weg.

„Andreas Gabalier oder die gesamten austauschbaren Sänger a lá Mark Forster finde ich persönlich extrem furchtbar. Bei ersterem sind es die unerträglichen Ansichten, bei letzterem die mediale Überpräsenz und am Ende musikalische Austauschbarkeit. Da weiß ich gar nicht, ob ich jetzt Oerding, Giesinger oder wen auch immer höre. Alles verdammt ähnlich. Und bei Gabalier oder Vanessa-Mae usw. ist bemerkenswert, dass wohl Schlager auf einmal cool sein soll. Für uns stellt das eine entsetzliche Entwicklung dar. In den 1970ern hat man musikalisch mehrheitlich herumexperimentiert und textlich neue Wege bestritten, jetzt soll auf einmal wieder Inhaltsleere cool sein. Da finde ich auch Helene Fischer schwach. Sie hat so viel Erfolg, so eine große Fangemeinde und traut sich musikalisch gar nichts. Sie könnte sich doch auch mal zumindest bei einzelnen Songs etwas tiefgründiger oder unvorhersehbarer zeigen.“

Die liebe Zeit, sie rannte ihm und seinen Männern auch in 2018 mal wieder schier davon, stellt Rainer fest. „Das Jahr ist wirklich sehr schnell vorbeigezogen. Dadurch, dass wir viel zu tun hatten mit Gigs und der Studioarbeit samt neuen Pressefotos und Musikvideos, waren die Kalender voll. Und da es keine Tätigkeiten sind, bei denen man auf die Uhr schaut, weil man sie ja gerne macht, huschen die Wochen nur so durch. Tja, und nun ist Dezember und es wäre an der Zeit mal ein paar Geschenke für seine Liebsten zu besorgen. Aber wann?“

Nach seinen guten Vorsätze für 2019 befragt, lässt der Bassist noch wissen: „Gesund bleiben, mehr Sport machen, geile Konzerte spielen, nett zu anderen sein, Blödsinn machen, alles nicht zu ernst zu nehmen. Und wenn wir dabei auch noch unseren Fans oder Zuhörern Energie durch unsere Musik geben können, so dass diese ebenfalls gut drauf sind – was will man dann noch mehr?“


Den kommenden Silvesterabend wird er zu Hause mit der Familie verbringen, so Rainer. „Nach dem ganzen Halligalli übers Jahr tut es speziell bei solchen Festen sehr gut deutlich leiser zu treten.“

© Markus Eck, 13.12.2018

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