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Interview: ELLENDE
Titel: Kryptische Erbauung

Multiinstrumentalist und Vokalist L.G. ist einer von der Sorte, die sich um keinen Preis verbiegen lassen. Auch seine teuflisch sakral entrückende Musik atmet diese Haltung in vollen Zügen.

Als dieser steirische Todesvisionär 2011 seinem stockdunklen Herzbeben nachgab, geriet es schließlich sogleich zu einem schwarzmetallischen Erweckungserlebnis. Erst einmal konkret in die Vollen gegangen, gab es für die künstlerische Intensität und Individualität von Ellende kein Zurück. So fährt auch der eindringliche Ambient (Post) Black Metal des Soloprojektors auf dem neuen Manifest „Lebensnehmer“ sofort unter die Haut.

Um sich seinen Unmut von der Seele zu komponieren, dienen dem Rundum-Freigeist auch heute noch die abgründigsten und kühlsten Ebenen der Tonleiter. 


„Mir sind Genrebezeichnungen im Grunde nicht wichtig, das hat sich so entwickelt. Ich hatte mit Ellende schon immer einen sehr konkreten Plan und verfolge diesen bis heute. Dabei benutze ich Instrumente und Arrangements, die eine gewisse Atmosphäre übertragen können und die mir ins Konzept passen. Live spielen wir Songs, die sich dazu auch gut eignen, was beim neuen Album vor allem vermehrt der Fall ist. Bei Ellende entsteht immer sehr viel nach Bauchgefühl und ich habe dieses Projekt mit dem Grundsatz gegründet, nichts zu erzwingen.“

Mit den ganzen Stilbezeichnungen der Musikmedien für sein Schaffen ist L.G. nicht immer im Reinen, wie er sagt.

„Es ist klar, dass Ellende schon immer stärker im Black Metal beheimatet war und ist. Vom DSBM [Depressive Suicidal Black Metal, A.d.A.] zu Post Black Metal liest man jedoch quer durch die Bank so einige Bezeichnungen für Ellende. Ich nenne es selbst oft ‚Atmospheric Black Metal‘, weil man da meiner Meinung nach noch vorurteilsfreier Musik genießen kann. Und weil mich manche Entwicklungen wie beispielsweise Politisierung - in welche Richtung auch immer - und Selbstdarstellung in anderen Genres einfach angewidert haben. Mir das alles eigentlich ziemlich egal, jedoch nerven mich diese ständigen Vergleiche mit Bands, die ich überhaupt nicht leiden kann, das darf man schon mal sagen.“

Bei Ellende scheint sich ausnahmslos alles um den Tod zu drehen. Bevor es für ihn selbst soweit ist, existiert L.G. auf dieser Welt bewusst und gerne, so ist zu erfahren. „Das faszinierende am Tod ist, dass er das Einzige ist, auf das wir uns mit Sicherheit verlassen können. Etwas Absolutes und Endgültiges, welches einen auf den Boden der Tatsachen wirft. Ich glaube wir haben nur dieses eine kurze Leben. Und daher sollte man Verantwortung für sich übernehmen und das tun was für einen selbst sinnvoll erscheint, und nicht für andere Leben. In Ellende wird auch oft das Individuum gepriesen und das Kollektiv Mensch verachtet, das sich offensichtlich zurückentwickelt und immer schon sich und seine Umwelt zerstört hat. Da ging es also eher immer um die ‚Depression der Masse‘ und um größere Dinge als um mich. Ich sitze jedenfalls nicht zuhause und denke ständig über das Sterben nach. Es ist zwar nicht immer leicht in meiner Haut zu stecken, aber ich feiere das Leben so gut und oft es geht und versuche besser zu machen was mich an anderen stört.“

Nach dem Vorgängeralbum „Todbringer“ hatte der versatile Musikus zunächst eine Blockade zu überstehen.

„Danach kam aus einigen Gründen eine sehr nervenaufreibende Zeit und es hat sich viel Wut aufgestaut. Ich wusste dann auf einmal wieder wo ich stehe und war plötzlich unheimlich konzentriert und zielorientiert.“

Selbige Merkmale zeichnen die aktuelle Sessionmusiker-Bandbesetzung auch am treffendsten aus, verkündet der Mann.

„Ich wusste damals schon genau wen ich fragen würde als mir die erste Tour angeboten wurde. Die Tour gab es nie, aber fast alle Mitglieder sind bis heute dieselben, sogar der Tontechniker. Man erlebt das selten, dass alles so unkompliziert ist und der ‚Schmäh‘ fast ununterbrochen rennt. Das geht soweit, dass man an einem Wochenende von Österreich nach Estland gefahren ist und wieder zurück - und wir waren dort quasi die Fröhlichsten. Vom neuen Album gab es bis vor kurzem einfach nur Guitarpro-Dateien und nach ein paarmal proben sitzt das einfach. Somit also mal ein Shoutout an P.F., D.B., L.B. und S.L. an dieser Stelle!“

Während er damals noch lediglich mit Guitarpro-Dateien ins Studio gegangen ist, nimmt L.G. heutzutage alles vorher detailliert in seinem Homestudio auf, wie er berichtet.

„Und wir verwenden immer mehr Sounds im Endprodukt direkt so wie ich sie kreiert habe. Abgesehen davon ist ins Studio damals so circa mein komplettes Vermögen reingeflossen, da wird nach wie vor alles perfekt geübt und vorbereitet um dann effektiv zu sein. Komplett hin und weg war ich aber von P.F. - der damals bei der zweiten Veröffentlichung noch maximal zwei bis drei Songs übernehmen wollte und den kompletten ‚Lebensnehmer‘ an genau einem Tag und fast alles in einem Take reingeprügelt hat, auch wenn er eine Fixsumme dafür bekommt.“

Denkt er tiefer an „Lebensnehmer“, verspürt er gewollte, innere Aufregung. „Ich muss schon sagen, die Veröffentlichung einer neuen Ellende-Scheibe ist für mich nach wie vor einer der aufregendsten Momente überhaupt. Ich hätte nicht gedacht, dass es mit Ellende überhaupt so weit gehen wird, als ich 2012 ins Studio ging. Es ist jedesmal aufs Neue ein selbst auferlegter Test, ob ich das neben den anderen Dingen hinbekomme. Ich freue mich dann wie ein Kind auf die Tonträger. Ich brauche das auch irgendwie und könnte es eigentlich nie ohne Ellende aushalten.“

Der Fronter befürchtet allerdings, wie er unumwunden preisgibt, dass so einige der ihm schon länger folgenden Anhänger diesmal vielleicht erst mit dem neuen Output mitwachsen müssen. „Es könnte gut sein, dass viele die Lieder zuerst nicht mögen beziehungsweise sie vielleicht erst tiefer verstehen müssen, um zu begreifen, was ich damit will. Mir ist aber eine offene Ablehnung viel lieber als ein durchschnittliches ‚Hm, ok.‘. Jedenfalls habe ich mich ja auch weiterentwickelt und will nicht melken ‚was sich bewährt hat‘. Es wird ungewohnte Dinge dabei zu erleben geben, die ich einfach sehr stimmig finde, weswegen ich diese auch ganz selbstbewusst einbringe. Aber im Großen und Ganzen hört man nach einigen Aussagen Dritter wieder sofort, dass es Ellende ist.“

Insgesamt ist „Lebensnehmer“ nämlich viel unangenehmer geworden als die vorherigen Releases, lässt L.G. wissen. Sein Blick spricht Bände, als er weiter erzählt.

„Man könnte es am besten so ausdrücken, dass die Konnotation von ‚Ein Leben zu nehmen‘ im Vergleich zu ‚Den Tod zu bringen‘ ebenso anders ist. Diesmal gibt es so einige Blasts und passende, nicht überladene Instrumentalisierung. Und auch mal Passagen, wo man ruhig mal weiter als gewöhnlich abdriften kann.“

Ihm selbst kommt es bei seiner aktuellen Musik letztlich am allermeisten auf die Faktoren Authentizität und Bauchgefühl an, stellt der Maestro noch klar.

Lyrics, die man als repräsentative Aussage nach vorne in den Raum stellen kann, sind bereits alle gesagt, meint der Kerl.

Daher hat er für die lyrischen Kontexte und Themen des neuen Albums oft das ‚Du‘ verwendet, um sozusagen ‚gezielter zu schießen’.

„Dabei ist aber natürlich niemand im Speziellen gemeint. Ich wollte damit vielleicht mehr unter die Haut gehen. Mir gefallen auch derlei Metaphern über das Leben als Schachspiel oder Feldherr wie bei ‚Der Blick wird leer‘ und Wortspiele wie beispielsweise bei ‚Ein Stück Verzweiflung‘. Das kann ein Musikstück über Verzweiflung sein oder ein Stückchen von Verzweiflung, über solche Dinge kann ich mich sehr freuen.“

Zu Inspirationen befragt, beziehungsweise ob es sich dabei um Fiktionen oder reale Bezüge handelt, wird geantwortet: „Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen bescheuert, aber ich schreibe zuerst die Songs und höre mir die dann gefühlte 1.000-mal an, bis ich denke zu hören um was es da geht und wie die heißen. Ich passe dann die Lyrics nochmal an, damit das diesen gewissen ‚Ellende-Reim‘ hat in dem nur das Nötigste gesagt wird und auch optisch ein gewisses Schema verfolgt wird.“

Was den Faktor ‚Künstlerische Identität‘ angeht, so stellt sich für L.G. dazu primär die Frage, wie er sagt, was Ellende letztlich sein würde, wenn darin inhaltlich nicht alles von ihm selbst wäre. „Dann würde ich vielleicht etwas anderes suchen wofür ich dann wieder alles selbst mache. Das ist mit meiner Person oder einem Teil von mir weit drinnen sehr eng verknüpft. Aber die erste EP damals wollte ich eigentlich komplett anonym veröffentlichen. Ich mochte immer diesen ‚komplett vorurteilsfreien Konsum‘, wenn man keinen realen Namen oder gar kein Gesicht hinter der Musik hat, wie ich ihn in manchen Black Metal-Kreisen geschätzt habe. Dies war allerdings natürlich nicht mehr sonderlich realistisch, als wir auch live spielen wollten und irgendwelche Labels sogar wussten wie sie an meine Telefonnummer kommen können.“

Unvermeidliche Meinungsverschiedenheiten, Zwist und verletzte Gefühle in Ellende versteht der Multiinstrumentalist und Sänger umsichtig zu meistern, wie er mit überlegt wirkender Stimme offenbart.

„Ich bin da sehr offen und suche immer den Dialog, sonst wäre beispielsweise bei Ellende nicht die fast gleiche Besetzung wie vor sieben Jahren. Ich kann mit Kritik gut umgehen, sonst wäre ich nicht schon kurz vor dem Studienabschluss in Architektur. So wie in jedem anderen Bereich kommt auch im Black Metal oft das Argumentum Ad Hominem, das war mir aber sowieso klar. Man muss nur immer abwägen von wem man Kritik annimmt - und ob es wert ist, dem überhaupt weiter Beachtung zu schenken. Es gibt Menschen, die ständig über Ideen reden, Sachen erschaffen, auch mal verlieren, aber weitermachen. Mit denen soll man sich umgeben! Abwärtsvergleiche und destruktives Verhalten sind etwas für die Schwachen.“

Grundsätzlich, so stellt L.G. noch klar, auch wenn sein Schaffen tatsächlich sehr ernst gemeint und fernab von ‚Glorreicher Saufmusik‘ ist, mag er es nicht, wenn Leute überhaupt keinen Spaß verstehen und nicht mal über sich selbst lachen können. 



„Es ist uns ja auch wichtig, dass wir beim Musikmachen nicht den Spaß verlieren und das wir alles mit Leidenschaft tun. Über Leute, die sich auf Festivals als Plüschtier verkleiden, brauche ich jetzt, so denke ich, gar nichts zu sagen. Wenn jemand extra blöd auffallen muss, hat das meistens seine Gründe.“

Wenn Ellende mit den neuen Songs auf die Bühnen steigen werden, zählt für ihn vor allem: „Guter Sound, passende Stimmung, dann ist alles ‚safe‘. Bei den Ellende-Musikern und im -Team ist wirklich alles in besten Händen, da habe ich überhaupt keine Bedenken.“ 



Der erste Teil der „Lebensnehmer Tour“ bewegt sich am 27. bis 31. März durch Deutschland. „Und es wird einen Niederlande-Gig mit Firtan, Spiral Skies und Groza geben. Auf dieser Tour wird es dazu auch noch die letzte Möglichkeit geben, um einige limitierte Tonträger von ‚Lebensnehmer‘ zu ergattern, die bereits ausverkauft sind.“


© Markus Eck, 10.03.2019

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