Top
Interview: EDENBRIDGE
Titel: Präventive Gefßhlskontrolle

Gegenüber dem betont spirituell konzipierten Vorgängerwerk „Shangri-La“ aus 2022 präsentiert sich das österreichische Visionärskollektiv auf dem neuen Album „Set The Dark On Fire“ eindeutig druckvoller und dynamischer. Dabei erschließt sich der typisch ästhetische Symphonic Power Metal der Formation um Sängerin Sabine Edelsbacher auf dem künstlerisch beachtlich kompakten Output mit ein klein wenig reduzierter Eingängigkeit zugunsten einem deutlichen Mehr an Spannung.

Wie Multiinstrumentalist Arne ‚Lanvall’ Stockhammer enthusiastisch zu berichten weiß, hatten er als Maincomposer und das ganze Line-Up von Beginn an ein super Gefühl, was dieses Album betrifft - Sabine steigt frohlockend ein: „Das Album hat sehr viel Raum eingenommen in den letzten beiden Jahren. Es hat regelrecht Besitz von uns ergriffen. [lacht] Ich bin froh, wenn es bald nach draußen geht, weil ich auch mega gespannt bin auf die Reaktionen der Fans.“

„Set The Dark On Fire“ zeigt den bewährten Signatur-Sound diesmal auch von einer kompositorisch deutlich entschlosseneren Ausrichtung.

Lanvall hierzu: „Ja, das zum einen und vom Musikalischen her auf jeden Fall härter. Das liegt einerseits daran, dass die meisten Grundriffs der Songs tiefer liegen und der Bass dieses Mal wesentlich mehr Raum hat und mehr Distortion aufweist. Das lässt wiederum die Gitarren heavier erscheinen. Bei den Gitarren haben wir den unteren Mittenbereich verstärkt angehoben, das macht diesen Dream-Theater-mäßigen Mesa-Boogie-Rhythmussound aus, der unsere Sieben-Saiter nochmal ordentlich pusht.“



Sabine ergänzt nickend: „Der Signatur-Sound entsteht ganz natürlich, wenn man sein eigenes Ding durchzieht. Sich persönlich wie musikalisch von innen heraus weiterzuentwickeln ist sinnvoller als sich ständig zu vergleichen, zu kopieren oder irgendwelchen Trends hinterher zu laufen. Seit dem ersten Album werden wir gefühlt schrittweise härter. Es ist für mich immer, wie wenn wir von dem engelhaft Himmlischen immer mehr in Richtung Erde wandern und dennoch die Verbindung nach oben beibehalten. Es ist jedoch eine natürliche Entwicklung wie ziemlich alles bei uns. Wahrscheinlich haben wir das beim Universum mitgebucht, als wir uns für den Namen Edenbridge entschieden haben.“

Befragt, wie sehr sie ihre Gesangslinien an diese dynamischere Ausrichtung bewusst angepasst bzw. ob das überhaupt geschah, informiert die Vokalistin: „Lanvall schreibt im Kompositionsprozess die Musik samt Gesangslinien. So komplex unsere Songs auch manchmal erscheinen, sie basieren immer auf den Vocals als tragende Säule. Dadurch, dass diese nicht im Nachhinein hinzukommen, ist auch alles im Fluss und stimmig zueinander. Vereinzelt schreiben wir schon Passagen im Studio um während der Aufnahmen. Zum Beispiel wenn ich etwas ausprobiere oder sich manchmal automatisch etwas Stimmigeres ergibt. Natürlich habe ich Interpretationsspielraum oder lasse mich auch selbst überraschen was so dabei rauskommen mag. Aber im Großen und Ganzen bin ich mit den Gesangslinien super zufrieden. Mein ganzer Fokus liegt darauf, mich passend zur Musik und dem Text-Sinn ausdrucksmäßig hinzugeben. Das war aber auch immer schon so bei uns.“

Der Albumtitel „Set The Dark On Fire“ liest sich ebenso universell wie er sehr symbolträchtig ist. Sabine erhellt den Kontext gerne:

„Auf unserer aktuellen Veröffentlichung beschäftigen wir uns mit dem Dunklen, oder vielleicht besser gesagt: mit dem, was oft im Dunkeln, also im Verborgenen liegt. Dabei geht es uns nicht nur um das, was man klassisch als ‚bedrohlich‘ oder als ‚das Böse‘ einordnet, sondern auch um unbewusste Anteile, zu denen unsere eigenen Schattenanteile, aber vor allem auch Fähigkeiten und inneren Ressourcen zählen. Für uns ist es wichtig wahrzunehmen, was tatsächlich um uns herum geschieht. Wir haben das Gefühl, dass konstruktive Veränderungen dann entstehen können, wenn man hinsieht, was überall so los ist, ohne sich zu sehr emotional in das zu involvieren, worauf man selbst keinen direkten Einfluss hat. Nur auf diese Weise bleibt der Geist klar und unsere Kräfte erhalten, um von innen heraus zu wachsen und um individuell die richtigen Entscheidungen zu treffen. Viele Menschen kennen das Gefühl von Machtlosigkeit. Wir erleben das zum Teil, weil wir uns unserer eigenen Schöpferkraft, also unserer Kreativität und Gestaltungsmöglichkeiten, nicht immer bewusst sind. Wenn unsere innere Anbindung schwächer wird, fühlen wir uns leichter beeinflussbar oder entmutigt. Umgekehrt entsteht dort Vertrauen, wo Menschen sich sicher fühlen und mit Vertrauen wächst auch der Mut, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, um es zu ‚beleben‘ oder um auch einmal nein zu sagen. Auf all unseren Alben beschreiben wir deshalb einen persönlichen Entwicklungsweg, der für uns ein zentraler Teil des kollektiven Wandels ist. Musik, die emotional berührt und stärkt, kann dabei unterstützen, die eigene Kraft wiederzufinden um dort aktiv zu werden, wo wir tatsächlich etwas bewirken können. Wer unsere bisherigen Texte kennt, weiß vermutlich, dass wir keine Flucht auf ‚Wolke Sieben‘ propagieren. Uns interessiert eher, wie man mit beiden Füßen auf dem Boden bleiben und trotzdem innerlich wachsen kann. Gleichzeitig sind wir uns bewusst, dass jeder Mensch mit einem individuellen Blick auf die Welt unterwegs ist, geprägt durch Kultur, Erfahrungen und eigener Geschichte. Unsere Texte sind deshalb auch oft in Metaphern verfasst, weil das Poetische schöner klingt und den erhobenen Zeigefinger außen vor lässt. Aktuell wird eben vieles, was lange im Hintergrund lief, gerade sichtbarer. Für uns fühlt sich das nach einer Zeit der Klärung an. Unsere Texte sind aber auch diesmal kein Aufruf zur Revolution oder Eskalation, sondern wir versuchen den Prozess der Transformation zu beschreiben. Das Element Feuer steht für uns sinnbildlich genau dafür. Es kann wärmen, nähren, zerstören, aber auch verwandeln und erneuern. Der Phönix-aus-der-Asche-Prozess sozusagen. Wir haben es in der Hand mit unseren Entscheidungen für uns selbst konstruktiv ins Kollektiv einzuwirken um als Menschheit herausfordernde Zeiten gut zu überstehen und ein neues Energie-Level auf Erden zu erreichen.“

Die „neue“ Härte bei Edenbridge kam laut Lanvall auf der Basis einer natürlichen Entwicklung zustande.

„Ich plane niemals im Vorfeld, wie das Album jetzt klingen soll. Zuerst reifen die Songs im Arrangement-Prozess und dann kristallisiert sich ein ‚Groundsound‘ heraus, den ich unserem Mixing Engineer Karl Groom, bekannt von Threshold, versuche zu vermitteln. Dann beginnt die Millimeterarbeit um jedes kleine Detail perfekt in Szene zu setzen.“

Die vorherige Dichte an hyper-eingängigen Passagen scheint heruntergefahren worden zu sein, sofern ich das gerade nach dem dritten Albumdurchlauf so sagen kann. Einige Passagen scheinen sich gar erst nach multiplem Abhören zu erschließen. Lanvall lässt zu dem Kontext als erschaffender Künstler wissen: 


„Ich finde das sehr interessant und kann es teilweise auch nachvollziehen. Gerade bei Songs wie dem Opener ‚The Ghostship Diaries‘, der einen mehrschichtigen Refrain von Chören und Lead Vocals hat. Oder bei ‚Lighthouse‘ mit seinem komplexeren Aufbau. Natürlich auch der Longtrack ‚Spark Of The Everflame‘. Dem stehen aber auch sehr eingängige Nummern wie die drei Videosongs und Singles ‚Cosmic Embrace‘, ‚Where The Wild Things Are‘ und der Titelsong gegenüber. Für mich ist das einfach ein spannender Prozess, der nicht vorhersehbar ist. Wenn man sich vom Gefühl und der Inspiration leiten lässt, kommen immer die besten Sachen dabei heraus.“

Die primär fernöstlich spiritualisierenden Ethno-Nuancen, die den Verfasser auf „Shangri-La“ stets aufs Neue beglücken, wurden deutlich reduziert, was wohl auch so gewollt mit dem druckvoller gewordenen Gesamtfokus koaliert. „Das mag sein, aber bei ‚Lighthouse‘ mit seinem Intro ‚Divine Dawn Reveal‘ kommen diese Einflüsse voll zum Tragen. Und dafür gibt’s mit ‚Where The Wild Things Are’ eine irisch-keltisch angehauchte Nummer. Wie gesagt - es basiert immer auf einem ganz natürlichen ungezwungenen Prozess.“

Dennoch arbeiten Edenbridge diesmal mit ungewÜhnlichem Instrumentarium wie Hackbrett, Swarmandal, Monochord und elektrischer Sitar. Lanvall gewährt Einblick:

„Ich besitze etliche dieser Instrumente und setze sie natürlich dort ein, wo sie meiner Meinung nach dem jeweiligen Song einen Mehrwert geben, der mit Synthesizer und Samples nicht zu erreichen ist. Diese Instrumente haben einen hohen Obertonreichtum, der eben dieses gewisse Extra mit hinein bringt. Gerade das Hackbrett ist dafür ein gutes Beispiel. Es wird ja in erster Linie in der traditionellen Volksmusik gespielt, ist aber meiner Meinung extrem vielseitig und kann eine geradezu mystische Atmosphäre erschaffen. Deswegen wird dieses Instrument auch in der irischen oder persischen Musik eingesetzt. Ich hatte das Glück an einen Hackbrettbaumeister aus Bayern zu geraten; er baute für mich sein letztes Instrument vor seiner Pensionierung. Das Spielen ist für mich ein meditativer Prozess, einfach traumhaft. Die Swarmandal - eine indische Zither - habe ich in einem Geschäft für Ethno-Instrumente entdeckt und habe mich sofort verliebt. Sabine hat sich dann vor ein paar Jahren ein Monochord gekauft, das auf der anderen Seite auch kombiniert ist mit einer Koto, also einer japanischen Zither, sowie einer Tampura, die indische Langhalslaute. Viele andere Instrumente habe ich auch von Reisen mitgenommen.“

Nach der Uraufführung seiner ersten Symphonie im Jahr 2022 sowie der Live-CD/DVD-Produktion derselben und der „Shangri-La Tour“ brauchte Lanvall 2023 mal eine länger Pause, in welcher er nur lose Ideen gesammelt hat.

Ende 2023 waren die Batterien dann wieder aufgeladen und es entstanden dann relativ schnell neue Songs, so ist zu erfahren. „Dann gingen wir auf unsere ‚25 Years Anniversary Tour’ und danach komponierte ich die restlichen Songs. Das Songwriting war dann im Herbst 2024 abgeschlossen und ging nahtlos in die Recordings über. Und dann haben wir ja das Label auch noch gewechselt und sind jetzt wieder bei Steamhammer, wo wir schon von 2013 bis 2021 waren.“

„Bonded By The Light“ hat glatt James-Bond-Soundtrack-Qualität - Bravo, das erinnert den Autoren als bekennenden Adele-Liebhaber an „Skyfall“!

„Es gibt auf dem Album sogar zwei klassische James-Bond-Akkorde, nämlich der ‚minor 9‘ und der ‚minor flat 6‘. Die erinnern automatisch daran. ‚Skyfall‘ ist auf jeden Fall der für mich allerbeste Bond-Titelsong und ich verehre Adele, eine grandiose Sängerin und Songwriterin. Ich hatte die Ideen für ‚Bonded By The Light‘ schon einige Zeit in der Schublade und jetzt war die Zeit dafür reif. Der Song war eher einer mit dem geringsten Aufwand. Ich liebe diese sogenannten ‚altered‘ Chords, von denen es eine ganze Menge im Song gibt.“

Das vierteilige „Spark Of The Everflame“ hingegen fächert sich typisch progressiv auf, wirkt dabei ebenfalls sehr voluminös als auch druckvoll und behutsam orchestriert. 


„Die epischen Longtracks gehören bei uns natürlich immer dazu und ich liebe es mich darin musikalisch auszutoben. ‚Spark Of The Everflame‘ ist sozusagen die Visitenkarte für den Sound, für den Edenbridge 2025 steht. Fräsende Riffs, mächtige Chöre, wiederkehrende Motive, ein großer orchestraler Mittelteil und ein bombastisches Finale.“

Die Produktionsarbeit am aktuellen Output lief relativ gleich ab wie zuvor. „Bis auf die Drums entstanden sämtliche Aufnahmen in meinem eigenen Studio, dem ‚Farpoint Station‘. Die Drums haben wir ebenso wieder mit Frank Pitters aufgenommen, der ja schon seit über 20 Jahren an allen unseren Produktionen in diversen Funktionen beteiligt ist. Der Mix erfolgte dann im The Parks Studio in England - vormals Thin Ice - mit Karl Groom. Wir haben dieses Mal wieder mit der Audiomovers Software gearbeitet. Hier bekomme ich von ihm ein Echtzeitsignal in 24bit auf meine Studioboxen und kann so alle Schritte im Mix verfolgen. Nebenbei kommunizieren wir mit WhatsApp. Eine geniale Technik.“

Sabine erinnert sich dazu: „Die Gesangsaufnahmen haben in der Nacht stattfinden müssen, weil ich immer mehr zur Nachteule mutierte – zum Leidwesen von Lanvall, der am Aufnahmepult beinahe eingeschlafen wäre. Im letzten Jahr hatte ich leider eine arge Zwerchfellspastik, wobei ich tagelang ganz schlecht Luft bekommen hatte. Ich konnte mich kaum bewegen und es war auch extrem schmerzhaft. Samt ärztlicher Therapie, Physio und kompletter Nahrungsumstellung wurde es nur sehr langsam besser. Außerdem war ich schon Veggie mit Fisch, aber vor Weihnachten auf Null-Zucker-Diät, kein Obst und keine Kohlehydrate, das war mir dann doch etwas zu krass. Zumindest Brot zu essen hatte ich beibehalten. Jedenfalls war das ganze Spektakel mit Beginn der Aufnahmen noch nicht beendet und da hatte ich ordentlich Stress damit, dass ich das überhaupt hinbekomme. Andererseits hatte ich so erleuchtende Momente im Vorfeld, wo ich mich besonders gut auf meinen Körper verlassen konnte, ja, sogar neue Klangräume erspüren konnte. Am Ende war es wie eine Musterunterbrechung in mir, die mich auf eine neue Ebene gehievt hat. Genau so wie wir es mit dem Album beschreiben. Ich hatte einen heftigen körperlichen Prozess durchlebt und am Ende war es besser als je zuvor. Allerdings hatte ich noch nie so viel Aufwand wie diesmal, um danach die Feststellung zu machen, dass sich eine neue Mühelosigkeit während des Singens einstellt. In irgendeiner Weise musste ich mir wohl selbst aus dem Weg gehen.“

Sabine fährt fort: „Wir hatten zum Glück überhaupt keine Hürden in Bezug auf die Zusammenarbeit; da sind wir beim zwölften Album auch schon ziemlich relaxed. Mit unserem neuen Bandmitglied und Gitarristen Sven Sevens waren wir schon auf zwei Tourneen unterwegs und auch da passen einfach die Vibes. Es ist, wie wenn wir uns schon immer kennen würden. Wir treffen uns auch gerne alle schon mal außerhalb der Zeit und tauschen Ideen aus und haben Spaß. Mit Johannes sind Lanvall und ich in Bezug auf die grafische Gestaltung ohnehin im Dauerkontakt. Im Studio selbst ist jeder gut vorbereitet, sodass die Aufnahmen im Flow über die Bühne gehen und auch Spaß machen. Der einzig nachhaltig positive Effekt, durch die Pandemie, sind die neuen Möglichkeiten, über das Internet den Mix mit England gestalten zu können.“

Das Schönste bei den Aufnahmen waren für Sabine die Songs selbst, so sagt sie. „Einerseits die Erleichterung, dass ich es auch für mich zufriedenstellend hinbekommen habe, und dann die Momente nach dem Mix. Da hatte ich einfach echte Begeisterung den Gesamtsound zu hören und dass darüber hinaus auch die stimmlichen Nuancen erhalten blieben. Wenn ich selbst Gänsehaut bekomme, dann weiß ich, wir dürften etwas richtig gemacht haben.“

Sabine geht abschließend gerne noch näher auf das zweite Video sowie zur betreffenden Single „Where The Wild Things Are“ an sich ein.

„Seit dem ‚Shine‘-Album 2004 begleiten uns keltisch-irische Einflüsse. Ich liebe einfach diese Atmosphäre jener alten Kultur mit den grünen Hügeln, weil sie noch sehr viel Ursprüngliches trägt. Diese Klänge erzeugen starke Bilder in mir. Im Text geht es um das Urweibliche, das durch die Figur der Aleen repräsentiert wird. Ebenso ist es auch die Kraft von Gaia - also Mutter Erde als lebendiges Wesen mit ihrer innewohnenden Weisheit. Es beschreibt eine archetypische und unbändige Kraft, welche eine Gefahr darstellt für jegliche Routine und wir kennen sie alle. Aleen lebt leidenschaftlich und verführerisch. Sie kennt keine Tabus und ihr einziger Glaube sind die Elemente, mit denen sie sich verbunden fühlt und die sich durch sie ausdrücken. Alles ist mit allem verbunden und gebärt sich dennoch immer wieder aufs Neue in Form von Einzigartigkeit in jedem von uns. So ist Aleen auch mehr oder weniger Teil jedes Menschen hier auf Erden – und ein Sinnbild für Lebendigkeit.“

Š Markus Eck, 14.12.2025

Photo Credit: GĂźnter Leitenbauer & Johannes Gral

[ zur Übersicht ]

All copyrights for image material are held by the respective owners.

Advertising

+++