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Interview: DARK MILLENNIUM
Titel: Extravagante Herausforderung

Bereits mit dem gelungenen 2016er Comeback-Werk „Midnight In The Void“ bewiesen die Nordrhein-Westfalen, dass sie trotz 23 Jahren Albumpause bis heute rein gar nichts verlernt haben.

Auch der aktuelle Nachfolger „Where Oceans Collide“ bietet sagenhaft eigenständigen Progressive Death Metal, dessen atmosphärischer Strukturen- und Facettenreichtum nachhaltig faszinieren kann.

Wie Sänger Christian Mertens erfreut verlauten lässt, fühlt sich das vierte Album seit der Bandgründung 1989, vor fast 30 Jahren also, einfach nur großartig für ihn an. „Und dies vor allem, wenn man bedenkt, dass wir eine so lange Pause hatten und zwischenzeitlich gar nicht mehr mit dem Gedanken gespielt hatten, ein weiteres Dark Millennium-Album aufzunehmen. Umso schöner, das mittlerweile zweite Album nach der Reunion fertiggestellt zu haben. Es fühlt sich so ein bißchen so an wie nach einer langen Zeit wieder nach Hause gekommen zu sein, und erneut eine gewisse Vertrautheit erlangt zu haben, was die Basis für eine gute Zusammenarbeit sein sollte.“

Die neuen Kompositionen erklingen trotz ihrer weit verzweigten Progressivität wunderbar homogen.

Befragt, wie reibungslos die Zusammenarbeit insgesamt für das aktuelle Werk „Where Oceans Collide“ funktionierte, erzählt der Frontmann:

„Die angesprochene Homogenität ist das Resultat der Zusammenarbeit der gesamten Band am Songwriting, welche harmonisch, auch mal kritisch und dabei immer konstruktiv funktioniert hat. Bei ‚Midnight In The Void‘ war das in dieser Form noch nicht so, da unser Bassist Gerold Kukulenz erst im Laufe des Songwritings dazugestoßen ist, und unser vorheriger Drummer Christoph Hesse dabei ganz außen vor war. ‚Where Oceans Collide‘ hingegen wurde fast komplett als Kollektiv komponiert, sodass jeder seinen Input dazugeben konnte und alle Meinungen und Einflüsse zum Tragen kamen.“

Als das Gespräch dazu übergeht, was die Band so lange aufgehalten hat und was schließlich den Entschluss auslöste, wieder weiterzumachen mit Dark Millennium, ergreift Gitarrist Hilton Theissen angeregt das Wort. Er erinnert sich noch ganz genau:

„Ich erhielt einen Anruf aus Berlin, in dessen Verlauf, Christoph, unser damaliger Drummer, mir von einer Anfrage erzählte, die von Century Media kam und die eine Neuveröffentlichung unserer alten Alben sowie der beiden Demos auf Vinyl und CD beinhaltete. Da war es an der Zeit, mich nach einer Ewigkeit auf ein Bier in einer alten Dorfkneipe im Sauerland mit Christian zu treffen, um das Ganze zu erörtern und eine Entscheidung zu treffen. Als Christian mich nach einem schnell entflammenden Gespräch fragte, wie wir denn heute klingen würden, war klar, dass wir den Gedanken einer Reunion und einer neuen Schaffensphase unter eigens geschaffenen und für uns nun optimalen Umständen nicht mehr ignorieren konnten. Wir haben danach den Rest der Band motivieren können, sich uns wieder anzuschließen und sind alsbald im Studio in die Konzeption abgetaucht.“

Wie Hilton weiter resümiert, hat, Gitarrist Michael Burmann in der Vergangenheit immer wieder an einem Soloprojekt für sich gearbeitet. „Teile davon hat er in meinem Studio aufgenommen. Zusammen mit Christian und Torsten, unserem Logo-Designer und Sänger des zweiten Demos haben sie außerdem ein recht abgefahrenes Projekt betrieben. Ich habe bei diversen Projekten partizipiert, und mir mit meiner späteren Band Akanoid ein Studio aufgebaut, bevor ich es endgültig ins Profi-Lager der Musikproduktion geschafft habe. Heute arbeite ich mit unterschiedlichsten Künstlern und bin Sänger der Band Seadrake.“

Christian freut sich sichtlich über das Kompliment zur völligen Individualität des neuen Dark Millennium-Materials.

„Wir haben eigentlich nie danach gestrebt, nach dieser oder jener Band zu klingen, sondern hatten immer den Wunsch etwas möglichst Eigenständiges und Originelles zu erschaffen. Das wurde und wird sicherlich begünstigt durch die teilweise sehr verschiedenen Einflüsse und Hörgewohnheiten der einzelnen Bandmitglieder, sowie durch unsere manchmal recht untypische Herangehensweise an das Songwriting. Da kommt es schonmal vor, daß wir zuerst das Ende eines Songs fertiggestellt haben und erst im Nachhinein den Anfang hinzufügen, oder wir orientieren uns an einem vorher fertiggestellten Text. Ich persönlich mag Überraschungsmomente und unerwartete Wendungen in einem Lied, ähnlich wie bei ungewöhnlichen Filmen oder Büchern.“

Inmitten der weltweiten Metal-Szene mit ihren vielen Stilarten sehen sich die fünf Rückkehrer laut Aussage des Vokalisten irgendwo zwischen Death-, Progressive- und Doom Metal. „Es wird ja immer ganz gerne der Begriff des ‚Dark Metal‘ verwendet, um uns zu charakterisieren. Und auch wenn ich nicht ganz genau weiß, was dieser beinhaltet, trifft es das wahrscheinlich noch am ehesten … ich denke, die Vermengung dieser vielen Stile ist auf der einen Seite etwas Typisches und Eigenständiges, auf der anderen Seite macht es das vielen Hörern auch nicht immer leicht; man muss schon sehr offen sein, und sich auf uns einlassen.“

Hilton ergänzt: „Da wir ja in der Vergangenheit und bereits mit dem zweiten Album einen stilistischen Spagat an den Rand der Szene gewagt haben, konnten wir uns eine gewisse Toleranz erarbeiten, die wir sehr schätzen. Und natürlich gibt es heute noch mehr Spielarten des Metal als zu unserer Anfangszeit. Dennoch muss das Wort ‚Progressiv‘, das wir wohl niemals loswerden, immer wieder anders ausgelegt werden - und dies nicht nur überwiegend rhythmisch oder rein spielerisch wie in einigen Stilrichtungen.“

Wie Christian dazu anfügt, ist die Art des Songwritings von Dark Millennium mit den Jahren flexibler geworden. „Und dazu noch abenteuerlicher als früher. Wie schon erwähnt gehen wir immer mal wieder recht unterschiedlich vor, und oft wissen wir am Anfang eines Songs noch nicht, wohin sich dieser entwickeln wird. Auf der neuen Scheibe haben sich für unsere Verhältnisse eher kompakte und von der Länge her überschaubare Stücke ergeben, was untypisch ist, aber sich eben so ergeben hat. Möglicherweise wird das beim nächsten Album wieder völlig anders werden - wer weiß. Grundsätzlich sind wir sehr offen, was neue Formen des Songwritings angeht, und spielen gerne mit verschiedenen Möglichkeiten.“

Hilton weiter: „Der Zeitdruck ist heutzutage raus, denn im eigenen Studio hat man einfach die Zeit, Themen adäquat zu entwickeln, was für uns ideal ist. Wir haben den für uns perfekten Workflow gefunden, der die richtige Mischung aus angenehm, spannungsaufbauend und nachhaltig zielführend ist. Wir haben neben der alten Truppe natürlich auch zwei neue Songwriter an Board, mit einem jungen und hoch energetischen Drummer, den wir fordern und der uns gleichermassen anschiebt, sowie einen alten Weggefährten und gut ausgebildeten Bassisten, Arrangeur und Pianisten, der konzeptionell einen guten Gesamtüberblick und ein Händchen für freche Riffs hat.“

Am Songwriting für die neue Veröffentlichung der Band waren laut Aussage des Gitarristen alle Mitglieder beteiligt. „Absolut! Wir haben auch in kleineren Konstellationen experimentiert, da hier eine besondere Wechselwirkung in der Komposition auftritt und das Ganze eine enorme Abwechslung mit sich bringt. Denn unsere Einflüsse und Vorlieben sind zum Teil sehr unterschiedlich, werden aber im Gesamtverbund wieder zu homogenen Songs verarbeitet.“

Laut Christian erwartet die Hörer auf jeden Fall eine Reise durch verschiedene Stile und Stimmungen, immer mit einer eher negativen Grundstimmung und düsteren Atmosphäre unterlegt.

„Wir haben diesmal Wert auf einprägsame Refrains gelegt, untermalt durch eine Vielzahl an Backing-Vocals. Ich denke, daß jeder Death Metal-Fan, der etwas ‚open minded‘ ist, mit der neuen Scheibe etwas anfangen kann; zudem Leute, die eher auf Progressive stehen, aber auch Fans aus dem Gothic-Genre sollten mal offen reinhören.“

Eine Songauswahl im eigentlichen Sinne fürs neue Album gab es nicht von Seiten der Band, so Hilton. „Wir schreiben, und wenn der Zyklus unserer Ansicht abgeschlossen ist, kommen exakt diese Stücke, manchmal in nahezu chronologischer Reihenfolge aufs Album. Wir würden uns seltsam vorkommen, wenn wir einen Song nicht mit draufpacken würden, da wir im Vorfeld kritisch sind und während des Songwritings keinen Verschnitt produzieren.“

Dark Millennium legen 2018 Wert auf Flexibilität, Originalität, Atmosphäre und einen gewissen Anspruch, wie Christian proklamiert.

„Grundsätzlich machen wir die Musik, die wir als Fans selber gerne hören würden, und versuchen, uns so wenig wie möglich von möglichen Trends beeinflussen zu lassen. Ich vergleiche unsere Musik gerne mit einem Soundtrack zu einer Geschichte, in welcher der jeweilige Protagonist Höhen und Tiefen erlebt, und immer wieder mit neuen Situationen konfrontiert wird.“

Da er und der Rest der Gruppe sich nicht an den Werken anderer Künstler orientieren, gelten bei ihnen wohl eher unbewusste Einflüsse, lässt Hilton wissen.

„Einige von uns hören sogar vorwiegend keinen Metal, was mir in der Vergangenheit auch schon bei namhaften Kollegen auffiel, man hält sich so frisch und unbeeinflusst. Aber wenn, wäre es wohl der Bonus-Track, mit dem für mich persönlich ein großer Wunsch in Erfüllung geht, da ich einen großer Fan von Filmsoundtracks bin und unsere Musik hier noch einmal von einer anderen Seite gezeigt wird, und selbst für Nichtmetaller einen Reiz entfalten kann.“

Anschließend dreht sich das Gespräch um die hauptsächlichen lyrischen Inhalte des neuen Albums, und woher die Inspiration dazu stammt. Fiktionen, reale Bezüge? Laut Christian tatsächlich beides.

„Auf der letzten Scheibe habe ich viele Texte benutzt, die teilweise schon sehr alt waren und auf Beobachtungen und persönlichen Erlebnissen basierten. Bei ‚Where Oceans Collide‘ überwiegen fiktive Themen, die meiner Phantasie entsprungen sind oder auch von Büchern und Filmen beeinflusst wurden. Zudem sind einige Texte dabei mit realen Bezügen, bei denen ich versucht habe, mich in Personen hineinzudenken, die extremen Situationen ausgesetzt sind.“

In einigen Songs wie „In Equilibrium“ oder „The Lie Behind The Trust“ beispielsweise rechnet er in gewisser Weise, so fügt der Sänger an, mit verschiedenen Glaubenskonzepten ab, die seiner Meinung nach lebensfremd und schon fast pathologisch sind.

„Dies ist durchaus ein Thema, welches mich beschäftigt und bewegt. Generell geht es in fast allen Texten um verlorene Seelen, die in Ozeanen herumirren und aufeinandertreffen, wodurch eine neue Dynamik und neue Geschichten entstehen. Dieses grobe Konzept war mir ein wichtiges Anliegen, welches graphisch mal wieder sehr anschaulich von unserem Cover-Künstler Alex Freund umgesetzt wurde.“

Die Frage, worauf es Dark Millennium am meisten ankommen wird, wenn sie mit den neuen Stücken auf die Bühnen gehen werden, erfährt von Hilton eine zügige, entschlossene Antwort.

„Es ist uns wichtig, dass unsere Fans auf ihre Kosten kommen, und künftig auch noch ein paar besondere Stücke, die in der Form live nie stattgefunden haben, ihre Umsetzung bekommen. Für uns ist die Spielfreude ein wichtiger Faktor, der uns eben gerade für die neuen Stücke begeistert, die zum Teil mehr und direkter nach vorne gehen, als das alte Material. Deshalb wird es wohl auf eine gesunde Mischung hinauslaufen, in der wir alle Phasen unseres Schaffens behandeln.“

Mit Dark Millennium wird auch künftig definitiv fest zu rechnen sein, da ist sich Christian ganz sicher. „Wir haben uns entschlossen, unseren Weg weiterzugehen, haben eine sehr homogene Bandbesetzung gefunden, umrahmt von einem Kreativ-Team, welches uns begleitet, und zudem mittlerweile unser eigenes Studio, in dem wir flexibel arbeiten können, ohne jeden Zeitdruck. Also beste Voraussetzungen. Zudem gehen uns die Ideen keinesfalls aus, so daß noch einiges auf die interessierten Zuhörer zukommen wird. Und nicht ohne Grund haben wir ja erst kürzlich einen erneuten Plattenvertrag bei unserem alten Label Massacre Records unterschrieben.“

Wie Hilton den Informationsfluss würdig abzuschließen weiß, werden während der laufenden Album-Kampagne im Weiteren von den Beteiligten gespannt die Reaktionen besprochen sowie ein weiteres Song-Video sowie Vinyl vom Vorgängeralbum „Midnight In The Void“ veröffentlicht. 



„Und hoffentlich werden wir in diesem Jahr auch noch ein paar Mal live spielen. 2018 wird schnell vorüber sein, und wir freuen uns derweil auf wachsende Möglichkeiten und Interesse von neuen Fans und Kollegen mit denen man seine Leidenschaft für die Musik zelebrieren kann. Wir bedanken uns herzlich für das Interview und den Lesern fürs Interesse - bis bald!“

© Markus Eck, 06.08.2018

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