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Interview: CREMATORY
Titel: Harter Kern

Es gelingt den allerwenigsten Bands aus dem Gothic Metal-Bereich, sich immer wieder neu zu erfinden - geschweige denn, dabei auch noch qualitativ ein gewisses Level zu halten. Für die Pfälzer Pioniere stellt dies aber nach wie vor keine nennenswerte Schwierigkeit dar, wie sie mit dem neuen Album „Inglorious Darkness“ beweisen, welches am 27. Mai 2022 veröffentlicht werden wird.

Reduziert aufs musikalisch Wesentliche kehrt die weltberühmte Gothic Metal-Institution zurück. Seit 1991 sind Crematory als Band aktiv - und wer derlei drei Dekaden hinter sich weiß, ist gleichfalls unbeirrbar wie gefestigt und selbsttreu. Alles Attribute, welche Schlagzeuger und Sprachrohr Markus Jüllich dementsprechend optimal kategorisieren.

Zur primären Ausrichtung als auch den markantesten Nuancen des neuesten Albums „Inglorious Darkness“ befragt, erwacht in dem Mann schlagartig die für ihn typische kommunikative Mitteilungsfreude.

„Geil, fett, melodiös und mit so einigen Überraschungen! ‚Back to the Roots to real Gothic Metal‘ war unser Leitfaden für dieses Album, was wir meiner Meinung nach gut umgesetzt haben. Das markanteste Merkmal daran ist wahrscheinlich, dass wir diesmal so gar keinen cleanen Fremdgesang außer den klaren Vokallinien von Felix auf diesem Album haben - denn er wollte unbedingt mal wieder ganz alleine ein Crematory-Album einsingen, was er auch ausgezeichnet gemacht hat.“

Als der angeregte Dialog der beiden Namensvettern anschließend zur Bedeutung des nicht wenig inspirierenden Albumtitels übergeht, konfrontiert der Autor den Musikus zunächst mit einigem Sinnieren.

‚Unrühmliche Dunkelheit‘ … wollen die Genre-Vorreiter nun von der reinen Düstergotik eher ins erhellende Licht? Oder ist der Titel eher überdachend als Zuflucht vor alle diejenigen Underdogs gedacht, die nicht perfekt ins Gesellschaftliche passen und bei Crematory nun eine musikalische Heimstatt finden können? Fragen, denen der Schlagwerker sofort gerne antwortet:

„Ich denke dass es etwas von beidem ist. Felix kam mit dem Albumtitelvorschlag ‚Inglorious‘ zu uns ins Studio - und als er dies verkündete fiel mir sofort der Zusatz ‚Darkness‘ ein und somit hatten wir einen perfekten Albumtitel.“

Im direkten Vergleich zum 2020er Albumvorgänger „Unbroken“ liefert die wandelbare Formation auch diesmal wieder diverse neue Elemente im bestens bewährten Crematory-Grundsound auf diesem neuen Langspieler, so der - auch im aktuellen Gespräch noch immer herrlich energisch agierende - Kesselwart.

„Wo Crematory draufsteht ist auch Crematory drin. Das war schon immer so und so wird es auch bleiben. Wir haben mal wieder ein paar deutschsprachige Songs am Start als auch etwas progressivere Stücke mitsamt ‚Rock’n’Roll-Nummern‘ in der Tracklist. Ich finde, dass wir eine sehr abwechslungsreiche Platte gemacht haben, die aber unverkennbar Crematory ist.“

Der auch medial von den Urhebern so verkündete ‚Back to the roots‘-Schritt kam völlig ungezwungen zustande, so ist zu erfahren.

Markus gefällt die Umschreibung ‚Reduktion als Optimierung‘:

„Ja, so kann man das sehen. Wir haben uns keinen zweiten Gitarristen mit cleanen Vocals mehr geholt und sind zurückgekehrt zur alten Fünferbesetzung, genau so wie auch Felix das komplette Album alleine eingesungen hat.“

Connie Andreszka, von 2018 bis 2021 im Line-Up der Band, welcher laut dem Drummer ein hervorragender Musiker ist und ein Tonstudio sowie Songwriting für verschiedene Musiker am Bodensee betreibt, hat sich nämlich einer neuen Herausforderung gestellt, die leider zeitlich mit Crematory nicht vereinbar war.

„Für uns war sein Mitwirken auch finanziell nicht mehr möglich umzusetzen, denn er ist schließlich wie wir absoluter Vollblutmusiker und muss von der Musik leben, wofür wir auch volles Verständnis haben. Alles Gute Connie!“



Auch Bassist Jason Matthias hat sich entschieden, zukünftig als Techniker im Live-Betrieb zu arbeiten und das selbstständige Musizieren sein zu lassen. Markus lobt erneut:

„Auch Jason war und ist ein absolut professioneller Musiker und ein geiler Typ. Auch ihm natürlich alles Gute von uns!“

Für die Verbleibenden war es letztlich einfacher, in kleinerer Formation zu arbeiten, resümiert der sonnenbebrillte Trommelpeiniger. „Denn je weniger Fresser sprichwörtlich mit am Tisch sitzen desto einfacher ist alles zu handhaben - und vor allem muss man nicht mit so vielen Mitmusikern diskutieren. Viele Köche verderben den Brei und da ist es gut wenn ich dann als ‚Chefkoch‘ die Verantwortung übernehmen und auch Entscheidungen treffen kann.“

Die kompositorische Zusammenarbeit vollzog sich erneut zusammen mit Crematory-Gitarrist Rolf Munkes in seinen Empire Studios in Bensheim - dort wurde „Inglorious Darkness“ von Markus mit ihm produziert und arrangiert. Der Stockmeister bilanziert:

„Rolf ist einfach ein geiler Typ und ein hervorragender Musiker, der ganz genau versteht was ich mit Crematory umsetzen möchte und der mich dahingehend sehr kreativ unterstützt. Ich bin sehr froh, so einen Profi wie Rolf in meiner Band zu haben, denn so macht das Arbeiten richtig Spaß!“ 


Den ganzen Pandemie-Wahnsinn der letzten zwei Jahre haben Crematory bestmöglich gemeistert, so blickt Markus zurück.

„Denn wir haben uns auf das Schreiben neuer Songs konzentriert und uns das Leben so angenehm wie möglich gemacht. Wir haben ja keinen Stress, denn alle haben normale Jobs und wir machen die Musik zum Spass an der Freude, aber immer professionell. Da wir dadurch keinen finanziellen und zeitlichen Druck haben, konnten wir entspannt arbeiten. Wir haben immer so an den neuen Songs gearbeitet wie wir Lust und Zeit hatten, denn wir hatten ja keinen Druck. Ich glaube, dass es auch sehr wichtig ist entspannt zu arbeiten, denn dann bin ich am kreativsten und habe den meisten Spaß dabei. Nachdem klar war, dass wir die Tour zu ‚Unbroken‘ nicht spielen konnten und wir uns natürlich eine Beschäftigung für die freie Zeit suchen mussten, dachten wir, dass es eigentlich ganz gut wäre neue Songs zu schreiben - wobei ich auch ergänzend sagen muss, dass wir wirklich sehr kreativ während der ganzen Coronascheiße waren.“

Für den kommenden Release haben sich Crematory auf ihre Wurzeln besonnen. So gehen die wandelbaren Etablierten um Sänger Felix Stass damit in regelrecht komprimierter Form an den Start - ohne zweiten Gitarristen und ohne Zusatz-Vocals!

Auf Facebook verkündeten die Düstervisionäre ihr neuestes Motto bereits: ‚Back to the roots to real Gothic Metal!‘

Aufgenommen wurde das betont schnörkellose und auf den Punkt kommende Werk von August bis Dezember 2021 in den Empire Studios Bensheim, welche Crematory-Gitarrist Rolf Munkes gehören.

Der neuerdings sichtlich erschlankte Jüllich zeichnet für die Produktion verantwortlich, und auch dabei machte der versierte Schlagzeuger wieder gute Arbeit. Munkes machte sich anschließend im Januar an den Mix, Robin Schmidt übernahm in den Karlsruher 24-96 Mastering Studios seinen Part.

Wie bewertet der Drummer im Nachhinein die vorangegangene Studiozeit - eher stressig oder eher schön? 



„Einfach nur noch schön, denn mit Rolf zu arbeiten ist super entspannt und sehr kreativ. Die Empire Studios in Besheim haben ein besonderes Flair und machen das Arbeiten sowieso sehr angenehm. Ich fühle mich bei Rolf im Studio immer sehr wohl und arbeite immer mit viel Spaß mit ihm zusammen.“

Rolf und er verstehen und mittlerweile ohnehin fast blind, fügt Markus noch an: 



„Was es natürlich sehr angenehm für mich macht, da die Basics wie selbstverständlich von der Hand gehen und wir somit intensiver an den Details arbeiten können.“

Herausgekommen ist ein richtig fetter, schön zweck-zentrischer Sound, der mächtig und massiv nach vorne geht.

Die Gesamtspieldauer von „Inglorious Darkness“ beträgt eine gehörig erfrischende Dreiviertelstunde, die ebenfalls ohne viel (Wort)Tamtam zusammengestellte Tracklist liest sich wie folgt:

„Inglorious Darkness“, „Break Down The Walls“, „Trümmerwelten“, „Rest In Peace“, „The Sound Of My Life“, „Tränen der Zeit“, „Until We Meet Again“, „Zur Hölle“, „Not For The Innocent“, „Forsaken“ und „Das Ende“.

Dass der gleichfalls wuchtige wie typisch griffige Titelsong als Opener fungiert, lässt die neue Veröffentlichung gleich optimal durchstarten, Crematory führen damit auf die richtige Fährte. Zum Thema ‚Obligatorischer deutschsprachiger Crematory-Song auf einem Album‘ - diesmal coverten sich die Beständigen also ausnahmsweise sogar mal selbst und so gibt es den Kultsong „Tränen der Zeit“ zu hören.

Ja, „Tränen der Zeit“ - das mag vielen eisernen Followern der 1991 gegründeten Ausnahmeformation doch bekannt vorkommen - richtig, Crematory haben da ihren ganz großen Klassiker vom 1995er Album „Illusions“ tatsächlich komplett neu aufgenommen, diesmal mit deutschen Lyrics! Und das bestens bewährte Lied ist einfach immer wieder erhebend hörbar, Meister Felix’ voluminöse Gruftstimme passt auch bei dieser Version wie direkt auf Maß geschneidert.

„Wer könnte das wohl besser als wir selbst? Die Idee dazu hatten wir eigentlich schon letztes Jahr zu unserem 30-jährigen Bandjubiläum. ‚Tears Of Time‘ auf deutsch wurde nur einmal als Liveversion zum Bonustrack unserer damaligen ‚Remind‘-Abschieds-CD aufgenommen, aber bislang noch nie als regulärer Albumtrack veröffentlicht. Da ‚Tears Of Time‘ 1995 unser weltweiter Durchbruch war und wir dem Song so viel zu verdanken haben, dachten wir, dass es jetzt an der Zeit wäre ihm zu huldigen und eine deutsche Version dazu endlich mal als Albumtrack auf eine CD zu packen - was ja bereits auch schon jahrelang von den Fans so gefordert wurde. Wir hatten jetzt Bock darauf und haben es einfach gemacht, da wir der Meinung sind, dass jetzt der richtige Zeitpunkt dafür ist und es thematisch hervorragend zum neuen Album passt.“

Zu den thematischen Hintergründen der neuen Lieder befragt, gibt der Stockschwinger zu Protokoll:

„‚Inglorious Darkness‘ - die Angst vor dem Alleinsein und doch fühlt man sich in der Dunkelheit sehr wohl … sicher und vertraut. Die Dunkelheit beschützt.

‚Break Down The Walls‘ - der Text handelt von dem Spiel um den Stärkeren … es wird immer einen geben der stärker und besser ist … egal welche Regeln man brechen muss um ans Ziel zu kommen.

‚Trümmerwelten‘ - ein düsterer und erschreckender Blick in die Zukunft, der sich leider mittlerweile mit dem Russland/Ukraine-Krieg bewahrheitet hat.

‚Rest In Peace‘ - vergiss’ alle Sünden und all die Qualen … lebe dein Leben mit aller Hingabe und Herz - und wenn der letzte Tag gekommen ist, kannst du mit einem Lächeln abtreten.

‚The Sound Of My Life‘ - so wie der Titel es schon sagt … das ist die Musik die ich seit über 30 Jahre mit Liebe und vollem Herzen mache und das nimmt mir keiner mehr.

‚Until We Meet Again‘ - werden wir uns nach dem Tod wieder sehen und für immer vereint sein?


‚Zur Hölle‘ - die ewige Frage ob die Hölle existiert oder ob wir uns schon längst in einer selbst erschaffenen Hölle befinden.

‚Not For The Innocent‘ - sind die Schuldigen dieser Welt in Wirklichkeit unschuldig … oder die Unschuldigen die Täter? Werden die Falschen belohnt oder die Richtigen bestraft?


‚Forsaken‘ - vertraue niemandem - versuche immer deinem eigenem Herz und Verstand zu folgen.

‚Das Ende‘ - wenn alle Sünden und das ganze Leben in dem letzen Moment an einem vorüber ziehen. Hat man alles richtig gemacht oder alles vertan?“

Leider müssen Crematory ihre geplante Tour wegen der ganzen Corona-Auflagen und unkalkulierbaren finanziellen Risiken erneut um ein Jahr auf 2023 verschieben. „Was uns sehr leid und auch sehr weh tut, aber wir haben uns dazu entschieden, da wir Spaß haben wollen wenn wir ‚on the road‘ sind und keinerlei Einschränkungen hinnehmen wollen. Die Open Air-Festivals werden wir aber bespielen, denn wir wollen wieder auf die Bühne und gemeinsam mit unseren Fans feiern. Believe in Crematory and especially in you!“

© Markus Eck, 10.05.2022

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