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Interview: BLUES PILLS
Titel: Katalysator fürs Ich

„Eigentlich haben wir es für ‚Holy Moly!‘ genau so gemacht wie schon seit unseren Anfängen - ganz einfach das voll und ganz aus sich herauslassen, was einem gerade so innewohnt, was einen bewegt“, bringt Sängerin Elin Larsson das Credo und den Geist des neuen und wichtigen dritten Albums auf den Punkt.

Lange hatten sich die vielen Fans der skandinavischen Blues Rock-Institution seit dem erfolgreichen 2016er Vorgänger „Lady In Gold“ zu gedulden. Denn nachdem sich Blues Pills im November 2018 von Gitarrist Dorian Sorriaux trennten, mussten die Dinge intern schließlich erst nach und nach wieder sortiert werden.

„Es war letztlich eine harmonische Trennung, worüber ich wirklich sehr froh bin. Für unsere kommenden Konzerte verpflichteten wir letztes Jahr den Bassisten Kristoffer Schander“, lässt Elin wissen.

„Der Gute ist uns daneben auch ein echter und herzlicher Freund. Und somit wird sich unser Gründungsmitglied Zach Anderson live die Gitarre umschnallen, welcher zuvor noch den Bass emsig schrubbte.“

Dass die ungemein beliebten Schweißtreiber mit dem ausgeprägten 70er-Faible den ursprünglichen Veröffentlichungstermin ihrer neuen Scheibe wegen der vorherrschenden Pandemie von Mitte Juni auf 21. August verschieben mussten, tut ihr immer noch weh, lässt die Knackige mit eher gesenktem Tonfall wissen.

„Ja, man stelle sich vor, dass wir das Album ja bereits im Oktober letzten Jahres fertig hatten. Wenn es nun endlich im August erscheint, mussten wir fast ein Jahr darauf warten. Unerträglich, vor allem, wenn man so sehr für die eigene Musik lebt und sie so sehr liebt wie ich und die Band! Zum Glück im Unglück hat es sich zum Schluß hin nicht nochmals aufgeschoben“, schnauft die Dame ebenso lange wie hoffnungsvoll aus.

Was die derzeitige, ebenfalls krisenbedingt stark beeinträchtigte Konzertsituation angeht, so freut sich die Vokalistin auch schon immens darauf, endlich wieder Bühnenbretter so richtig zum Beben bringen zu können, wie mit spontan-quirliger Note bekennt.

„Ich muss einfach wieder auf die Bühne! Spätestens 2021 muss es doch wieder so richtig weitergehen - wir jedenfalls rechnen fest damit.“

Seit sechsten März können sich die weltweiten Blues Pills-Liebhaber an der Single „Proud Women“ erfreuen, der Song ist der Opener des Langdrehers.

„Das passte terminlich gut zum Anlass des Weltfrauentags. Der Track ist als kraftvolle und gezielt bekräftigende Hymne für alle Mädchen und Frauen dieser Welt gedacht. Man kann damit vieles intensiver erleben oder sich einfach aber auch nur Aufmunterung holen, wenn es nötig ist. Als ich den Song schrieb, ging es mir darum, an die Gleichwertigkeit und die wichtige Einheit von Mann und Frau zu appellieren. Ich fühlte das Thema so eindringlich in mir aufkochen. Nie war die Zeit reifer, denke ich, endlich mit der ganzen Heuchelei aufzuhören, und die Dinge diesbezüglich fair und ganz ehrlich anzupacken - und das sage ich mit gesundem, beileibe nicht überhöhtem Stolz.“

Elin knüpft flugs daran an: „Jeder weiß es doch genau beziehungsweise sollte es wissen: Frauen haben es noch immer ungleich schwerer im knallharten Musikgeschäft. Außer sie sehen sehr gut aus und werden dann als ‚hübsches Produkt’ so profitträchtig wie möglich verheizt. Die Beispiele dafür sind wirklich zahllos. Doch ist es daneben auch immens erfreulich, erleben zu dürfen, dass sich das Blatt so langsam aber sicher wendet, weibliche Präsenz wird mit jedem Jahr stärker und selbstbewusster. Für mich wiegen Beiträge von Frauen, die es mit ihren Liedern selbstbestimmt und unverstellt ‚geschafft‘ haben, ohnehin schwerer - eben deshalb, weil sie es auch insgesamt gesehen viel schwerer hatten als die Männer.“

„Holy Moly!“ kommt vordergründig ausgelassen und betont unbefangen rockend daher. Doch die Platte ist laut Elin ganz massiv geprägt von negativen und nachhaltig aufwühlenden Erfahrungen, so ist im Weiteren zu erfahren.

„Die Stücke entstanden allesamt in einer eher verzweifelten bis sogar depressiven Phase unseres Daseins. Verlust, Wut, Traurigkeit. Schlimm. Gerade ich habe da einiges durchmachen müssen. Ich bin sowieso eine Person mit einem für immer gebrochenen Herzen, da mache ich auch gar niemandem etwas vor, zu keiner Zeit. Ich fühlte das bereits als Kind in mir aufkommen. Leute, denen es ebenso geht, werden mich bestimmt verstehen. Schon immer, wenn ich mit mir alleine war, fühlte ich diesen tiefen, inneren Schmerz, wohl auch eine Art Weltschmerz ,der alle Denker und Träumer früher oder später unheilbar ereilt. Doch, ohne diese Gegebenheit könnte ich bei Blues Pills unmöglich so sein und so intuitiv, so selbstvergessen singen, wie ich es tue. Ich werde mit den Liedern immer eins, und das tut unsagbar gut. Jetzt kann man sich noch besser vorstellen, wie grenzenlos es mich plagt, quält und martert, so lange nicht mehr auf der Bühne gestanden zu haben.“

Doch im Interview klingt die Rockröhre alles andere als verzagt. „Yeah, Musik heilt halt das Gemüt! [lacht] Ich liebe die neuen Kompositionen aus tiefster Seele, sie stecken zugleich voller Hoffnung und Lebensbejahung. Sie geben verlorenen Geistern und Enttäuschten sozusagen ein komfortables Zuhause. ‚Holy Moly!‘ ist eine ziemlich vielseitige Sache, die einen werden wieder primär ein klassisch orientiertes Werk hören, während sich offeneren Menschen darüber hinaus so manche Nuance und Facette erschließen wird, die man leicht überhören kann. Gefühl ist dabei das Zauberwort, es geht auf voller Bandbreite von zart und sanft bis hin zum totalen Ausflippen! Das Album wächst tatsächlich mit jedem Hören, selbst ich erlebe es immer noch so.“

Als am zehnten April die zweite Single-Auskopplung „Low Road“ auch als Musikvideo erschien, war dies auch für die Sängerin ein sehr bemerkenswerter Tag.

„Ich weiß es noch genau, ich fieberte da voll mit“, erinnert sie sich herzlich lachend.

„Diese Nummer ist ohnehin eine der wichtigsten für mich auf dem Album. Es geht darin um den schlimmsten Feind, den man haben kann: sich selbst! ‚Low Road‘ beschreibt in eindringlicher Weise, wie man vor sich selbst davonläuft. Aber man entkommt nie, denn man nimmt die eigenen Dämonen ja immer mit, egal, wie schnell man sinnbildlich rennt und hastet. Eigentlich ist dies in der Tat allzu typisch für den menschlichen Geist, welcher neben vielen positiven und liebevollen Spektren sowohl bösartig als auch total verloren sein kann. Jeder erlebt das, keiner kann dem entfliehen - schon gar nicht auf der ‚Unteren Straße‘, darauf gibt es keinen Ausweg. Das eher rohe und kantige Lied live zu spielen, ist mich und die Jungs ein echter Hochgenuss. Mit Sicherheit einer der härtesten Songs, die wir je machten, die Musik passt so hervorragend zum textlichen Inhalt.“

© Markus Eck, 02.08.2020

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