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Interview: BETHLEHEM
Titel: Zum Dahinsiechen

Bereits seit der 1991er Gründung schon als eine der querköpfigsten Formationen im Dark Metal bekannt, kümmern sich die Nordrhein-Westfälischen Vorreiter nach wie einen Dreck um sämtliche Genrevorgaben.

Das neue Album mit dem auffordernden Titel „Lebe dich leer“ zeigt den kalt beklemmenden, dunkelhysterischen Sargsound der selbsttreuen Dickschädel in aller ureigenen Originalität.

Wie Bassist und Gesellschaftsflüchtling Jürgen Bartsch in seiner sprachlich unnachahmlichen Art zu berichten weiß, treibt ihn nach wie vor der spirituelle Umgang mit Musik im Allgemeinen am meisten an.

„Musik stimuliert die Hirse; es ist eine Droge. Und über Drogen muss ich nun wahrlich nichts mehr berichten. Ein wesentlicher Aspekt ist zudem die Tatsache, dass ‚der Bethlehem’ wieder zu einer richtigen Band geworden ist. Vorbei sind die Zeiten, als Bethlehem noch Bartsch und irgendwelche Gernegroß-Penner waren, die sich - außer für die Kohle - sowieso null für die Band interessiert haben. Wir sind wieder ein eingeschworener Zirkel geworden, der sich einheitlich den Gelüsten unserer ganz eigenen Interpretation des Heavy Metal hingibt. Sicherlich um auch weiterhin mit den Konventionen zu brechen, aber auch um den Heavy Metal voranzutreiben. Stillstand ist bekanntlich der Tod!“

Auf sein grundsätzliches Selbstverständnis inmitten der ganzen Legionen von Dunkelstahltruppen angehauen, verfinstert sich die Miene des Ultralässigen noch mehr.

„Wir haben keine Konkurrenten. Bethlehem steht für sich ganz alleine, niemand klingt so wie wir. Konkurrenz wäre zudem nur dann ein Thema, wenn wir wirtschaftlich von dieser Band abhängig wären. Sind wir aber nicht. Das Ganze geht nach wie vor halbwegs ohne finanzielle Interessen vonstatten. Deshalb brauchen wir uns auch echt nicht den Kopf um Konkurrenten zu machen, die uns möglicherweise unser Butterbrotgeld klauen wollen. Ich bin auch kein ‚Experimental Black Doom Metaller‘ sondern ein Heavy Metaller. Das war ich schon immer so und wird wohl auch immer so bleiben.“

Insgesamt erachtet Bartsch musikalische Kategorisierungen ohnehin als völlig albern und belanglos, wie er klarstellt. „Wir haben 1994 mit unserem Debütalbum die ‚Katalogisierung‘ unserer Musik bereits vorgegeben. Wenn das nicht reicht, können wir den Schmonzetten-Heinis sowieso nicht weiterhelfen. Nischenmusik ist grundsätzlich niemals einzuordnen und darauf kommt's ja auch überhaupt nicht an. Sondern ausschließlich auf: ‚Bethlehem finde ich geil‘ vs. ‚Bethlehem finde ich scheiße‘. Und fertig.“

Bei Bethlehem scheint sich immer noch fast alles um (Frei)Tod und Wahnsinn zu drehen. Es wird lakonisch abgewunken: „Ja, klar lebe ich dennoch sehr gerne. Sonst hätte ich ja bereits vor Jahrzehnten den Löffel abgegeben. Ich bin ein positiver Mensch, der Spaß am Leben hat und der immer noch der größte Schmecklecker von allen ist. Mit allen Facetten und Nuancen. Schwermut überfällt mich mitunter zwar ebenfalls, aber das ist niemals von Dauer. Mein künstlerischer Ausdruck ist das exakte Gegenteil, ich sehe darin aber auch überhaupt keinen Widerspruch. Die künstlerische Selbstverwirklichung ist bei allen Bethlehem-Alben gleich. Da sind wir nach wie vor völlig kompromisslos! Was auch sonst?“

So hat er längst Abstand davon genommen, textliche Inhalte zu erklären.

„Das bringt rein gar nichts. Genau genommen verhält sich das wie mit unserer Musik: man findet sich in den Texten wieder oder eben nicht. Erklärungen helfen da auch nicht weiter. Es geht um Suizid, Wahnsinn und Tod. Mit dem Bethlehem stirbt es sich immer am schönsten!“

Die Inspirationen für „Lebe dich leer“ wurden grundsätzlich aus rein persönlich motivierten Gründen bezogen, wie zu erfahren ist.

„Das sind aber bei mir nicht immer reale Bezüge, sondern können auch Visionen oder Albträume sein. Visionen insofern, dass diverse, beschriebene Ereignisse erst viel später eintreten. Eine Art sechster Sinn - ich weiß nicht, woher das rührt. Texte ‚schreiben‘ ist ein rein spiritueller Vorgang und geschieht unterbewusst. Sobald ich über Texte nachdenke, ist Feierabend. Ich habe bereits stundenlang auf ein weisses Blatt Papier gestarrt und bin in der Hirse Achterbahn gefahren. Das funktioniert so nicht. Die Texte für Alben wie ‚Dictius Te Necare‘ zum Beispiel habe ich an einem Stück verfasst. Ein steter Fluß ist das gewesen, ohne auch nur einen bewußten Gedanken daran verschwendet zu haben.“

Die aktuelle- sowohl auch finale Bandbesetzung ist die beste seit der Gründungszeit, so wird verkündet. „Uns alle vereint die Liebe zum Bethlehem, diesem geben wir uns bedingungslos hin und zelebrieren ihn nach Kräften. Basierend auf einer tief freundschaftlichen Ebene, die dem Ganzen einen persönlichen Ausdruck verleiht. Wir lieben das, was wir tun. Dafür leben wir!“

Die (Zusammen)Arbeit für „Lebe dich leer“ funktionierte absolut reibungslos, lobt Bartsch. „Unser russischer Meister des ultimativen Songwritings hatte das Album bereits im Gepäck, bevor dessen Vorgänger in den Läden stand. Normalerweise schieben Karzov und ich uns unsere Ideen über das Internet hin und her, aber beim aktuellen Album war das nicht mehr nötig und leichte Änderungen wurden von mir dann nur noch während der Produktion im Tonstudio vorgenommen. Karzov lebt den Bethlehem mit jeder Faser seines Körpers und setzt den Bethlehem-Spirit perfekt in Musik um. Er ist definitiv der Haupt-Songwriter unserer Band geworden, auch wenn die Songs von der Bonus-CD noch aus meiner Feder stammen. Diese neue Situation hat zusätzlich bewirkt, daß Bethlehem zu einem geschlossenen System geworden ist, das auf einer kollektiven Leistung basiert und diese auch genauso kommuniziert.“

„Lebe dich leer“ wird ab dem 17. Mai zu haben sein. Wie fühlt sich das für Bartsch an?

„Großartig natürlich. Jedes einzelne Bethlehem-Album liebe ich abgrundtief. Zudem können wir gleich doppelt feiern, denn im April kommt das neue Darkened Nocturn Slaughtercult-Album 'Mardom' raus. Ein wahres Fest in diesem Jahr!“

Auf eventuelle neue stilistische Elemente, kompositorische Nuancen etc. angesprochen, die auf „Lebe dich leer“ zu hören sein werden, versteinern sich die Gesichtszüge des außergewöhnlichen Zeitgenossen schlagartig, bis hin zur Grimmigkeit. Er holt somit weit aus:

„Es gibt kein ‚Bethlehem as usual‘, das gab's noch nie - oder kennst du unsere Alben etwa nicht? Jedes Album - außer vielleicht der Trilogie - steht für sich selbst und ist eine Momentaufnahme, die so niemals mehr wiederholt wird beziehungsweise nicht wiederholt werden kann, denn das Rad dreht sich weiter. Wir leben sowieso nicht in der Vergangenheit und haben auch absolut nichts mit diesen Hippies zu tun, die unermüdlich im Internet nach den alten Recken schreien. Für ‚Lebe dich leer‘ hatte ich produktionstechnisch eine neue Vision, ich wollte ein transparenteres Album als die Vorgänger für die Band produzieren. Ohne digitalen Firlefanz wie beispielsweise Snare-Sample oder Kick-Trigger. Wir haben zwar immer ein echtes Drumkit aufgenommen, aber diesmal sollte es dynamischer klingen. Wie von einem echten Drummer gespielt und keiner Maschine. Obwohl Torturer auch so schon wie eine Maschine klingt. Das Gleiche wurde mit den Gitarren und dem Bass veranstaltet. Die Vocals haben ausser einem leichten Hall auch sonst nichts bekommen und klingen sowas von natürlich. Überhaupt klingt die komplette Produktion sehr natürlich. Wir könnten uns für zukünftige Alben auch vorstellen, wieder wie in den 60ern oder 70ern zu recorden. Live und alle zusammen in einem Raum. Spieltechnisch ist das sowieso längst kein Problem mehr. Für ‚Lebe dich leer" waren wir gleich in zwei neuen Tonstudios, die auf analoge Aufnahmeverfahren spezialisiert sind. Gegen vorherige Bethlehem-Alben ist zwar rein gar nichts einzuwenden, dennoch wollten wir uns die Vorzüge einer analogeren Produktion zu eigen machen. Weg von den ganzen virtuellen Tools und hin zu hardwarebasierten Kompressoren und Zeugs. Bevor der ganze Technikbläh zu langweilig wird: Onielar hat zudem ihre klare Stimme herausgearbeitet und viel mehr mit dieser experimentiert als noch beim letzten Mal. Und ich selbst habe die Electronics diesmal mehr in den Vordergrund gemixt, als sie wie sonst üblich in die Songs einzumixen. Mal was anderes, das auch noch großartig zu den Atmosphären der Songs gepaßt hat.“

Zu nennenswerten musikalischen Einflüssen, die in den neuen Stücken ihre Facetten haben, kann der Finstermann pauschal nichts sagen. „Wir bedienen nun schon so lange an unserem eigenen Stil, dass sowas höchstens unterbewußt passiert. Ich kann mir aber vorstellen, daß Ilya Karzov mitunter von seinen eigenen Bands Bog Morok oder Morguenstern inspiriert wird, für die er die komplette Musik ebenfalls im Alleingang schreibt. Aufgefallen ist mir jedoch, dass ‚Wo alte Spinnen brüten‘ wie ein Mix aus Black Sabbath, Iron Maiden und Muse klingt. Allerdings lässt der extrem tiefe Sound von Karzovs runtergestimmter Achtsaiter-Axt Black Sabbath eher alt aussehen. Uralt. Jazz ist diesmal ebenfalls verbaut worden. Bei ‚Aberwitzige Infraschall-Ritualistik‘ sowohl als auch ‚Bartzitter Flumgerenne‘.“

Als es an beziehungsweise um den Faktor ‚Bartschs Künstlerische Identität 2019‘ geht, muss er, ausnahmsweise, zunächst lachen.

„Die ist mir nicht nur 2019 wichtig, sondern grundsätzlich. Andere nachzuäffen ist doch der größte Kindergeburtstag schlechthin. Das war einst die große Stärke des (Neo)Black Metal. Jede Band klang Anfang der 90er anders, das hat es einfach ausgemacht und die satanische Befindlichkeit zum Ausdruck gebracht. Das ganze, darauf folgende Nachgeäffe bis zum heutigen Tag hat den Herrn & Frau Satan sicherlich überhaupt nicht mehr amüsiert! Für diesen Klamauk geht's schnurstracks in den Himmel! Zu den ganzen anderen Angepassten.“

Unvermeidliche Meinungsverschiedenheiten, Zwist und verletzte Gefühle im Band-Dasein gibt es bei Bethlehem nicht, so wird proklamiert. „So etwas gibt's bei uns nicht mehr. Wir stehen alle geschlossen hinter dem, was wir tun. Früher war das tatsächlich anders, wir haben das aber immer recht lässig gelöst und uns gepflegt eins auf die Schnauze gehauen.“

Konzertbesucher im Schwarzmetallbereich, die sich anscheinend selbst und offenbar auch die Musik an sich oft nicht ernst genug nehmen und das Ganze nur als reine ‚Bespaßung‘ beliebig konsumieren, kümmern den Stoischen nicht im Geringsten. „Keine Ahnung. Ist mir ehrlich gesagt auch völlig Latte. Hauptsache, die haben dafür gezahlt.“

Wenn Bartsch mit den neuen Bethlehem-Songs alsbald auf die Bühnen steigen wird, will er primär mit den Leuten zusammen den Dark Metal zelebrieren. „Ausflippen, heulen, zetern und morden. Denn so ist das bei Bethlehem-Live-Shows immer. Allerdings hauptsächlich im Ausland, denn wir spielen ja sowieso kaum in Deutschland. Wir haben uns übrigens verstärkt. Velnias von Darkened Nocturn Slaughtercult spielt die zweite Achtsaiter-Axt bei unseren Gigs.“

© Markus Eck, 01.05.2019

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