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Interview: AD INFINITUM
Titel: Opulente Bandbreite

Das ausdrucksstarke Schweizer Ästhetenquartett um Sängerin Melissa Bonny legt ambitioniert nach - und „Chapter II: Legacy“, das dritte Langwerk, überrascht vielfach positiv! Derart eigenständigen, facettenreichen und vielfältigen Symphonic Metal sucht man im Genre oft vergeblich, zumal mit solch’ formidabler Gitarrenkunst. Ad Infinitum aber, hungrig und mutig, loten die Grenzen nicht nur gekonnt aus, sie sprengen sie mit regelrecht eruptiver Spielfreude.

„Streng gesehen ist es natürlich nach ‚Chapter I‘ und ‚Chapter I Revisited‘ das dritte Album, wir sehen es aber als unser zweites Album und nannten es deswegen auch ‚Chapter II Legacy‘“, erläutert Tieftöner Korbinian Benedict.

„Das neue Album bietet den Hörern einen tiefen Einblick in unsere kreative Welt. Wir haben das ganze Werk selbst geschrieben und auch selbst produziert, so dass jeder Song auch ganz genau so werden konnte, wie wir es wollten. Die Kompositionen sind düsterer, ein bisschen härter und auch moderner. Trotzdem hört man aber natürlich immer noch den Ad Infinitum-Sound.“

Der - oft herrlich kraftvolle - Stil des außergewöhnlich dynamischen Vierers ist ziemlich ungewöhnlich. Der Bassist legt dar:

„Unser Sound entsteht durch die Zusammenführung all unserer persönlichen Geschmäcker, Charaktere und jeweilig favorisierten Stile. Wobei letztere aber nicht nur auf Metal allgemein begrenzt sind. Wir lieben alle Metal, aber jeder hört über den Tellerrand hinaus andere Genres. Sei es Rock, Blues, Pop, Jazz, Klassik oder Filmmusik. All das lassen wir in unseren Sound und ins Songwriting einfließen.“

Beglückwünschen möchte man diese Schweizer Spitzenkönner zu „Afterlife“ feat. Nils Molin - ein prächtiger Song! In welcher Stimmung schreibt man so ein Lied, werden sich viele fragen. „Die erste, sehr rudimentäre Grundidee entstand an einem dunklen Herbstabend und wurde dann von uns allen zusammen überarbeitet, ausgearbeitet und verfeinert bis dann schließlich das fertige Ergebnis da war.“

Auch „Unstoppable“ baut sich rasch zu einer verdammt guten Nummer auf, inklusive herrlichem Gitarrensolo. Befragt, wie intensiv Ad Infinitum ihre neuen Stücke geprobt haben, bis sie so dermaßen gut ins Ohr flutschen, informiert Korbinian:

„Die Songs für ‚Chapter II‘ entstanden während der Corona-Pandemie und den Lockdowns 2020. Deswegen konnten wir uns leider nicht persönlich treffen, um die Songs im Proberaum auszuarbeiten. Wir schrieben die Lieder über Skype und Wetransfer. Das hat ganz ausgezeichnet funktioniert. Als wir uns dann 2021 endlich mal wieder treffen konnten, haben wir die Stücke natürlich dann für die Live-Shows intensiv geprobt.“

Tatsächlich war der gesamte Songwriting-Prozess für dieses dritte Album sehr intensiv und produktiv, wie zu erfahren ist.

„Tiefs gab es da gar nicht. Im Gegenteil, wir waren sehr überrascht über den guten Flow. Wir konnten uns trotz der Entfernung bestens gegenseitig inspirieren.“

Einen Maincomposer haben Ad Infinitum nicht, sagt Korbinian, denn ein jeder aus der Gruppe gibt seinen Input.

„Natürlich muss immer eine Person eine Initial-Idee für einen Song liefern. Sei es Melissa, die einen Refrain geschrieben hat, oder wir Instrumentalisten, die direkt ein komplettes Arrangement in die WhatsApp-Gruppe schicken. Am Ende fügt jeder seine Ideen ein und jeder hat die Möglichkeit Ideen einzubringen.“

Von reibungsloser Teamarbeit hält der Musikus nicht viel. Denn: „Ohne Reibung ist es kein kreativer Prozess. Und das ist auch gut so. Die Reibung war aber auf gar keinen Fall negativ sondern im Gegenteil höchst positiv.“

Da den Autoren auch die weiteren Soli von Adrian Thessenvitz hochgradig begeistern, liegt die Frage nahe, wie man eigentlich an den Saiten so versiert und perfekt sein kann. Es folgt berechtigtes Kollegenlob:

„Adrian ist ein unfassbar talentierter Künstler. Was aber gerne übersehen wird, dass er auch genauso fleißig ist und wirklich sehr viele Stunden geübt hat - und das auch immer noch täglich macht!“

Visionär, (wage)mutig, unerschrocken, sehnsüchtig und partiell philosophisch bis hin zu betont emotionalen Ausbrüchen - alles Attribute der neuen Songs. Der Bassist nickt:

„Ungefähr so kann man das ausdrücken. Wir alle sind geschulte Musiker - aber wir achten beim Songwriting nicht nur auf theoretische oder vertrackte Details. Am Ende soll kein Song ‚kaputt-gedacht‘ wirken. Wir wollen schon, dass es wie aus einem Guss klingt und die Nummern direkt ins Herz treffen. Schließlich stehen wir allesamt zu dem, wie und was wir sind; und vor allem stehen wir zusammen füreinander ein – wie ein Band halt sein sollte. Künstlerische Identität ist uns sehr wichtig. Wir sind eine eigenständige und - hoffentlich authentisch wirkende - Band und darauf sind wir auch stolz. Es gibt im gesamten Musikbusiness sehr viele langweilige und gleichklingende Acts. Es ist schön und gut da herauszustechen.“

Für Ad Infinitum zählen daher laut Aussage des Tieftöners Authentizität, Unverwechselbarkeit.

„Sowie gute, intelligente, emotionale Texte. Auch bereits im Songwriting achten wir darauf, dass unsere Songs uns Spaß machen zu spielen. Wahrscheinlich deswegen sind jetzt auch mehr knackige Breakdowns dabei, oder Djent-artige Riffs. Melissa gelingt es auch wirklich gut, darüber sehr eingängige Melodien zu schreiben. Das bewirkt, dass die Songs einem noch lange im Kopf bleiben – das ist mitunter das Wichtigste. Wir haben uns natürlich auch andere Bands angehört, die in Teilen ein paar der neuen Songs inspiriert haben. Am Ende klang es aber doch immer ganz anders. Die stärksten neuen Einflüsse kommen generell aus dem Metalcore, Djent und Symphonic Metal.“

Die neuen Songtitel lassen auf poetischen als auch philosophisch orientierten Umgang mit düsteren bis dunklen und auch epischen Aspekten des menschlichen Daseins schließen. Korbinian hierzu:

„Die dunklen Aspekte des Daseins sind einfach so viel ergiebiger und spannender als das Oberflächliche. Im Bezug auf das neue Album war es sehr reizend die verschiedenen Facetten von Vlad Tepes zu beleuchten und den Hörern auf emotionale Art näher zu bringen. Wir wählten Vlad Tepes / Dracula aus, weil er ein faszinierender Charakter war. Für manche war ein Held, für andere ein Tyrann und für die meisten war bzw. ist er der Ursprung über den Mythos der Vampire. Dieser Konflikt macht ihn zu einem guten Thema für ein Album.“

„… Chapter …“ ist in allen bisherigen Albumtiteln der Formation zu finden - die Ideen dazu kamen von Vokalistin Melissa, so der Bassist. „Wir alle finden es interessant unsere Alben wie eine Bücherreihe zu sehen. Dennoch haben wir beim Schreiben von ‚Legacy‘ festgestellt, dass es uns auch viel Freude macht, mit Traditionen zu brechen. Insofern sind wir alle gespannt, welche Konzepte wir uns für kommende Musik einfallen lassen werden.“

© Markus Eck, 13.10.2021

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