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Special: REVEREND
Titel: Zeitlose Kostbarkeit

Als 1988 die Power Metal-Welt für so manchen eisernen Stahlfanatiker unterging, sprich, die mittlerweile in recht trauriger Erinnerung stehenden und doch legendären US-Metaller Metal Church aus San Francisco ihren Ausnahmesänger und wichtigsten Sympathieträger David Wayne feuerten, machte nachfolgend ein unorthodoxer Würdenträger der abstrakten, besonderen Art die hörige Metal-Gemeinde auf sich aufmerksam: Reverend David Wayne.

Metal Church wollten nach ihren beiden Hammeralben, dem Debüt „Metal Church“ und dessen Nachfolger „The Dark“ mit allen Mitteln den ganz großen Erfolg – wobei Wayne als „unkommerziell“ klingender Shouter diesem zweifelhaften Vorhaben nach einstimmiger Meinung der restlichen Bandmitglieder im Weg stand. Doch der Reihe nach: Während der Produktion des Heretic-Albums „Breaking Point“ stieß Metal Church-Gitarrist Kurdt Vanderhoof auf deren Sänger Mike Howe. Man verstand sich prächtig.

Heretic hatten einige Zeit zuvor (1986) ein gutklassiges Minialbum namens „Torture Knows No Boundary“ veröffentlicht und nestelten gerade am Fulltime-Nachfolger herum, als dem offenbar zu dieser Zeit debilen Kurdt der verwerfliche Gedanke in den Schädel schoß, unseren prächtigen Schreihals David durch eben Mike Howe zu ersetzen. Diese fixe Idee wurde dann auch flugs in die Tat umgesetzt.

Doch Vanderhoof hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Schäbiger Verrat an Kumpeln zahlt sich nämlich niemals aus. Und so wurden alle weiteren Metal Church-Scheiben richtige Rohrkrepierer, während der tapfere Wayne, niemals aufgebend, mit zwei starr hochgestreckten Mittelfingern - man hatte ihm ja nun mittlerweile schon zum zweiten Mal seinen Posten gekündigt - im Hopserlauf den auch abermalig ihres Sängers verlustig gegangenen Heretics im gerechten Tausch beitrat.

Der seltene Glücksfall in der Musikbranche, er trat ein. Aber er war einseitig: Heretic konnten zu diesem Zeitpunkt nämlich ja noch gar nicht ahnen, dass sie nun nach ihrer leidigen Pechsträhne einen sinnbildlichen Sechser mit Zusatzzahl gelandet hatten. Einige Zeit zuvor desertierte nämlich ihr erster Vokalist Mike Torres zu den melodisch agierenden Speed-Freaks von Abattoir.

Und so fand sich Wayne inmitten seiner neuen Truppe überraschend schnell im harmonischen Konsens wieder. Und sie gründeten Reverend. Den Bandnamen adaptierten sie vom predigerischen Spitznamen Waynes. Mit den Musikern Dennis Ohara am Bass, den beiden Gitarristen Brian Korban und Stuart Fuji samt Drummer Scott Vogel veröffentlichten Reverend 1989 dann ihr legendäres und heutzutage recht rares, selbstbetiteltes Debüt-Minialbum auf dem Indie-Label Caroline Records.

Ein Anfang war getan. Der Release riss mich zwar damals noch nicht zu den funken sprühenden Begeisterungsstürmen von heute hin, ließ aber schon mal deutlich vermuten, was man von Reverend künftig noch zu erwarten hatte. Hervorhebenswert speziell der vierte und letzte Track „Ritual“, ein wirklicher Hit, der eine wirklich geniale Hookline aufweist, welche einen blitzartig an der Gurgel packt – und mit aller Kraft zudrückt. Schon 1990 stand dann der erste reguläre Longplayer „World Won´t Miss You“ in den Regalen gut sortierter Plattenläden, nun auf Charisma Records. Mit einem zwischenzeitlich erfolgten Wechsel an den Fellen: Rick Basha kam für Scott Vogel, der vermutlich vor lauter Üben – Waynes Anordnung – vermutlich einen ebensolchen (Vogel) bekam und entnervt gemütlichere Sitzplätze als den Drumschemel bei Reverend anvisierte.

Das leider selten dämliche Frontcover verblasst augenblicklich, wenn man den megageilen Opener „Remission“, ein echtes Power-Speed-Metal-Lehrstück, mit voller Lautstärke in die Räumlichkeiten seiner Behausung pustet. Was für eine mitreißende Komposition. Auch viele Jahre später bläst der Song noch einen überwiegenden Großteil vergleichbarer Acts mit Windstärke zwölf auf und davon in die Vergessenheit. Perfekt instrumentalisiert, mit völliger Liebe an diese Musik dargeboten, von wirklichen Könnern ihres Fachs zelebriert. Wayne besitzt hierauf wirklich eine alles überstrahlende Jahrtausendstimme und schneidet einem gleich mit seinem ersten eröffnenden Schrei auf „World Won´t Miss You“ die Trommelfelle blutig.

Kein Zweifel: Das Reverend-Debütalbum war beziehungsweise ist ein erstklassiges Thrash-Power-Metal-Meisterwerk, dass recht schnell verdeutlicht, dass Waynes superbe Röhre einfach einmalig und auch unersetzlich ist. Stichhaltige Parallele: Warrel Dane von Sanctuary beziehungsweise Nevermore. Diese gesangliche Power, dieses bebende Timbre hatten wenige.

„Wer sucht der findet“ sagt ein altes deutsches Sprichwort. Hier verliert es wohl erstmals seine Gültigkeit. Denn nicht mal ein krankhafter Pedant und Erbsenzähler findet hier noch was zu mäkeln. Alles pures akustisches Nitroglyzerin. Ausschließlich schneidende, rasiermesserscharfe Gitarrenläufe mit Treiberqualitäten von Brian Korban, die immer ganz genau zu wissen scheinen, wann sie aus dem eigentlichen Sklavendasein einer Akkordschleuder zu brillanten, knackigen Licks hochtauchen müssen. Intelligent assistiert von präzisem Schnellfeuer pumpender Drums und in die Magengrube wandernder Bass-Attacken.

Einzig wirklich noch gesondert erwähnenswert sind die Tracks „Rude Awakening“, „Gunpoint“, „Killing Time“ und „Eleventh Hour“. Besonders „Gunpoint“ stellt eine der allerbesten Kompositionen dar, welche ich im gesamten Metal-Bereich jemals gehört habe. Echte Vorschlaghämmer, an denen man sich schier nicht mehr satt hören kann.

Mit „Hand Of Doom“ ist auch noch ein gelungenes Black Sabbath-Cover mit an Bord. 1991 erschien dann endlich die Nachfolgescheibe „Play God“, diesmal mit einem wirklich bombigen Albumcover versehen. Für frischen Wind sorgten die beiden Neuzugänge in der Band, Bassist Angelo Espiro und Drummer Jason Ian. Und wieder hatten Reverend einen lupenreinen Album-Hochkaräter im Sack.

Noch komplexer und gleichzeitig noch eingängiger als zuvor, noch ausgereifter produziert, ist diese traumhafte Thrash-Power-Metal-Veröffentlichung als echter und ewiglicher Meilenstein dieses Genres zu werten. Diesmal war sogar erstmalig eine selten schöne Ballade dabei, bei der die Realität für einige Minuten jegliche Relevanz zu verlieren scheint. Aber auch sonst mischen sich einige anmutige Momente, die schmeichelnd angenehm kontrastieren, unter die sonst recht hart riffenden Gitarrenduelle auf „Play God“. Alles noch gekrönt durch den letzten Song „Far Away“, ein zum wollüstigen Schwelgen verleitender Epilog einer echten schwermetallischen Perle.

Im Hochsommer 1992, auf dem Höhepunkt der globalen Death-Metal-Trendwelle, erschien als letztes Lebenszeichen ein Live-Minialbum von Reverend. Dieses ist voll von selten gekannter, ungestümer Wucht und spielerischer Dynamik. Sechs Knaller aus den Vorgängeralben sind darauf vertreten, dargebracht mit ekstatischer Spielfreude. Einschließlich Neuzugang Ernesto F. Martinez zur kompetenten Verstärkung an den Äxten für den aus den üblichen Gründen getürmten Stuart Fuji.

© Markus Eck, 14.09.1996

Photo Credit: Reverend

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