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Special: CANDLEMASS
Titel: Ewiger Kult

Einer der besten; nein, der allerbeste und leider auch am meisten unterbewertete Doom-Metal-Act waren beziehungsweise sind Candlemass.

Aus den sterblichen Überresten der Band Nemesis, die nach einer heute in der Originalpressung zur mittlerweile gesuchten Rarität avancierten Mini-LP schon wieder aufgelöst wurde, gründete Mastermind Leif Edling sein neues musikalisches Kind, welches im folgenden eine angemessenen Würdigung erfahren soll. Formiert wurde die Band unter forciertem Einfluß einer der größten Metal-Legenden aller Zeiten, Black Sabbath. Aus dem Jahre 1985 ist die Kooperation mit dem französischen Label Black Dragon Records überliefert, welches sich nach dem Hören der Demos diesen verheißungsvollen Newcomer ohne mit der Wimper zu zucken krallte.

Die schwedische Band mit dem bezwingenden Namen warf alsbald 1986 ein Jahrtausend-Debüt mit dem klangvollen Titel „Epicus Doomicus Metallicus“ auf den seinerzeitigen schwermetallischen Musik-Markt, der auf ein solch' hochqualitatives Meisterwerk, und ein solches war der formidable Einstand der Schweden um Bandleader Leif Edling ohne Zweifel, anscheinend in keiner Weise vorbereitet war.

„Doom Metal“, also Heavy Metal der härteren Gangart in bewußt etwas langsamer gehaltener Spielweise dargeboten, war zu dieser Zeit den wenigsten Metalheads ein geläufiger Begriff. Nun, Doom bedeutet im englischen soviel wie schicksalsvolles Verhängnis oder auch Untergang; auch Deutungen wie Verurteilung oder Verdammung treffen die Bedeutung ganz passend, und exakt solcherlei Stimmung erzeugte der abartig düstere und depressive Sound des damaligen Trios auch.

Dieses Debütalbum, welches auf ewig einen unangefochtenen Sonderstatus in dieser Branche einnimmt, ist ohne jegliche Übertreibung als eine der besten und zeitlosesten Metal-Scheiben überhaupt an sich zu werten.

Gleich das ebenso profane wie gleichermaßen geniale und bestechende Cover-Artwork konnte das Auge enorm erfreuen. Hier war ohne Zweifel außerhalb der gängigen Szenen und deswegen von den seinerzeitigen Trends fast schon hermetisch abgeschirmt eine ebenso eigenständige wie einzigartige Band herangereift, die mit einem wirklich bis dato und auch bis heute seinesgleichen suchenden Stil vom Fleck weg restlos begeistern konnte. Schon der Opener „Solitude“ läßt doch alles andere aus dieser Richtung bisher vernommene verblassen.

Man muß es einfach gehört haben. Eingeleitet durch elegisch-melodische Akustikgitarrenklänge, die schon bald nach der begleitenden Keyboard-Introduktion zu einem tonnenschweren und sich wie Lava aus den Speakern wälzenden Doom Vollstrecker mutieren, stellt sowohl dieses als auch die nachfolgenden Stücke das Beste aus dieser Richtung dar, das jemals veröffentlicht wurde. Mit einer fast schon sakralen Grundstimmung und einer unerhörten Portion Melancholie schritten Candlemass auf dieser Platte zur Tat, die man auch nach dem hundertsten Abspielen ob ihrer Einzigartigkeit noch genußvoll und verzückt genießen kann.

Ausnahme-Sänger Johan Langquist erwies sich als i-Tüpfelchen auf diesem wahrlich sensationellen Release, der als unduplizierbar gilt und den man damals aus Schweden in dieser dramatischen Qualität auch beileibe nicht erwartet hatte. Mit seiner glockenhellen und auch ein wenig weinerlichen Vokalisierung konnte er ein Hörerlebnis der besonderen Art ermöglichen. Leider sollte sein Einsatz auf dem eruptiv kulminierenden Erstling der einzige im Dienste der Band bleiben. Doch dazu später noch mehr. Auch Stücke wie das achtminütige „Demons Gate“, das mit prächtigen Double-Bass-Parts garniert wurde als auch „Crystal Ball“, „Under The Oak“ und der letzte Song, „A Sorcerers Pledge“ paralysieren den Hörer regelrecht. Gerade der letzte Song verführte mich mit seinem zuckersüßen Ausklang, der mittels einer weit in die ewige Nacht hinaus hallenden Feenstimme seine finale Entsprechung findet.

Auch die schwer von Fantasy-Themen beeinflußten Lyrics stellten ein Novum in der mit dieser Stilistik vorgetragenen Musik dar. Man atmet und fühlt die Songs regelrecht, die sich über das Studium der Texte erst so recht erschließen. Eine Kapitulation scheint unvermeidlich. Für mich gab es damals jedenfalls keine Rettung mehr - für mich war es nach dem Lauschen dieser famosen Pretiose nämlich bereits zu spät. Ich wurde Fan der Band auf Lebenszeit.

Ja, mit dem Erwerb dieser mittlerweile unter Kennern zur Gottheit erhobenen Zauberscheibe veränderte sich mein Leben schlagartig zu einem sehr viel besseren und erfüllteren Dasein. Fortan begriff ich mit jedem Hören der Klänge von Candlemass mehr, wie viel Kraft und Spiritualität in der bewußt erlebten Depression und Trauer steckt, aus der man geläutert und gestärkt hervorgeht. Ich erwartete sehnsüchtig und schmachtend den Nachfolger.

Dieser erschien knapp eineinhalb Jahre unter dem Titel „Nightfall“ auf dem englischen Indie-label Axis Records, das den Weg an die interessierte Öffentlichkeit ebnete. Der Sound veränderte sich ein wenig, wurde noch härter und war mehr Slow-Motion ausgerichtet und auch der neue Sänger konnte für staunende Minen sorgen. Messiah Marcolin, ein gewichtiger Frontmann mit klassischer Opernausbildung, also geschultem Gesang, führte fortan die gesanglichen Geschicke der Band. Bald schon gewöhnte man sich an sein nur zu gut zur Musik passendes Outfit in Form einer wallenden Mönchskutte.

Er klang wahrlich wie ein Operntenor, der es satt hatte, vor schlafendem Auditorium seine Kunst zum Besten zu geben und nun bei einer Metal-Band endlich wieder voll durchstarten zu können. „Nightfall“ wartete erneut mit einem superben Cover-Artwork auf, und der erste positive optische Eindruck konnte von der enthaltenen Akustik noch potenziert wurden.

Titel wie „The Well Of Souls“ mit prägnantem Grundriff oder „At The Gallows End“ als auch der Seelenschlürfer „Samarithan“ mit brillanter Lyrik erwiesen sich als kompositorische Sternstunden Edlings, der da als Songwriter eine unglaubliche Relevanz offenbaren konnte. Man hatte seine Götter gefunden, die den von der Menschheit in jahrtausendelang andauernder Verblendung Gepriesenen im „Himmel“ doch deutlich verblassen ließen.

Auch der 1988er Follow-Up und bisheriger Zenit im Schaffen von Candlemass, das Album „Ancient Dreams“ konnte die mittlerweile angewachsene Fanschar der Band einmal mehr zur Raserei treiben. Aus Axis wurde Active Records und weil das alte Label pleite ging, wurde schnell ein neues ins Leben gerufen. Hier wurde die bisherige Stilistik auf den Höhepunkt getrieben. Alle Songs dieser Scheibe konnten mit einer gleichfalls druckvollen und ebenso transparenten Instrumentierung jedem bisherigen Zweifler der Band das Maul stopfen. Kompositorisch completely over the top. Candlemass hatten sich zur festen Größe entwickelt. Auch Marcolin schien auf dem Höhepunkt seiner Gesangsleistung. Man konnte sich gar nicht mehr satt hören an seinem opulenten Organ.

Ausgedehnte Tourneen festigten den Status der Formation als eines der allerbesten Metal-Outfits überhaupt. Als dann 1989 die Doom-Oper „Tales Of Creation“ auf Music For Nations veröffentlicht wurde, war keiner der Anhänger der Band von dieser Scheibe auch nur einen Augenblick lang enttäuscht. Man hatte dafür mittlerweile das bereits vierte Label in die Pflicht genommen. Alle zuvor genannten Vorzüge der Band erschienen hier noch einmal in gebündelter Form. Es schien an der Zeit für einen Live-Release, der dann schließlich auch 1990 in die Plattenläden gepreßt wurde. Ein köstlicher Genuß, der Band zuzuhören, wie sie einen begeisternden und magischen Set in Stockholm runter doomte.

Das Jahr 1991 brachte dann, man hatte schmerzlich lange nichts mehr von diesen Depressionsbolzen vernommen, eine überraschende Tatsache ans Tageslicht: Man hatte sich vom Doom-Bariton an sich getrennt. Marcolin stieg in die Doom-Kapelle Memento Mori ein.

Sein rekrutierter Nachfolger lieferte trotz des Schmerzes über den Verlust seines ruhmreichen Vorgängers auf dem 1992 erschienenen Longplayer „Chapter VI“ eine absolut überzeugende Leistung ab. Und diese gelungene Scheibe - mitsamt einigen wirklich großartigen Songs - tendiert erstmals seit dem Debüt wieder eindeutig in die Power-Metal-Richtung.

Edling ist als Composer einfach zu gut, um einen schlechten Song zu schreiben, und so enthielt auch dieser Knaller einen Hit an den andern gereiht. Nach dieser Veröffentlichung sollte es eine ganze Zeit ruhig um die Schweden sein.

Nach einer im Jahre 1993 auf dem heimatlichen Label Mega-Rock Rec. erschienenen Mini-CD, die hierzulande lediglich als Import zu erstehen war und auf welcher die Band schwedische Volkslieder in metallischem Gewand bot, leisteten sich Music For Nations den Luxus, eine Best Of 2-CD der Band mit allen Hits zu veröffentlichen. Das war das vorläufige Ende der History der Schweden.

Bandleader Edling löste die Truppe mangels Erfolgs auf. Er veröffentlichte 1995 mit neuer Besatzung auf Mega Rock Records unter dem Bandnamen Abstrakt Algebra eine selbstbetitelte und mittlerweile schwer gesuchte LP, auf welcher ganz passabler Up-To-Date Doom Metal der Neuzeit zu hören ist. Für einen eingeschworenen Fan von Candlemass war es jedoch ein milder Aufguß des bisher gewohnten musikalischen Standards. Abstrakt Algebra gingen mangels Interesse der anvisierten Adressaten unter. Edling resignierte jedoch nicht und ließ Candlemass 1998 reanimieren. Mit der Comeback LP „Dactylis Glomerata“, der Titel ist die lateinische medizinische Bezeichnung für einen simplen Schnupfen, feierte Leif ein Wiederhören mit den Fans der ersten Stunde.

Auch das bis dato letzte Werk der beliebten Schweden, „From The 13th Sun“ aus dem Vorjahr, ist ein abartig düsteres und schwermütiges Album geworden, welches durch viele besinnliche Elemente gekrönt wird, und das nach dem Hören einen recht ruhig gestellten Konsumenten zurück läßt. Noch langsamer als auf dem Vorgänger wird einmal mehr traditioneller Doom Metal in Reinkultur zelebriert, der mich nach der vorhergehenden seltsamen Überraschung wieder etwas versöhnlich stimmen konnte.

So ist der Truppe um Leader Leif der angestrebte Sprung ins neue Jahrtausend so einigermaßen geglückt, auch wenn viele alte Anhänger, und davon gibt es gewiß nicht wenige, die alte Stilistik der Anfänge viel lieber gehört hätten, für die man die Schweden einst so heiß verehrte und anhaltend abgöttisch liebt. Eine aufrichtige, ehrliche und zeitlose Liebe, welche ausnahmsweise mal ein Leben lang halten wird.

© Markus Eck, 25.03.2000

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