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Special: AXEL RUDI PELL
Titel: Volles Selbstwertgefühl

Als einer der talentiertesten und besten Musiker der internationalen Metal-Szene kann ohne jeden Zweifel Axel Rudi Pell angesehen werden. Der ehemalige Gitarrist der verblichenen deutschen Melodic-Power-Metal-Fregatte Steeler, die nach seinem damaligen Ausstieg diesen schon recht bald bitter bereuen sollte und wegen mangelnder Harmonie im Bandgefüge und konzeptioneller Desorientierung auf Grund lief, startete 1989 mit der damalig in meinem Metal-Haushalt wie eine Fliegerbombe einschlagenden Debüt-LP „Wild Obsession“.

Gleich mit diesem spritzigen Erstwerk wurde schlagartig klar, daß ein beschlagener Könner wie Pell ein eigenes Podium benötigte, um seiner abartigen Kreativität freie Bahn zu schaffen und sich selbst zu verwirklichen.

Er wußte um seine Klasse. Keiner sollte ihm in Zukunft noch in irgendwas dreinreden. Das manifestierte sich allein schon im ungemein mutigen Verwenden seines vollen Namens als Bandnamen. Ich möchte nicht wissen, wieviele wohlwollende Freunde ihm davon abrieten. Axel Rudi Pell ... sprich' es ruhig ein paarmal bewußt aus! Der Name ist heute so geläufig wie beispielsweise McDonald's etc. Doch wer an sich glaubt, gewinnt. Die umfassende Akzeptanz und die erstklassige Reputation der Fans sollten alles gut werden lassen... Anfängliche abwertende Lästereien bezüglich des Bandnamens mußten schon bald aufgrund der dramatischen Qualität des Songmaterials einer bahnbrechenden Begeisterung Platz machen, die sich in Zukunft noch regelrecht zu überschlagen drohte.

Auf „Wild Obsession“ brannte Axel ein erstklassiges Feuerwerk an zündenden Kompositionen ab, daß einem erst mal die Spucke wegblieb. Das Line-Up auf dieser zeitlosen und wohl ewig tollen Scheibe vereinte illustre Musiker wie den Bassisten Jörg Deisinger von Bonfire, Drummer Jörg Michael, welcher mittlerweile durch sein Mitwirken in Bands wie beispielsweise Rage, Running Wild und nicht zuletzt Stratovarius zu breitenwirksamer Popularität gelangte und auch Shouter Charly Huhn von den deutschen Heavy Rockern Victory. Gerade mit den beiden Jörgs und mit dem röhrenden Chicken-Charly hatte Axel eine sehr, sehr starke Mannschaft rekrutiert, die der Platte eine allen Ansprüchen genügende Instrumentierung von internationalen Standards einbringen konnte.

Im seinerzeitigen Label-Info wurde die Langrille als „Straighter melodiöser Hardrock mit Groove“ angepriesen. Das war ausnahmsweise mal gar nicht so abwegig. Denn: Straight ist sie auf jeden Fall, diese formidable Granate an pfiffigem Melodic Power Metal. Ja, so könnte man den mit dem Erstling gefundenen Stil von Axel Rudi Pell definieren. Die Scheibe enthält speedige Knaller mit Ohrwurm-Charakter ebenso wie walzende Midtempo-Stampfer und wunderschöne Balladen in verträumter Anmut. Und der adäquate Gesang von Huhn passt wie die Faust von Mike Tyson aufs Auge von Holyfield. Und stimmlichen Biß hatte Huhn ja auch.

Das Teil rotiert auch nach mittlerweile elf Jahren noch ohne Verschleißerscheinungen im meinem Player und weiß nachhaltig für sich einzunehmen. Durch den aufkeimenden Erfolg in seiner musikalischen Mission bestärkt, schob die hardrockendste und wohlschmeckendste Pell-Kartoffel aller Zeiten 1991 unverblümt den Follow-Up „Nasty Reputation“ hinterher, der dem ruhmreichen Vorgänger in keiner Weise nachstand; ja, diesen sogar noch übertreffen konnte! Der auf dem Debüt brillierende Huhn wurde gegen Rob Rock, den Sänger, der auf der legendären Mini-LP von Impelliteri sein wie selten begnadetes Organ zum besten gab, ausgetauscht. Ich weiß nicht, warum Charly ausschied, aber Rob konnte den Posten seines Vorgängers in nicht minder professioneller Manier bekleiden und sang ebenso mitreißende Vokalisierungen ein, die der rockigen Perle einen bleibenden Reiz verleihen konnten.

Die Vorzüge des Debüts wurden noch einmal in komprimierter Form dargeboten. Allein der flotte Opener „I Will Survive“ repräsentiert die ganze spielerische Klasse von Pell in wirklich beeindruckender Form. Genial. Erneut nur Hits auf einem weiteren Sensationsalbum, welches auch ein Deep Purple-Cover namens „When A Blind Man Cries“ in einer äußerst gelungenen Umsetzung enthielt. 1992 erschien „Eternal Prisoner“, und, wen wundert es, Meister Pell auch hier wieder mit allen bereits genannten Trademarks in geradezu gespenstischer Anhäufung am Start.

Der Release enthält ausnahmslos potente Chartbreaker, die man einfach einmal gehört haben muß, um zu verstehen, wie mitreißend melodischer Metal von Perfektionisten sein kann. Der Gesamtsound der Band wurde zurecht als immer professioneller zitiert und deutlich von immer mehr Anhängern aus allen Ländern der Erde geliebt, von denen sich nun wirklich keiner mehr am unorthodoxen Bandnamen zu stoßen schien. Die Scheiben waren zudem auch noch vom Start weg durch die Bank bestens produziert, was den Hörgenuß ins Unermeßliche zu steigern versteht.

Als dann „Between The Walls“ 1994 erschien, konnte man die Scheibe eigentlich blind verhaften. Der Name Axel Rudi Pell war mittlerweile zu einem Synonym für edelsten Power Metal von elitärer Klasse aus deutschen Landen mutiert. Und Axel wurde wirklich immer besser. Der auf dieser Platte enthaltene Song „Casbah“ zählt mit einer Spieldauer von zehn Minuten zum stärksten Material, das jemals auf meinem Plattenteller Karussell fuhr. Mystisch, erhaben und machtvoll erschallt dieser gigantische Monumental-Track, der den Auftakt zu einer noch folgenden Serie von gleichartigen Hymnen, die jeweilig auf den folgenden Alben noch zu hören sein sollten, bildete. Mit jeweilig stärkster und bezwingender Keyboard-Untermalung, stellen sie inzwischen die Höhepunkte der Alben Axel Rudi Pells dar, die solche an sich sind. Überhaupt wurden die Tasten, die die Atmosphäre bedeuten, zu einem der mächtigsten Stützpfeiler im Soundkonstrukt des passionierten Saitenhexers mit den überaus flinken Fingern.

Die Zeit konnte gar nicht schnell genug vergehen, bis man dann endlich 1996 den Killer „Black Moon Pyramid“ in den gierigen und zitternden Händen hielt, der den CD-Schacht tagelang nicht mehr verließ... Und was soll man sagen; schon wieder nichts geringeres als ein unerreichbares Meisterwerk hatte die blonde Gitarrengottheit aus dem ledernen Ärmel geschüttelt, die eigenen Angaben zufolge ein passionierter Ritchie Blackmore- und Ferrari-Fan ist. Schwer vorstellbar, aber: Ich war wirklich baff. Und wie. Das ist doch nicht zu fassen. Ein Werk übertrifft das andere an Eingängigkeit und kompositorischer Güte.

Und die Frontcover-Artworks wurden auch immer besser. Das bisher schönste davon erhielt dann „Magic“, das mit dem Erscheinungsjahr 1997 glorreich und ruhmvoll in die Annalen der metallischen Historie einging. Und es wurde wirklich gezaubert. Dieses Album brauchst du! Besser kann man in dieser Stilrichtung nicht mehr vorgehen. Nicht der geringste Anlaß zu einer einzelnen Kritik. Nur Dampfhämmer mit Hitparaden-Charakter dabei. Und der Titelsong geht dir mit seiner erdigen und perfekten Melodik wohl nie mehr aus den Gehirnwindungen. Unfaßbar. Man muß es hören, um es zu glauben.

Mittlerweile hatte sich mit Jeff Scott Soto, der auch auf den vorherigen Alben Axel Rudi Pells schon glänzen konnte, ein beachtlich guter Ausnahmevokalist etabliert, der durch sein kompetentes Wirken bei der Melodic Metal-Formation Talisman - deren Debüt macht süchtig - schon bestens bekannt war und der auch wieder ausnahmslos jeden Song auf „Magic“ zu einem unvergeßlichen Evergreen an Power Metal-Muse veredeln konnte. Die prägnante und gleichfalls harmonisch wie rauhe Stimme von Soto hat etwas in sich, das man als individuelles Charisma klassifizieren kann. Und was für eines! Leider war er auf dem 1998 erscheinenden Werk „Oceans Of Time“ nicht mehr mit von der Partie. Seinen Part übernahm jedoch nicht weniger gut die Goldkehle Johnny Gioeli, die den Schmerz über die Desertion Sotos mit ihrer hochrangigen Leistung der Stimmbänder angenehm zu lindern verstand.

Die herausragende und bestechende Stärke von Axel liegt einfach ganz klar in seinem songwriterischen Talent, das in Koalition mit seiner abartigen Kompetenz an der Gitarre und den betörenden Keyboardlinien eine dermaßen wohlklingende Mischung ergibt, der ein qualitätsfixierter Power-; ach, ein Metal-Fan an sich ganz einfach restlos verfallen muß.

Es gibt also kein Entrinnen vor der niederschmetternden Brillanz des quirligen deutschen Blondschopfes, der trotz eines wirklich einmaligen und unkonventionellen Band-Signets umfassende musikalische Weltkarriere gemacht hat. Ich freue mich für ihn und werde auch die folgenden Jahre bis zum Ende meiner Tage auf seiner Seite sein und gleichermaßen andächtig wie gebannt seinen kreativen Höhenflügen lauschen. Einmalig.

© Markus Eck, 02.05.2000

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