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Interview: SHIVA IN EXILE
Titel: In rauschhafte Weltflucht führende Mystikerklänge

Die Zeitspanne, welche der oberbayerische Multiinstrumentalist Stefan Hertrich, Reisefreund und Spiritistiker passionierter Natur für seine neue Shiva In Exile-Liedersammlung benötigte, mutet recht lange an. Doch das aktuelle Endergebnis mit dem Plattentitel „Nour“ entschädigt leidenschaftliche Liebhaber verträumter Ethno-, Ambient-, Perkussions-, Folklore- und Weltmusik-Klanglandschaften dafür vollauf.

Dieser zweite Langspiel-Exkurs des begabten Musikmeisters lehrt sämtlichen haltlosen Zivilisations-Hektikern und manischen Stress-Fetischisten die beiden wichtigen musikalischen Hör-Disziplinen Innehalten und Genießen. Überhaupt, „Nour“ bietet wahrlich selten Gewordenes: Als zutiefst idealistisch angelegtes künstlerisches Manifest an in Kulturen übergreifenden Impressionen, Eingebungen und Visionen leistet die Veröffentlichung immens wichtige Pionierarbeit in Sachen geistiger und vor allem kreativer Offenheit.

Schöpferische Schranken? Nicht für Hertrich. Stefan erklärt mir gerne, warum es so lange gedauert hat, bis er jetzt wieder mit einer neuen Shiva In Exile-Platte am Start ist.

„Dafür gibt es zahlreiche Gründe. Zum einen plane ich mein Songwriting nicht, sondern die Idee für eine neue Scheibe kommt meist sehr spontan, und somit kann es drei Monate oder drei Jahre dauern, bis gerade der Impuls erwacht, eine neue CD für Projekt XY zu machen. Die erste CD von Shiva In Exile mit Titel „Ethnic“ war nur ein Spaßprodukt ohne große Ambitionen. Ich hatte 2003 einfach Lust, mal eine CD ohne Gitarren zu machen. Danach kam wieder eine Metal-Phase, in der ich an der Darkseed-CD „Ultimate Darkness“ gearbeitet habe und ein bis zwei Jahre später ist die CD „Pulse“ meines Ethno Metal Projekts Spi-Ritual entstanden“, verlässt es eingangs den Mund des Machers.

Er fährt fort: „Gegen Mai 2006 habe ich dann mit Shiva In Exile „Nour“ angefangen, und das Songwriting beziehungsweise Recording hat sich bis Spätherbst 2007 hingezogen, weil ich nebenbei noch andere Verpflichtungen hatte. Alles was danach kam, war eher unliebsame Verzögerung durch Verhandlungen mit Plattenfirmen usw. Das hat sich alles leider unnötig in die Länge gezogen und am Ende habe ich beschlossen, die CD selbst herauszubringen, beziehungsweise mit der tatkräftigen Unterstützung von Freunden, die sich gut im Musikbusiness auskennen. Dieses Mal hat alles ein bisschen länger gedauert, aber das ist okay so, da der richtige Zeitpunkt für den Release genau dann ist, wenn es soweit ist, egal wie lange es auch dauern mag.“

„Nour“ war sehr viel Arbeit für ihn und aus eben genannten Gründen eine große Herausforderung in Sachen Geduld, so Stefan mir gegenüber. „Aber die Arbeit daran hat mir sehr viel Spaß gemacht und für mich persönlich ist „Nour“ mein bisher gelungenstes Album. Außerdem sollte der Hörer wissen, dass die CD wirklich sehr authentisch ist, da ich mich intensiv mit dem nahen Osten beziehungsweise Orient beschäftige, dort viele Leute kenne und während des Songwriting-Prozesses dort auch viele schöne wie auch leidvolle Dinge in meinem Bekanntenkreis vorgefallen sind wie beispielsweise politische Instabilität, Versorgung usw., die mich bei der Arbeit an „Nour“ stark beeinflusst haben. Besonders gut sticht das im letzten Song des Albums namens „Bullet“ hervor, dem einzigen Song mit einer wirklichen Message.“

Ich hakte nach, wie Stefan denn eigentlich auf die Idee gekommen ist, eine CD in einem an sich recht ungewöhnlichen Genre beziehungsweise für „Gothic Bellydancing“, also Gothic Bauchtanz zu machen. Er verkündet mir: „Das ist gar nicht mal bewusst geschehen, sondern ergab sich im Zuge der ersten Shiva In Exile-CD „Ethnic“. Nachdem ich diese CD mehr aus einer Laune heraus geschrieben hatte, bemerkte ich sehr schnell, wie sich eine kleine Community um das Album herum entwickelt hat, bestehend aus organisierten Tanzschulen und Privatpersonen, die gerne ethnische Instrumente spielen beziehungsweise dazu tanzen, Feuerspucken, mit Schwertern herumfuchteln usw. Genau diese Leute hatten Interesse an „Ethnic“, und als ich ein bisschen recherchiert hatte, fiel mir auf, dass es in diesem Bereich eine regelrechte Szene gibt, vor allem in Amerika. Ich finde das sehr faszinierend, weil es sich dabei um eine klar definierte Szene handelt, die andererseits jedoch viel mit Gothic usw. gemein hat, und aus dieser Ecke komme ich ja. Dann noch mein privates Interesse für den nahen Osten beziehungsweise mein Interesse für spirituelle Dinge, die ins Tribal- beziehungsweise Bellydancing auch hin und wieder mit einfließen; also das passt schon alles gut zusammen. Ich wollte ehrlich gesagt auch einfach raus aus dem Metal, nicht weil Metal doof ist oder andere Szenen besser sind, sondern weil der Metal-Bereich einfach sehr überlaufen ist mit vielen jungen und guten Bands, die weitaus mehr Enthusiasmus dafür haben als ich mittlerweile. Insofern wollte ich mir einfach was Neues suchen, was auch näher an meinen privaten Interessen dran ist und noch nicht so ausgelutscht ist. Zudem findet eine sehr tief greifende Interaktion zwischen Fans und Bands statt, weil die Fans die CDs oft nicht nur anhören, sondern eben selbst die Initiative ergreifen und dazu tanzen, eventuell sogar professionelle Videos dazu machen und online stellen. Da wird der Musik plötzlich neues und anderes Leben eingehaucht, weil eben andere Menschen, die man nicht einmal kennt, ihre eigene Kunst daraus machen. Ein bisschen vergleichbar mit Remixes, aber doch irgendwie ganz anders, da eher visueller Natur. Das tolle an Gothic Bellydancing ist außerdem, dass der Körper geachtet wird und in seiner vollen Schönheit zur Geltung kommt. Wir achten unseren Körper viel zu wenig, obwohl er doch das Gefährt für unsere Seele ist. Ein Gefährt, mit dem wir uns ausdrücken können, mit dem wir täglich unsere größten Wünsche und Visionen formen können. Es fehlt also die Achtung des Körpers – einerseits, weil wir so schnell leben und ihn zu sehr mit unschönen Dingen belasten wie beispielsweise schlechtem Essen, zu wenig Schlaf, Alkohol usw., andererseits, weil wir ihn oft nicht ertragen. Viele Menschen haben Probleme, in den Spiegel zu schauen, finden sich hässlich, und würden nie auf die Idee kommen, ihren Körper künstlerisch einzusetzen. Andere wiederum haben ein ganz anderes Problem: Scham. Auch hier haben wir oftmals keine gesunden Ansichten, und assoziieren einen schönen Körper mit Sex oder kriegen ein schlechtes Gewissen, wenn wir hingucken. Viel "gesünder" ist es doch, wenn man einen tanzenden Menschen sieht und einfach nur denkt "das ist schön". Es muss nicht sexy und es muss nicht schamlos sein. Es kann einfach schön sein, so wie es auch schön sein kann, sich an einem Sonnenuntergang zu erfreuen. Beides halte ich für sehr spirituell, also sowohl einen Körper schön zu finden als auch einen Sonnenuntergang etc. Beides ist ein volles Annehmen der Schöpfung, ein Augenblick des "mit sich und der Welt im Reinen sein", in dem man alles andere um sich herum vergisst. Das gefällt mir an dieser sehr tanz-orientierten Szene.“

Ich bat ihn nachfolgend, mir seinen eigentlichen inneren Antrieb zu nennen, um genau diese Art von spezieller Musik zu machen. Und da existieren verschiedene Gründe, so Stefan:

„Mir fiel schon vor langer Zeit auf, dass in orientalischen Melodien viel Gothic und Mystik drinsteckt, ähnlich ist es ja auch mit mittelalterlichen Melodien, die sich seit einigen Jahren großer Beliebtheit erfreuen. Also warum nicht mal mit orientalischen Klängen herumexperimentieren? Dann eben die vorhin angesprochene intensive Interaktion zwischen Fans und Musikern, und dass die ganze Sache nicht so ausgelutscht ist beziehungsweise musikalisch so gut wie gar nicht umgesetzt wird. Die Musik von Shiva In Exile bietet viele Möglichkeiten. Man könnte sie auf ganz normalen Konzerten spielen, auf Mittelaltermärkten oder sogar als Musical ohne Musiker, dafür jedoch mit Tänzern usw. aufführen. Mal sehen, ob sich davon was umsetzen lässt Die Musik eignet sich auch gut als Hintergrundmusik für Dokus und andere TV-Projekte. Einige Songs der ersten Shiva In Exile-CD wurden schon für diverse filmische Projekte eingesetzt. Ich spüre in dem Bereich einfach einen frischen Wind, und ich merke in der Community – auch wenn sie noch sehr klein ist, speziell hier in Deutschland – dass die Augen wieder leuchten, so wie ganz früher zu Beginn der Gothic Metal-Zeit Anfang der 90er, als plötzlich Paradise Lost Keyboards und weiblichen Gesang aufgefahren haben und wir Death Metal-Freaks uns verwundert und fasziniert die Augen gerieben haben. Diese Aufbruchstimmung habe ich die letzten Jahre irgendwie vermisst.“

Da ja nicht wenige „Menschen“ immer mehr darüber jammern, immer weniger echte Inhalte in ihrem gehetzten Dasein zu verspüren, boomt der Esoterik-Markt ohnehin wie nie zuvor. Wie sehr also könnten solcherlei Leute ihren Horizont mit solcherlei Musik erweitern beziehungsweise wie könnten sich geplagte Stress-Kreaturen mit Shiva In Exile etwas Gutes tun? Wir erfahren von Stefan:

„Gute Frage! Also, ich weiß nicht, ob „Nour“ ein besonders entspannendes Album ist, da es schon recht komplex und tiefgründig ist, dazu sehr Perkussion-lastig und verspielt, also nicht unbedingt beruhigend oder Stress lindernd in dem Sinne. Aber man kann mit der CD sicher sehr gut „wegfliegen“, und bekommt auf Grund der ethnischen Elemente viele Bilder vor seinem geistigen Auge. Es handelt sich also meiner Meinung nach weniger um eine CD zum Entspannen oder Balance finden im esoterischen Sinne, sondern eher um eine Weltflucht-CD, und das kann manchmal schon sehr heilsam sein. „Nour“ hat auf jeden Fall auch einen sehr mystischen Touch und weckt Emotionen, die einen ein wenig mit dem „Unbegreiflichen“ oder „Unerklärlichen“ in Berührung bringen, was auch immer das sein mag. In einem Review fiel ein Satz, der mir als Beschreibung der CD sehr gut gefallen hat: „There are songs to make you dance, to make you cry, to have you stand up and scream to the skies....why?!“ Dieses „Warum“ passt ganz gut, ich ertappe mich selbst oft dabei, wie ich nach dem Anhören der CD irgendwie mit einem Fragezeigen dastehe, weil ich nicht weiß, was da jetzt eigentlich passiert ist. Ich denke, jeder Hörer wird seine eigenen Erfahrungen machen, und diese Erfahrungen können sehr unterschiedlich ausfallen, je nach dem, was man auch erfahren will. Wer übrigens wirklich absolute Entspannung will, sollte vielleicht besser Stille aufsuchen. Und das ist gar nicht so leicht. Ein Musikforscher hat was Treffendes gesagt, und zwar dass man noch vor 200 Jahren sich anstrengen musste, um an Orte zu gelangen, wo man Musik hören kann, während man sich heute anstrengen muss, an Orte der Stille zu gelangen. Richtige Orte der Stille gibt es kaum noch, weil wir so übertechnisiert sind, dass es überall brummt, kracht, rauscht und scheppert. Du bist ja bekannt dafür, gerne in der Natur unterwegs zu sein, und kennst das bestimmt: Entfernt brummt es sowieso permanent, aber dann kommt ein Hubschrauber, dann wieder ein Düsenjäger, dicht gefolgt von einem Linienflugzeug, als nächstes eine dezente Motorsägeneinlage usw. Ich rufe also hiermit die Leser auf, die Shiva In Exile-CD nicht anzuhören, sondern lieber mal alles auszuschalten.“ [lacht]

Mich interessierte im Weiteren, was genau der Titel des aktuellen Werkes zu bedeuten hat. Komponist Hertrich dazu: Also, „Nour“ ist arabisch und bedeutet „Licht“. Ich habe mich für diesen CD-Titel entschieden, weil die Scheibe streckenweise recht düster ist und wir mit dem nahen Osten ja nicht unbedingt positive Dinge verbinden, wenn sich das Wissen um diese Kultur nur auf die Nachrichten im Fernsehen beschränkt. Bei all den kulturellen Differenzen, die wir ja auch in Deutschland deutlich spüren, wollte ich einen kleinen Hoffnungsschimmer mit diesem Namen setzen, und im spirituellen und esoterischen Sektor ist „Licht“ immer ein sehr positives und klärendes Symbol. Dazu kommt eine sehr ergreifende persönliche Geschichte, die mir vor einigen Monaten erzählt wurde, in der eine Person mit dem Namen „Nour“ eine wichtige Rolle gespielt hat.“

Wer das Cover für das neue Album gemacht hat, wollte ich wissen, und was genau es aussagen soll. „Das Cover hat ein guter Freund von mir gemacht, der auch für das Cover der ersten CD verantwortlich war. Ist übrigens auch seit vielen Jahren der Webmaster von Darkseed. Das Cover hat keine Aussage, sondern soll einfach nur zum Stil von Shiva In Exile und dem Debütalbum passen. Wir haben erst an einem anderen Cover gearbeitet, das sehr viele versteckte Botschaften enthalten hat, aber im Endeffekt hat es nicht zur Musik gepasst und nicht die gleichen Emotionen vermittelt. Also haben wir uns für was ganz Simples entschieden, einen Tribal-artigen Drachen, den man auch gut als Tattoo verwenden kann – immer noch besser, als sich den Namen einer Band zu tätowieren, die man dann vielleicht irgendwann nicht mehr mag – ein Drache als Symbol ist da etwas neutraler. Insofern hat das Cover überhaupt keine Aussage, sondern soll einfach nur Neugierde wecken und auf die Musik einstimmen“, so Stefan dazu.

Wie er an die begnadete russische Ausnahme-Sängerin Yana geraten ist, genau darum drehte sich nachfolgend unser Interview-Dialog. Stefan: „Die russische Plattenfirma von Shiva In Exile namens Irond Records – bisher die einzige Labelkooperation im Zusammenhang mit „Nour“ – hat mich vor zwei Jahren auf Yana aufmerksam gemacht. Sie singt in der russischen Band Theodor Bastard, eine sehr atmosphärische Band, die live ziemlich gut rüberkommen soll. Ich selbst habe die Band leider noch nie live gesehen. Irond Records wussten, dass ich verzweifelt nach einer Sängerin gesucht habe, die eher exotisch singen kann und nicht typisch europäisch beziehungsweise klassisch klingt. Sie hat dann zwei Songs für Spi-Ritual „Pulse“ gesungen, und die Zusammenarbeit war so gut, dass wir beschlossen haben, die neue Shiva In Exile-CD gemeinsam zu machen. Yana bringt wirklich alles mit, was man für eine gute CD-Produktion braucht: Sie hat Zugang zu einem guten Studio über ihre Band Theodor Bastard, singt sehr leidenschaftlich, arbeitet sehr zuverlässig und traut sich auch, spontane verrückte Dinge mit der Stimme zu machen, auch wenn es vielleicht hier und da doof klingen könnte – was bei ihr aber nicht der Fall war.“

Ethnisch angehauchte Musik eignet sich ohnehin hervorragend für Experimente, weil es sich um eine sehr offene und freie Musikart handelt, der keine Grenzen gesetzt sind. Stefan expliziert: „Vordefinierte Musikstile, in welcher Sparte auch immer (sei es Metal, Hiphop, Pop etc.), setzen oft ein gewisses Maß an Konventionen voraus, damit es auch wirklich den Zahn der Zeit trifft und genau die Zielgruppe anspricht. Es müssen bestimmte Sounds oder Melodien verwendet werden, sonst schluckt es der potentielle Hörer einfach nicht. Das meine ich nicht einmal berechnend seitens der Plattenfirma oder des Musikers, sondern es geht auch viel vom Hörer aus, der unbewusst ganz bestimmte Konventionen erfüllt sehen will, damit er etwas gut findet. Da nehme ich mich nicht aus.“

Und abgesehen von der Sprachbarriere, die beiden kommunizieren laut Aussage von Stefan mit Übersetzer, lief alles bestens: „Ich schätze an ihr vor allem, dass sie ergebnisorientiert denkt und eigene Interessen im Falle eines Falles zurücksteckt, wenn es darum geht, bestimmte Dinge zu diskutieren, die ihr vielleicht gefallen, mir aber weniger und umgekehrt. Sie hat viel Erfahrung und weiß sehr genau, wie es das Songwriting und den ganzen Entwicklungsprozess einer CD behindern kann, wenn beide Seiten immer 100 % ihr Ego durchsetzen wollen. Alles zieht sich hin, es gibt Patt-Situationen, Kompromisse müssen erzwungen werden usw. Die typischen „Banddiskussionen“ halt, die wir zum Glück nicht haben. Und wenn sie wirklich mal etwas als inakzeptabel störend empfindet, dann hat sie damit auch immer Recht, und die Sache wird geändert. Wie sie die Scheibe bewerben wird, weiß ich nicht, aber Theodor Bastard spielen mittlerweile sogar einen Song von Shiva In Exile live, und zwar den zweiten Song des aktuellen Albums namens „Anubis“. Ich habe ihre Version leider noch nicht gehört. Yana hat viele Passagen dieses Songs selbst geschrieben, also nicht nur textlich, sondern auch musikalisch.“

Seine musikalischen Ziele beziehungsweise Interessen seit dem letzten Shiva In Exile-Album haben sich laut Stefan doch ziemlich weiter entwickelt. Er nennt mir gerne Gründe hierfür: „Bestimmte private Interessen haben sich intensiviert, andere haben abgenommen oder sind weggefallen, so wie es wohl bei jedem Menschen ist. Ich muss jedoch sagen, dass ich sehr radikal bin, wenn es darum geht, mich von Dingen zu lösen, die ich nicht mehr brauche. Ich spiele privat beispielsweise keine Computerspiele mehr, schaue fast nie fern und gehe nur unter Leute, wenn ich wirklich Lust dazu habe und denke, dass es mich in welcher Form auch immer bereichern würde – weil ich für mich persönlich einfach beschlossen habe, dass diese Dinge mich nicht mehr glücklich machen. Dadurch gewinne ich mehr Zeit für die Dinge, die mich aktuell interessieren. So radikal wie ich mich von alten Dingen löse, so radikal stürze ich mich dann in die neuen Dinge, beispielsweise Spiritualität, Natur, musikalische Projekte usw. Das Problem vieler Leute ist, dass sie zwar Visionen und Ideen haben, aber nicht genug Enthusiasmus entwickeln, um diese Dinge dann wirklich über eine längere Zeit hinweg durchzuziehen. Ein toller Satz von Anthony Robbins, der sich viel mit dem Thema Erfolg beschäftigt: „Wir überschätzen, was wir in einem Jahr erreichen können, aber wir unterschätzen, was wir in zehn Jahren erreichen können“. Ich glaube, das stimmt. Man kann in zehn Jahren so ziemlich alles erreichen und das ganze Leben kann sich drehen, wenn man konsequent sein Ziel verfolgt. Das muss nicht ein permanentes diszipliniertes Durchpowern sein, aber es sollte ein kontinuierliches Festhalten an einer bestimmten Vision sein. Wir drehen uns doch alle viel zu sehr im Kreis. Mal haben wir diesen Traum, dann jenen, dann wieder ganz einen anderen, aber nie wird irgendetwas davon konkret, weil es zu viele halbherzige Wünsche sind. Ich habe das eigentlich am eigenen Leib erfahren, indem ich zu viele Musikprojekte gemacht habe. Mal Darkseed, mal Betray My Secrets, mal Sculpture, mal Shiva In Exile, mal Spi-Ritual etc., das ist einfach ein viel zu großes Durcheinander mit viel zu wenig Fokussierung auf ein bestimmtes Ziel. Es war nicht unbedingt schlecht, weil ich bei jeder CD viel gelernt habe, aber jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, das Erlernte für ein bestimmtes Ziel oder maximal zwei Ziele einzusetzen und diese Dinge dann kontinuierlich aufzubauen. Dabei wird sicherlich Shiva In Exile eine Rolle spielen und ein neues Projekt, das jedoch eher im Bereich New Age anzusiedeln ist und schon in Arbeit ist. Bei Shiva In Exile „Ethnic“ hatte ich schon bestimmte Träume was meine Zukunft betrifft, und die realisieren sich in langsamen Schritten mittlerweile. Zum Beispiel habe ich damals noch im Zentrum einer Stadt gelebt, wollte aber eigentlich viel mehr in der Natur sein. Mittlerweile wohne ich sehr abgelegen und bin richtig froh drum. Außerdem wollte ich freier sein, was mir ebenfalls gelungen ist, da ich zusammen mit einem Freund eine kleine Übersetzungsfirma habe. Über diese erreichten Schritte wurde ich mir beim Schreiben von „Nour“ bewusst, weil ich immer wieder zurückgeblickt habe auf die Zeit von „Ethnic“ (2003). Und ganz interessant dabei: In dieser Zeit, also innerhalb von fünf Jahren, waren richtig derbe Niederlagen dabei. Aber genau diese derben Niederlagen waren der Wegweiser oder Arschtritt hin zu dem, wo ich eigentlich hin wollte. Ohne diese Niederlagen (beispielsweise Job verloren, zwangsweise wegziehen müssen, aus mehr oder weniger Verzweiflung eigene Firma gründen usw.) hätte ich meine abgesteckten Wegpunkte nicht erreicht, weil ich entweder zu faul gewesen wäre oder mich bestimmte Schritte nicht getraut hätte. Manchmal ist es vielleicht ganz gut, zu seinem Glück gezwungen zu werden. Im Bereich Spiritualität ist dieses Thema übrigens sehr verbreitet, also der Sinn von Niederlagen, aber auch Krankheiten, die einem die Zeit geben, Abstand zu gewinnen, zur Ruhe zu finden, sich über Prioritäten klar zu werden usw.“

Wie lange nun der gesamte Entstehungsprozess zu „Nour“ gedauert hat, kann mir Stefan gar nicht genau sagen, weil er die CD in Etappen gemacht hat, also immer dann, wenn er gerade Zeit und Lust hatte:

„Aber alles in Allem stecken sicher drei bis vier Monate Vollzeit drin, also bei 13 Songs sind das pro Song sicherlich sechs bis neun ganze Tage je nach Song. Das Songwriting und den groben Mix habe ich bei mir zu Hause gemacht, aber wenn’s ums Eingemachte geht was Aufnahmequalität und genaue Abmischung betrifft, ist Thomas Herrmann von den Helion Studios der Produzent meines Vertrauens. [lacht] In seinem Studio wurde die CD gemischt und gemastert. Wie schon bei Darkseed „Ultimate Darkness“ und Spi-Ritual „Pulse“ hat er alles super gemischt und ist nicht dem Durcheinander von dutzenden unterschiedlichen Instrumenten usw. zum Opfer gefallen. Ich würde da verzweifeln. [lacht] Yana hat ihren Gesang in St. Petersburg in Russland aufgenommen, und das vertonte arabische Gedicht von „Bullet“ wurde in Beirut im Libanon aufgenommen. Die Arbeit an „Nour“ war sehr anstrengend und ging teilweise zäh voran, weil es so viele Dinge zu organisieren gab und viele Elemente der CD wie Puzzleteile zusammengefügt werden mussten. Sprachaufnahmen in Beirut organisieren, die aufgenommenen Explosionen eines israelischen Bombenangriffs beschaffen, natürlich Yanas Gesangsphrasen usw. Aber ich denke nicht, dass es beim nächsten Mal angenehmer wird, dafür hoffentlich bisschen schneller.“

Ich erkundigte mich anschließend, welche Arten von Einflüssen und Inspirationen wie beispielsweise Kulturen, Künste, Musik etc. für das neue Album genau von Relevanz waren. „Also es gibt da schon einige CDs, die mich faszinieren und von denen ich gerne stilistisch etwas abkucke, beispielsweise einige CDs von Dead Can Dance, dem Black Hawk Down-Soundtrack und dem Passion Of Christ-Soundtrack. Musikalisch hat sich fast alles um den nahen Osten gedreht, abgesehen von „Blue Healing“ – der Song klingt ein bisschen nach Whale Rider-Soundtrack – und „We Are All One“, also eher indianisch. Ich habe noch zwei weitere Songs gemacht, die nicht auf dem Album gelandet sind und eher nach „Regenwald“ klingen, also gar nicht orientalisch. Diese Songs namens „Morning Dew Siren“ und „Flute Nocturne“ wird es bald auf der Shiva In Exile-Website zum kostenlosen Download geben“, erklärt Stefan.

Shiva In Exile ist laut Stefan auf alle Fälle inhaltlich keine philosophische oder spirituelle Band. „Wenn mich jemand nach der Message oder dem Inhalt fragt, dann muss ich antworten "Ganz einfach: Es gibt keinen!". Yana ist beim Singen in ihrer eigenen Welt und benutzt Fantasiesprache gemischt mit Arabisch oder auch mal Russisch, und ich mache die Songs einfach weil ich gerade Lust dazu habe. Ja, Shiva In Exile ist inhaltlich absolut oberflächlich, und das macht auch nichts – höre dir Shiva In Exile an und denke nicht nach, sondern vergiss einfach. Sorglosigkeit und Nicht-Denken schafft positivste Emotionen, weil man sich dabei friedlich und harmonisch fühlt. Eher weniger das kopflastige Sinnieren über Probleme und andere Dinge. Ich würde sagen, Shiva In Exile ist der "Körperaspekt" in meinem künstlerischen Schaffen, während ich auf der anderen Seite auch den "Geistaspekt" musikalisch umsetze, wo Inhalt weitaus wichtiger ist – das New Age Projekt, das ich vorhin kurz angerissen habe und noch in der Entstehung ist. Beide Aspekte eines Menschen – Körper und Geist – sind wichtig, und keiner der beiden Aspekte hat es verdient, verdammt oder vernachlässigt zu werden. Wobei vor allem Musiker – mich eingeschlossen – leider dazu neigen, völlig unsportlich zu sein und sich dementsprechend wenig bewegen.“ [lacht]

Wir sprachen im Folgenden darüber, wie der Künstler Stefan sich zu den besungenen Kontexten beziehungsweise Inhalten seiner Lieder beziehungsweise der Konzeption von Shiva In Exile bildet. „Ergebnisorientiertes Bilden eher weniger, ich lebe halt mein Leben, mache meine Erfahrungen, die wiederum zu bestimmten Emotionen und Weltanschauungen führen, die dann in die Musik mit einfließen. Meine Freundin beispielsweise kommt aus dem nahen Osten und lebt dort, also beschäftige ich mich natürlich schon immer wieder mit kulturellen Unterschieden beziehungsweise versuche, Gemeinsamkeiten zwischen beiden Welten zu entdecken. Und wenn man sieht, wie alle Menschen die gleichen Sehnsüchte, Ängste usw. haben, prägt das natürlich und man versucht weitestgehend, den „Kampf der Kulturen“ auszublenden. Deswegen heißt beispielsweise der zwölfte Song „We Are All One“, also „Wir sind alle eins“, was wiederum eine Erfahrung vieler Mystiker auf der ganzen Welt ist, die in ihren meditativen oder tranceartigen Zuständen eine völlig andere Wahrnehmung der Welt haben – und das unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit! Man denkt oft, dass diese merkwürdigen Zustände nur von weißbärtigen alten Männern erreicht werden können, aber das stimmt nicht. Ich kenne einige junge Leute, die mir von ihren Träumen erzählt und beschrieben haben, wie sie über Landschaften geflogen sind und das Gefühl hatten, als wären sie mit allem irgendwie verbunden, ja als wären sie alles und nicht getrennt von dem, was sie sehen. Ein Beispiel – da du mir ja kein Platzlimit gesetzt hast für das Interview [lacht]: Wenn du etwas ansiehst, egal was es ist, dann muss ja eine Verbindung zwischen dem gesehenen Gegenstand und deinem Auge bestehen, damit diese Information dann für das Gehirn umgewandelt werden kann (in erster Linie Lichtstrahlung). Irgendetwas muss also vom Stein zu deinem Auge gelangen, sonst würdest du ihn ja nicht „sehen“ können, und auch nicht als „Stein“ identifizieren können. Es gibt dafür keine Distanzbeschränkung, denn auch einen Stern siehst du, und irgendetwas gelangt vom Stern zu deinem Auge und dein Auge wandelt diese Information um und erkennt den Stern klar als Stern, und den Stein klar als Stein. Wenn man dann noch bedenkt, dass wir nur einen Bruchteil der vorhandenen Strahlung sehen können (nicht mal 1 Millionstel, darunter Infrarot, Röntgenstrahlung, nukleare Strahlung usw.), kann ich mir schon sehr gut vorstellen, dass es mehr gibt, was uns alle unabhängig von jeglicher Distanz verbindet, als nur einen Lichtstrahl. Das klingt zwar alles sehr theoretisch und weltfremd, aber wenn man sich das mal klar macht, dann merkt man schnell, dass wir alle in einem Boot sitzen, egal welcher Kultur oder Religion wir angehören. Dazu muss man nicht philosophisch sein. Wir wissen auch ohne den ganzen Kram, dass es auf der Welt so nicht weitergehen kann, weil sonst ganz schnell alles ganz kaputt ist. Langer Rede kurzer Sinn: dieser Aspekt fließt schon etwas in Shiva In Exile mit ein und beschäftigt mich privat, beispielsweise ist dieses „Wir sind alle eins“-Prinzip ein großes Thema bei den Sufis im nahen Osten, die sich mit atemberaubenden Tänzen in Trance versetzen, um derartige Erkenntnisse zu erlangen. Dazu würde ich gerne mal die Musik machen.“

Stefan ist ja selbst viel im Nahen Osten unterwegs beziehungsweise kennt dort sehr viele Leute. Welche Erfahrungen hat er dort wohl gemacht, die sich mit unseren Klischees decken oder völlig davon abweichen? Genau das interessierte mich. „Die Antwort kommt vielleicht überraschend, aber ich würde sagen, dass die Klischees eindeutig überwiegen. Das betrifft sowohl meine Erfahrungen dort als auch die Klischees, die man dort von uns hat. Ich finde das nicht schlimm und es ist völlig normal, dass in jeder Kultur andere Eigenschaften verankert sind. Es gibt einige Dinge, die mich dort wirklich stören, beispielsweise wie man mit Tieren umgeht beziehungsweise das sehr „traditionelle“ Bild von Mann und Frau und die mangelnde Freiheit, sich ausleben zu können – andererseits finde ich die Dinge, die sie an uns stören, auch berechtigt, wie beispielsweise zu wenig Zusammenhalt zwischen Familie, Nachbarn usw., zu negatives Denken und allgemeine Unzufriedenheit mit diesem und jenem. Vor allem wir in Deutschland haben da eine große Aufgabe in den nächsten Jahrzehnten vor uns, da beide Seiten, also im Falle von Deutschland die deutschstämmigen und türkischstämmigen Menschen – lernen müssen, weniger zu urteilen. Ich bin da auch ein besonderer Kandidat was Urteilen betrifft und muss auch lernen, einfach die Dinge mehr so hinzunehmen wie sie sind und das beste daraus zu machen, ohne der anderen Gruppierung immer vorzuwerfen, wie schrecklich undemokratisch ihre Ansichten doch sind usw. Es hängt aber auch sehr viel, wirklich sehr viel, davon ab welche Einstellung man selbst hat. Man sagt so schön „Die Welt ist das Spiegelbild deiner selbst“. Je mehr Mitgefühl und Verständnis – und weniger Hochmut! – man generell entwickelt, desto weniger fühlt man sich angegriffen und desto weniger regt man sich über die verschiedensten Dinge auf und das Umfeld erscheint gleich viel undramatischer. Man merkt plötzlich, dass viele Dinge okay sind, so wie sie sind. Viel liegt wirklich an uns selbst und oft sind wir selbst dafür verantwortlich, weil wir aus einer Mücke tief in uns drin einen Elefanten machen. Insofern stimmt der Spruch absolut.“

Der Song „Bullet“ wurde von einem Mädchen aus Beirut im Libanon auf Englisch und Arabisch eingesprochen. Es handelt sich dabei laut Aussage von Stefan um ein Gedicht, das sie selbst geschrieben hat, als in dem Land vor zwei Jahren Krieg herrschte. Ich bat den oberbayerischen Musikus, mir mehr darüber zu erzählen. Der lässt mich wissen:

„Das war wirklich eine ganz besondere Zusammenarbeit und ich bin froh, dass alles geklappt hat. Ich kenne dort eine Familie schon seit einigen Jahren, und in der Songwriting-Phase von „Nour“ wurden an der Grenze zwischen Libanon und Israel zwei israelische Soldaten entführt – die ja mittlerweile tot sind und deren Überreste vor ein paar Wochen bei einem Gefangenenaustausch wieder nach Israel gebracht wurden. Der Libanon ist innenpolitisch sehr gespalten. Christen, Moslems usw., wobei es auch innerhalb der Religionsgemeinschaften Spaltungen gibt. Neben der staatlichen Armee – die nicht besonders viel zu melden hat, die haben dort keinen einzigen Düsenjäger und nur paar Hubschrauber – gibt es quasi eine „Privatarmee“, die Hisbollah, und auf deren Konto ging die Entführung. Nun hat Israel die Entführung zum Anlass genommen, die Hisbollah sowohl mit Bodentruppen als auch mit Luft- und Seeangriffen zu schwächen, wobei das natürlich schwierig ist, weil die Hisbollah nicht ein bestimmtes Territorium besetzt hält, sondern quer über das Land verteilt ist. Also wurden auch viele zivile Einrichtungen, Wohnviertel usw. bombardiert. Eines Tages hatte ich mal wieder CNN laufen, und da kam es wirklich zu einer äußerst komischen Situation. Während ich die brennende Stadt Beirut im Fernseher gesehen habe, habe ich gleichzeitig mit dieser Familie telefoniert, die dort lebt, und die Tochter hat mir währenddessen etwas vorgelesen, das sie selbst geschrieben hatte. Es war zwar nicht das Gedicht „Bullet“, aber was sie da geschrieben hatte, war so toll, dass ich mir dachte, sie muss unbedingt etwas zu der CD beisteuern. Die ganze Situation war unglaublich emotional und das, was Hanine da praktiziert hat, war einfach ernsthafte Kunst aus einem wirklich gegebenen Anlass heraus. Man stelle sich vor, die eigene Stadt wird bombardiert, dass man die Einschläge sogar am Telefon hört, man sieht im Fernsehen gleichzeitig die brennende Stadt, und nebenbei liest dir eine Bewohnerin dieser Stadt etwas „Schönes“ vor, also „Schön“ im Sinne von „Kontrast zwischen Poesie und nebenbei die schlimmsten Ausmaße menschlicher Schöpfungskraft in Form von Bomben“. Das hat mich unheimlich bewegt und war in meiner Zeit als Musiker sicherlich der markanteste Augenblick. In diesem Zeitraum hat sie auch „Bullet“ geschrieben und dieses Gedicht für die CD eingesprochen, und ich habe dann dazu den Song gemacht. In diesem Song hört man auch eine skurrile Sache, nämlich eine Explosion gefolgt von komischen Sirenen, die nichts anderes sind als Alarmanlagen von Autos, die wegen der Druckwelle der Bomben angehen. Das wollte ich deswegen einbauen, weil es mir am Telefon aufgefallen war, und ich dann danach gefragt habe – als ob es in einer derartigen Situation nicht Wichtigeres gebe. [lacht] Zwei Sachen möchte ich betonen: Erstens will ich damit wirklich nicht hausieren gehen, aber „Bullet“ ist einfach ein sehr emotionaler Bestandteil der CD und die Geschichte gehört irgendwie einfach dazu. Zweitens möchte ich betonen, dass ich in Punkto Nahostkonflikt keinem politischen Lager angehöre und die Sache aus rein künstlerischer und menschlicher Perspektive sehe. Es ist schlimm was dort passiert, aber ich wohne zum Glück in Deutschland, und man sollte sich nicht zu sehr von Problemen in anderen Teilen der Welt vereinnahmen lassen, weil man auf diese Weise nicht helfen kann und es ist nur unnötig Kraft kostet, die jeder von uns im Hier und Jetzt braucht – egal wo man lebt und welche Aufgaben beziehungsweise Probleme man aktuell zu bewältigen hat.“

Wie sieht Stefan generell die Entwicklung bezüglich weltweit zunehmender Spannungen zwischen unterschiedlichen Religions- und Kulturkreisen? Und: Wer ist seiner Auffassung nach dafür verantwortlich? „Das ist eine schwierige Frage. [schnauft laut auf] Also prinzipiell glaube ich, dass die Probleme zwischen den unterschiedlichen Religionen zwar immer akuter werden – vor allem in Frankreich und Deutschland, wo sowohl das Christentum als auch der Islam sehr nah beieinander leben, oder im Raum Israel beziehungsweise Gazastreifen beziehungsweise Libanon beziehungsweise im Irak zwischen Schiiten und Sunniten. Aber ich denke nicht, dass es das schlimmste Problem ist, das wir auf der Welt haben. Hinter den Kulissen geht es um viel mehr als Religion, nämlich um die Wirtschaft. Einerseits darum, dass die Großkonzerne weiterhin viel Geld einsacken, andererseits darum, dass die Wirtschaftssysteme, vor allem in Amerika, nicht zusammenbrechen. Da jedoch das Öl knapp wird und Länder wie Indien und China Unmengen an Rohstoffen für ihr Wachstum brauchen, wird das Öl und auch das Gas immer unbezahlbarer. Und diese Vorkommen liegen nun mal in Ländern wie Irak, Afghanistan, Iran usw. – oder es laufen zumindest wichtige Pipelines hindurch. Es liegt also auf der Hand, dass es nicht nur um religiöse Meinungsverschiedenheiten geht. Es lässt sich vielfach in der Geschichte der letzten Jahrhunderte belegen, dass die Geheimdienste einzelner Nationen dafür benutzt wurden, durch gezielte Aktionen in „verfeindeten Ländern“ die Stimmung beim Volk anzuheizen, und ich denke auch, dass das in einigen Fällen im nahen Osten der Fall ist. Ein stabiles Land lässt nicht einfach fremde Länder und Firmen ins Land, um die Rohstoffe abzubauen. So etwas geht nur, wenn man darum gebeten wird. Und wie wird man darum gebeten? Indem man in dem Land von außen so viel Unruhe und Instabilität erzeugt – beispielsweise auch durch die finanzielle Unterstützung regierungsfeindlicher Bewegungen im zu destabilisierenden Land, dass das Land außen stehende Länder darum bittet, ja sogar anbettelt, einzumarschieren und für Ruhe zu sorgen. Das Volk ist nicht mehr so leicht beeinflussbar wie früher, als es als Kriegsgrund noch gereicht hat, wenn man gesagt hat „Land XY ist unser Feind“ oder „Wir müssen Land XY für unseren Gott zurückerobern“ etc. Es geht fast nur noch über sehr indirekte Wege, also Destabilisierung oder das Schüren von Angst wie beispielsweise Terrorgefahr in jeder Ecke. Anders bringt man Leute nicht mehr dazu, ihr Leben in kriegerischen Auseinandersetzungen zu riskieren. Gesetzt dem Fall, es würde wirklich nur im kulturelle Meinungsverschiedenheiten gehen: Kann man es manchen Kulturen wirklich verübeln? Europa hat den afrikanischen Kontinent und auch den arabischen Raum fast Jahrhunderte lang ausgebeutet, und wir tun es immer noch. Wir können unseren Standard nur halten, weil es den Menschen anderswo so schlecht geht und wir deswegen so günstig an Rohstoffe aller Art zur Herstellung unserer Lebensmittel und anderer Güter kommen. Dazu noch das Jahrhunderte lange andauernde Joch der Kolonisierung, Kreuzzüge gab es ja auch mal usw. Also da ist einiges zusammengekommen, und es würde mich nicht wundern, wenn das Pendel irgendwann auf die andere Seite ausschlägt, weil es oft so ist im Leben und eine Aktion immer eine Reaktion hervorruft, oder anders ausgedrückt, eine Ursache eine Wirkung zur Folge hat – auch wenn zwischen Ursache und Wirkung vielleicht viel Zeit vergeht. Ich denke also, dass der Graben zwischen den Religionen noch tiefer wird, aber wie gesagt, ich halte all das nicht für das Hauptproblem: Es gibt einige Länder auf der Welt, die ein enormes Wirtschaftswachstum zu verbuchen haben, aber nicht nur 80 Millionen Menschen dort leben, sondern Milliarden. Und Umweltschutz wird dort nicht gerade groß geschrieben. Ich rede hierbei nicht nur von China, sondern auch Indien, Russland usw. Wie lange kann die Erde dieser Belastung noch standhalten? Ich glaube, das ist ein viel größeres Problem als die religiösen Uneinigkeiten auf der Welt. Ich möchte die Welt auch nicht schwarz malen, auch wenn es hier den Anschein erweckt. Wir leben in einer tollen Zeit, in der wir unendlich viele Möglichkeiten haben, uns zu verwirklichen, weiterzubilden: Ein paar Klicks bei einem Onlinehändler beispielsweise und zwei Tage später hat man jedes Buch, das man haben will. Wir können reisen, wohin wir wollen, und das zu wirklich erschwinglichen Preisen. Außerdem können wir unsere Meinung absolut frei äußern, so wie ich hier. Ich glaube, man sollte sich nicht zu viele Gedanken über die Probleme der Welt machen, sondern erstmal vor der eigenen Haustür kehren und dort alles in Ordnung bringen. Dann hat man auch die Kraft, andere Probleme anzupacken. Außerdem macht man sich nur verrückt, wenn man zu viel über dies und das nachdenkt.“

In der neuen CD „Nour“ befindet sich ein sehr interessantes Zitat von John Lennon: „I believe that what Jesus, Mohammed and Buddha and all the rest said was right. It´s just that the translations have gone wrong.“ Wieso hat Stefan wohl gerade dieses Zitat gewählt beziehungsweise welche Relevanz enthält es seiner Meinung nach?

„Mir gefällt das Zitat, weil John Lennon schon vor mehreren Jahrzehnten einen sehr modernen Standpunkt vertreten hat, wie man ihn in der heutigen spirituellen Literatur sehr oft findet – beispielsweise in den Büchern von Neale Donald Walsch. Ich denke, dass jeder Prophet der Welt etwas zu sagen hatte, und dass sie alle so weise waren, dass sie quasi die „absolute kosmische Wahrheit“ kannten. Und ich denke nicht, dass sich diese Wahrheit je nach Kontinent oder Luftfeuchtigkeit unterscheidet. Man findet sehr viele Parallelen zwischen den unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften und Aussagen von Buddha, Mohammed, Jesus usw. Im Übrigen glaube ich nicht, dass nur eine Handvoll Menschen diese „Wahrheit“ kannten oder kennen. Es gab und gibt nach wie vor viele Menschen, die sich meiner Meinung nach ebenfalls dieser „Wahrheit“ in ihrer ganzen Fülle gewahr sind und diese auf die eine oder andere Art und Weise, manchmal mehr oder weniger spektakulär, umsetzen. Man nehme beispielsweise die auf Tatsachen beruhende Geschichte von „Der friedvolle Krieger“, in der ein junger Leistungssportler über Jahre hinweg von einem unscheinbaren Tankwart in alle möglichen Teilbereiche dieser „Wahrheit“ eingeweiht wird. Ich glaube, dass die Kernaussage dieser „Wahrheit“ ursprünglich in allen Religionen die gleiche war, sie wurde nur total verhunzt. Einerseits absichtlich, um irgendwelche Interessen durchzusetzen und diese mit heiligen Schriften zu untermauern, andererseits einfach durch Unvermögen. Selbst heute sind viele Computerspiele grottenschlecht übersetzt, wie soll das dann nur vor 1.000 bis 2.000 Jahren gewesen sein, als die technischen Mittel noch viel armseliger waren? Mal ehrlich: Jeder, der mal in der Bibel gelesen hat, wird nicht abstreiten können, dass das teilweise so komisch geschrieben ist, dass man wirklich nicht besonders viel davon eindeutig geistig erfassen kann. Außer diverse Sekten, die an meiner Tür klingeln, und jedes Wort aus der Bibel genau umsetzen, egal wie unlogisch das manchmal auch sein mag. Ich beschäftigte mich wie gesagt sehr viel mit Spiritualität und obwohl es sich dabei um eine sehr freie und moderne Glaubensauffassung handelt, deckt sich unglaublich viel mit den einzelnen Propheten, wenn man die Kernaussagen aus einer anderen Perspektive betrachtet. Ich halte das Zitat beziehungsweise die Anschauung an sich für sehr relevant, weil wir unsere Probleme nur in den Griff bekommen, wenn wir mehr zusammenwachsen. Damit meine ich nicht so etwas wie die EU, sondern weltweit.“

Einerseits erweckt das neue Shiva In Exile-Album mit eben genanntem Zitat und dem politischen Song „Bullet“ den Eindruck, als solle eine gewisse Message transportiert werden. Andererseits singt Yana in Fantasiesprache, die – das bringt Fantasiesprache mit sich – niemand versteht. Will Stefan mit dem aktuellen Werk wohl eine gewisse Aussage transportieren, obwohl es abgesehen von „Bullet“ ja eigentlich gar keine Songtexte gibt, fragte ich ihn. „In erster Linie geht es mir wirklich um die Musik. Ich will mit der CD außergewöhnliche Emotionen hervorrufen, die sich von den Emotionen gängiger Genres ein wenig unterscheiden. Und ich will, dass die Musik von anderen Leuten für ihre eigene Kunst wie beispielsweise Tanz usw. genutzt wird, und ihr dadurch noch mehr Leben eingehaucht wird. Das eben genannte Zitat und „Bullet“ sind dabei die einzige Ausnahme und sollen einen kleinen Denkanstoß geben, ohne dabei jedoch politisch zu werden.“

Wie ich weiß, arbeitet Stefan aktuell auch an einem tendenziell esoterischen Projekt, das sowohl musikalisch als auch kulturell – keltisch und nicht orientalisch – in eine völlig andere Richtung geht. Ich bat ihn, mir und den Lesern mehr zu diesem Projekt zu verraten, beziehungsweise wie es zu diesen Gegensätzen kommt. „Ja, das ist richtig! Ich kann noch nicht allzu viel darüber verraten, aber wie du richtig gesagt hast, ist es eher keltisch angehaucht. Es handelt sich dabei um einen Mix aus Musik und Sprachaufnahmen und behandelt ganz oberflächlich betrachtet das Thema Jenseits. Ich arbeite hierfür mit einem Medium zusammen. Ich hoffe, wir werden im Herbst damit fertig, haben im Moment aber beide recht viel um die Ohren. Der größte Teil ist aber schon im Kasten und im Großen und Ganzen fehlt nur noch etwas mehr Struktur in den Texten für die Sprachaufnahmen und die Sprachaufnahmen selbst, die wir mit einem bekannten Sprecher machen werden, der schon viel im Bereich TV, Hörbucher, Computerspiele usw. gesprochen hat.“

Trotz zahlreicher Angebote hat er sich letztlich ja dazu entschieden, das aktuelle Album ohne Plattenfirma zu veröffentlichen. Stefan erläutert, was genau ihn zu diesem Schritt bewegt hat. „Oh, da waren einige Dinge, die mich sehr gestört haben. Ich kann zum Beispiel nicht verstehen, wie man an einer Band ernsthaftes Interesse haben kann – und das hatten einige Labels, aber dann zwei bis drei Wochen brauchen, um eine Mail zu beantworten. Wenn es schon bei Verhandlungen so läuft, wo man sich ja eigentlich von einer guten Seite zeigen sollte, wie läuft es dann erst, wenn man unterschrieben hat? Diese Sache hat mich sehr gestört, weil ich dadurch oft wochenlang im Unklaren war und es die Veröffentlichung der CD bestimmt um vier bis sechs Monate verzögert hat. Das ist kein Vorwurf an eine bestimmte Plattenfirma, sondern an mehrere, bei denen es so ablief. Und das waren beileibe keine Hobbylabels. Irgendwann hat es mir einfach gereicht und ich habe beschlossen, das Ding selbst zu veröffentlichen. Ich werde dabei jedoch von ein paar guten Freunden unterstützt! Ein weiterer Punkt waren die Konditionen. In der heutigen Zeit müssen die Plattenfirmen sehr auf ihr Geld schauen, und das kann ich gut nachvollziehen, dass kaum noch Vorschüsse gezahlt werden – womit man zumindest die Aufnahmen finanzieren könnte. In meinem Fall war die Produkterstellung jedoch sehr aufwändig, und ich wollte nicht die Rechte hergeben, dafür dass ich alles selbst finanziere und dann vielleicht 1,5 Euro pro verkaufter CD bekomme, und selbst das als Maximum. Daher wie gesagt der zugegebenermaßen durchaus etwas trotzige Schritt, die CD einfach niemandem zu geben – außer Russland-Lizenz, weil ich mit den Jungs befreundet bin. Es ist nicht so, dass ich die Plattenfirmen nicht verstehe und mich hier als Underground-Held darstellen will. Ich würde sehr gerne viele CDs verkaufen und damit viel Geld verdienen, schließlich steckt viel Arbeit und Zeit drin, und warum soll man als Musiker nicht für seine Mühen auch materiell belohnt werden? Aber ich bin nicht von der Musik abhängig, da ich glücklicherweise eine eigene kleine Übersetzungsfirma habe, daher reicht es mir völlig aus, wenn ich die Unkosten wieder reinhole – aber wenig war das nicht. Das dürfte mir auch ohne Plattenfirma gelingen, wobei ich nicht zu den Leuten gehöre, die sagen, dass man heutzutage auch ohne Plattenfirma alles alleine machen kann. Dem ist sicherlich nicht so. Es ist nur in meiner Lebenslage wie gesagt nicht so wichtig, dass ich unbedingt viele Stückzahlen verkaufe, deswegen kann ich das Idealistische sehr in den Vordergrund rücken. Eine Sache, die mich übrigens bei der Musikindustrie auch stört, und da spreche ich sicherlich vielen Bands aus der Seele: Die meisten Leute in der Musikindustrie leben davon, was sie tun, also der CD-Verkäufer, die Angestellten bei der Plattenfirma, das Presswerk usw. Aber die Musiker, ohne die das alles gar nicht möglich wäre, gehen in den meisten Fällen völlig leer aus. Die Plattenfirmen können noch von der Musik leben, weil sie viele CDs raus bringen, dafür aber von jeder CD nur geringe Stückzahlen verkaufen. Sprich: Die riesige Menge an Bands geht mehr oder weniger leer aus und soll das ganze brav als Hobby machen, während die Plattenfirmen davon leben können und ihrer Buchhalterin oder wem auch immer ihr Gehalt zahlen. Das soll nicht bedeuten, dass Plattenfirmen im Geld schwimmen, ganz und gar nicht. Sie haben es heutzutage auch sehr schwer und müssen jeden Cent dreimal umdrehen. Aber dennoch können sie sich darauf verlassen, dass sie immer Bands finden werden, die selbst ihre Studiokosten zahlen, die ihr Websitedesign selbst zahlen und die ihr Booklet und Coverdesign selbst zahlen – ganz zu schweigen von den Instrumenten und anderem Equipment, das man braucht, um überhaupt Musik machen zu können und der aufgebrachten Zeit zum Erstellen einer CD. Und das alles, um sich dann letztlich in die Sammlung an "Jagdtrophäen" einzureihen, die bei der Plattenfirma an der Wand hängen, weil ja die Plattenfirma so auf ihre Musik steht und die Band ja unbedingt haben will und sie in der Sammlung des Labelportfolios nicht fehlen darf! Dass die Band aber von vornherein kaum Chancen hat, überhaupt etwas mit der CD zu verdienen, wird meistens nicht gesagt. Sie wird im Sumpf der 10.000 anderen Bands untergehen, egal ob mit Plattenfirma oder ohne. Als ich meine ersten CDs gemacht habe, hat man von der Plattenfirma einen Vorschuss bekommen, mit dem man die Studiokosten usw. decken konnte – verkauft die Band gut, werden die Einnahmen dagegen gerechnet, verkauft sie schlecht, ist es das Risiko des Labels. Heutzutage wollen die Labels dieses Risiko nicht mehr eingehen. Kann ich auch gut verstehen. Wirklich fair wäre es, wenn die Verhältnisse gleich wären, sprich: Die Plattenfirma kümmert sich um die CD, wenn sie abends vom Arbeiten heim kommt, und die Bands kümmern sich um ihre Musik, wenn sie abends vom Arbeiten heim kommen. Also um auf den Punkt zu kommen: Bei all den Verhandlungen, die ich für Shiva In Exile geführt habe, ist Gejammer für mich nur akzeptabel, wenn die Plattenfirma genauso wenig davon leben kann wie ich. Solange aber eine Plattenfirma so viel Geld hat, dass sie diese Leidenschaft als Beruf ausüben kann, ist sämtliches Gejammer absolut fehl am Platz, weil es 99 % der Bands schlechter geht. Aber um das Thema positiv abzuschließen: Diese Situation, oder nennen wir es Finanzmisere, birgt auch Chancen für die Musiker. Nämlich dass sie sich wieder auf das Wesentliche besinnen können und dankbar dafür sind, dass sie überhaupt Musik machen können! Wir haben hier in Europa wirklich viele Privilegien, und eines davon ist die Möglichkeit, unsere Kreativität voll auszuleben, sei es durch das Kreieren von CDs, das Erstellen von Blogs oder das Gründen von Online-Magazinen usw. Und durch das fehlende Musikeinkommen lernt man auch zu erkennen, dass Musik nicht alles auf der Welt ist. Dass man nicht nur in seinem Elfenbeinturm sitzen kann, der irgendwann mal auseinander fällt, wenn den Leuten deine Musik nicht mehr gefällt und du damit nichts mehr verdienen kannst.“

Shiva In Exile, seine Metal Band Spi-Ritual, all das klingt ja alles recht religiös beziehungsweise spirituell. Gehört Stefan einer bestimmten Glaubensgemeinschaft beziehungsweise einer Glaubensrichtung an?

„Nein, ich picke mir überall das heraus, was sich für mich richtig anfühlt. Dabei versuche ich, nie stehen zu bleiben, sondern immer mehr herausragende Menschen kennen zu lernen oder zumindest von ihnen zu lesen. Das können sehr bekannte Menschen sein, aber auch sehr einfache Menschen und ihre Geschichten. Eine meiner Grundregeln ist es, wirklich jeden Moment wachsam durch das Leben zu gehen und mich in jeder Situation zu fragen „was will mir diese Situation sagen“? Ich versuche beispielsweise, in jeder Situation etwas Positives zu sehen, und ich glaube auch, dass jede Situation unserer Entwicklung dienlich ist, sonst würden wir nicht in diese Situation hineinschlittern. Ich denke nämlich nicht, dass wir einfach so geboren werden und zufällig dies und das tun und dann wieder sterben. Ich bin überzeugt davon, dass wir auf gewisse Weise geführt werden, und in die Situationen geraten, die für den Lernprozess unserer Seele gerade am meisten optimal sind. Ich habe zuvor bereits das Beispiel gebracht mit dem Job, den ich verloren habe, wodurch ich jedoch in eine viel bessere Situation geraten bin, auch wenn es Jahre gedauert hat, um das zu erkennen. Man sollte meiner Meinung nach also einerseits positive Dinge mehr beachten, andererseits jedoch negative Dinge nicht verdammen. Das machen beispielsweise viele Religionen, indem sie Dinge verbieten, um die Menschen vor Unheil zu bewahren. Dadurch wird zwar Unheil vermieden, aufs erste. Dann folgt jedoch Unheil einer anderen Qualität, nämlich "Unheil durch Nichtwissen". Wer nicht in Fettnäpfchen steigt, der kann nicht lernen, dass bestimmte Dinge nicht gut sind, er findet keinen Kontext für Gut und Schlecht. Er befolgt zwar Dinge und geht dadurch anderen Dingen aus dem Weg, aber ihm fehlt die Erkenntnis. Die Erkenntnis, was mir und anderen schadet usw. Und gerade das eigene Begehen von Fehlern macht uns doch demütig und lässt uns andere weniger verurteilen, für das, was sie tun. Wer einmal selbst auf der Straße war, wird keinen Bettler dafür verurteilen, dass er nichts "leistet" usw. Er leistet sogar sehr viel, da er für alle anderen Menschen eine Botschaft hat beziehungsweise verkörpert. Beispielsweise die Botschaft, mehr damit zufrieden sein, was man hat. Da passt ein weises Sprichwort: „Nicht jeder Mensch ist dein Freund, aber jeder Mensch ist dein Lehrer“. Das ist ein kleiner Aspekt meiner Weltanschauung, aber wenn ich jetzt mehr schreiben würde, würden selbst die tapferen Leser, die bis jetzt durchgehalten haben, einschlafen.“ [lacht]

Stefan war ja auch in anderen Sparten nicht ganz untätig, beispielsweise mit seiner langjährigen Ex-Band Darkseed. Wenn er also zurückblickt auf die Zeit zwischen 1994, dem Jahr seiner ersten CD-Veröffentlichung mit Darkseed und Shiva In Exile 2008, welche Veränderungen hast er als Künstler in diesen immerhin 14 Jahren wohl so durchlebt? Auch wollte ich wissen, warum er der Metal-Szene mittlerweile den Rücken gekehrt hat. „Ich glaube wie gesagt daran, dass man innerhalb von zehn Jahren so ziemlich alles erreichen kann, und wenn ich 14 Jahre zurückblicke, erkenne ich eigentlich nicht mehr viel von mir – das meine ich nicht wertend im Sinne von damals war alles schlechter oder besser. 14 Jahre sind einfach eine verdammt lange Zeit, und zwischen 18 und 32 passiert halt doch recht viel bei jedem Menschen. Insofern kann ich die Frage nicht wirklich beantworten, weil sich eigentlich alles geändert hat. Zum zweiten Teil der Frage: Es war keine spontane Entscheidung, der Metal-Musik bewusst den Rücken zu kehren, dafür gibt es auch nicht wirklich einen konkreten Grund. Es ist einfach im Laufe der Zeit passiert, dass ich mich mehr und mehr zurückgezogen habe und einfach andere Interessen in den Vordergrund gerückt sind, bis von Metal schließlich fast nichts mehr übrig war, wobei ich hin und wieder schon noch gerne die ein oder andere CD höre beziehungsweise Magazine lese. Was mich jedoch davon abhält, ein weiteres Metal-Album zu schreiben, ist einfach diese überladene Produktpalette. Wenn ich an Metal denke, denke ich irgendwie nicht mehr an bestimmte Bands oder Albencover, ich denke bei dem Sammelbegriff „Metal“ einfach nur an einen riesigen Berg an CDs, wobei man bei keiner CD einen Bandnamen erkennen kann, weil es einfach nur noch eine riesige Masse an „Metal“ ist, die auf den PCs der Hörer landen. Das ist auch wieder nicht wertend beziehungsweise urteilend gemeint, sondern einfach ein Erscheinungsbild der Zeit, in der wir leben. Ich werfe niemandem vor, seine Festplatte mit CDs aus illegalen Downloads heraus voll zu ballern, denn man kann einfach das Stehlen eines Produkts vom Ladentisch nicht mit dem Herunterladen einer CD vergleichen, weil es ja nicht weniger gepresste CDs werden, wenn man die Musik „klaut“. Sie wird ja nicht weggenommen und ist dann nicht mehr da, wie wenn man etwas aus einem Laden klaut. Und die wenigsten, die eine CD herunterladen, würden sie wirklich kaufen. Das Hauptproblem ist die Masse an Produkten, nicht primär das Herunterladen, denke ich zumindest. Die Masse an Produkten ist einfach da, weil wir in einer Zeit und Gesellschaft leben, in der sich viele Menschen die Zeit nehmen können, künstlerisch tätig zu sein, und durch die gute PC-Technik das ganze auch relativ einfach bewerkstelligen können. Als ich 14 bis 16 Jahre alt war, hatte ich einen Vierspurrekorder zu Hause, also mit einer Kassette drin, die man vierfach bespielen konnte. Das Ding war sehr teuer und man konnte gerade mal vier Spuren aufnehmen, also beispielsweise den Bass, zwei Gitarren und Gesang. Danach musste man ins Studio gehen und die Songs mit besseren Mitteln aufnehmen, wobei auch hier wieder ohne Computer gearbeitet wurde und man aufwändig die Bänder schneiden musste, wenn man einen Fehler beim Einspielen gemacht hat. Also musste man die Songs auch noch richtig gut üben, bevor man ins Studio gegangen ist, und dafür viel Geld hinlegen. Heutzutage lädt man sich die aktuellste Software runter oder kauft sie für paar hundert Euro und nimmt damit 100 Spuren auf, das ganze Schlagzeug, mehrfach gedoppelte Gitarren, Gesang mit 10 Effekten, dutzende Streicher usw. Also quasi die komplette CD, ohne noch ins Studio gehen zu müssen. Ich habe beispielsweise die komplette Darkseed „Ultimate Darkness“, Spi-Ritual „Pulse“ und Shiva In Exile-CD „Nour“ am Rechner gemacht, zumindest die Grobaufnahmen, aber das Songwriting war 100 % fertig. Ich halte also nicht das Downloaden für ein Problem, sondern die Masse an Produkten. Das ist in anderen Musiksparten oder im Buchhandel ja genauso. Kaum ein Autor kann vom Schreiben leben und hat einen Nebenjob, und Bücher werden bei weitem nicht so oft herunter geladen wie CDs. Und mal ehrlich, es gibt wirklich Schlimmeres auf der Welt. Und ich sage es nochmals: Wir sollten froh sein, dass wir diese tollen Möglichkeiten haben, uns kreativ auszuleben und unsere Individualität auszudrücken. Aus diesen Gründen habe ich mich für das Weitermachen mit Shiva In Exile entschieden, weil Tribal Gothic oder Gothic Bellydancing oder wie auch immer noch nicht so überladen ist und das im Augenblick die Musik ist, mit der ich mich am besten ausdrücken kann. Wobei ich nicht nur auf den Orient fixiert bin, ich finde auch indianische und nordische Musik sehr interessant!“

Wir kamen auch noch über vergangene und kommende Live-Aktivitäten von Shiva In Exile zum Sprechen. Dabei merkte ich erneut an, dass man dabei auf der Bühne etwas Großartiges, einzigartig Theatralisches aufziehen könnte: Tänzerinnen, Fackeln, Mystik, Weihrauch, Nebel, Staffage, Kerzenmeere, Lichteffekte, kleines internationales Orchester, leuchtend farbenfrohe Dekorationen – die Möglichkeiten sind meiner Meinung nach vorteilig ja viel vielfältiger als in den meisten anderen Musikgenres. Der Meister hierzu:

„Tja, den von dir genannten Möglichkeiten ist nichts mehr hinzuzufügen. [lacht] Das wäre klasse, ja, und ich bin schon am Überlegen, wie man das irgendwie umsetzen könnte. Im Zuge der Shiva In Exile Promotion wird sich vielleicht eine gute Tanzgruppe finden, mit der man das machen kann. Ich habe schon einige Gespräche mit einer Gruppe aus Spanien geführt, die Interesse hätte, eine Shiva In Exile-Choreographie einzustudieren. Mal sehen, was die Zukunft bringt. Ich bin für viele Ideen und Kooperationsmöglichkeiten mit Künstlern offen.“

Seine musikalischen beziehungsweise menschlichen Ziele für das Jahr 2008 hat er sich laut eigenem abschließendem Bekunden wohl etwas zu hoch gesteckt: „Aber das scheint ja normal zu sein, wenn man dem Zitat „Man überschätzt, was man innerhalb eines Jahres erreichen kann usw.“ Glauben schenkt. Aber alles in allem bin ich bisher sehr zufrieden, weil „Nour“ endlich im Kasten ist und der Release nun endlich da ist. Menschliche Ziele? [überlegt] Vielleicht etwas lockerer an manche Dinge rangehen, mehr Geduld haben, sich weniger Gedanken über dies und das machen und die Dinge einfach so akzeptieren, wie sie kommen. Keine einfache Aufgabe. [lacht] Herzlichen Dank für das Interview, Markus!“ Ich habe ebenfalls zu danken für alles Wertvolles, was von Shiva In Exile kommt, und zwar auf musikalischer sowie philosophischer Ebene.

© Markus Eck, 04.08.2008

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