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Interview: FINSTERFORST
Titel: Es wachsen die Äste der Finsternis

Diese derzeit debütierenden Pagan Folk Metal-Schlingel aus dem schönen Schwarzwald haben mich mit ihrer beängstigend guten 3-Track-EP „Wiege der Finsternis“ schier um den Verstand gebracht: Feinmelodischer und hymnischer geht es fast nicht mehr, die (ein)schneidende Rasanz der tosenden Stromgitarren- und Trommel-Stakkati ist von immenser Übermacht und die mordsknackigen und schmissigen Humppa-Parts laden beinahe zwanghaft zum fröhlichen Feuertanze ein. Faszinierend.

Mit dem Akkordeon werden dabei restlos betörende Akzente gesetzt, die beinahe zu schön für diese mehr und mehr amerikanisierte Welt sind. Die Tin Whistle, also die traditionelle irische Zinnflöte, vollführt dazu geradezu aufjauchzende Tonleitersprünge – da nicken sogar die Fichten im Takt mit.

Und das alles von einer blutjungen Heidenhorde, welche die einzigartige Pracht der Natur viel mehr liebt als all die perfide gesetzten Pseudo-Trends der global-medial agierenden industriellen Konsumterroristen. Für mich gibt es absolut kein Halten darin, der tollen Epiker-Truppe meine volle Unterstützung zu geben.

Finsterforst, mit einer ganzen Wagenladung an Idealismus, Mitteilungsdrang und vor allem Können am Werk, stammen laut Aussage von Gitarren-Gladiator Simon Schillinger aus der Umgebung Freiburg/Emmendingen im schönen Badnerland.

„Uns gibt es seit knapp zwei Jahren und wir sind immer noch auf der Suche nach einem Drummer. Wir spielten und spielen auch heute noch zum Teil in anderen Bands. Eines Tages kam dann die Idee, etwas in Richtung Metal mit Akkordeon oder Humppa zu machen. Zack, so war es dann halt beschlossen. Verwirklichung von Träumen? Hmm – jedenfalls können wir unsere musikalischen Gedanken mit Finsterforst freisetzen. Als Band Finsterforst zusammenarbeiten zu können, bedeutet für uns viel Spaß. Zudem sind wir gute Freunde und man erlebt viel starken Scheiß zusammen.“

Wie schon seit der Gründung der Band übernimmt Marco Schomas den Gesang, steht Sebastian Scherrer hinter dem Keyboard und Tobias Weinreich vergewaltigt den Bass. Simon: „Und ich zupfe die sechs Saiten. Ja, und irgendwann haben wir dann Johannes Joseph, einen guten Freund gefragt, ob er nicht Akkordeon bei uns spielen will. Obwohl dieser Musikstil nicht wirklich sein Ding war, hat er zugesagt und ist seitdem fest dabei. In David Schuldis haben wir dann unseren zweiten Gitarristen gefunden. So sieht das Line-Up momentan aus. Also insgesamt noch ziemlich finster für Live-Auftritte“, lacht der Saitenakrobat.

Die wenige Freizeit wird natürlich genutzt, um diversen Hobbys nachzugehen: „Welche das jetzt sind? Musik machen, Musik hören, trinken und fressen. Einige der Band treiben natürlich auch noch andere Dinge wie Sport oder sonstiges. Mit der regionalen Metalszene geht hier leider nicht sonderlich viel ab.“

Die musikalischen Geschmäcker aller Bandmitglieder sind nicht gerade gleich geartet. „Ich persönlich höre am liebsten Moonsorrow und anderes Pagan-Zeugs. Aber auch sehr gerne schönen Black Metal wie Darkthrone oder Carpathian Forest. Na ja, man könnte hier wahrscheinlich endlos Bands aufzählen, aber ich denke, dass wir so alles mögliche quer durch den Metal hören. Aber auch anderes wie Jazz und Rock wird gehört, denke ich.“

Ich bitte den Axeman nachfolgend, die selbst erzeugte Musik für all die Leser zu beschreiben, die Finsterforst noch nicht kennen. Er wirkt erst ratlos und legt dann los: „Oh je! Was man natürlich sofort hören wird, ist, dass unsere Musik durch Metal aus Skandinavien beeinflusst wird. Die Stücke sind immer abwechslungsreich, haben flotte UffDaUffDaUffda-beats (hah!), einige Blastbeats und auch immer wieder sehr langsame und atmosphärische Passagen. Was bei uns vielleicht mehr oder weniger neu ist, wie ich finde, ist das sehr häufige Auftauchen des Akkordeons. Es nimmt quasi die Rolle eines führenden Instrumentes ein. Also an Melodie und breiter Atmosphäre fehlt es an unserer Musik ganz bestimmt nicht. Am besten sollte man dies aber selber herausfinden.“

Aufgenommen wurde „Wiege der Finsternis“ bei den Jungs in der Region. Simon erläutert: „In einem netten Kaff namens Buchheim. In den verdammt starken Iguana Studios von dem verdammt starken Christoph Brandes, der einfach mehr als abartig viel von diesem Fach versteht! Insgesamt haben wir inklusive Mix und Mastering circa zehn Tage gebraucht. Diese Zeit hat verdammt viel Spaß gemacht. Auch wenn es natürlich oft stressig im Studio ist und es oftmals Probleme mit Equipment oder Zeit gibt, lieben wir es im Studio zu sein. Und in diesem sowieso. Wir sind daher auch im Nachhinein mit dem aktuellen Demo mehr als zufrieden! Diese Produktion ist einfach nur der Hammer. Und man muss bedenken, dass wir ja auch nicht allzu viel Zeit im Studio verbracht hatten. Da können wir einfach nur noch einmal mehr unserem starken Produzenten danken!“

Ich frage anschließend gezielt nach, ob die Band neben meiner Reaktion schon weitere auf die aktuelle Scheibe erhalten hat – und wie Finsterfrost die bisherigen Reviews beurteilen. Überraschung: „Ehrlich gesagt ist dein Review das erste. Aber wir erwarten in nächster Zeit weitere und hoffen, dass unsere EP weiterhin begeistern wird. Wie es bei dir der Fall war!“

Simon bekundet im Weiteren, dass er drei oder vier Jahre jung war, als er Zeug wie Phil Collins, Chris de Burgh und Grönemeyer hörte. „Später kam dann Michael Jackson dazu. Als ich dann in der Schule war, kam der ganze Scheiß von Techno und Hip Hop an mich ran! Und mit der Zeit kam dann immer mehr Rock rein, bis ich dann nur noch beim Metal blieb. Wie alt ich da war, kann ich nicht genau sagen. So 14 bis 16 Jahre müsst ich da gewesen sein. Egal. Jedenfalls hat mich nicht eine bestimmte Platte oder ein bestimmtes Ereignis zur Musik gebracht. Ich habe mit drei Jahren schon immer rumgetrommelt und `eigene Lieder` gespielt. Hey, davon gibt es erstaunliches Videomaterial!“, eröffnet er mir schallend lachend.

Musik ist seiner Meinung nach absolute Geschmackssache und der Schwarzwälder Gitarrist akzeptiert es daher auch voll und ganz, wenn jemand lieber kompositorisch verdammt primitive Musik hört als etwas sehr Anspruchvolles gut Produziertes. „Ich glaube auch nicht an eine Übersättigung der Hörer wegen der vielen Pagan Metal Veröffentlichungen. Kann sein, dass viel Scheiße rauskommt, aber da es, wie es scheint, immer mehr solche Bands gibt, hat man einfach eine verdammt große Auswahl. Man muss ja nicht alles hören, was auf dem Markt erscheint. Und solange es kreative Köpfe gibt wird es auch nicht langweilig werden.“

Der Bandname Finsterforst steht nur für den schönen Schwarzwald, also quasi für die Heimat der Jungs. Simon bringt es auf den Punkt: „Eine tiefere Bedeutung hat er nicht. Wir fanden einfach, dass es sich echt stark anhört.“

Als wir angeregt über die Lyriken der kreierten Kompositionen philosophieren, bringt sich erstmals auch Sänger Marco Schomas aktiv ins Gespräch ein. „Für mich besitzen alle Texte einen gleichen Stellenwert wie die Musik. Allerdings sollte jeder andere für sich selbst entscheiden, was für ihn wichtiger ist. Wichtig ist aber, dass es beides zueinander passt und die Lieder einen schlüssigen Gesamteindruck vermitteln. Dazu achte ich sehr darauf, dass die Texte mindestens genauso hochwertig sind wie die Musik, um nicht in ihrem Schatten unterzugehen. `Sieg und ewig Leben` handelt von einer siegreichen Schlacht gegen einen Nekromanten und seine Armee. In `Schatten der Nacht` spielen die vier Elemente die Hauptrolle, und treffen dabei immer wieder auf einen Kampf von Ereignissen, die immer wieder kehren. `Das Dunkle aller Welten` handelt hingegen von einem Geschöpf, das im Verlauf seines Lebens zu vollem Glanz erblüht und damit seine schattenhafte Vergangenheit abstreift. Der Titel des Demos steht für einen noch schlafenden Finsterforst, der aber rasch zu ganzer Größe heranwachsen wird und seine Äste der Finsternis in alles herein wachsen lässt. Doch noch wird er in der Wiege ruhig gestellt.“

Die lyrischen Themen der flotten Finsterforst-Lieder sind laut Marco meist Dinge, die jedem jeden Tag begegnen können, und die ihm auch passiert sind. Wir erfahren: „So schleichen sich immer wieder kleine heimliche Botschaften mit ein, die entdeckt werden wollen. Mit den Texten beschäftige ich mich immer sehr intensiv, so dass mir nicht immer irgendwelche Recherchen erspart bleiben. Leider dauert es immer sehr lange, bis ich mit dem Endergebnis zufrieden bin.“ Gut so, denn dass garantiert Qualität, wie ich meine.

Zukunftspläne gibt es natürlich reichlich bei diesen bis in die Langhaarspitzen ambitionierten Musikanten: „Material ist mehr als genug vorhanden für ein kommendes Debütalbum. Wir würden uns am liebsten Ende dieses Jahres oder Anfang 2007 wieder in die Iguana Studios begeben und voll durchstarten. Allerdings sind wir auf finanzielle Unterstützung angewiesen und kümmern uns derzeit lieber um einen Drummer, damit wir endlich Bühnen betreten können. Markus, vielen Dank an Dich und an alle, die unsere Musik mögen! Bleibt ehrlich und passt auf euch auf! Proschd!“ Genau, hoch die Humpen!

© Markus Eck, 16.05.2006

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