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Interview: VESANIA
Titel: Vom Wahnsinn zur Weisheit zum Wahnsinn

Bereits ihr höllisch komplexes 2003er Debütalbum „Firefrost Arcanum” ist ein ohrenbetäubend donnerndes Symphonic Black Death Metal-Spektakel aus kanonenartigen Riff-Attacken und begeisternd wüsten Schlagzeug-Orgien.

Die vier polnischen Donnerbolzen Vesania erwiesen sich darauf als Techniker mit grandiosen Fähigkeiten. „Firefrost Arcanum”, ein riesiger Erfolg in der Heimat der Band, hinterließ in einschlägigen Hörerkreisen reihenweise positiv überraschte Ohrenpaare.

Vesania sind erlesene Ausnahmekünstler mit einem intuitiven Gespür für fesselnde Rhythmuskünste und traumhafte Melodiken. Ihr melodisch monumentaler Mix aus der erhabenen Majestätik alter Emperor-Genialitäten und den tosenden Übergriffen neuerer Behemoth-Attacken setzt reihenweise gewaltige Energieschübe frei.

Jetzt erscheint mit „God The Lux” ein oberprächtiger Albumnachfolger, der diese großartigen Könner nun endlich auch breitflächig angemessen bekannt machen wird.

Hauptkomponist und Sänger Orion erweist sich auf diesem facettenreichen Meisterwerk erneut als vollkommen austrainierter Hyperpräzisions-Scharfschütze, der mit seiner sechssaitigen Gitarrenwaffe jederzeit mitten ins Zentrum tiefschwarzer Kraftfelder feuert.

Zwei der Mitglieder von Vesania mischen auch noch tatkräftig bei den polnischen Death Metal-Erfolgsmodellen Behemoth und Vader mit.

Ich spreche mit Saitenreißer Orion zu Beginn des Dialoges über die Bedeutung des neugierig machenden Bandnamens, der perfekt zur dunkelschönen Raserei-Musik der vierköpfigen polnischen Dunkelmacht zu passen scheint.

„Vesania ist ein alter lateinischer Begriff. Er steht dafür, dass am Ende alles menschlich Existierende mit Wahnsinn und Geisteskrankheit eng verknüpft ist beziehungsweise enden wird. Dieser alte Begriff steht aber auch dafür, dass die Menschheit mental seit jeher nicht gesund ist. Wahnsinn kann niemals endgültig verstanden werden, und er führt manches Mal gar zur Weisheit”, gibt mir der selbstbewusste Kopf des kernigen Kommandos zu Protokoll.

Der ausschlaggebende Grund für die gegen Ende des Jahres 1997 vollzogene Bandgründung war seiner weiteren Aussage nach, dass die Musiker den Ausdruck ihrer innersten Gefühle, Gedanken und Visionen in einer ganz außergewöhnlichen Black Death Metal-Band wie Vesania verwirklichen wollten. Man erfährt:

„Kompromisslos, beunruhigend spannend und kraftvoll sollte es sein, was uns vorschwebte. Dabei wurden wir massiv von der stetig anwachsenden skandinavischen Szene beeinflusst, also gerade durch gehaltvolle Bands wie Emperor, Mayhem und Immortal. Die meisten Hörer meinen, unsere Musik auf `God The Lux` wäre hauptsächlich von Dimmu Borgir und Emperor beeinflusst worden, womit sie ja nicht so ganz Unrecht haben. Ich kann und will jedoch Aussagen beziehungsweise Statements in Kritiken nicht akzeptieren, die uns abwertend als billige Plagiatoren dieser beiden Bands hinstellen. Uns inspiriert beinahe alles, was wir auf diesem Planeten hören, was wir erblicken und lesen. Dabei macht uns vieles sehr kritisch nachdenklich.“

Persönlich zieht sich Orion gegenwärtig hauptsächlich die rabiaten Sounds von den schwedischen Schwarzmetallern Watain rein, die er laut eigenem Bekennen fanatisch liebt.

„Was andersartige Metal-Bands anbelangt, so höre ich sehr gerne Nevermore, auch die neueren Sachen wie `Enemies Of Reality`, den tollen Re-Mix von Produzent Andy Sneap. Ich freue mich schon riesig auf deren neues Album `Godless Endeavour`. Auch die neuen Songs von Candlemass und Black Label Society gefallen mir sehr gut. Das aktuelle Album `Reise, Reise` von Rammstein ist daneben vielleicht eine meiner absoluten Favoritenscheiben aller Zeiten.”

Der überaus kreative Hauptkomponist von Vesania steht voll und ganz hinter seinem künstlerischen Tun, wie er nachfolgend gerne offenbart. Könnte für viele Genre-Kollegen als vorbildliche Haltung stehen, eine solche Einstellung:

„Ich wollte schon immer genau so leben; als ein Musiker, genauer gesagt als Vollblut-Metal-Musiker. Um ganz ehrlich zu sein, stellt exakt solch ein Dasein für mich den einzigen relevanten Grund dar, um auf dieser Welt überhaupt am Leben zu bleiben. Und nur hier in dieser Band kann ich mich selbst erschöpfend realisieren. Ich organisiere und ordne mein Leben vollkommen danach. Uns geht es seelisch manchmal schlechter, manchmal ein wenig besser. Eigentlich sind wir vier nicht wirklich glücklich in unserem Dasein hier. Doch ganz egal, wie es uns privat so geht, wir ziehen unser Ding mit Vesania entschlossen durch. Momentan fühlen wir uns jedenfalls so gut wie schon lange nicht mehr, besonders ich fühle mich ehrlich gesagt in der besten Form meines Lebens. Denn dies ist Vesania, mein einziges und kostbarstes Kind. Ich hüte es so gut wie ich es nur kann. Ich liebe von Herzen, was ich hier tue und erreiche. Das gibt mir eine tiefe innere Zufriedenheit. Für mich steht eindeutig fest: Dieses neue Album ist eines der allerbesten Dinge, die ich jemals in meinem Leben gemacht habe.“

Der Großmeister feuriger Saitenattacken knüpft daran an, das vorherige Werk von Vesania dem neuen Output direkt gegenüberstellend:

„`Firefrost Arcanum` war in allen Belangen extrem springlebendiger Sound, ein bewusst unkontrolliert gelassenes Noten-Chaos, ein nicht enden wollender Klangstrom an unaufhaltsam fließendem Bewusstsein. `God The Lux`, im Gegensatz, ist eher mechanisch gehalten worden, eiskalt und hyperpräzise angelegt. Zwar ist diese Platte ebenfalls erfüllt von tosendem Chaos, jedoch von sehr gut kontrolliertem.“

Vesania stellt für ihn somit die perfekt ausgeformte Brutalität des puren und unverfälscht reinen Wahnsinns von Black Metal dar: „Eine wahnsinnige Vision in einer wahnsinnigen musikalischen Ausformung“, wie Orion betreffs des neuen Silbertellers seiner Horde ausführt.

Ich bitte diese durchaus interessante Persönlichkeit, sich als Person und als Charakter selbst zu erklären. Er zögert erst, dann folgen Worte: „Da sollte man doch lieber meine Bandkollegen fragen, denke ich. Wenn ich mich selbst zu charakterisieren hätte, würde ich mich als geistig offen, aber konsequent und sehr enthusiastisch bezeichnen. Als hingebungsvollen Menschen. Ich würde sogar behaupten, ich bin süchtig nach dem was ich tue. Manches Mal bin ich ein richtiger Zyniker und Relativist, stets jedoch ein hart arbeitender Typ. Vereinzelt habe ich mich nicht so ganz unter Kontrolle und raste von Zeit zu Zeit auch mal aus, und dann sollte man sich auch lieber von mir fernhalten. In der Regel bin ich aber ein eher ruhiger Zeitgenosse.”

Der bemerkenswert fingerfertige Gitarrenquäler sieht seine Höllentruppe als eine ausgesprochen spielfreudige Live-Mannschaft, die sich auch auf der Bühne bestmöglich entfalten kann.

„Ich betrachte uns als eine richtige und reale Band, was beileibe nicht nur einfach veröffentlichte Musikstücke auf diversen Tonträgern beinhaltet. Wir sind vollkommen echt, im Gegensatz zu vielen anderen vergleichbaren Bands. So legen wir daher immens große Aufmerksamkeit auf alle passenden Möglichkeiten des Ausdrucks und der Mitteilung, die wir in unsere dunkle Kunst hineinlegen können. Das gilt genauso für all unsere Songtexte, unsere grafischen Darstellungen und die Live-Darbietungen von Vesania. Wir bemühen uns stets, den Leuten beziehungsweise den Fans dieser Stilistik etwas ganz Besonderes zu bieten. Etwas, das unsere Shows unvergesslich macht. Wir versuchen, unseren ureigenen Stil in diese Szene mit einzubringen: Spezifisch, theatralisch und mystisch atmosphärisch wollen wir es machen.”

Ich frage anschließend ganz gezielt nach, in welcher qualitativen Position zwischen stilistisch ähnlichen Metier-Spitzenreitern und ganz speziell zwischen den vier aus polnischen Landsmännern bestehenden und ebenfalls hochkarätigen Knall-Combos Thy Desease, Belfegor, Crionics und Luna Ad Noctum Meister Orion seine eigene Band Vesania einstuft.

„Erfreulich, dass mal jemand zur Abwechslung mehr polnische Extrem-Metal-Bands wie Vader und Behemoth kennt. Dass muss sich insgesamt sowieso ändern, denn der Anteil an polnischen Black und Death Metal-Truppen wächst ständig an. Unsere Szene hier ist sehr stark und die Leute nehmen nun auch im Ausland endlich mehr und mehr Kenntnis davon. Belfegor existieren übrigens nicht mehr, was ich schade finde. Welchen Stellenwert Vesania unter all den anderen einnehmen, ist ziemlich schwer einzuschätzen. Wir werden mehr wissen nach der europaweiten Veröffentlichung von `God The Lux`. Hier in Polen sind wir jedenfalls eine ziemlich bekannte und geschätzte Band, und auch definitiv eine, über welche die Leute am meisten sprechen.”

Wie der weitere informative Gesprächsverlauf ans Tageslicht bringt, gestaltete sich der Kompositionsprozess für die aktuelle Scheibe als sehr zeitintensiv. Orion präzisiert das Ganze:

„Zu lange durfte es jedoch auch nicht dauern, da das Songmaterial ansonsten sicherlich an natürlicher Impulsivität eingebüsst hätte. Denn nachdem ich letztes Jahr 2004 dauerhaft bei Behemoth eingestiegen bin und unser Drummer Daray ebenfalls seit letztem Jahr bei Vader deren Schlagwerker Doc bis heute ersetzt, hatten wir schon ganz schön daran zu beißen, noch genügend Zeit für Vesania ins Spiel zu bringen. Wir mussten ganz anders an die Sache herangehen, was nicht leicht für uns war. Während wir uns also vor besagter Line-Up-Aufteilung ein- bis zweimal die Woche in unserem Proberaum zum Üben trafen, änderten wir unsere Vorgehensweise dahingehend um, dass wenn wir uns dann schon mal persönlich für Vesania treffen, wir uns zwei Wochen am Stück täglich im Übungskeller verbunkern und danach wieder eine längere Pause machen. Für uns ist das ebenso effizient, wie sich herausgestellt hat. Das Songmaterial zu `God The Lux` entstand während mehrerer solcher Proberaum-Marathons, circa innerhalb eines Jahres.”

Orion berichtet in diesem Zusammenhang, dass er als Hauptkomponist zwar den Großteil dieser Aufgabe auf seinen kreativen Schulter trägt, die Band ihre Lieder aber letztlich zusammen fertig stellt.

„Besonders, was die Arrangements anbelangt, arbeiten wir besonders eng miteinander zusammen. Die von dir angesprochenen Melodien gehen aber allesamt auf mein eigenes Konto. Was die astralen Atmosphären auf `God The Lux` betrifft, daran haben wir zwar stets in Gemeinschaft gefeilt, primärer Urheber ist aber unser Keyboarder Siegmar.”

Die Entwicklung des Gespräches verlangt danach, zu den aktuellen Songtexten überzugehen. „God The Lux” ist laut Aussage von Orion eine Geschichte über Gott und das Licht sowie die Individuen, die sich irgendwo dazwischen befinden.

„Die neuen Texte drehen sich um spirituelle Labyrinthe, flüchtige Einblicke darin und allerlei Blendungen durch das Licht, welche Menschen in nur sehr schwer zu begehende Pfade führen. Die Überbringer und Träger des Lichts bringen eine ganze Menge an Masken und Täuschungen mit sich. Wir zielen eigentlich immer darauf ab, vorwiegend Konzeptalben zu kreieren und so geschah es daher auch dieses Mal.”

Mit dem Christentum kann der polnische Gitarrist daher erwartungsgemäß auch ziemlich wenig anfangen, wie er aus dem von ihm angesprochenen Kontext heraus mit aller Entschlossenheit vorgibt.

„Ich bin total dagegen. Im Christentum ist so unendlich viel Lug, Trug und Heuchlerei. Diese Religion baut aus meiner Sicht lediglich auf Lügen und Angst auf. Sie gibt ihren Gläubigen keinerlei Möglichkeiten nötiger individueller spiritueller Entwicklung und persönlicher Wahrheitssuche. Der christliche Glaube raubte der Menschheit und ihren Kulturen die wichtigen heidnischen Glaubensrichtungen und die damit untrennbar verbundenen Aspekte des Naturverständnisses. Und jetzt führt es seine Lämmer zum Untergang. Ich versuche daher, für mich Interessantes in anderen Religionen zu ergründen, um eine universelle Wahrheit zu erfahren. Sämtliche Religionsformen sind zwar meiner Auffassung nach stark verknüpft, gerade was Heuchlerei und selbst inszenierte Überlegenheit betrifft, man kann jedoch stets seine eigenen Schlüsse aus ihren Lehren ziehen und so zu gesteigertem Wissen gelangen. Ich suche immer weiter danach. Meiner Meinung nach ist die menschliche Lebensform, mich mit eingeschlossen, viel zu dumm, ihre richtigen Götter zu wählen. Fest steht: Das Leben ist ein langer Weg zur Hölle und zurück, und ich versuche meine Pfade so gut wie möglich zu verstehen, sie also weise zu wählen. Doch kein Gott und erst Recht kein Mensch wird mir sagen können, wie ich zu gehen habe. Denn die göttliche Kraft ist lediglich im Menschen selbst. Und die hat er zu finden.“

© Markus Eck, 04.04.2005

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