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Interview: THE DREAMSIDE
Titel: Verträumter Spiritualismus

The Dreamside ist die Ethno Electro Rock-Band der charismatischen Sängerin Kemi Vita. Eng an ihrer Seite agiert Roman Schönsee; der Mann, der auch hinter der Gothic Metal-Formation The Bloodline steckt und schon zeitweiliges Mitglied von Pyogenesis war. Und der als namhafter Producer schon eben Pyogenesis, Liquido, Silke Bischoff oder auch Shock Therapy zu hörenswerten Sounds verhalf.

Mit seiner Lebensgefährtin, der aus Holland zu ihm übergewechselten Halbitalienerin Kemi, kreierte Roman nun das neue The Dreamside-Album mit dem mystischen Titel „Mirror Moon“. Kemi ist Sängerin mit Leib und Seele, was sich in jeder der zehn auf dem Album enthaltenen Kompositionen widerspiegelt. Schillernde Esoterik, dargeboten in wunderbar sinnlichen Liedern, welche weltmusikalische Einflüsse aus allen exotischen Teilen der Erde zu besitzen scheinen. Kemi lernte Roman damals im Studio kennen; die beiden verstanden sich auf Anhieb. 1994 veröffentlichte sie ihr Debüt „Pale Blue Lights“, dem ein Jahr später die Maxi-CD „Nude Vertitas“ folgte.

Das zweite Album „Apaika“ zeigte eine kreativ sehr gewachsene Künstlerin, welche mit großer Leidenschaft farbenprächtige und traumhafte Musik macht, die keine stilistischen Grenzen zu kennen scheint. Das neue Album „Mirror Moon“ zeigt nun die konsequente Weiterentwicklung von The Dreamside mit massig neuen Einflüssen aus vielen Bereichen auf. Es enthält traumhafte Erotik, hingebungsvolle Romantik und einen überirdischen Gefühlsreichtum. Mit Roman am Bass, Gitarrist Fried und Cees Viset an der Leadgitarre hat das Quartett nun ganze Arbeit in Sachen spiritueller Musik geleistet.

Am neunten März dieses Jahres um circa 21.00 Uhr konnte eine kleine Gruppe von geladenen Journalisten in Romans hauseigenem Studio in Aichtal in einer Art Weltpremiere die neuen Songs auf sich wirken lassen. Nach einem sehr herzlichen Empfang führten Kemi und Co-Composer Roman uns in seinen im Keller des Hauses gelegenen Soundbunker und das Spektakel sollte beginnen.

So erschallte gleich der Opener und Titeltrack „Mirror Moon“, welcher schlagartig unmißverständlich klarmachte, mit wem man es bei The Dreamside zu tun hat. Keiner der Anwesenden verzog auch nur eine Miene; zu sehr waren wir alle von der betörenden Schönheit dieser wirklich bezaubernden Musik gefesselt. Das Stück wurde sehr gut plaziert, denn mit ihm kann man sogleich die richtige Fährte aufnehmen, die direkt ins Herz der Musik der „Traumseite“ führt.

„Mirror Moon“ ist ein bewußt dezent rockiger und gleichzeitig eingängiger Track, der mit immer wiederkehrender toller Melodie, anmutigem Gesang und tanzbarem Grundmotiv den Hörer regelrecht zu verhexen droht. Mit einer Gesamtlänge von fast zehn Min. entführt er einen listig in die geheimnisvolle Welt der Band, in der es von Mysterien nur so zu wimmeln scheint. Roman saß abartig konzentriert vor seinem PC, auf dem das Albumcover von „Mirror Moon“ zu sehen war und wirkte wie in Trance. Was er später aber damit erklärte, daß er ein wenig nervös war, weil er seine von ihm produzierten Songs aufgrund des Zeitdrucks selbst zum ersten Mal vom Masterband hörte. Seine Aufregung legte sich aber ziemlich schnell, denn wie sich im weiteren Verlauf herausstellen sollte, bestand aufgrund der hohen Klangtransparenz sämtlicher Lieder keinerlei Grund für Nervosität.

Als dann der zweite Song „Above Below Around“ ertönte, waren wir doch sichtlich gerührt; das Stück besitzt genau die nötige Portion Sensibilität, um in Verbindung mit seiner fesselnden Melodie zum schwelgenden Träumen anzuregen. Kemi singt sehr intensive Tonfolgen, die sie mittels verzweifelt tönender Oktaven zu inszenieren versteht. Schwebender Synth-Einsatz gaukelt des öfteren entrückte Imagination vor, der man unweigerlich zu erliegen droht.

Der dritte Song wurde auf den Namen „Fairy Child“ getauft. Er beginnt mit herrlich sanften E-Gitarrenklängen, die von Kemis paralysierendem Organ assistiert werden und schlägt alsbald über in pumpende Rhythmik. So langsam kristallisierte sich eine hörbare konzeptionelle Linie in den Stücken heraus, die in Richtung ferne exotische Gestade und deren einheimischen überlieferten Klängen driftet. Gefolgt vom vierten Stück mit Namen „Get Away“, das mit charismatischem Rezitativ, Geigenklängen und einer Prise orientalischer Folklore eingeleitet wird. Ein erneut sehr schönes Stück vielfältiger Musik, das den Spirit längst vergangener Epochen mittels moderner Klänge perfekt in die Gegenwart zu transformieren versteht. Die morgenländische Note soll das Stück während der gesamten sechs Minuten Spieldauer nicht mehr verlassen.

Das fünfte Lied heißt schlicht „Symbol“, und wie ein solches hört es sich auch an. Sehr meditativ und besinnlich, sollte es das bisher ruhigste Stück auf der Platte sein. Kemi klingt völlig verloren in absoluter Hingabe an diesen Song. Entspannung pur. Anschließend sorgte der sechste Track „La Tempesta“ für weiterhin anhaltende Ent- als auch Spannung im ständigen harmonischen Wechselspiel. Vom letzten Stück her überleitend, beginnt er auch sehr langsam und emotional. Elektronische Sounds geben sich auf ihm ein Stelldichein, um von subtil und eher leichteren Gitarren, welche alles wollen, nur nicht hart sein, begleitet zu werden. Die Synths projezieren mit ihren bombastischen Arrangements gar überdimensionale Klangwände in den Raum.

Danach konnte Song Nummer sieben die erzeugte Stimmung sogar noch potenzieren. „Eurylheia“ erwies sich als verpoppter und beseelter Slow-Motion-Lavastrom, der viele Trademarks der 80er Wave-Szene aufleben ließ.

Mit dem sensitiven Psycho-Noiser „Wonders“ schlossen The Dreamside nahtlos ans Geschehen an, welcher vom neunten Song „Fallen Angel“ gefolgt wurde, der durch viele überraschende Momente abermals großer hingebungsvoller Emotionalität für sich stimmen konnte. Abschließend ertönte „Forever And A Day“ und konnte den positiven Gesamteindruck noch abrunden. Meditative Musik für die Momente, in denen man einfach nur noch die Seele baumeln lassen möchte.

Mit „Mirror Moon“, dem neuen dritten Album, ist es der flexiblen Formation um die ausdrucksstarke Sängerin Kemi Vita also gelungen, viele interessante Einflüsse exotischer Weltmusik in bunt schillernde Kompositionen rockigen Ethno-Pops einzubetten.

Der grenzenlos träumerischen Musik von The Dreamside genußvoll zu lauschen, bedeutet sich fallen zu lassen. Tief hinein in unerschlossenes Terrain der verschiedensten gegenwärtigen und vergangenen Kulturen. Sogar schwebende Traumreisen durch eigene geistige Welten ermöglicht dieser betont emotionale Soundtrack aus dem Reich der Mystik. Knisternde phonetische Magie, die mit ihrem geheimnisvollen Zauber zu überwältigenden Bewußtseinserweiterungen führen kann. So ließen sich die beiden nicht lange bitten, mir auch die hohen Pforten ihrer Mentalitäten im Interview zu öffnen:

„The Dreamside kommt ursprünglich aus Rotterdam. Obwohl ich als deutsches Bandmitglied dabei bin und Recordings als auch Organisation in Deutschland getätigt werden, proben wir nach wie vor in Holland. Es ist ein kleines Land, und so beschränkt sich die Szene nicht nur auf eine einzelne Stadt. Wenn irgendwo was los ist, dann ist man sehr schnell dort, was zur Folge hat, daß man in Clubs und auf Konzerten oft dasselbe Publikum oder die selben Bands antrifft. Die Szene ist nicht sehr groß und größtenteils im Underground organisiert, was sie aber sehr interessant macht“, gibt Roman eröffnend zu Protokoll.

Kemi fährt fort: „The Dreamside wurde 1994 von mir gegründet. Wir hatten zwischen `Apaika`, unserem letzten Album und `Mirror Moon` viel Zeit, uns weiter zu entwickeln. Roman, der 1998 in die Band kam, brachte auch einige neue Einflüsse mit. Und da er ein ebenso fanatischer Musiker ist wie ich, haben wir sehr schnell einen gemeinsamen Nenner im Songwriting gefunden. Letztendlich wollten wir Songs haben, die live noch besser umzusetzen waren als unser altes Material, was uns gut geglückt ist. The Dreamside war schon immer eine Band, die live härter rüber kam als auf den Fulltimern. Mit `Mirror Moon` konnten wir dieses Live-Feeling auch auf CD bannen.“

Der Mond schien Kemi schon immer in seinen Bann zu ziehen: „Das eigene innere Feuer ist die Nahrung, die die Seele braucht um sich zu entfalten. Die eigene persönliche Entwicklung und das Klarkommen mit sich selbst ist die wichtigste Voraussetzung dafür, sich zu ändern. Für mich ist daß das Hauptthema auf `Mirror Moon`.“

Der Spiegel Mond ist in diesem Fall im übertragenen Sinne zu sehen, so die Vokalistin: „Er reflektiert einen und hält einem einen neutralen Spiegel vor, welcher weder positiv noch negativ ist und kein Gut oder Böse kennt. Ich habe mich nachts schon immer wohl gefühlt, und der Mond als Begleiter der Nacht gibt mir Kraft. Eine spezielle Kraft, welche frei scheint von Moralismus, was sehr wichtig ist für einen kreativen Geist.“

Konzeptionell wandelt die Band auf keinerlei ausgetretenen Pfaden, wie Roman erläutert.

„Ja, es gibt ein Konzept. Für uns ist es wichtig, eine Einheit aus Text und Musik zu kreieren. Denn Stimme ist Musik und Musik ist Stimme bei The Dreamside. Das zieht sich durch alle bisherigen Alben und macht die Musik originell und frisch. Wir werden nicht kreativ eingezwängt.“ Kemi schließt sich ihm an: „Unsere Lyrics sind Fragmente, die über Leben, Tod, Liebe, Romantik und Leidenschaft erzählen. Es mir wichtig, daß die Lyrics dazu anregen, sich damit auseinander zu setzen und sie für sich selbst zu interpretieren. Das ist eine Erfahrung, die ich auch manchmal erlebe. Natürlich gibt es in den einzelnen Texten eine jeweilige Grundthematik. So geht der Song `Get Away` im direkten und indirekten Sinne über Reisen, was für mich ein Symbol für Änderungen und Weiterentwicklung ist. `Symbol` und `La Tempesta` befassen sich mit Hoffnung und dem inneren Feuer. `Eurylheia` kündet von der Auferstehung nach einem absolutem Tiefpunkt, der wie ein Tod angesehen werden kann. Die meisten von uns machen diese Erfahrungen mehrmals im Leben mit. Wenn man diese Markpunkte bewußt durchlebt und überwindet, fällt es einem für sich selbst leichter, die wichtigen von den unwichtigen Dingen zu unterscheiden, was die persönliche Lebensqualität erhöht. Das Stück `Fallen Angel` befaßt sich mit Vertrauen und aufrechter Freundschaft, die auch schwere Zeiten überdauert. Die paradoxe Metamorphose von leidenschaftlicher Liebe und den Ängsten, die sie mit sich führt ist das Thema von `Forever And A Day`. Gegensätze sind sich oft näher als man es für möglich hält: Liebe und Haß, Freude und Trauer, Lust und Schmerz.“

Kemi resümiert: „Das Debüt `Pale Blue Lights` ist 1994 erschienen. Danach kam die 1996er CD `Apaika` und nun `Mirror Moon`. `Apaika` war erfolgreich. Es wurde fast nicht beworben, dennoch waren die Verkaufszahlen gut und das Album ist wie dessen Vorgänger `Pale Blue Lights` ausverkauft. Auch unsere damalige Tour war sehr gut besucht. Viele fragten an, wo sie die beiden CDs erhalten können, was uns zu dem Entschluß geführt hat, daß wir zumindest `Apaika` selber nochmals nachpressen lassen.“

Die gesangliche Laufbahn schlug sie ganz intuitiv schon sehr früh ein.

„Ich war schon als Teenager sehr aktiv in der Musikszene und sang in diversen Bands. Es war eine natürliche Entwicklung, denn Musik ist schon immer meine Leidenschaft und mein Leben gewesen. Ich hatte nie wirkliche Idole, denen ich nachzueifern versuchte. Doch Musik war für mich fast wie eine Art Glaube und Bands wie The Cure, Siouxie And The Banshees, The Cult, Fields of The Nephilim, This Mortal Coil und Dead Can Dance haben mir sehr viel bedeutet.“

Roman wehrt sich dagegen, in eine bestimmte musikalische Ecke gestellt zu werden.

„Wir wollen nicht in eine Schublade geschoben werden, da unsere Musik sehr vielseitig ist. Es gibt dennoch Wiedererkennungspunkte, wie die Kombination aus harten Gitarren, Elektro-Parts, atmosphärischer Musik und Kemis bezaubernder Stimme. Das sind Zutaten für einen mystischen und romantischen Touch. The Dreamside läßt sich wie auch viele andere Künstler und Bands in keine Schublade stecken. Wo beispielsweise würde man Björk einordnen? Natürlich kommen The Dreamside aus dem Gothic-Bereich und dort sind die Wurzeln, die sich nicht verleugnen lassen. Wir haben auf `Mirror Moon` mit einem hervorragendem Violinisten namens Jaro Stulraster gearbeitet, der die Songs `Above Below Around` und `La Tempesta` in eine sehr schöne Richtung geleitet hat. Das Stück `Symbol` basiert auf diesem arabo-andalusischen Vibe, welchen ihm diese Violine einhaucht. Teilweise wurde auch mit einem Perkussionisten gearbeitet. Zudem haben wir noch mit Digeridoos, tibetanischen Klangschalen und einer Shakuhaci experimentiert“, wozu Kemi noch nachfaßt: „Unser Gitarrist spielt auch noch eine Takamine, eine akustische Gitarre. Deren Klang mir sehr wichtig für unseren Sound ist und welche auch `Apaika` geprägt hat.“

Wieder Roman: „Beats und Synthiesounds kommen natürlich vom Computer, sind zum größten Teil aber selbst programmiert“, was für Kemi „ja auch in gewisser Weise echte Handarbeit und mit Sicherheit eine Kunst für sich ist!“ Die vielsprachige Künstlerin singt „hauptsächlich in Englisch, der Sprache, in der ich mich am besten ausdrücken kann. Des weiteren singe ich aber auch auf französisch, was eine Sprache darstellt, die durch ihren romantischen Klang geprägt ist. `Symbol` und `La Tempesta` sind Stücke, die ich in italienisch gesungen habe. Italienisch ist durch seine runden Vokale herrlich zu singen und eignet sich gut, um das Temperament und den Emotionen freien Lauf zu lassen.“

Das Songwriting ist laut Roman „von Stück zu Stück verschieden und zeitlich schwer zu erfassen, da der Produktionsprozeß und das Komponieren Hand in Hand gehen. Wenn ich eine Idee habe, dann singt Kemi gerne schon auf die ersten Fragmente, was schon mal als First-Take im Song verwendet wird. Oft werden Stücke beim Mix so überarbeitet, daß es eigentlich schon wieder andere Songs sind. Wir lassen uns aber in der Regel immer sehr viel Zeit.“

© Markus Eck, 23.05.2001

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