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Interview: THEATRE OF TRAGEDY
Titel: Mit aller Bedacht

Lange haben sie ihre Fans warten lassen auf ein neues Studioalbum, doch nun ist „Forever Is The World” endlich fertig gestellt. Eigentlich wollten Theatre Of Tragedy sich ja ursprünglich mit dem aktuellen Nachfolger zum 2006er Comeback-Werk „Storm“ gar nicht so lange Zeit lassen, doch es sollte eben ganz anders kommen. Den neuen Kompositionen hört man ihre enorme Reife daher auch ganz signifikant an, jeder einzelnen gespielten beziehungsweise gesungenen Note entströmt hier der Geist großer Bedacht.

Das skandinavische Ästhetensextett liefert auf seiner neuen Veröffentlichung zwar massenweise Gründe zum anhaltenden schwelgerischen Träumen, doch die Musiker sind weit davon entfernt sich in Ausuferndes zu verzetteln. Vielmehr wurde großer Wert auf Homogenität in den Strukturen und Harmonien gelegt, wovon auch die fein ausgefeilten Melodiken sehr ertragreich profitieren.

Die berühmten Gothic Dark Metal-Norweger aus Stavanger präsentieren sich hier überhaupt von ihrer dezentesten Seite, worin Sängerin Nell Sigland mit ihrem betörend lieblichen Organ einmal mehr wunderschöne tragende Akzente zu setzen weiß.

„Eigentlich wollten wir für die Aufnahmen zu `Forever Is The World` schon letztes Jahr 2008 ins Studio gehen, doch es gab diverse Gründe für eine Verzögerung. Allzu typisch und wohl auch in einer ganz gewissen Form exemplarisch für das moderne Musikbusiness. Ziemlich schwierig war es diesmal zudem auch, wieder mal genau den richtigen Produzenten beziehungsweise das passende Aufnahmestudio dafür ausfindig zu machen, was ebenfalls so einige Zeit in Anspruch nahm. Wir entschieden uns letztlich wieder für den Norweger Erik Ljunggren beziehungsweise sein Soundsuite Studio. So vergingen die Monate wie im Flug, und erst jetzt ist uns so richtig bewusst geworden, wie lange die Veröffentlichung von `Storm` schon wieder zurückliegt. Uns war es jedoch viel wichtiger, die nötige Ruhe und Entspanntheit innezuhaben, wenn wir unsere Songs aufnehmen, als das Album sich zu lange verspäten zu lassen. Von einer eilig auf den letzten Drücker hin geklatschten Platte hat ja niemand etwas; weder wir, noch die Fans oder das Label“, konstatiert die Sängerin zu Beginn.

Wie die ebenso zierliche wie attraktive Kehlenkünstlerin weiter gut gelaunt dazu zu berichten weiß, hatten Theatre Of Tragedy große Freude bei der Kooperation mit Reglerdreher-Profi Ljunggren: „Das klappte erneut super mit ihm, er ist eben ein echt fähiger Routinier, was seine Sache angeht – und er kennt die Musik von Theatre Of Tragedy auch bestens, was ein echt dicker Vorteil ist. Nicht umsonst produzierte er schon namhafte Bands wie beispielsweise The Kovenant, Zeromancer, Satyricon, Seigmen, A-ha etc. Nachdem er das Comeback-Album von A-ha produziert hatte, sollte er sich eigentlich unseres neuen Albums annehmen. Doch das dauerte und dauerte. Denn A-ha und er selbst waren wohl sehr anspruchsvoll dabei, deren Scheibe aufzupolieren. So hatten wir doch einige Monate mehr zu warten, was unseren Nervenkostümen nicht gerade förderlich war. Doch einiges Tages hieß es: `So, fertig, ihr könnt anrollen!`“

Die Bandchemie im Lager unserer steten Überlebenskünstler aus Stavanger stimmt laut Aussage von Nell glücklicherweise noch bestens, sie vertraut mir an: „Darüber bin ich schon sehr froh, denn gerade im Studio bei der doch teils recht anstrengenden und nicht selten auch aufreibenden Aufnahmearbeit bemerkte ich an mir persönlich, wie wichtig mir dies ist. Ich könnte nicht in einer Band Musik machen beziehungsweise singen, bei der mir dies, das und jenes den ganzen Tag auf die Nerven geht. Gerade bei unserer betont atmosphärischen Art von Musik spielt der emotionale Aspekt ja eine enorm wichtige Rolle. Man würde es den Liedern auch eindeutig merklich anhören, wenn wir bei den Aufnahmen irgendwie innerlich angespannt gewesen wären, da bin ich mir ganz sicher.“

Und damit liefert die sich auf erfreulich angenehmem Kommunikationsniveau bewegende Feinsinnsdame eine sehr gute Überleitung: Zu den neuen Tracks auf „Forever Is The World” an sich nämlich. Nell hierzu:

„Meines Erachtens nach knüpfen die neuen Kompositionen gut an die letzten Lieder von `Storm` an. Und: Wir haben uns weder wiederholt noch selbst kopiert noch haben wir die Wurzeln von Theatre Of Tragedy vergessen. Alles in allem sind die Nummern auf eine ganz gewisse Art typisch für die Band. Wir haben letztlich zwölf Stücke für das Album aufgenommen – wovon zehn auf die reguläre Edition der Platte kommen werden –, die anderen beiden werden aller Voraussicht nach als spezielle Bonustracks auf der geplanten Limited-Edition Digipak-Version landen. Ein Song davon ist eine ganz tolle und irgendwie sehr süße Ballade geworden, doch die Fans sollen sich überraschen lassen, mehr möchte ich hier nicht dazu sagen.“

Die neuen Lyriken auf dem gefühlvollen Langspieler drehen sich zumeist tiefgehend um das viel zitierte Thema „Carpe Diem“, also darüber, Freude am Leben zu haben, wie die Sängerin noch anfügt. Wir erfahren von Nell:

„Mir ging es primär darum, die Botschaft zu vermitteln: `Sei immer nur du selbst und lass’ aus dir nicht etwas machen das andere dir aufzwängen!`. Sieht man sich all die heutigen Massenmedien beziehungsweise ihre meinungsbildenden und Moden machenden Inhalte immer wieder so an, denkt man als `Erwachsener` schon darüber nach, wie schwer es für die Jugendlichen und Heranwachsenden weltweit geworden sein muss, in all dieser Informationsflut noch Herr ihrer Sinne und Geschmäcker zu bleiben. Ich sage: Das Leben ist gut so, wie es für uns vorgesehen ist! Warum also sollte man denn ständig besser, schöner, reicher, berühmter und was sonst noch alles sein als all die anderen Mitmenschen, die Freunde, die Bekannten und Unbekannten? Es gibt leider mittlerweile so unendlich vieles auf dieser Welt, was einen täglich aufs Neue verführen möchte. Doch dem gilt es standzuhalten, wenn man sich nicht selbst verlieren will.“

Das hat die Vokalistin sehr gut erkannt. Aber die leider mittlerweile schon heftig perfide inszenierten, primär auf neuronale Konditionierungen getrimmten Werbeinhalte all der Industrien predigen ihre Botschaften auf immer mehr undurchschaubaren Niveaus. Der Erfolg gibt ihrem unseligen Tun leider auch noch Recht. So ist der bei weitem überwiegende Großteil der menschlichen Bewohner der modernen Welt zu manipulierten Konsumopfern geworden, ob sie es nun wollen oder nicht. Selbst der einst uneinnehmbar scheinende rebellische Metal-Bereich ist mittlerweile von cleveren Marketingmechanismen korrumpiert und der kauffreudige Fan findet somit beinahe jährlich neu angediente Retorten-Stars in dafür extra neu geschaffenen Subkategorien. Nell stimmt mir hierbei zum Abschluss hin gerne zu:

„Gegen all die halbgaren Möchtegern-Bands heutzutage hätte ich persönlich eigentlich gar nichts. Jeder hat schließlich das Recht, seine Musik zu machen und zu veröffentlichen. Was mich aber wirklich immer wieder sehr ärgert, ist die Tatsache, dass die Hörer in betont emotionaler Rock- und Metal-Musik seit so einiger Zeit sogar unechte Gefühle und aufgesetzt wirkende Pseudo-Atmosphären akzeptieren beziehungsweise nicht selten sogar favorisieren. Weil sie vor lauter Reizüberflutung, Oberflächlichkeit und Hektik oftmals schon gar nicht mehr in der Lage sind, sich die Zeit dazu zu nehmen, um echte Gefühle zu entdecken.“ Exakt. Ein beängstigender Prozess, der unaufhaltsam scheint.

© Markus Eck, 02.09.2009

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