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Interview: TARJA
Titel: Opulente Düsternis

Mit ihrem letzten 2010er Album „What Lies Beneath“ zeigte sich die finnische Sopran-Berühmtheit Tarja Soile Susanna Turunen-Cabuli als überraschend wandelbar.

Vor allem darin, was die Vielfalt der Stilelemente in der Musik ihrer nach den einstigen Erfolgen mit Nightwish begonnenen Solokarriere betrifft.

Hauptsächlich die eher modern ausgerichteten und unerwartet hart gerockten Bestandteile darin aber irritierten Teile der internationalen Fanbase neben teils allzu progressiven Ausschweifungen doch eher, als dass damit die frenetische Begeisterung der alten Tage vollauf regeneriert werden konnte.

Zwar offenbaren nun auch die Kompositionen des kommenden dritten Tarja-Studioalbums „Colours In The Dark“ neben allerlei Wucht und Druck nicht wenig an jüngst hinzugekommenen Einflüssen. Doch scheint dieses weitere Gothic Symphonic Heavy Rock-Bombastwerk geradezu von einer Rückbesinnung auf umfassende Homogenität beseelt zu sein.



„Es war wirklich sehr leicht für mich, dieses Album aufzunehmen, und das sowohl auf gesanglichem Sektor als auch, was den Rest davon anbelangt. Die komplette Produktion hat mir sehr viel Spaß gemacht“, freut sich die Sängerin, die sich mitsamt Familie frisch in einem Berliner Hotel einquartiert hat.

Tarja? Familie? Ja, sie genießt seit dem dritten Quartal des letzten Jahres an der Seite von Ehemann Marcelo Cabuli mit ihrer Tochter Naomi glückliche Mutterfreuden, doch dazu später mehr. 



„Derzeit geht es ziemlich stressig zu. Gestern beispielsweise hatte ich noch einen Auftritt in Russland auf der Tour mit meinem Klassikprojekt Beauty And The Beat. Heute fühle ich mich ziemlich geschlaucht, das zehrt schon einiges an Energie.“ 
Doch jetzt steht erstmal eine kleine Pause dieser Konzertreise an, so Tarja weiter, welche sich mit Trommlergröße Mike Terrana, einem ganzen Orchester und einem Chor die „World Tour 2013“ vorgenommen hat. „Danach geht es weiter nach Mexiko und Südamerika, ich freue mich schon sehr darauf, auch den dortigen Fans die Beauty And The Beat-Show zeigen zu können!“

Doch rasch hat die mal wieder viel beschäftigte Vokalistin wieder zum anstehenden neuen Langspieler „Colours In The Dark“ überzugehen.

„Auf gewisse Weise habe ich damit beziehungsweise darin nun den musikalischen Platz gefunden, nachdem ich gesucht habe. Ich bin stolz auf diese neuen Lieder, stolz darauf, eine Reise absolviert zu haben, die mich zu diesen neuen Kompositionen geführt hat. Für das ,My Winter Storm‘-Debütalbum und auf dem Nachfolger ,What Lies Beneath‘ bin hin zum aktuellen Release habe ich bis heute vieles ausprobiert, und das nicht nur gesanglich und instrumentell, sondern eben auch im Songwriting. Mit der Zeit fand ich mehr und mehr zu dem, was nun zu hören ist. Trotz aller Vielfalt und Komplexität der Lieder fühle ich mich immens wohl mit dem neuen Material. Diese Musik entspringt meinem tiefsten Inneren.“


Trotz ihres bekundeten Schlafdefizits gibt sich die oktavenstarke Mittdreißigerin erneut fröhlich und mitteilungsfreudig.

Und wie sie nachfolgend voller Enthusiasmus in der Stimme zu berichten weiß, hat sie ganze zwei Jahre an ihrem persönlichen Anteil der neuen Stücke geschrieben.

„Das begann bereits auf den Touren zum letzten Album. Ich habe unterwegs ja immer mein spezielles Aufnahme-Equipment mitsamt Gesangmikrophon dabei, mit dem ich meine neuen Ideen ausarbeiten und dokumentieren kann. Zur Hand gingen mir erneut der amerikanische Songwriter, Produzent und Sänger Johnny Andrews sowie die drei schwedischen Composer Anders Wollbeck, Mattias Lindblom und Harry Sommerdahl, die mit mir bereits diverse Nummern fürs Debütalbum schrieben. Letztere halfen mir ebenfalls bei den neuen Lyrics.“



Doch auch Jesper Strömblad, bekannt von den schwedischen In Flames, steuerte etwas bei.

„Ich wollte seine Hilfe für die Gitarren des Stückes ,Neverlight‘, denn ich selbst kann ja keine Gitarre spielen, nur Piano. Ich sendete ihm eine Demoversion des Songs, und er fügte anschließend seine Parts dazu. Und es wurde großartig, ich liebe das Lied! Für uns beide war das eine neue Erfahrung, und es wurde schließlich der härteste Song überhaupt für die neue Scheibe.“

Der neue Gesamtsound bietet zahlreiche klangliche Extravaganzen und spannende Raffinessen in einem.

Kein Wunder, gemixt und gemastert wurde das neu Erschaffene abermals von dem mit seinen Arbeiten für Bands wie Pearl Jam und U2 bekannt gewordenen Briten Tim Palmer. Tarja:

„Die Zusammenarbeit war ein einziger Genuss, Tim hat wirklich prächtige Arbeit für ,Colours In The Dark‘ gemacht! Ich bin immens froh darüber, mit ihm arbeiten zu dürfen.“

„Wie der Titel schon sagt: Das neue Album weist viele Farben auf“, verkündet Tarja im Weiteren mit einmal mehr deutlich spürbarem Enthusiasmus im Tonfall die Hauptmaxime ihrer neuesten und vielfach erwarteten Veröffentlichung.

Tatsächlich ist ihr neues und drittes Soloalbum „Colours In The Dark“ das bislang facetten- und nuancenreichste Werk der auch nach ihrem damaligen Weggang bei Nightwish weltweit im Fokus stehenden Sopranistin.

So bietet der aktuelle Nachfolger zum 2010 erschienenen „What Lies Beneath” den Fans der gebürtigen finnischen Ausnahmestimme ein schier unermesslich breites Sammelsurium an ebenso überraschenden wie spannenden und innovativ erscheinenden Einfällen.

Und weil das Ganze diesmal so einnehmend homogen und schlüssig zusammengebracht wurde, erlaubt diese Platte sogar das Eintauchen in eine völlig eigene Welt.

Letztlich sind es diesmal neben ihrer erneut zauberhaften Vokalisierung wohl vor allem die aufwühlend impulsiven Dynamiken, die den betont visionär gestalteten Gothic Symphonic Heavy Rock auf „Colours In The Dark“ so reizvoll und faszinierend machen können.

„Im offiziellen Videoclip zum Titelsong trage ich völlig schwarzes Outfit, umgeben bin ich dabei im Laufe des Clips von einer Vielzahl an sehr stark wirkenden Farben. Mir spricht das auf gewisse Art und Weise direkt aus der Seele, denn es repräsentiert einen ganz speziellen Punkt aus meinem persönlichen Dasein“, gewährt die Dame Einblick.

Als sie das sagt, kann sie eine gewisse Nachdenklichkeit nicht überspielen. Tiefer dazu will die Skandinavierin allerdings nicht gehen.



Sie schnauft durch, um dann in aller Besonnenheit noch anzufügen:

„Ich führe an sich ein sehr schönes Leben. Ein Leben, welches es mir ermöglicht, meine eigene Musik zu machen, damit in der Welt herumzureisen und sehr viele wirklich wunderbare Menschen zu treffen. Ein farbenfrohes und abwechslungsreiches Dasein sozusagen, in dem ich mich selbst als Konstante sehe. Ich hatte den Albumtitel in etwa bereits schon so im Kopf, bevor auch nur ein einziger Song für das neue Album geschrieben wurde.“



 Insgesamt zwei Jahre dauerte das komplette Songwriting für „Colours In The Dark“, wie von der Sängerin zu erfahren ist, die nun noch freudiger in Redefluss kommt.

„Ich tourte zwar sehr viel zu meinem vorhergehenden Album, doch immer, wenn sich die Zeit für mich ergab, arbeitete ich angeregt an neuen Liedern, sei es auf Tour, zuhause etc. Ich führe auf meinen umfangreichen Konzertreisen immer mein eigenes kleines Equipment mit mir, um neue Ideen so zeitnah wie möglich auszuarbeiten und anschließend aufzunehmen. Ich schrieb in der jüngeren Vergangenheit sowieso eine ganze Menge neuer Stücke. Alle fanden sie zwar nicht auf dem neuen Werk Verwendung, doch ich arbeite bereits weiter an denen, die es diesmal nicht geschafft haben, um sie den Fans beizeiten auf dem vierten Tarja-Album präsentieren zu können.“

Wie sie nachfolgend offenbart, hat die Frau nämlich stets ihr kleines Keyboard im Handgepäck dabei, mitsamt einem Logic Pro-Musikprogramm.

„Ebenso ein Aufnahmemikrofon, mit dem ich Gesangsparts aufnehmen kann. Mir ist das sehr wichtig, denn jede neue Idee verdient es zunächst, dokumentiert zu werden. Wann ich in den letzten zwei Jahren die meiste und tiefste Inspiration verspürte? Das ist schwer zu sagen. Ich arbeite ja ständig unter so vielen verschiedenen Aspekten und Einflüssen. Zudem ist es mir glücklicherweise möglich geworden, so viel mehr zu singen als dies vor meiner Solokarriere damals der Fall war. So ist gleichzeitig auch die Herausforderung auf lyrischer Ebene mittlerweile sehr viel umfangreicher geworden. Zudem betreibe ich zusätzlich neben meiner Solokarriere auch noch das reine Singen von Opernarien und klassischer Musik sowie seit einiger Zeit das Beauty And The Beat-Projekt, worin ich ebenfalls nicht wenig Kreativität einbringe. Ständig passiert also eine Menge, ich bin sozusagen ständig auf dem Höhepunkt meiner Inspiration“, bringt sie herzlich lachend hervor.

Vor allem die Konzerte geben ihr anhaltend viel, so Tarja.

„All die begeisternden Fans und Zuhörer immer wieder zu erleben, kann als inspirative Eingebung gar nicht hoch genug geschätzt werden. Es ist stets aufs Neue ein prächtiges und überwältigendes Erlebnis für mich, das genießend erleben zu dürfen. Nicht zuletzt spornen mich die umjubelten Live-Auftritte auch stark dazu an, immer noch besser werden zu wollen. Und das als Sängerin ebenso wie als Texterin!“



Damit liefert die löblich beständige Künstlerin eine perfekte Überleitung zum weiteren Gesprächsinhalt: Nämlich zu den neuen Songtexten auf „Colours In The Dark“.

Und nun wird die Gute sogar merklich noch emotionaler:

„Primär kann ich sagen, dass all die vielen Menschen, denen ich auch meinen Reisen rund um den Globus begegne, diesmal die hauptsächliche Grundlage für meine Liedertexte darstellen. Jeder hat seine ganz persönliche Lebensgeschichte, jeder hat seine ganz eigene Persönlichkeit usw. Im Weiteren verarbeitete ich diverse Ereignisse und Erlebnisse aus meinem eigenen Leben. Auch familiäre Belange flossen ein, oder ganz bestimmte Dinge die meinen engsten Freundeskreis betreffen. Vorzugsweise widme ich mich dabei den schönen und erfreulichen Themen. Ausnahmen bestätigen diese Regel. Und meinen Träumen gewähre ich auch noch immer den ihnen zustehenden Spielraum. Ich bin nämlich wirklich immer noch ein riesengroßer Träumer!“ [lacht]

Auch wenn ihre neuen Kompositionen teils eine starke Dramatik und ebenfalls nicht wenig Düsternis aufweisen, so möchte sie doch auch Licht ins Dunkel bringen, konstatiert die vielfach beschäftigte Vokalistin mit energischer Manier.

„Es ist mir sozusagen ein relevantes Anliegen, mit positiven Ansätzen Licht ins Dunkel zu bringen. Wenn die Sonne scheint, sollte man sie doch auch in vollen Zügen genießen und sich das Gemüt davon erhellen lassen!“


Und ein strahlend erhellendes Erlebnis ist die Geburt ihrer Tochter Naomi Eerika Alexia gewesen, die Tarja bis zum Schluss geheim halten konnte.

Zum Interviewzeitpunkt ist die Kleine sogar schon seit fast elf Monaten auf der Welt. Die Sopranistin gerät ins absolute Schwärmen:

„Schwanger wurde ich während meiner letzten Christmas-Tour. Ich hatte Deutschland frisch verlassen, sie ist also sozusagen ,Made in Finland‘. [lacht] Ich habe es ganz bewusst vor der Öffentlichkeit ferngehalten. Naomi ist unglaublich bezaubernd, sie hat mich auch für das neue Album sehr viel inspiriert. Wer genau hinhört, wird sie auf einem Track der Platte schreien hören, aber mehr wird dazu nicht verraten. Ich und mein Mann Marcelo reisen sogar schon mit ihr zusammen, und eine Nanny ist auch auf Tour dabei. Naomi gefällt das, wie wir wiederholt bemerken. Sie ist ein richtiges Rock‘n‘Roll-Baby!“

© Markus Eck, 11.08.2013

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