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Interview: SUIDAKRA
Titel: Spontane Energien

Würde man mittels Zeitmaschine in die Vergangenheit reisen und einem kriegerischen Kelten- oder Germanenstamm die neuen Songs von „Signs For The Fallen“ vorspielen, so wären die damit Konfrontierten sicherlich hellauf begeistert.

Doch letzteres trifft natürlich auch gegenwärtig zu. Denn das beliebte Folk Melodic Death Metal-Quartett aus Monheim meldet sich mit neuem Album und zehn Kampfeshymnen an der Genrefront zurück, welche Suidakra von einer unerwartet neuen Kreativ- und Klangseite zeigen: „Signs For The Fallen“ vereint die bisher bewährten Band-Trademarks mit schwedischen Riff-Tugenden sowie einem wohldosierten Schuss ausgehärteter Modernität.

Ich hingegen vereine mich aus aktuellem Anlass mental mit Gitarrist, Sänger und Keyboarder Arkadius samt Zweitgitarrist und -Sänger Marcel.

„Was die Reaktionen auf unsere bisherigen Alben angeht, können wir uns nicht beschweren, denn wir haben jedes Mal überraschend gute Kritiken bekommen. Dass wir selbst Manches davon für überbewertet halten, liegt wohl daran, dass wir beim Hören unserer Musik auch die Fehler sehen und das, was man hätte besser machen können. Wir selbst sind am Ende einer Produktion fast immer der Meinung, dass das letzte Album unser bestes ist und brauchen immer so circa ein Jahr Abstand, um objektiv bewerten zu können wie wir das Album im Vergleich zu den Anderen sehen. Für mich war vom Songwriting bisher `The Arcanum` das stärkste Album. Aber seit der Produktion von `Signs For The Fallen` halte ich dieses Album für das ausgereifteste und rundeste was die Kompositionen angeht. Das wird denke ich auch nach einem Jahr Abstand so bleiben. Von den Texten her bin ich immer noch besonders stolz auf das Konzept von `Emprise To Avalon`, da ich hier sehr viel nachgeforscht habe und alles insgesamt genau das Feeling rüberbringt, wie ich es mir vorgestellt habe. Das bedeutet nicht, dass die einfachen Texte gehaltloser wären, sondern bei einem Konzeptalbum muss man schon sehr auf die Zusammenhänge achten und die Stimmung der einzelnen Episoden mit der Musik zusammenbringen“, beginnt Marcel die Dreierunterhaltung.

Sein Bandkollege Arkadius, welcher für die Namensgebung der Band einfach seinen Namen rückwärts gelesen verwendete, berichtet mir daran anschließend von der derzeitig vorherrschenden Stimmung in der Band, welche seiner Aussage nach generell auf jeden Fall positiv ist.

Mit der neuen Platte läuft alles nach Plan.

„Wir sind gespannt, wie `Signs For The Fallen` von der Presse und den Fans aufgenommen wird. Aber wenn wir in die Zukunft blicken, sehen wir das alte Problem, dass Marcel aus persönlichen Gründen nicht für eine längere Tour zur Verfügung stehen wird. Wir brauchen also einen Live-Gitarristen, der eigentlich auch Marcels Gesangsparts übernehmen muss. Wenn der Mann seine Aufgabe gut macht, könnte es sein, dass er Marcel dann komplett in der Band ersetzt. Das ist eigentlich innerhalb der Band schon seit Jahren beschlossene Sache, nur hat sich leider noch kein adäquater Ersatz gefunden. Marcel steht voll und ganz hinter der Musik, aber für viele Konzerte und große Touren fehlt ihm einfach die Zeit. Da wir live gerne das Material so rüberbringen wollen, wie auf dem Album, sollten natürlich am besten auch die Leute auf der Bühne stehen, die auf dem Album zu hören sind.“

Ich befrage Marcel zu seiner heutigen künstlerischen Eigensicht des Debütwerkes; er gibt preis:

„`Lupine Essence` war das erste Album mit den für uns charakteristischen Merkmalen, dabei haben wir einfach drauf los komponiert. Die 1.000 CDs der Eigenproduktion waren innerhalb weniger Wochen verkauft und wir wussten gar nicht, wo uns der Kopf steht. Anscheinend war das gut was, wir da gemacht haben. Die Grundideen der Lieder finde ich immer noch gut, denn sie klingen sehr frisch und verspielt. Die soundtechnische Umsetzung und die spielerischen Fähigkeiten lassen allerdings sehr zu Wünschen übrig. Wir haben bereits damals schon über unsere Fähigkeiten komponiert, was man bei uns zu heutiger Zeit auch noch ab und zu feststellen kann. Aber die Ideen sind halt da und wollen umgesetzt werden! Das stärkste Lied auf `Lupine Essence` ist für uns `Havoc`, welches wir immer noch häufig in unser Live-Set mit einbauen.“

Im Unterschied zu den vorangegangenen Alben haben laut Arkadius diesmal alle Bandmitglieder an den Songs gefeilt und ihre Vorstellungen mit eingebracht. „Ich denke, dass man den Songs auch anhört, dass wir momentan ganz klar die stärkste Besetzung in der gesamten Bandgeschichte haben. Eigentlich ist es aber auch typisch und normal, da wir uns sowohl beim Musikgeschmack, als auch bei unseren Fähigkeiten, was Spieltechnik und Songwriting angeht, stetig weiterentwickeln.“

Der US-Amerikaner Mike Bohatch hat das neue Albumcover gemalt, einige der Suidakra-Vorgängerwerke veredelte der Belgier Kris Verwimp.

Mich interessiert der Grund für die diesmalige Verpflichtung von Bohatch.

Arkadius erläutert hierzu:

„Schon nach `The Arcanum` hat sich einiges innerhalb der Band getan; der Labelwechsel zu Century Media, Wechsel im Line-Up, und auch, was die Erwartungen und Vorstellungen eines gelungenen Suidakra-Albums angeht. Kris Verwimp hat mit den letzten drei Cover-Artworks großartige Arbeit geleistet, aber wir wollten jetzt auch hier eine Änderung, etwas Neues. Die Arbeiten von Mike haben uns auf Anhieb gefallen und er hat unsere Vorstellungen perfekt umgesetzt. Die Idee für das Cover kam von uns selbst. Der Titel `Signs For The Fallen` stand bereits vorher fest und wir haben überlegt, wie man diesen grafisch umsetzen kann. Zeichen, unter anderem keltische oder germanische Symbole, im Sinne von `Signs` sollten deshalb ins Artwork eingebunden sein. Der Krieger vorne auf dem Cover verkörpert den Begriff des `The Fallen`, des Gefallenen, welchen man in verschiedene Richtungen interpretieren kann: Beispielsweise als den im Krieg gefallenen Kämpfer, als eine Person, die von der Gesellschaft ausgestoßen wurde oder moralisch verfallen ist oder auch als den gefallen Erzengel.“

Marcel ergänzt in diesem Kontext:

„Obwohl es kein Konzept gibt, welches die Lyrics verbindet, so gibt es schon ein Paar Bezüge zu verschiedenen Texten. `Revenant` bedeutet `der Wiederkehrer`, also jemand der auch nach dem Tod keine Ruhe findet, da ihn noch etwas an diese Welt bindet. Der gute Mann auf dem Cover ist ja recht verwest und könnte eben diese arme Seele verkörpern. In `Crown The Lost` geht es um die Absurdität von Selbstmordattentaten und ihre fatale Akzeptanz und Verehrung in einigen Gesellschaften. In diesem Text werden diese Menschen als Bestien des Schmerzes und der Boshaftigkeit beschrieben, wenn sie, entblößt all ihrer aufgesetzten Ehrenhaftigkeit und Selbstgerechtigkeit, am Ende sich selbst erkennen. Hier könnte das Covermotiv genau dieses entstellte und verkommene Menschenbild darstellen. Der Titeltrack behandelt die immer größer werdende Kluft zwischen denen, die viel haben und im Überfluss leben und denen, die nichts haben und nahe am Hungertod existieren. Die Folgen eines solchen Prozesses sind nicht selten Krieg und Manipulation der Schwachen. Dieses zerstörerische Verhalten und diese Ignoranz spiegelt sich auch auf dem Gesicht auf unserem Cover wider.“

Suidakra haben sehr bald nach den Aufnahmen zum Vorgängeralbum „Emprise To Avalon“ mit dem Schreiben der neuen Stücke begonnen, wie sich Arkadius aufgrund meiner Fragestellung erinnert.

„Am Anfang lief es noch ziemlich schleppend, da wir uns erst auf die bevorstehenden Festival-Auftritte in Wacken und auf dem SummerBreeze, und dann auf die – leider ausgefallene – Europa-Tour vorbereiten mussten. Wir haben hauptsächlich unser Live-Repertoire geprobt, welches unser Bassist Marcus, der erst Anfang 2002 zu uns gestoßen ist, noch komplett neu lernen musste, um als eingespieltes Team auf der Bühne zu stehen. Ab Herbst 2003 bis zum Beginn der Aufnahmen im April aber lief das Songwriting auf Hochtouren. Die Gitarrenriffs stammen allesamt von Marcel und mir. Meistens treffen wir uns bei mir zuhause, um schon mal neue Riffs zu sammeln und zu gucken, was sich davon wie zusammenbauen lässt. Der Hauptteil des eigentlichen Songwritings findet aber gemeinsam im Proberaum statt. Dort werden dann alle Parts so lange verlängert, verkürzt und umgestellt, jede Idee ausprobiert, bis die Songstruktur für jeden das Optimum darstellt. `Signs For The Fallen` ist ein richtiges Gemeinschaftsprodukt.“

Wie auch schon früher, stammen bei „Signs For The Fallen“ nicht alle Songtexte von Marcel, wie ich von ihm erfahre. „Ursprünglich war geplant, dass alle Bandmitglieder Texte verfassen, aber lediglich Marcus hat es geschafft, mit `Revenant` einen sehr guten Text zu schreiben. `Trails Of Gore` wurde von unserem ehemaligen Bassisten Nils beigesteuert. Beide Texte unterscheiden sich, meiner Meinung nach, schon von meinen.“

Marcel sieht dies jedoch definitiv als Bereicherung an. Denn das macht seiner Meinung nach auch die Texte so abwechslungsreich und facettenreich wie die Musik Suidakras.

„Ich finde es komischerweise reizvoller, einen bereits bestehenden Text musikalisch umzusetzen, da man hier sehr oft spontan Melodien findet, die einem so nicht einfallen wollen, wenn man sich gleichzeitig um Melodieführung und Inhalt kümmert.“

Dann nimmt Arkadius Stellung zum neuen Werk und den zugrunde liegenden musikalischen Einflüssen.

„Es waren keine besonderen Einflüsse, denn wir richten uns nie nach irgendwelchen Auflagen. Bei uns läuft das so, dass wir drauf los schreiben und die besten Dinge nehmen, die dabei entstehen. Mittlerweile haben wir einfach auch unseren eigenen Stil, was die Riffs angeht. Wir haben alle einen ziemlich offenen Musikgeschmack, werden aber wahrscheinlich höchstens unterbewusst von dem beeinflusst, was wir so hören. Wenn es doch mal vorkommt, dass uns ein Part zu sehr an eine andere Band erinnert, dann fliegt der Part eben wieder raus.“

Apropos Musikgeschmack, was hören sich meine Gesprächspartner denn privat so an? Arkadius bekennt: „Von unserer gemeinsamen Basis, dem Metal, geht es eigentlich offen in alle Richtungen, solange wir eine gewisse Qualität, Eigenständigkeit oder Innovation entdecken können. Von Rock’n’Roll bis Elektro ist alles vertreten.“

Das sichert gewiss eine große Einflussbandbreite, mit welcher Suidakra laut Arkadius im Bereich des Metal auch ein breites Publikum ansprechen. „Da wir verschiedene Stile mixen, können Leute, die auf Folk-inspirierte Musik stehen, sich ebenso mit unserem Stil identifizieren, wie auch Fans von melodischen Schwedenbands wie Dark Tranquillity oder In Flames. Da wir mit der aktuellen Platte aber auch experimentelle Parts und rhythmisch betonte Riffs bieten, können auch Fans von Bands wie Tool oder Korn mal ein Ohr riskieren.“

Der aktuelle Albumtitel ist für die Verhältnisse von Suidakra sehr spontan entstanden, wie sich nun Marcel zurückerinnert.

„Wir haben im Proberaum das Lied gespielt, ohne dass wir einen Text hatten, und ich wollte das Hauptriff auf seine Tauglichkeit für Klargesang prüfen. Ich habe also vor mich hingebrabbelt und geschrieen und sehr viele höchst unsinnige Worte erfunden und aneinandergereiht. Unter anderem `do you see the signs for the fallen`. Als ich dann diesen Titel als Songtitel vorgeschlagen habe, waren alle so begeistert, dass wir sofort entschieden haben, den Titel auch für das Album zu nehmen. Der Song enthält alle für Suidakra typischen Merkmale: Schnelle, powervolle Parts, gediegene Melodielinien, den Folk-Touch und abwechselnden Gesang von Arkadius und mir.“

Dennoch fällt der Track laut Marcel musikalisch auch ein wenig aus dem Rahmen. „Was wir für einen Titeltrack auch wichtig finden, denn er muss ja was Besonderes sein. Dass der Titel die Eigenschaft hat, sehr viel bedeuten zu können, und dass `The Fallen`, der Gefallene, in verschiedene Richtungen interpretiert werden kann, hat Arkadius ja schon bei der Frage zum Cover erklärt. In einigen Texten finden sich Anspielungen zu diesen Themen, allerdings nicht ausgeprägt genug, um von einem konzeptionellen Zusammenhang zu sprechen. Ich wollte mich in dieser Hinsicht nicht einschränken.“

Die größten Erwartungen haben Suidakra mit dem neuen Album bereits erfüllt, wie Arkadius im Weiteren feststellt. Die Band wollte eine Platte aufnehmen, mit der sie sich, zumindest im Moment, 100%ig identifizieren kann.

„Also ein Album, das richtig ballert. Das haben wir erreicht. Natürlich hoffen wir, dass auch möglichst viele andere Leute das so sehen und die Platte kaufen. Viel Einfluss haben wir darauf allerdings jetzt nicht mehr. Century Media werden sicher wieder einen guten Job machen, was die Promotion angeht und wir werden viele Gigs spielen – am bestem in Form einer Europatour, wenn es denn möglich ist. Bis jetzt hat uns jeder Release weiter nach vorne gebracht und `Signs For The Fallen` wird dies definitiv auch tun.“

Schubladenbezeichnungen sind ihn eine zwiespältige Angelegenheit, wie ich Arkadius entlocken kann.

„Zum einen ist Kategorisieren manchmal nötig, einfach um die Musik zu beschreiben, andererseits birgt es auch immer eine Form von Limitierung. Und gerade bei uns, wo viele Stile vermischt werden ist es schwierig, alles unter einen Hut zu kriegen. Das einzig richtige Schubladendenken wäre, wenn überhaupt, sich unsere Musik aufmerksam anzuhören und dann zu entscheiden: `Gefällt mir` oder eben `Gefällt mir nicht`. Wir selber finden die Bezeichnung `Melodic Death Metal mit Folk-Einflüssen` am treffendsten.“ Wobei das beim nächsten Album wieder ganz anders sein könnte, wie er diesem Statement anhängt.

Einige Worte an ihre Anhänger lassen sich Marcel und Arkadius abschließend nicht nehmen. „Unseren Fans werden wir nicht sagen müssen, dass sie sich das neue Album kaufen sollen“, scherzen sie. „Danke an alle Fans für die fette Unterstützung! Checkt unsere Homepage unter www.suidakra.info und es wäre cool, euch alle bei unseren nächsten Konzerten zu sehen. Cheers.“

© Markus Eck, 04.07.2003

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