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Interview: SANGUIS
Titel: Hysterische Häme

Dass gerade aus der malerischen Alpenrepublik Österreich einmal ein trotz seines Großkalibers dermaßen treffsicheres Black Metal-Geschoss wie dieses aus dem Untergrund abgefeuert werden würde, hätten wohl nur die wenigsten derjenigen erwartet, welche ihren schwarzmetallischen Fokus überwiegend in skandinavische Gefilde richten.

In den spitzen Klauen solcher hasserfüllten Präzisionsscharfschützen wie diesem kruden Kanonierquartett aus der Steiermark entwickelt besagte neue Albumwaffe namens „Infernum Infinitum“ ihr vernichtendes Seelenmörderpotenzial in Vollkommenheit. 1999 gegründet, legt der ohrenbetäubend donnernde Vierer nach dem schon überzeugenden 2002er Debütalbum „Chaosgate Guardians“ nun ein weiteres feuriges Bekenntnispostulat abgrundtiefer Misanthropie vor.

Die schlüssige Mischung aus harscher Hysterie, mannigfaltigen Melodien und hohem instrumentellem Können kann auf „Infernum Infinitum“ vollauf überzeugen. Kreischkehle Umbra freut sich über das Kompliment.

„Es ist natürlich immer schwer, sein eigenes Werk objektiv zu beurteilen. Wir haben wirklich unser ganzes Herzblut in die Entstehung dieses neuen Albums gesteckt. Das Ergebnis müssen nun letztendlich aber andere bewerten. Wir sind jedenfalls sehr zufrieden damit. Sanguis in Reinkultur eben.“

Sanguis ist das lateinische Wort für Blut, wie der Shouter im Weiteren die Bedeutung des Namens seiner dunklen Horde darlegt. „Ich denke, das ist eine sehr treffende Bezeichnung für eine Black Metal-Band“, ist er sich sicher. Und fügt an:

„Grundsätzlich gründet man eine Band, um gute Musik zu erschaffen – so banal das klingen mag.“ Aber bei Sanguis war es nicht anders, wie Umbra in diesem Kontext resümiert. „Der Wunsch, guten Black Metal zu spielen, Werke zu produzieren, die sich mit denen messen können, die man als Fan vergöttert: Dies sind wohl die markantesten unserer Schaffenshintergründe. Die Mentalität, die hinter Black Metal steht, ist natürlich ein Hinweis auf eine rebellische Grundhaltung gegenüber der Gesellschaft und somit ein integrativer Bestandteil des Konzepts, auch des unseren.“

Die Frage, in welcher Position zwischen all den Black Metal-Formationen dieser Erde sich die Steirer denn selbst sehen, regt seinen Redefluss an.

„Eine gute Frage. Wir versuchen schlicht gesagt, guten Black Metal zu machen; nicht mehr und nicht weniger. Es stellt sich uns hierbei nicht die Frage, wie wir uns gegenüber anderen `einstufen`. Natürlich streben wir danach, nicht eine Band unter vielen zu sein, sondern es liegt uns vielmehr sehr daran, unseren eigenen Stil zu prägen und zu verfeinern. Wir sind hierbei sicher nicht die Originellsten, aber das war auch nie unser Ziel. Angesichts der Reaktionen beim Publikum kann man aber sicher sagen, dass wir zumindest in Österreich regen Zuspruch haben.“

Letzteres stellt ein selten ehrliches Statement dar, welches eine Überleitung hinsichtlich der Einstellung der Band zur Black Metal-Szene an sich mit sich bringt. Umbra spricht diesbezüglich für sich selbst:

„Die Szene ist verglichen zu den Neunzigern sicherlich nicht mehr das, was sie einmal war. Es sind viele Dinge passiert, eine Entwicklung hat stattgefunden. Mein persönlicher Eindruck ist, dass heutzutage Qualität einen sehr hohen Stellenwert eingenommen hat, was ich als sehr positiv empfinde. Eine Aufnahme muss einen guten Sound aufweisen, die CD braucht ein gutes Artwork samt qualitativem Layout, sonst kommt man nicht sehr weit. Natürlich gibt es auch viel beziehungsweise immer mehr Müll in Sachen Veröffentlichungen. Aber das lässt sich anscheinend ohnehin nicht vermeiden“, befindet er mit einiger Überzeugung.

Sanguis titulieren sich auch als „Chaosgate Guardians“. „Dieser Ausdruck bezieht sich auf den Titel unseres Debütalbums. Wir sind die Wächter des Chaos-Tors, und nun sind die Tore geöffnet – Infernum Infinitum. Nun bricht die unendliche Hölle über die Welt herein. Wir wollten Kontinuität bezüglich der Albumtitel einführen und haben deswegen die Idee des Debüttitels weitergeführt.“

Apropos – das Debüt wurde laut seiner Aussage hervorragend von den anvisierten Hörern aufgenommen.

„Man kann wirklich sagen, dass wir von den Reaktionen auf `Chaosgate Guardians` überwältigt waren und auch noch immer sind, sowohl live wie auch bei den Rezensionen. Eigentlich weiß ich von keiner einzigen negativen Kritik.“

Beim Songwriting gibt es in Sanguis zwei ganz einfache und unumstößliche Regeln. „Gitarrist Azazel schreibt die Musik und ich schreibe die Songtexte. So ist zumindest `Infernum Infinitum` entstanden und es lief sehr gut. Never change a winning team.“

Prinzipiell schreibt die Steirer Feuertruppe ihre höllischen Teufelslieder, ohne dabei ein genaues Ziel zu verfolgen.

„Wir legen uns da im Vornherein nie fest, denn unsere Songs entstehen nach und nach. Grundsätzlich wollten wir, wie schon vorher gesagt, qualitative Kompositionen auf die Partitur bringen, unserem Stil treu bleiben und uns natürlich auch weiterentwickeln.“

Dies aber durch natürliche Entwicklung, so gibt er vor. „Wir haben nie versucht, einen gewissen Sound nachzuahmen; natürlich spielen Einflüsse eine große Rolle, niemand kann sich diesen entziehen. Somit haben wohl unsere musikalischen Vorbilder grundlegenden Einfluss auf die Ausprägung unserer Musik gehabt. Dass diese hauptsächlich in Schweden zu finden sind, dürften die meisten herausgehört haben.“

Den Sänger inspiriert beim Verfassen seiner Lyriken das Leben an sich, wie er noch preisgibt. „Ich verarbeite in den Texten für Sanguis meine Erfahrungen, Niederlagen und vor allem meine Wut.“

Diese Wut bezieht sich prinzipiell auf die komplette und blinde Ignoranz, welche laut seiner Aussage nach in dieser Welt überwiegend vorherrscht.

„Blinder Glaube, Sadismus, Resignation, Hass. Mich inspirieren im Prinzip also völlig alltägliche Dinge. Dummheit an sich kann mich wirklich zur Weißglut bringen.“

Die Live-Shows des Quartetts kommen ohne besondere Effekte aus. „Wir spielen auf der Bühne mit Corpse-Paint, in Leder und mit vielen Nieten. Black Metal, wie es sich gehört.“

Weltflucht stellt ein gutes Schlüsselwort für Umbra dar. „Das Dunkle hat große Anziehungskraft, birgt aber auch viele Gefahren. Jeder muss seinen eigenen Zugang zu diesen Themen finden. Es gibt so viele Aspekte bei dieser Thematik, man kann ganze Bücher damit füllen; deswegen ist es sehr schwer, hier einen Zugang zu finden. Der Aspekt der Flucht ist aber meiner Meinung nach ein wichtiger; Flucht vor dem Alltag, der `normalen` Welt, den Menschen. Jeder muss diesen Punkt aber für sich selbst klären.“

© Markus Eck, 22.07.2004

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