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Interview: NUCLEUS TORN
Titel: Niveauvoll

1998 war ein sehr anspruchsvoller Schweizer Künstler namens Fredy Schnyder ziemlich unzufrieden mit dem Musizieren in seinen verschiedenen Bands: Er benötigte ein Ventil für seine kreative Tätigkeit. Im Laufe der Zeit entstand daraus Nucleus Torn. Weil er nicht alle Instrumente selber gut genug beherrschte, um seine Kompositionen zu interpretieren, suchte der Eidgenosse nach befreundeten Musikern, die ihm bei der Umsetzung seiner außergewöhnlichen Vision halfen.

Der wahrlich ungewöhnliche Klangkosmos von Nucleus Torn birgt eine recht avantgardistisch angelegte Mixtur aus verträumt-melancholischen Progressive Rock-Elementen eher besinnlich-düsterer Natur, dezent vermengt mit feinklanglichem Impressionismus aus den Bereichen Folk und Jazz.

Dazwischen sorgen mittelalterliches Ambiente und an die Zeit der Renaissance erinnernde Tabulatoren für allerlei nonkonforme Höreindrücke, zu erleben auf dem neuen Album „Andromeda Awaiting“.

„Fragen nach `Erfolg` sind in unserem Genre eher schwierig zu beantworten. Ich persönlich bin zufrieden, dass ich mich bei Nucleus Torn entsprechend künstlerisch verwirklichen und das Ergebnis der Öffentlichkeit via Prophecy Records präsentieren kann. Die Bedeutung von Verkaufszahlen und ähnlichem erachte ich als relativ gering“, bekennt der feinsinnige Helvetier zu Beginn.

Was den inspirierenden Bandnamen anbelangt, dazu konstatiert mein Gesprächspartner: „Ich mag seine ästhetische Ausstrahlung. Momentan tendiere ich dazu, den Bandnamen nicht inhaltlich zu definieren, das kann sich aber wieder ändern.“

Fredy ist als Multiinstrumentalist, Komponist und Soundmann bekannt. Und wie er im Weiteren offenbart, ist er eben gerne vielfältig beschäftigt.

„Ich bin Künstler und mag es, meine Kunst vielseitig zu gestalten. Ob ich darin als Mensch tatsächlich abgebildet werde oder nicht, kann mein persönliches Umfeld letztlich besser beantworten als ich. Fakt ist jedenfalls: Ich arbeite immer, ob bezahlt oder nicht. Ich liebe es, meine Zeit so produktiv wie möglich zu nutzen – zumindest bilde ich mir das ein. Sobald ich meinen Zielen näher komme, setze ich mir neue. Die Welt ist viel zu spannend, um auch nur einen Tag ohne Neugierde zu verschwenden. Abgesehen davon denke ich, dass wir in der heutigen westlichen Welt dank unserer privilegierten Situation auch eine gewisse Verpflichtung haben, unsere Freiheiten konstruktiv zu nutzen. Nucleus Torn ist mein geringer Beitrag zum kulturellen Vermächtnis unserer Gesellschaft.“

Zum aktuellen neuen Album „Andromeda Awaiting“ wird zeitgleich noch ein älteres von Nucleus Torn veröffentlicht. Der Musikus expliziert:

„Die Retrospektive `Travellers` erzählt die Gründungsgeschichte von Nucleus Torn. `Travellers` führt von der Frühphase (`Krähenkönigin`: Musik für klassische Sologitarre, 1998) über die Progressive Rock-Demophase (`Silver` 2000, `Submission` 2001f.) zu zwei unveröffentlichten Outtakes der Sessions zu unserem Debut-Album `Nihil` (2003ff.). Ich bin nach wie vor überzeugt von der musikalischen Relevanz dieser Titel, deshalb möchte ich sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Damit stehe ich nicht alleine da, viele Hörer unserer Musik halten `Krähenkönigin` immer noch für eines meiner besten Werke. Anzumerken ist, dass kein einziges Stück in der jetzigen Form schon erhältlich war, insbesondere `Silver` wurde komplett überarbeitet. Alles in allem stellt `Travellers` einen integralen Bestandteil unserer Diskographie dar, man könnte die Kompilation gar als inoffizielles Debütalbum bezeichnen.“

„Andromeda Awaiting“ klingt in etwa wie Progressive Rock ohne Rockmusik, so Fredy.

„Damit helfe ich aber eigentlich niemandem, Nucleus Torn am wenigsten. Die Musik ist sphärisch und akustisch geprägt, wir malen Stimmungsbilder und Traumlandschaften mit melancholischer Ausstrahlung. Dabei verwenden wir klassisch inspirierte Kompositionstechniken genauso wie traditionelles Songwriting und Improvisation. Das Ergebnis lässt sich aber weder beschreiben noch kategorisieren. Wer hochemotionale Musik mit subtilem Drama mag, sollte sich `Andromeda Awaiting` widmen. Es könnte genau das sein, was man lange gesucht aber nie gefunden hat. Manche würden uns mit dem Begriff `Naturmystik` assoziieren. Das ist selbstverständlich in Ordnung, ich möchte aber gerne darauf hinweisen, dass wir einen sehr hohen kompositorischen und technischen Anspruch haben und uns nicht auf mehr oder weniger dilettantisches Gitarrengeklimper beschränken.“

Die Lieder auf dem aktuellen Werk hören sich sehr eigenständig an, sind zudem von tiefer Emotionalität.

So will ich wissen, ob es daher eher schwierig ist, mit einem Menschen wie dem Kopf von Nucleus Torn musikalisch zusammenzuarbeiten. Fredy lässt verlauten:

„Danke für die Komplimente. Ich denke, bei Nucleus Torn lässt es sich sehr leicht mit mir zusammen arbeiten. Ich bin glücklich, wenn mir Leute helfen, diese Musik zu erschaffen. Im Ensemble ziehen wir alle am selben Strick und profitieren gegenseitig. Spannungen gibt es bestenfalls in homöopathischen Dosen.“

Als es an zu nennende Einflüsse für seine tiefsinnigen Melancholikersongs geht, wird der Mann nachdenklich. Schließlich listet er auf:

„Progressive Rock (die üblichen großen Namen), die non-metallische Komponente der vielseitigsten Metalbands, alte Musik (Mittelalter, Renaissance), Impressionismus, Jazz und Folk verschiedener Couleur. Ich bin sehr vielseitig interessiert und begeisterungsfähig und werde kaum je in der Lage sein, alle Einflüsse hörbar zu machen. Spürbar schon eher. `Andromeda Awaiting` zeigt einen Ausschnitt aus meinem bevorzugten Musikbereich, wie dies bereits `Nihil` und `Knell` auf eine anders gelagerte Art und Weise taten.“

Fredy schreibt sowohl Musik als auch Texte im Alleingang, wie in Erfahrung zu bringen ist. „Von meinen Mitmusikern haben Maria D'Alessandro und Patrick Schaad (beide Gesang) aber den größten Einfluss, da sie ihre Gesangsmelodien im Team mit mir ausarbeiten. Was das neue Albumwerk angeht, da erinnere ich mich primär an stundenlanges Schreiben von Partituren am Flügel. Ich habe nie zuvor einen derart intensiven und zielgerichteten Kompositionsprozess durchlebt. Die Struktur des Albums war ziemlich klar vorgegeben, ich musste sie `nur` noch mit den entsprechenden Inhalten füllen.“

Und seine Ziele dafür waren ziemlich hoch, wie er sich zurückerinnert.

„Wichtig war mir vor allem, ohne Rock-/Metal-Elemente ein spannendes Album zu erschaffen, das vor subtiler Dynamik nur so strotzt (ohne aber nach klassischer Musik oder Jazz zu klingen), große Gefühle zu erzeugen, vielseitige Stilistiken einbauen und mit einer abwechslungsreichen Instrumentierung zu einem homogenen Ganzen verknüpfen. Und ja, diese Ziele haben wir erfüllt. Es ist alles eine Frage der Fachkompetenz und Beharrlichkeit.“

Wir gehen zu den Lyriken der Lieder über. Der Kreative berichtet etwas irritiert zu meinem Ersuchen.

„Die Frage nach den Einflüssen überfordert mich ehrlich gesagt. Ich bin primär Musiker und weniger Literat, obwohl ich viel und gerne lese (primär Belletristik aus dem englischsprachigen Raum). Erwähnenswert ist, dass `Andromeda Awaiting` der Abschluss der mit `Nihil` und `Knell` begonnenen Trilogie ist. Daher war der textliche Gehalt bis zu einem gewissen Grad durch die beiden Vorgängeralben vorgegeben. Andererseits wurde er von der Musik geprägt, da diese vor den Texten entstand.“

Was die kommende Zeit betrifft, so blickt der Sensible hoffnungsvoll in die Zukunft. „Ich erhoffe mir eine gebührende Anerkennung für `Andromeda Awaiting` in möglichst vielen Hörerkreisen. Dieses Album ist progressiver als wohl fast alles andere, welches mit diesem Label vermarktet wird. Die weiteren Ziele behalte ich vorerst für mich, damit würde ich zu viel vorweg nehmen. Wie gesagt beziehungsweise schon gesagt: Ich mag es nicht, untätig zu sein. Es gibt noch so viel zu entdecken.“

© Markus Eck, 26.10.2010

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