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Interview: LIV KRISTINE
Titel: Intensive Leichtigkeit

Bemerkenswert, über wie viele Stationen diese angenehm feine Ausnahmestimme und die dahinter stehende Person ihre weite künstlerische Reise (ziel)sicher fortsetzen konnte. Und Liv Kristine, hauptsächlich bekannt geworden als Vokalistin von Theatre Of Tragedy und Leaves’ Eyes, zeigt ihr intuitives Können auch auf dem neuen Soloalbum „Skintight“ sehr souverän auf.

Betont niveauvoll angesiedelt im „erwachsenen“ Guitar Pop-Bereich, glänzen die hörbar durchdacht gemachten neuen Songs in vielen strahlenden Facetten. Und darin thront Liv mit einer betörend anmutigen Vielzahl an animierend herzhaften Kehlenleistungen.

„Es fühlt sich für mich immer sehr befreiend an, ein neues Album `komplett` zu haben, und zu wissen, dass die Veröffentlichung sich nähert“, äußert sich Liv hörbar erleichtert.

Schnell fügt sie noch an: „`Ganz` privat freue ich mich momentan sehr darüber, dass meine Schwester am Wochenende nach Deutschland kommt, um uns ein paar Tage zu besuchen. Alle sind gesund, wir haben Spaß beim Fußballgucken und ich darf sogar nächste Woche ein Video für `Skintight` in Schweden drehen. Ich bin dann fast zu Hause“, freut sich die blonde Sängerin.

Neben besagtem Videoclip ist die gebürtige Skandinavierin laut eigener Aussage mit Leaves’ Eyes zum Interviewzeitpunkt schon mitten im Aufnahmeprozess von deren vierten Album.

Im September und Oktober wird Liv dann mit der Band Kanada, die USA und Mexico mit Kamelot betouren.

„Und danach höchstwahrscheinlich Indien. Da freue ich mich riesig drauf! Ein ganzer Koffer voller Gewürze für meine bunte Küche!“

„Skintight“ ist ein sehr hautnahes und ehrliches Album, wie sie zu erzählen weiß:

„Ich würde sagen sehr `down to earth` und persönlich. Wir haben in den meisten Liedern weniger Instrumente verwendet, und das Hauptgewicht auf den Gesang und den emotionalen Ausdruck gelegt. So zu arbeiten gefällt mir echt gut, denn so kann ich den gesamten musikalischen Ausdruck mit meiner Stimme `steuern`. Stilistisch bewege ich mich vielleicht irgendwo zwischen Tori Amos, Coldplay und Johnny Cash.“

Die neuen Stücke zum Album haben Gitarrist Thorsten Bauer und Madame Liv gemeinsam geschrieben, wie in Erfahrung zu bringen ist.

„Manchmal hatte er die `ursprüngliche` Idee, manchmal war ich das. Als Einfluss gilt Tori Amos, weil sie technisch, d.h. im Aufnahmeverfahren, geniale Ideen hat. Sie vermittelt optimal den emotionalen Eindruck durch ihre Stimme zusammen mit dem Klavier. Tori’s Gesang und Instrumente sind im perfekten Einklang auf allen ihren Alben. Respekt. Von ihr kann jede Sängerin, egal in welchem Genre, etwas lernen“, so Liv voller Bewunderung.

Anschließend sprachen wir zwei etwas expliziter über Einflüsse und Inspirationen, Liv hierzu: „Gar keine Bücher, Filme oder Gedichte diesmal. Meine Kindheit und meine vielen Reisen mit und ohne Band waren meine Inspirationsquellen für `Skintight`. Die Texte basieren auf persönlichen Erlebnissen, die ich nie vergessen werde.“

Ihre neuen Lyriken sind ganz intuitiv entstanden, berichtet Liv, und das stets schon gleich bei der ersten ursprünglichen musikalischen Idee.

„Die Texte sind wie kleine Gedichte, ich habe ziemlich oft ein komplettes lyrisches Raster im Kopf wenn ich eine musikalische Idee habe. Irgendwie laufen Musik und Worte bei mir mental `Hand im Hand`, für mich war das immer so. Manchmal bekomme ich dann die Krise, wenn Mitmusiker ganz andere Ideen haben, wie ein komplettes musikalisches Stück `aussehen` soll. Gut, dass mich meine Mitmusiker meistens verstehen können ... meistens.“

Sie selbst muss mit sich beziehungsweise mit einem Album 100 % zufrieden sein, wie sie zu Protokoll gibt.

„Alles andere gilt nicht. Ich möchte schließlich nachts auch gut schlafen. Halbe Sachen nerven mich unheimlich, und ich mag es nicht, wenn es beispielsweise ständig bei den Aufnahmen Pausen gibt, oder wenn jemand nicht ganz bei der Sache ist. Alles oder gar nichts. Ich gebe ein Album immer erst ab wenn ich, Produzent Thorsten und mein Ehemann Alex zufrieden sind, und das sind wir. Wir haben eine eigenes Studio und verbringen dort so viel Zeit wie möglich und wie nötig.“

Im Anschluss dreht sich der Dialog über kommende Live-Aktivitäten von Liv als Solo-Künstlerin.

Wir erfahren hierzu: „Es werden gerade Konzerte für Oktober oder November geplant. Ich suche Venues mit einer intimeren Atmosphäre, damit ich meinen Fans und Freunden `näher` kommen kann.“

Ich greife die Person beziehungsweise die Künstlerin Tori Amos erneut auf, um über das Genre an sich nochmals zu diskutieren. Liv schwärmt erneut:

„Sie ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass es noch wirkliche Künstler gibt, die popkulturell `ungebunden` sind. Bei Nick Cave ist das ganz genauso. Ich mag es weniger oder am liebsten gar nicht, kategorisiert zu werden, und lasse mich eher von den tiefgehenden und `freien` Künstlern inspirieren. Klar gefallen mir manche Bands, die gerade im Radio laufen, aber als Inspiration für mich gelten sie nicht. Mein Ehemann und Produzent Alexander Krull, sagt immer wieder: `Du machst eh was du willst`, und ja, das stimmt!“

Und worin beziehungsweise in welcher Position sieht sich Liv selbst mit ihren aktuellen Liedern inmitten des Ganzen? Sie konstatiert:

„Irgendwie überall, oder auch nirgendwo. Die Popmusikbranche, oder die Musikbranche überhaupt, kommt mir oft ziemlich korrupt vor. Ich verstehe sie nicht immer, und ich gebe zu, ich werde auch nicht immer verstanden. Also mache ich lieber, was mir mein Bauchgefühl und mein Herz sagen. So kann ich mit allem, was alltäglich in meinem Beruf und Hobby passiert, gut klarkommen. Und kann nachts meist gut schlafen.“

Nachfolgend fabulieren wir über Idole. Und auch Liv hat sie.

„Madonna höre ich seit 30 Jahren, auch wenn sie vielleicht nicht die beste Stimme hat, aber sie hat mich dazu inspiriert überhaupt selbstständige Sängerin zu werden, Lisa Gerrard und Dead Can Dance sind für mich die genialsten Musiker überhaupt; Tori Amos und Kate Bush sind phantastische Sängerinnen und Komponistinnen.“

Dennoch bezeichnet sie sich als freie Künstlerin. Sie offenbart:

„In unserem Mastersound Studio kann ich mich frei entfalten und fühle mich einfach wohl. Vorgeschriebene Grenzen oder Einschränkungen stören mich enorm. Wie gut, dass Thorsten und Alex in diesem Punkt genau so denken.“

Beim Singen vergisst sie ohnehin einfach alles, wie sie mir in aller Offenheit bekennt. „Ich singe seit ich ein Jahr alt bin - ich dachte tatsächlich als Kind, dass jeder singen kann, und, dass `Töne treffen` ganz natürlich und selbstverständlich ist. Manchmal erwische ich mich dabei, einen Gedanken, den ich gerade hatte, gesungen zu haben. Oder, wenn wir am Aufnehmen sind und ich an dem Tag emotional etwas `geladen` bin, mich nach einigen gesungenen Tönen einfach befreiter fühle. Ich habe ein riesiges Glück, denn ich habe keinerlei Bühnenangst. Ich genieße meine Auftritte ... und hoffe, dass mich auf der Bühne kein Blitz trifft oder große technische Probleme auftreten.“

Na, kennt dann ein Mensch wie Liv überhaupt so was wie Frust?

„Aber natürlich. Wenn ich gefrustet bin, laufe ich aber eine große Runde durch den Wald. Da kann keiner mit mir mithalten! Das mache ich schon seit vielen, vielen Jahren. Danach habe ich oft eine gute Idee, wie das Problem gelöst werden kann. Als ich beispielsweise 2003 von Theatre Of Tragedy ohne Grund rausgeschmissen worden bin, bin ich anschließend sofort mit meinem Ehemann durch den Wald gelaufen. In dem Moment entstand dann auch schon die Band Leaves' Eyes. Wenn Kindermörder (mal wieder) auf freien Fuß gesetzt werden oder auch beispielsweise das Öl, das gerade den Golf von Mexico verseucht, solche irren Begebenheiten frustrieren mich ohne Ende, denn ich will unbedingt irgendwie was dagegen tun. Dann kommt immer mal wieder der Moment, an dem ich mich einfach klein fühle.“

Liv, was freut dich auf der anderen Seite immer wieder sehr auf dieser Welt? „Mein Sohn! Jeder Tag, jede Minute gemeinsam mit ihm und zu dritt, und meine Familie in Deutschland und in Norwegen. Ich habe großes Glück, denn wir wohnen mitten im Naturschutzgebiet ... nur das Meer fehlt mir manchmal. Und der eiskalte, weiße Winter.“

Abschließend verkündet sie mir noch ihre größten musikalischen Hoffnungen für 2010: „Viele Live-Auftritte mit meinen Fans und Freunden gemeinsam erleben zu dürfen sowie in Ländern zu spielen, wo ich noch niemals zuvor war. Ich habe vor allem vor, noch ganz vielen Herzen und Seelen zu berühren.“ Lobenswerter Vorsatz.

© Markus Eck, 28.06.2010

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