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Interview: HÄMATOM
Titel: Punktueller ausformuliert

,Im Reichtum schwimmen, oder in Scheiße baden, dazwischen wird es eng‘, so schreit es Frontmann Nord im kantigen Titelsong des neuesten Studioalbums „Wir sind Gott“ gewohnt aufmüpfig heraus.

Leicht gemacht wird es einem dabei erneut nicht im Geringsten. Denn ob aufrüttelnde Prophetie oder längst nüchterne Wahrheit, das überlässt der rotzfreche Haufen in den 19 neuen Songs vollständig den ergebenen Konsumenten. Rücksicht nehmen die fränkischen Maskenschlingel eben gar nicht, wenn es darum geht, gesellschaftliche Missstände zynisch gewitzt zu demaskieren.

Hämatom servieren alten und neuen Fans eine vollsaftige Ladung an eingängig gestaltetem Modern German Metal. Enorm druckvoll, vielfach beißfreudig und garantierend auch wieder extrem polarisierend.

Wie Schlagzeuger Süd rückblickend berichtet, stand die Kreation von „Wir sind Gott“ 2015 ganz eindeutig im Mittelpunkt der gemeinsamen Bandarbeit.

„Von der ersten Idee bis hin zum fertigen Song ist es bei uns immer eine sehr lange Reise. Dieses Mal haben wir auch in verschiedenen Gruppen mit Produzenten an verschiedenen Orten gearbeitet, was schon sehr zeitintensiv war. Dennoch gab es im Frühjahr ja noch eine B-Runde unseres ,X‘- Jubiläumsalbums, zahlreiche Shows im Sommer, u.a. SummerBreeze und andere tolle Festivals und die Heidenfest-Tour im Herbst mit den Apokalyptischen Reitern, Finntroll und Korpiklaani. Beendet wurde übrigens dieses schöne Jahr 2015 mit unserem eigenen Winterfestival namens ‚Dämonentanz’, was auch 2016 wieder stattfinden wird.“

Der pfiffige Vierer hält weiter eisern an seinen Masken fest - sind sie den vier Schlitzohren so sehr ans Herz beziehungsweise die Gesichter gewachsen? „Ja, das gehört jetzt zusammen: Hämatom trägt Masken und das ist zur Zeit undenkbar wegzulassen. Man verbindet mit dieser Band die Maskerade, die übrigens für jedes Album modifiziert wird. Dieses Mal haben wir mit einem Team aus Berlin zusammengearbeitet und sozusagen die ,Wir sind Gott‘-Version entwickelt. Hämatom ist ja auch ein sehr optisches Projekt, bei dem das Entschlüpfen der langweiligen Alltagskleidung ein Teil der abwechslungsreichen Bühnenshow ausmacht. Wir wollen das Gehörte eben auch visualisieren.“

Der Album-Vorgänger „Keinzeitmensch“ kam in 2013 heraus. Doch von dieser Studioalbum-Pause haben sich die Bandmitglieder zum Schluss hin fürs neue Werk überhaupt nicht unter Druck gesetzt, was neue Eigenkompositionen angeht. Süd winkt in aller Lässigkeit ab:

„Wir haben ja mit unserem Album ,X‘, welches 2014 mit vielen Cover-Versionen erschien, ja durchaus auch Studiozeit gehabt und durch das Verwandeln von Fremdkompositionen auch viele Erfahrungen gemacht, die man bestimmt auf unserer neuen Scheibe bei dem einen oder anderen Lied raushören kann. Es war somit nie eine wirkliche Kompositionspause vorhanden.“

Für „Wir sind Gott“ haben sich die Urheber auch gezielt Unerwartetes ausgedacht.

„Zum einen bekommt man Hämatom, wie man es kennt. Zum anderen gibt es aber wie immer auch Überraschungsmomente, bei denen man hoffentlich hört, dass wir durchaus gewillt sind, zu experimentieren. Das ist auch meiner Meinung nach die große Herausforderung: Sich in seinem eigenen ,Band-Maßstab‘ weiterzuentwickeln. Diese Kunst beherrscht zum Beispiel Rammstein sehr gut und Metallica überhaupt nicht. Metallica wollten immer zu viel nach dem ,Black Album‘. Dabei bewundere ich ihren Mut, wenngleich mich das Endprodukt ihrer jüngeren Werke immer enttäuscht hat. Aber klar, auf jeden Fall besser als Bon Jovi, die von ihrem Sound nach all den Jahren noch immer so gar nicht abrücken, was dann auch langweilig wird.“

Die textliche Ebene hat seiner Meinung nach die größte Weiterentwicklung erlebt.

„Wir wollten unsere direkten Aussagen noch moderner, konkreter verpacken, beziehungsweise eben nicht mehr in zu abstrakte Metaphern verpacken. Dabei hat sich unser Gitarrist Ost durchaus auch von diversen Hip-Hop-Acts inspirieren lassen. Wir wollten über die Metal-typische Sprache hinausblicken und eben mit für den Metal untypischen Ausdrücken experimentieren, wie wir es zuvor noch nie gemacht haben.“

Kesselpeiniger Süd und Saitendehner Ost haben zu diesem Zwecke eines Nachmittags im Frühjahr 2015 symbolisch durch das Schreiben des ersten Songs fürs neue Album die Songwritingphase eingeläutet.

„Das finale Recorden hat sich bis in den Herbst gezogen, so dass wir circa ein Dreivierteljahr für den gesamten Kompositionsprozess, Ausarbeiten und Aufnehmen investiert haben. Dabei gibt es immer Songs, die zwanzig Mal zerlegt werden, ehe sie die Chance erhalten, das Album zu verschönern. Oder solche Tracks, wie ,All U Need Is Love‘, die von Anfang an zu 99 % standen und es jedem klar wurde, dass man hier nichts mehr ,finetunen‘ muss. Deswegen braucht die Entstehung eines Albums viel Zeit, nichts ist vorhersehbar.“

Für „Wir sind Gott“ hat Ost wieder mal die meisten Ideen angeschleppt, welche teils schon sehr konkret ausgearbeitet waren. „Jeder Song wird dann in den demokratischen Fleischwolf gedreht, die Einzelteile analysiert, teils neu zusammengebaut, teils weggeschmissen, bis am Ende alle Beteiligten glücklich sind. Und dieses Mal haben wir auch dem Produzenten oder auch Warthy, der beispielsweise viel bei den Programmings hilft, viel Mitspracherecht gegeben, was so einen Prozess natürlich keinesfalls verkürzt oder vereinfacht. Sechs beteiligte Menschen – sechs eigenwillige Köpfe.“

Haben so dermaßen quirlige und entschlossene Typen wie Hämatom denn nicht auch mal einen Hänger in der Kreativität, so werden sich manche fragen.

Süd, gab es also nennenswerte Höhen und Tiefen beim Songwriting?


„Bei mir stellt sich inzwischen bei langandauernden Entscheidungsphasen zum Arrangement oder Minimal-Licks immer öfter Gleichgültigkeit ein. Das liegt aber nicht daran, dass mir immer mehr egal werden würde. Vielmehr arbeitet man mit einem Produzenten, wie Kristian Kohlmannslehner (Powerwolf, Eskimo Callboy) oder Warthy auf einem so hohen Niveau, dass eh nichts Schlechtes produziert wird. Es ist dann oft mit der Frage zu unterscheiden, ob du lieber Vollmilch- oder Zartbitterschokolade magst. Naja und manchmal gibt’s dann aber doch auch wieder Songs oder musikalische Stellen, wo auch bei mir die Gleichgültigkeit wieder verfliegt und ich auf Zartbitter bestehe. Ansonsten gibt’s bei jedem Entstehungsprozesses eines Albums immer Zweifelphasen, bei denen Songs in Frage gestellt werden, was aber auch eine wichtige Reflektion der Arbeit mit sich bringt.“

Welche Einflüsse animierten die Beteiligten für die neuen Songtexte primär - mehr der wache Blick nach draußen oder der nachdenkliche nach drinnen ins eigene Ich?

„Der wache Blick nach draußen, der stets durch Mitverfolgen von Pressemitteilungen geschärft und durch empfehlenswerte Bücher, wie Jürgen Todenhöfers Reiseberichte vertieft wird. Natürlich muss man in nachdenklichen Phasen das Gelesene verarbeiten, hinterfragen und reflektieren, aber es dominiert das wachsame Beobachten, wenn wir uns musikalisch an neue Themen heranwagen.“

13 neue Songs sind nun aktuell am Start. Wie sind Hämatom bei der Auswahl des erstellten neuen Materials für diese schmissige Liederkollektion vorgegangen? „Aufgenommen haben wir aber 17 und anfangs hatten wir an nennenswerten Ideen über 30. Die vier Non-Album-Tracks findet man übrigens auf der Bonus-CD unserer limitierten ,Freak-Box‘, beziehungsweise auf unserer physischen Single namens ,Fick das System‘. Dieses Mal haben wir sogar eine richtige Abstimmungsrunde im großen Freundeskreis initiiert, bei der jeder alle 17 Songs zum Hören bekam und dann in einer Liste seinen Senf zu den jeweiligen Stücken eintragen sollte. Da kam dann ein Ergebnis raus, mit dem wir leider nicht ganz einverstanden waren, so dass wir es etwas verfälschen mussten, um doch wieder eine Songauswahl des Albums zu erhalten, die uns gefiel“, lässt der Trommler breit grinsend wissen.

„Wir sind Gott“ - ein vielfach zum Nachdenken anregender Titel(Song). Wie kritisch beziehungsweise distanziert sehen Hämatom die Entwicklung der Menschheit hinsichtlich elitärem Allmachtanspruch und Zerstörung der Natürlichkeit etc.? Stirnrunzeln folgt:

„Na ja, leider gibt’s diese Entwicklungen nicht erst seit gestern, sondern seit der Existenz der Menschen. Genau das soll der Song aufzeigen: Der Mensch spielt jeden Tag aufs neue Gott. Das war schon vor Tausenden von Jahren so und es ist gegenwärtig omnipräsent. Wir wollen mit diesem Track, wie es auch die allgemeine Intention der Band ist, der Gesellschaft, der Welt den Spiegel vorhalten. Wir sind aber nicht chronisch frustriert oder verdrossen. Es ist nur jeden Tag aufs Neue unbegreiflich, dass sich für viele Konflikte keine Lösungen finden lassen, und erwachsene, aufgeklärte Menschen immer wieder in eine Gewaltspirale geraten. Rache, Terror, all das gab es schon immer. Es wird nur stetig weiterentwickelt, neu verpackt, neuen Gegebenheiten angepasst und neu propagiert. Allerdings wird sich auch irgendwann der Planet für die Dummheit der Menschen rächen, weil für die Weiterentwicklung der Erde sind wir nur eine ,kleine Randnotiz‘, wie es im Text des Titelsongs heißt.“

Die Songtitel beziehungsweise -Texte der neuen Veröffentlichung machen zuweilen ohnehin keinerlei Kompromisse.

Der Schlagzeuger bringt die restlichen Lieder von „Wir sind Gott“ entsprechend näher.

„All U Need Is Love“:

„Jemanden verfallen sein, bei dem man fähig wird, alles zu tun. Neu anzufangen, in dem man alles hinter sich lässt und Neues erbaut.“


„Fick das System“:

„Ändere die unschönen Zustände. Geh auf die Straße und protestiere für Frieden oder boykottiere zum Beispiel den Milchpreisskandal, in dem du hochwertige Produkte beim kleinen Bioladen kaufst. Sei aber keinesfalls Politikverdrossen! Passivität führt zu gar nichts!“


„Made In Germany“:

„Status Quo unseres Landes. Was ist gut, was ist schlecht. Wir sind ein Einwandererland und der Döner gehört genauso zu unserer Kultur, wie der Spielmannszug oder Schützenverein.“


„Offline“:

„Leg dein Smartphone auf die Seite und tauche mal wieder ein in die Realität, ,denn die kann ganz schön wirklich sein‘“.


„Tanz aus der Reihe“:

„Habe Mut, dich Vorschriften zu widersetzen. Trau deinem Verstand und lass dir nichts diktieren, kein Joch dieser Welt überstülpen – tanz aus der Reihe!“


 „I Have A Dream“:

„Unser eindeutiges Statement gegen alle Nazis da draußen!“


„Ikarus Erben“:

„Der Mythos des Ikarus dient hier als Bild, welches den Absturz der Menschheit ob ihres Übermutes beschreibt. Wenn du zu nah mit deinen Wachsflügeln an die Sonne kommst, dann wirst du abstürzen! “


„Zu wahr um schön zu sein“:

„In urbaner Umgebung spielend, wird das stumpfe, eintönige Leben der Menschen beschrieben. Es könnte alles so schön, ja perfekt sein, doch sie sind Gefangene der Freiheit.“


„Mach kaputt“:

„Zerstöre all das, was dich zerstören könnte. Verbrenn zum Beispiel die Bild-Zeitung, bevor sie dich verdummt!“


„Hollywood brennt“:

„Zwei Menschen setzen die Welt in Flammen. Nichts kann sie stoppen. Jetzt stehen sie vor Hollywood und auch das bleibt nicht verschont.“


„Halli Galli“:

„Der Partysong der CD. Das Szenario dieser Party ist aber eine Vorstandsfeier, bei der alle Tabus gebrochen werden.“


„Ist das Kunst“:

„Hier werden bekannte Zitate verschiedener Rocksongs in den Strophen aneinander gereiht, um dem Zuhörer im Refrain die Frage zu stellen: ,Ist das Kunst oder kann das weg?‘“

Im Zuge all dessen liegt die Frage nahe, was der Drummer derzeit bemerkenswert übel auf der Welt findet.

„Die Kombination aus schrecklichem Terror, der zu uns immer näher kommt und das Begegnen mit Gegengewalt durch die Regierungen. Und Opfer sind auf beiden Seiten stets Zivilisten ohne Verbesserung der Situation. Hier wird meiner Ansicht nach keine Ursachenforschung, sondern Symptombekämpfung betrieben.“

Thema Nummer eins ist seiner Ansicht nach gerade die Flüchtlingskrise, wie Süd in diesem Kontext noch verlauten lässt.

„Und damit verbunden und sehr dominierend sind die vielen rechten Hetzen und Ängste. Unglaublich ,gut‘ dabei finde ich aber die vielen freiwilligen Helfer, die so vieles stemmen und statt rumzujammern, unterstützend zur Seite stehen.“

Hämatom gehen oft sehr hart ins Gericht mit der heutigen, überwiegend vom Wohlstand verwahllosten (Konsum)Gesellschaft. Wird das von den Fans auch immer entsprechend verstanden beziehungsweise konnte die Band damit in den Köpfen ihrer Fans etwas zum Positiven verändern?


„Die Message kommt auf jeden Fall rüber. Aber es wäre natürlich anmaßend zu behaupten, dass wir die Welt verändern. Musik kann glaube ich ein Anstoß bei einem Findungsprozess sein, ein weiterer Baustein einer Veränderung, aber man muss schon das große Ganze sehen. Wir können über Trauer hinwegtrösten, Ventil für Frust sein, aber für große Änderungen oder Heilungen braucht es schon noch mehr als die Musik, da mache ich mir nichts vor.“ 


Aus welchen Gesellschaftsschichten sich die meisten Hämatom-Fans bei der Formation mit Feedback zu Wort melden, darum geht es im Folgenden. „Das ist sehr gemischt. Was aber toll ist, ist dass bei irgendwelchen rechten Posts bei Facebook, unsere Fans und Freaks immer gleich auf sehr coole, intelligente Art und Weise kontern. Das gefällt mir, dafür liebe ich unsere Freaks, die durchaus was auf dem Kasten haben! Das merken wir letztendlich immer auch bei unserem Fanclub-Treffen oder den Meet & Greets.“

Wo wird sich die Menschheit in den nächsten zehn bis 20 Jahren seiner Ansicht nach hinbewegen?

In noch ,göttlichere‘ Gefilde? Ein Ende der Kriege, Katastrophen, Verdummung und Versklavung scheint momentan leider weiter entfernt denn je zu sein.


„Gerade würde ich das Zeitalter als nach Extremen suchend beschreiben. Das trifft sowohl auf das Auseinanderklaffen in der Gesellschaft von Arm und Reich, als auch auf politischer und religiöser Ebene zu. Ich denke, dass die Entwicklungen dieser letzten beiden genannten Bereiche viel durch Ängste bewirkt werden und das ist nie gut.“

Das Line-Up der fränkischen Modern Metaller glänzt durch außergewöhnliche Beständigkeit.

Nord, Ost, West und Süd scheinen sich offenbar auf allen künstlerischen Ebenen prima zu ergänzen.

„Die aktuelle Konstellation ist immer noch die Urbesetzung. Hierbei hat sich nichts geändert seit der Bandgründung.“

Wie klappte die Zusammenarbeit der einzelnen Bandmitglieder für die neue Veröffentlichung? Süd:

„Wir sind inzwischen ein eingespieltes Team. Jeder hat seine Bereiche, in denen er glänzt und die es dann auch gilt selbständig abzuarbeiten. Wir hatten und haben für diese Veröffentlichung so viele Meetings und Telefonkonferenzen wie noch nie zuvor, bei denen wir uns abstimmen. Und wenn man nicht weiter weiß oder es zu Unstimmigkeiten kommt, dann hilft uns auch sehr toll unser neues Management bei der Problemlösung.“

Was ist nach wie vor sein allerstärkster Antriebsfaktor für die Musik mit der Band?

„Weiterzukommen, immer mehr Leute zu erreichen - vor allem auch über deutsche Grenzen hinaus! Außerdem miteinander als Band, aber auch mit vielen anderen Fans tolle gemeinsame Momente erleben. Und wenn ich hier und da mal eine Gänsehaut bei dem ein oder anderen eigenen Song bekomme, dann ist das natürlich der größte Kick!“

Und was erhofft sich der Kerl in Sachen Hämatom primär für 2016? „Natürlich hoffen wir auf positives Feedback der Fans und dass sich auch viele neue Leute mit uns beschäftigen, ja, es lieben werden! Es wird nun spannend, all die Arbeit von 2015 jetzt live zu performen und miteinander schweißbadend in Clubs ,Wir sind Gott‘ abzufeiern.“

© Markus Eck, 10.03.2016

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