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Interview: EPICA
Titel: Zu Ehren alter Meister

„Musik muss aus dem Herzen kommen, sonst ist sie nicht echt“, sagt Epica-Frontstimme Simone Simons aktuell mit dem Brustton der Überzeugung, „und wenn dann auch noch andere Leute die erzeugten Lieder mögen, ist es das Größte auf der Welt.“ Da hat sie in Bezugnahme auf die primäre Basis jedweden klanglichen Schaffens zweifelsohne grundsätzlich Recht.

Wir erinnern uns: Seit Anbeginn ihres betont feingeistigen Schaffens schon stehen diese anspruchsvollen Niederländer für noblen Gothic Metal der ganz besonderen, der hochgradig opulent ästhetisierten Sondersorte. Auch dass das nicht umsonst überall auf der Welt so erfolgreiche Edelensemble um Sopransängerin Simone einen signifikanten Hang zu barocker Klassik hat, ist hinlänglich bekannt.

Und dass Gründungsmitglied und Idealist Mark Jansen neben den sechs Saiten seiner Gitarre seit einiger Zeit auch die eigenen Stimmbänder recht rigide grummelnd malträtiert, schliff den hochgradig genussreichen Liededelsteinen seiner Melodikergruppe noch zusätzliche überaus interessante Facetten ein.

Dem somit gesanglich recht überraschenden Vorgängeralbum „The Divine Conspiracy“ in Sachen Titulierung entsprechend folgend, veröffentlichen die begnadeten Epiker aus den so endlos flachen Käsereilanden jetzt eine luxuriös erklingende Live-Doppelveröffentlichung: „The Classical Conspiracy”.

Und der Titel ist dabei Programm. Denn zu hören gibt es auf „The Classical Conspiracy” neben adlig orchestrierten Epica-Klassikern auch vielerlei edle Klassikklänge an sich.

Hierfür begab sich die Band am 14. Juni 2008 in Ungarn auf das renommierte Miskolc International Opera Festival, wobei die Musiker und Simone ihre Kompositionen dort mit Begleitung eines professionellen 40-köpfigen Orchesters sowie 30-köpfiger Chor-Assistenz absolut angemessen zelebrieren konnten.

Wie Simone voller Freude in der Stimmfärbung berichtet, hat sie vor einiger Zeit einen Ortswechsel vorgenommen: Nämlich nach Aachen, hin zu ihrem Lebensgefährten Oliver Palotai. Palotai ist selbst auch ein sehr aktiver Musiker – beispielsweise Keyboarder bei Kamelot – und seines Zeichens überaus kreativer Leidenschaftsmensch sowie bekennender Freigeist. Und seine eigene Progressive Metal-Band Sons Of Seasons hat auch eine Sängerin in den Reihen: Simone Simons!

„Ich komme mit den Leuten hier in Aachen sehr gut klar, denn ich bin die Mentalität der dortigen Deutschen bereits schon gut gewohnt. Viele Deutsche kommen bekanntlich stets gerne nach Holland, und wir Holländer besuchen in der Regel auch nicht selten die Grenzstadt Aachen. Von daher war die Situation nach meinem Umzug hierher keine große Umstellung für mich – ich fühle mich hier also sozusagen wie zuhause.“

Obwohl Simone, wie sie nachfolgend dazu noch gerne konkretisiert, schon immer wieder merkliche Unterschiede im Wesen der beiden Nationalitäten feststellen kann. Sie offenbart:

„Niederländer sind liberaler, offener und auch spontaner. In Deutschland sind die Menschen im Allgemeinen mehr auf sich selbst bezogen, als dies beispielsweise in meiner Heimat der Fall ist. Ein konkretes Beispiel dazu: Als ich neulich sonntags unser beider Altglas zum dafür vorgesehenen hiesigen Container bringen wollte, sagte mir Oliver, dass das hier an diesem Tag nicht erlaubt sei und es könne sogar sehr leicht passieren, dass Anwohner die Polizei deswegen verständigen würden. Ich fand und finde das noch immer geradezu unglaublich. Das wäre in Holland wirklich undenkbar, wegen so etwas gleich eine polizeiliche Meldung zu machen.“

In der Tat. Dieser erbärmliche Zustand geistiger Zersetzung ist aber ganz genau so gewollt von der staatlichen Exekutive, um sich ungestört austoben zu können. Aber sich über solcherlei bemitleidenswerte Zeitgenossen im Volke, deren geistiger Horizont sich nicht selten lediglich vom Flachgroßbildschirm bis zum Küchenfensterrand erstreckt, und welche sich den ganzen lieben Tag lang gegenseitig anzeigen, noch großartig zu wundern, ist mehr als müßig.

Sehr viel wichtiger erscheinen da dem Leser dieser Zeilen schon bestimmt nähere Details zum aktuellen Epica-Release. Die Sopranistin resümiert diesbezüglich, ihre Gedanken beflissen sortierend:

„Wir waren auf Tour, als wir an diesem 14. Juni 2008 im ungarischen Miskolc halt machten. Einige Zeit zuvor traten die Veranstalter des Miskolc International Opera Festivals an uns heran, und fragten neugierig an, ob wir nicht Interesse hätten auch dort aufzutreten. Sie boten uns im Zuge dessen kompetente Orchesterunterstützung an, und erlaubten uns auch, bekannte Meisterwerke der alten Klassik dabei zu adaptieren. Natürlich waren wir schlagartig immens interessiert an dieser einzigartigen Möglichkeit, unsere Lieder in einem solchen Rahmen zu präsentieren. Denn Symphonien und Chöre sind ja ein zentrales musikalisches Thema in der Klangwelt von Epica.“

Als sich besagte Verhandlungen dann mehr und mehr in Richtung Endergebnis bewegten, bekamen Epica laut Simone die begeisternden Resultate eines ähnlichen Projekts vorgelegt, welches die dortigen Veranstalter bereits mit den Schweden Therion im wahrsten Sinne des Wortes über die Bühne gebracht hatten.

„So konnten wir sehen, um was es letztlich ganz genau ging beziehungsweise wie sich so was eigentlich am Ende anhört. Für uns war das eine fantastische Möglichkeit, den wahren Geist unserer Kompositionen endlich mal in voller Pracht und Blüte zum Leben zu erwecken.“

Denn bislang kamen solcherlei umfangreich orchestrierte Opulenzklänge und mächtige Choräle bei Live-Shows ihrer Band stets aus dem eigens mitgebrachten Laptop, so Simone in aller aufrichtigen Ehrlichkeit.

„Es ist für eine Musikgruppe unserer Kategorie und Größe trotz allem bislang erreichten Erfolges natürlich noch immer völlig unmöglich, alle großorchestralen und chorstimmigen Klangelemente in realer Präsenz ins Publikum erschallen zu lassen. Das würde uns jedes Mal soviel Geld kosten, dass die Eintrittspreise für unsere Konzerte astronomisch hoch werden würden – im Metal-Bereich schon gleich doppelt undenkbar.“

Wer die Wahl hat, der hat bekanntlich auch nicht selten die Qual.

Und so mussten sich die Bandbeteiligten nachfolgend ans langwierige Werk machen, aus all den bisherigen Stücken die am besten passenden für diesen Auftrittstag auszusuchen.

„Wir hatten die Entscheidungen zu treffen, welche Epica-Songs wir spielen würden und welche Klassikadaptionen wir zum Besten geben würden. Das war nun nicht gerade leicht für uns, wie man sich gut vorstellen kann. Eine ganz spezielle Bitte, die auch an uns von Veranstalterseite her herangetragen wurde, war, dass wir bitte so wenige Epica-Kompositionen wie nur irgend möglich spielen mögen, welche Growl-Gesang von Mark enthalten: Denn das Besucherkontingent bei diesem Klassikfestival setzte sich ja zum Großteil überwiegend aus reinen Klassikliebhabern zusammen, die so etwas in der Art gar nicht kennen. Einige davon würden bei Solcherlei schon arg verschreckt werden, was natürlich unter allen Umständen und nach Kräften zu vermeiden sei.“

Hochgradig verständlich und gleichzeitig nicht zuletzt auch ein klein wenig amüsant.

Denn dass solcherlei erlaucht empfindende Besucherklientel bei einer Veranstaltung wie dieser nun keinerlei Grunzlaute von der Bühne her vernehmen möchte, ist wohl selbstredend.

Glücklicherweise einigten sich laut Statement der attraktiven Sopransängerin alle Beteiligten zur absoluten beiderseitigen Zufriedenheit. Bevor es an diesem denkwürdig feierlichen Abend allerdings zur zeitlosen Sache ging, musste ein gehöriges Probenpensum von Epica, Orchester und Chor bewältigt werden:

„Wir übten die ausgewählten Stücke eine ganze Woche lang ausgiebig zusammen ein. Es hat sich jedoch vollauf gelohnt: Der zweiteilige Auftritt wurde ein voller Erfolg. Im ersten Teil trugen wir den Leuten die erwähnten Klassikinterpretationen vor, anschließend im zweiten Teil präsentierten wir dem Auditorium unsere dafür auserwählten Epica-Songs. Es war ein wirklich wunderbarer Abend, sowohl für uns als auch das Publikum. Ich werde es nie vergessen.“

© Markus Eck, 01.05.2009

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