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Interview: DRACONIAN
Titel: Thematisierung des Untergangs

Zugegeben: Sie setzten ihre vielen Anhänger so einigen qualvollen Monaten aus seit dem 2008er Album „Turning Seasons Within“. Das Warten der neugierigen Düsterseelen auf neue Leidenslieder schien schier kein Ende mehr zu nehmen.

Doch die beständigen Schweden Draconian sind eben nach wie vor glücklicherweise keine berechenbare Band, ebenso wie ihr abgründig verführerischer Doom Metal-Sound auch nicht leicht erfasst werden kann.

Nun kehrt die nordische Ausnahmeformation um die beiden vielseitigen Vokalisten Anders Jacobsson und Lisa Johansson endlich mit einem neuen Langspieler zurück, welcher mit seinem blumigen Titel „A Rose For The Apocalypse“ visionäre Erwartungen zu erwecken imstande ist.

Erfüllt werden letztere umfangreich von enorm gehaltvollen und facettenreich gestalteten Kompositionen, welche ebenso tief melancholisierend wie verschönernd anmuten.

Inmitten darin steigen Jacobsson und Johansson immer wieder zu samtschwarz schillernder gesanglicher Blüte auf.

Abermalig kann das künstlerisch hochwertige Ensemble also selbst anspruchsvollste Genrehörer mit seiner typischen Vermengung von erlauchter Gothic Metal-Noblesse und gigantisch schwerer Doom Metal-Tonnage überzeugen.

„Wir spielen noch immer in derselben Besetzung zusammen, wie es auf dem vorherigen Album der Fall war. Und ich hoffe doch sehr, das bleibt künftig auch so“, informiert Kehlenspezialist Anders die Leser zu Beginn.

Schnell kommt nachfolgend die lange Veröffentlichungspause zur Sprache:

„Eigentlich verging die Zeit doch recht schnell nach dem Release von ‚Turning Seasons Within’, wie ich finde. Wir machten primär Promotion für die CD nachdem sie auf dem Markt war beziehungsweise wollten wir dies massiv tun, doch traurigerweise gestaltete sich gerade unser Live-Sektor ziemlich chaotisch. Wir hatten nämlich einige üble Probleme mit flapsig arbeitenden Booking-Agenturen, was die Zahl der gebuchten Shows drastisch niedrig bleiben ließ. Auch empfanden wir die sonstige Promotion für uns als überhaupt nicht ausreichend. Oft fühlten wir uns gar so, als würde von zu vielen Seiten überhaupt nicht genug getan werden, um die Band auf das nächste verdiente Level zu hieven. Irgendwie färbte die dadurch entstandene miese Stimmung in der Gruppe auch insgesamt auf uns ab, was verdrießlicher Weise einen prägnanten Abfall unser aller Motivation zum Komponieren und Üben neuer Songs mit sich brachte. Und leider sind auch wir letztlich nicht vor mehr oder weniger schweren persönlichen Problem gefeit“, bekennt der Frontmann ohne Umschweife, und fügt an:

„So wird es wohl künftig mehr denn je an uns selbst liegen, für unser Weiterkommen zu sorgen und unsere Popularität zu erweitern. Ich selbst sehe mich eher als Künstler denn als Promoter meiner eigenen Kunst, aber die Umstände in der Musikszene beziehungsweise im Live-Geschehen haben sich schon sehr zum Negativen hin geändert.“

Ziemlich schwer tut sich der Mann laut eigener Aussage, die neue Veröffentlichung seiner Kapelle zu beschreiben:

„Man könnte sagen, es ist eine musikalische Fortführung des Albumvorgängers ‚Turning Seasons Within’, und gleichzeitig auch eine Weiterführung unserer ersten Platten. Ich selbst bin von der neuen Scheibe und auch ihrer speziellen Produktion sehr begeistert; so hoffe ich darauf, dass ‚A Rose For The Apocalypse’ unsere alten und neueren Fans in Sachen Liebhaberei unserer Musik vereinen wird. Denn einige Leute hatten meines Wissens nach schon ihre Schwierigkeiten mit der eher modern anmutenden klanglichen Attitüde des vorherigen Draconian-Albums und schrieben uns das auch. Sie wünschten eine Rückkehr zum alten Sound, den wir hatten. Doch das erledigt sich nach der Veröffentlichung des neuen Werkes hoffentlich zum Guten, denn der neue Langspieler vereint wie erwähnt unsere guten alten und auch neuen und frischen kreativen Merkmale.“

Wie er mir im Anschluss zu berichten weiß, gestaltete sich das Erarbeiten von „A Rose For The Apocalypse“ für ihn persönlich zur härtesten Schaffensphase, bei welcher er jemals beteilight war. Anders resümiert mit Falten auf der Musikerstirn:

„Das lag größtenteils an unserem Produzenten Jens Bogren, welcher uns wirklich zu fordern wusste. Doch natürlich sind wir ihm für seine unermesslichen Mühen mit uns immens dankbar. Seine tiefen Einsichten und technischen Kenntnisse auf musikalischem Sektor sind beinahe unglaubhlich, sie haben uns im Studio bei den Aufnahmen enorm viel ermöglicht. Es ist unheimlich inspirierend, mit einem so ambitionierten und talentierten Produzenten arbeiten zu dürfen. Seine Hingabe ist echt gigantisch. Er machte es uns möglich, dass die neue Liedersammlung unser bislang kraftvollstes Werk wurde, das steht zweifelsfrei fest.“

Im Gegensatz dazu lief der vorangegangene Kompositionsprozess zum Schluss hin dann doch noch eher glatt, so der Sänger rückblickend.

Dennoch waren die ersten Arbeitsschritte im Songwriting aber eben auch außergewöhnlich anstrengend für die Verhältnisse des schwedischen Stimmbandquälers:

„Irgendwie wollten die neuen Nummern nicht so recht Gestalt annehmen zu Anfang. Es dauerte beinahe ewig, bis ich meine Ideen zu brauchbaren Mustern kollektivieren konnte. Am schwierigsten war es sicherlich, die Arrangements von Lyriken und Gesängen homogen und ergiebig zueinander zu bringen. Dabei muss man wissen, dass ich künstlerische Wiederholungen abscheulich finde und dies unter allen Umständen vermeiden möchte. Ich möchte mich und das was ich tue weiter entwickeln, so gut es mir möglich ist. So verlange ich mit jedem weiteren Album mehr von mir selbst. An Desastern liegt mir natürlich nichts beim Komponieren und Arbeiten; ich reiße mich da schon zusammen, damit nichts ausufert. Dennoch fuchste mich vor allem das ganze Arrangieren und Zueinanderbringen diesmal aber schon sehr. Letztlich sind mir als kreativer und anspruchsvoller Geist solche Phasen in meinem schöpferischen Leben aber immer noch lieber als bohrende musikalische Langeweile und uninspirierte Passagen.“

So kann sich der Schwede, wie er sich merklich freut, nun auch endlich zurücklehnen und die Früchte seiner Bemühungen genießen. Er wird erneut nachdenklich und gibt mir mit einem liebenswert bescheidenen Lächeln auf der Miene zu Protokoll:

„Ich fühle mich wie befreit. Die Entspannung wird sich in mir aber erst breit machen, wenn die Hörer die neue Veröffentlichung ebenso zu gut finden und auch so hoch zu schätzen wissen, wie es bei mir der Fall ist.“

Im Weiteren geht der Dialog zu den textlichen Hintergründen der aktuellen Tracks über.

Anders lässt dazu gerne informierend verlauten:

„Von zwei Liedern abgesehen dreht sich das Ganze auf lyrischem Sektor diesmal um das unhaltbare und schreckliche Verhalten der Menschheit auf diesem Planeten und wie massiv dies das Geschehen auf dem Globus beeinflusst. Ich entschied mich dabei schon ganz klar, den Untergang der Welt an sich zu thematisieren, ohne auf Einzelschicksale und die damit verbundenen Tragiken, Verlustschmerzen, Neurosen etc. einzugehen, wie es bei Draconian über die Jahre zuvor so oft der Fall war. So ist der lyrische Inhalt von ‚A Rose For The Apocalypse’ als ‚sozialbewusst’ zu kategorisieren, wie ich es persönlich nenne. Hoffentlich regen die neuen Songtexte die Hörer dazu an, sich, ihr Leben und ihr Handeln tiefgehend zu reflektieren und gegebenenfalls massiv zu überdenken. Denn die Menschheit hat grausame Gegebenheiten auf der Welt erschaffen. Es wurden wahrlich schreckliche Systeme kreiert. Es kann so unmöglich weitergehen.“

© Markus Eck, 24.05.2011

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