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Interview: DORN
Titel: Tiefgehende Todesgedanken

Für das vierte Album „Suriel“ gab Sänger und Gitarrist Roberto Liebig die all die Jahre zuvor von ihm mit fingerfertiger Bravour gespielten Tasten-Arrangements erstmals in der Historie von Dorn in zwei neue Hände.

Denn für „Suriel“ holte sich der entdeckungsfreudige Todeskapitän Liebig, einigen Insidern sicher noch bekannt als ehemaliger Keyboarder der Frankfurter Heidenmetaller Riger, eine komplett neue Mannschaft in sein Melodic Death Metal-Schnellboot. Nun also als Quintett unterwegs, lassen die fünf Musiker mit ihrem neuen Werk meterhohe Soundwellen über sich zusammenschlagen – den anfänglichen Projektcharakter von Dorn mit voller Kraft voraus entschlossen hinter sich lassend.

„Für Dorn hat sich viel verändert, und ich bin recht zufrieden mit der gegenwärtigen Situation. So fühle mich derzeit ganz gut. Wobei ich mich noch viel mehr freuen würde, wenn wir endlich ein paar weitere Möglichkeiten für Gigs finden würden“, wünscht sich Bandleader Roberto.

Im Februar 2003 stießen mit Sängerin Ira, Keyboarder Lars, Bassist Michael und Schlagzeuger Sebastian gleich vier neue Mitglieder dazu.

Michael und Lars kehrten hierfür ihrer vorherigen Death Metal-Band Encore den Rücken, einer Gruppe aus dem Berliner Umland.

Und Sebastian, zudem als Drummer der Rockband Short Circuit an den Sticks, spielte zunächst Gitarre. Roberto ist stolz auf seine neue Truppe:

„Meine Entscheidung, Dorn mit festen Musikern zu komplettieren, fiel ja schon früher. Allerdings war es nicht so einfach, Leute zu finden. Eigentlich war es eher ein richtig cooler Zufall. Lars und Michael habe ich durch einen Kumpel kennen gelernt, als sie noch in einer anderen Band spielten. Dann brauchten wir auch gleich noch einen neuen Proberaum. Den haben wir im Februar 2003 gefunden. Von da an starteten wir auch das Songwriting für das neue Album `Suriel`. Das war für uns anfänglich alles gar nicht so einfach zu managen. Immerhin muss man sich ja umgewöhnen, wenn man wie ich so lange allein gearbeitet hat.“

Aber das hat sich nachfolgend bald gelegt, wie dazu weiter in Erfahrung zu bringen ist:

„Ira fand sich dann Mitte des Jahres 2003 in den Dorn-Katakomben ein. Dann endlich, im November, fanden wir unseren Drummer Sebastian. Von dem Punkt an konnten wir so richtig nach unseren Vorstellungen loslegen.“

Was die längere Veröffentlichungspause von Dorn anbelangt, kann hierfür primär vor allem die von Roberto genannte Gewöhnung der Mitglieder aneinander verantwortlich gemacht werden. „Zweitens wollte ich mich auch musikalisch etwas verändern. So benötigten Songwriting und Ideenfindung natürlich etwas Zeit. Aber mir gefällt der `neue` Stil von Dorn. Er ist etwas anders.“

Wie der Potsdamer im weiteren Verlauf des gemeinsamen Interview-Dialogs ausführt, lag ihm die Veränderung im Sound seiner Dornenkapelle doch sehr nahe am schlagfreudigen kreativen Herzen.

„Ich wollte mich im Gegensatz zur Stilistik der ersten drei Alben musikalisch verändern. Sicherlich kann man es sich in diesem Genre nicht leisten, einen Stilbruch zu begehen. Aber ich wollte eben irgendwie etwas anderes kreieren als zuvor. Und ich finde, es ist uns auch gelungen. Obwohl mir die anderen in der Band beim Vortragen meiner Ideen immer wieder scherzhaft zurufen: `Das ist ja wieder typisch Dorn`“, amüsiert er sich herzhaft.

Trotzdem versichert Roberto mit selbstbewusstem Tonfall, dass die neue Scheibe klangliche Elemente aufweist, welche es bei Dorn zuvor in dieser Art noch nicht zu hören gab.

Als Sänger zeichnet er für sämtliche Songtexte verantwortlich, was ihm, wie er zugibt, nicht immer leicht fällt.

„Ich setze mich meistens vor ein leeres Blatt und starre bestimmt eine halbe Stunde darauf, ehe überhaupt ein Buchstabe zustande kommt“, so feixt der Shouter.

„Das Albumkonzept, wenn man das überhaupt so nennen kann, ergab sich irgendwie mittendrin im Entstehungsprozess, als ich merkte, dass ich ständig über den Tod nachdachte. So kamen dann auch die neuen Texte zustande. Wobei ich allerdings nicht immer den physischen Tod meine. Es gibt ja viele Arten von Tod. Und wie immer kommt der gesellschaftlich kritisierende Anteil in den Texten von Dorn nicht zu kurz. Das kann ich wohl nie lassen. Denn ich liebe es, anders zu sein!“

Wie während des Hörens von „Suriel“ auffällt, ist die stellenweise supereingängige Hymnenhaftigkeit der Vorgängeralben in ihrer Dichte nicht mehr ganz erreicht worden. Roberto entgegnet hierzu:

„Ich bräuchte wohl eine Unmenge an Keyboardern, um die Vorgängeralben live entsprechend umzusetzen. Das wäre ein Luxus, den sich jedoch eine Band unserer Kategorie bei Live-Auftritten nicht mehr leisten kann. Es sei denn, man stellt einen Computer auf die Bühne, der die anderen tausend Keyboarderhände übernimmt. Ein Tastenmann bedeutet eben maximal zwei Keyboardlinien auf einmal. Nun, wir hätten auf das neue Album auch 16 Keyboardspuren zugleich packen lassen können. Aber ich finde, das wäre dann irgendwie gemogelt. So versuchten wir, `Suriel` so originalgetreu wie möglich aufzunehmen.“

Die geäußerte Einschätzung, dass im aktuellen Albumfall „Suriel“ keine richtig großen Hymnen mehr zustande gekommen sind, ist seiner Auffassung nach wohl eher Geschmackssache. Somit:

„Ich persönlich finde, es sind durchaus einige hymnenartige Melodien auf der neuen Veröffentlichung zu hören. Aber das ist ja in letzter Linie dem Hörer selbst überlassen“, grinst er. Neuerdings gibt es wie eingangs bereits erwähnt auch Frauengesang bei Dorn zu vernehmen, und Roberto ist von den Leistungen der Sängerin Ira vollauf überzeugt. „Ihr Gesang klingt total geil, ich liebe ihn. Und ich finde dieses Spiel zwischen meinen tiefen Growls und ihren hohen Stimmlagen einfach großartig. Es lässt Dorn sicherlich noch mehr in die Gothic Metal-Ecke rücken, aber das ist mir vollkommen egal. Mir interessiert dieses ganze Klischee-Gequatsche sowieso nicht im Geringsten. Wir finden es alle toll, dass die Frauenstimme die Atmosphäre unsere Musik erheblich verändert“, verkündet der Dorn-Boss.

Weil wir gerade schon bei der Bewertung von Kehlenleistungen sind, gehen wir gleich auch noch auf seine eigene Vokalisierung ein. Denn für „Suriel“ wurde das zuvor stimmlich restlos ausgelebte Black Metal-Kreischen aktuell doch merklich reduziert.

„Wurde es? Ist mir gar nicht so bewusst. Na ja, wie ich ja gesagt habe: Ich mache einfach immer drauf los, und wenn dann der Kreischgesang darunter gelitten hat, dann ist das nicht unbedingt Absicht gewesen“, lacht Roberto.

„Meine etwas mitteltiefe Grunzstimme rockt eben einfach. Vielleicht liegt es auch an der hinzugekommenen Frauenstimme von Ira, dass es sich in dieser Hinsicht etwas verändert hat. Der Kontrast zwischen den beiden Stimmen lässt wohl meine hohe Stimme in den Hintergrund fallen“, so vermutet er.

Dorn: Ein Bandname, kurz und prägnant, der unweigerlich auf die Bedeutung spekulieren lässt.

„Nun, er bedeutet eigentlich das, was auch das Wort Dorn selbst bedeutet. Ich habe mich damals, 1998, dazu entschlossen, da Dorn's Texte nicht die typischen Black Metal-Lyrics sind, und sie den Hörer beziehungsweise Leser etwas aufstacheln und zum Nachdenken anregen sollen. Mit Dornen verbindet man spitze kleine Dinger, die zwar nicht so arg gefährlich sind, allerdings trotzdem wehtun können.“

Die Einschätzungen in den Reviews zu den ersten drei Dorn-Alben reichten laut Roberto von „supergeil“, bis „Wer braucht so einen Scheiß?“. Wir erfahren:

„Es ist einfach nicht jedermanns Sache, solch' ein ungewöhnlicher Mix. Allerdings zeigten sich recht viele Leute unseren Melodien zugeneigt. Ich finde es sehr schön, dass die Musik von Dorn in Russland ziemlich viel Anklang gefunden hat. Sogar aus Griechenland, Spanien und Mexiko erreichten mich viele Emails. Und das mit deutschen Texten“, so Liebig.

Suriel ist ein Erzengel aus dem zweiten Himmel, legt der Musikus dem Autoren dann noch dar. „Er wird auch als der `gütige` Todesengel beschrieben. Wir wählten den Namen, da sich das Album meistens um den Tod als solches dreht. Warum nicht Azrael? Nun, weil wir den Tod eben nicht als Schlechtes ansehen. Nicht immer. Was der Titelsong auch zum Ausdruck bringt.“

Und warum spielt Roberto als begabter Keyboarder denn nun nicht mehr die Tasten bei Dorn?

„Ja, das ist so eine Sache. Wer soll denn die Gitarre spielen, wenn wir nur einen Gitarristen haben? Nun, wir haben bisher zwar zwei gefunden, die allerdings nicht so das Wahre darstellten. Ich will ja nicht sagen, dass ich der Übergitarrist wäre, aber zumindest sollte der zweite Gitarrist meine Fähigkeiten haben. Ja, und da Lars sogar noch besser als ich das Keyboard spielen kann, da er es mal gelernt hat, ist die Abgabe an ihn zu verkraften. Die Ideen der Keyboardmelodien und -Wände stammen ja, wie man vielleicht hört, größtenteils von mir. Sodass ich meine `Begabtheit`, wie du es so schön nanntest, auch weiterhin einsetze.“

Das aktuelle Frontcover-Artwork ist von der Thematik her eigentlich toll, hätte aber meiner Meinung nach mit mehr Klasse gemacht werden können; Roberto konstatiert hingegen:

„Was? Mit mehr Klasse? Ich finde es geil. Wir wollten ein echtes gemaltes Bild. Und eigentlich wollten wir auch, dass es nicht so `perfekt` ist. Man kann immer irgendwas bei Covers finden und verbessern. Es gibt kein perfektes Cover.“

Sicherlich ist der Bekanntheitsgrad von Dorn noch eher in der Mittelklasse der Szene anzusiedeln, da Roberto bis dato nicht aufgetreten ist. Was sich ja nun ändern wird.

„Na klar wird man uns jetzt live sehen. An dieser Stelle würde ich auch gleich sagen, dass wir für alle Gig-Angebote empfänglich sind. Einfach an dorn@d-o-r-n.de schreiben. Konkrete Vorstellungen von Live-Effekten haben wir noch nicht. Das ist ja schließlich auch immer abhängig von der Art und Beschaffenheit der Bühnen. Das Geilste wäre wohl immer ein genial rockendes Publikum und gute Abmischung. Das andere ist dann eher nebensächlich. Wir kommen bestimmt nicht mit angemalten Gesichtern auf die Bühne, das wird nie passieren. Und rotierende Pentagramme etc. wird es bei uns wohl auch nicht geben. Mein Motto ist: Einfach Abrocken, was das Zeug hält und zusammen mit dem Publikum feiern.“

© Markus Eck, 19.09.2004

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