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Interview: DIE STREUNER
Titel: Vom ganz großen Durst

Der Label-Inhaber, Musikproduzent und Szene-Idealist Roland Kempen ist treuen Anhängern dieser beschwingten Spielleute-Formation bestens als Lautenspieler, Schellenmann und Barde unter dem Pseudonym Romata bekannt.

Authentisch umgesetzte Tavernen- und Marktmusik ist bei diesem vergnügten Ensemble das ganz große Pläsier. Dieser Tage bringen Die Streuner aus Datteln in Nordrhein-Westfalen eine „Best Of“-Veröffentlichung auf den Markt, die einen repräsentativen Querschnitt über die fatal animierstarken Trinker-Lieder des Haufens bietet.

Allerhöchste Zeit wurde es ja, wie es scheint, dass diese immens fidele Formation ihren durstigsten Anhängern endlich mal die besten Sauflieder aus eigener Feder auf den Tisch knallt. So nahm sich Romata mit seinen Streunern ein hochprozentiges Herz und packte das kernigste Schlucker-Notengut auf eine Scheibe.

Wie der Meister zu Beginn offenbart, hatte er sich seine derzeitige Winterpause ein wenig anders vorgestellt, als es sich tatsächlich für entwickelte.

„Ich hoffte ja eigentlich, mehr Sport machen zu können, aber Die Streuner riefen oft zu Proben auf und die Spielleute von Ranunculus wollen gerne mit mir ein Folgealbum ins Leben rufen. So etwas kostet mich Kraft und Zeit. Dazu baue ich mit meinem Eheweib noch immer das Haus um. Aber ja, im Großen und Ganzen geht es mir gut. Jedenfalls bin ich für die neue Saison gut aufgestellt und freue mich schon auf die kommenden Auftritte mit meinen Mitstreitern.“

Die Resonanz der Hörer auf das letzte reguläre Streuner-Album „Hurra, na endlich!“ ist bislang überaus positiv ausgefallen, so Romata im Anschluss mit freudiger Miene.

„Jeder da draußen hat natürlich wie immer seine Favoriten. Das neue Album kann aus meiner Sicht aber ganz bequem mit allen anderen Alben der Streuner mithalten. Wir bemerkten jedenfalls in letzter Saison, dass es an der Bühne zunehmend zu Hörerwünschen bezüglicher neuerer Titel kam. Dieses Jahr 2012 werden wir also mehr von der neuen Scheibe spielen. Versprochen.“

Und wie der Oberstreuner nachfolgend zum aktuellen musikalischen Geschehen verkündet, treten immer wieder viele Leute auf ihn und die Gruppe zu und erzählen, sie würden gerade mit den Saufliedern eine Menge Spass haben.

„Das entpuppte sich bisher jedoch oft als relativ beschwerlich, diese feuchtfröhlichen Lieder sind nämlich auf sechs Alben verteilt. Als sich diese Anfragen nach einer Platte häuften, auf der ausschließlich Sauflieder drauf sind, wollten wir der Sache entgegenkommen. Mit der neuen Scheibe wird sich das Problem wohl also hoffentlich von selbst lösen. Wir bieten darauf Trinklieder, Sauflieder, Lieder gegen den Durst, lustige Trinkweisen und Anleitungen zum Befeuchten. Mit etwas Glück wird es sogar einen bislang noch nicht veröffentlichten ,Sauflied-Bonustrack‘ geben“, scherzt der Filou, und legt noch einen drauf: „Also zum Befeuchten der Kehle natürlich, denn wenn es nur ums reine Befeuchten ginge, wäre das ja eine ,Best Of Romantic‘.“

Romata teilt weiter mit, dass Menschen aus den unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten und Altersgruppen den animierenden Klängen der Streuner frönen.

„Das ist insgesamt wirklich sehr durchwachsen. Ich bin auch froh, dass das so ist. Wir begeistern aber immer mehr jüngere Hörer. Von klein bis groß sehen wir die Zuhörer vor der Bühne und ich habe nicht den Eindruck, dass einer weniger Spass dabei hat als der andere. Das liegt glaube ich daran, dass wir älter werden. Komisch, was? Es scheint aber eben auch so zu sein, dass der Nachwuchs sich durchaus für unsere Musik begeistern und sich vor allem mit unserem Image identifizieren kann. Und das hat mit dem Alter gar nichts zu tun. Wir sollten dabei nicht vergessen, dass damals Siebzehnjährige, die uns das erste mal sahen, nun Mitte dreißig sind und deren Kleinkinder ebenfalls bei uns vor der Bühne tanzen. Wenn dann am Wochenende Opa und Oma zum Mittelaltermarkt mitkommen, stehen drei singende Generationen im Einklang beieinander und haben Freude. Was will man mehr? Und: War es nicht ein wenig abzusehen, dass wir nicht die einzigen sind, die großen Spaß an Sauf- und Raufliedern haben?“

Der Dialog dreht sich noch darüber, nach welchen Kriterien die Auswahl der Lieder geschah, die es auf diesen neuen Promille-Diskus der Streuner geschafft haben. Romata offenbart:

„Die Zusammenstellung einer Scheibe ist ein wenig wie das Binden eines schönen Blumenstrausses. Die bunte Mischung macht viel aus, so auch die Platzierung der Titel, also die Reihenfolge. Da berücksichtige ich Stimmung, Tonart, Tempo, Gesangsfarbe, Instrumentierung, Länge usw. Am besten auf Zetteln auf demTisch, die man hin und her schieben kann, bis man das Gefühl hat, dass es so am besten sei. So gehe ich seit zwanzig Jahren bei jeder Produktion vor. Und was sich bewährt, muss man ja nicht ändern.“

Ich möchte im Weiteren wissen, ob die anderen Mitglieder aus der Gruppe auch bei der Auswahl der Titel für die kommende Sauflieder-Scheibe mitbestimmen durften. „Die armen Teufel wissen noch gar nichts von ihrem Glück. Aber sie haben damit auch weder Kosten noch Arbeit. Letztendlich muss eine Plattenfirma auch mal gucken, ob sie in Eigenarbeit nicht auch mal ein kleines Bonbon ins Rennen schicken kann. Für die Gruppe ist es jedenfalls nur förderlich, eine weitere Scheibe im Sortiment zu haben.“

Die Streuner sind ohnehin nicht aus dem Genre der Mittelaltermusik heraus entstanden. Romata:

„Ich habe vorher über zwanzig Jahre Klassik gemacht, und habe dann mit Noble Savages Indo-Ska-Reggae gespielt. Matti war in Orchestern zugange, er spielte beispielsweise in Musicals in China. Später war er Bassist bei einer Punkband. Heute kann er auf der Geige bequem überall einfach mitspielen. Pinto hat wie Rabe und Don seine Wurzeln in mehreren Musikstilen, ganz sicher aber genau nicht im Mittelaltersektor. Im Prinzip gibt es den typischen Mittelalterklang bei uns auch nicht. Es ist immer ein Mischmasch verschiedener Stile, die sich kreuzen. Das ist auch gut so.“

Apropos, verkaufen sich die bisherigen Alben der Streuner mittlerweile eigentlich besser über den Shop auf der Homepage der Gruppe oder bei Live-Auftritten? Romata beobachtet eine interessante Marktverschiebung, wie er zu berichten weiß.

„Während in den Läden die CD-Regale schrumpfen und die Verkaufszahlen um merkliche, zweistellige Zahlen rückläufig sind, verkaufen Die Streuner von der Bühne aus deutlich mehr. Was den Online-Shop bei uns anbelangt, sind die Zahlen durchwachsen. Die einzigen, die wirklich deutliche Zuwachszahlen haben, sind die ganzen Download-Anbieter. Wir verkaufen dennoch viele Tonträger an der Bühne, weil viele Zuhause ein echtes Booklet in der Hand halten und kein Geld für Digital-Daten ausgeben wollen, die auch noch verloren gehen, weil das Gerät sein Leben ausgehaucht hat.“

Und als Produzent kann der Mann, wie er angeregt zu ergänzen weiß, das MP3-Format sicher nur als Schrott bezeichnen.

„Die Klangqualität der MP3s ist meiner persönlichen Ansicht nach auch echt übel. Aber der Trend der Zeit zwingt mich zu handeln. Emmuty, mein Label, wird noch dieses Jahr den Vertrieb wechseln. Dieser bedient bereits erfolgreich Download-Portale. Unsere Titel werden also auch dann angeboten werden. Infos dazu wird es auch auf der neuen Homepage der Streuner geben.“

So schnell ist ohnehin kein Ende dieser Spielleute in Sicht, und wie mein Gesprächspartner frohlockt, sind sie auch außerhalb von Deutschland recht erfolgreich.

„Wir haben Fans in der Schweiz, aber auch in Österreich und Luxemburg. Wir würden gerne mehr im Ausland auftreten, aber die deutsche Kultur, rund um all die Burgen und das Mittelalter-Thema macht so viele Veranstaltungen. So viele Wochenenden gibt es gar nicht, um alle gut zu bedienen. So versuchen wir zu rotieren, um überall mal für alle da gewesen zu sein.“

Welcher im letzten Jahr der seiner Meinung nach beste beziehungsweise attraktivste Mittelalter-Markt war, auf welchem er mit seiner Gruppe aufgetreten ist, das erfahren wir hier:

„Besonders gut gefallen hat mir der Markt in Xanten. Ausgewogenes Programm, gute Stände mit schönen Angeboten, Handwerker und ein Auftrittsplan, der zwar knackig, aber richtig Spass gemacht hat. Hin und wieder gab es auch mal eine Beschallungspause, so dass man auch kleinere Ruhephasen auf dem Plan hatte. Alle Besucher machten einen entspannten Eindruck. Das ist in der heutigen Hektik selten zu sehen. An den Veranstalter: Daumen hoch! Ansonsten ist unser jährliches Highlight oft Bad Münster am Stein Ebernburg. Dieses Weinfest hat es wirklich in sich. Es findet immer am dritten Wochenende im September statt und ich kann es reinen Herzens empfehlen.“

Was nun seine ganz persönliche Freizeitgestaltung anbelangt, da sitzt der Meister gerne an den Klangtasten.

„Seitdem mein Flügel endlich per Kran durch den Balkon seinen Platz im Wohnzimmer fand, habe ich auch wieder Lust meinen Fingern auf der Tastatur freien Lauf zu lassen. Ich höre immer gerne zu, was diese so veranstalten. Manchmal sind schöne Sachen dabei. Es ist dann nur immer lästig aufzuhören, um es aufzuschreiben, sonst sind die Ideen binnen Minuten weg und von neuen verdrängt. Das tut mir dann immer leid. Für Die Streuner komponiere ich lieber mit der Laute, aber manche Titel entstanden auch am Klavier. Den Rest der Freizeit verbringe ich gerne mit ,Diablo II‘ - gleichzeitig auf vier Rechnern - im Hardcore-Modus oder mit einer guten alten Runde ,Starcraft‘. Am liebsten als Terraner und einem Protoss als Partner gegen fünf Zerg auf der ,Riverwar‘-Karte. Das pustet das Hirn schön durch. Krank, was? Mal gucken was passiert, wenn ,Diablo III‘ rauskommt ... ich bin jetzt schon ganz hibbelig.“

2012 werden Die Streuner auf den Bühnen gerne wieder Vollgas geben, ganz so also, wie man das Ensemble laut Aussage von Romata auch kennt.

„Lieder der ,Hurra na endlich‘, die für die Bühne geeignet sind, wurden bereits geprobt. Wir werden auch dieses Jahr wieder zu einigen Auftritten fliegen ... und hoffen, dass diesmal unser ganzes Gepäck auch ankommt, da haben wir ja schon ganz andere Sachen erlebt. Pinto wird weiter das Tour-Tagebuch schreiben und ich werde hier und da filmen, wenn ich neue Sachen vor die Linse bekomme. Dieses Material wird regelmässig auf die Seite der Wilden Gesellen - unserem Fanclub -hochgeladen. Es sind schon über zwei Gigabyte an Material zusammen gekommen, aber es wird sicher noch mehr werden. Ferner gibt es bei den Streunern ab 2012 sogenannte Treue-Karten, deren Besitzer Stempel nach unseren Auftritten erhaschen können, um dann mit den meisten Stempeln den Preis abzusahnen! Mehr Infos dazu gibt es auch auf unseren Seiten im Internet.“

© Markus Eck, 20.02.2012

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