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Interview: DALRIADA
Titel: Hymnen wie ein Euphorikum

Die aufwühlend beschwörenden Gesänge von Naturtalent Laura Binder sind von rührend hochfemininer Anmut und absolut zeitloser Oktavenschönheit. Die strahlend explodierenden Gitarrenfeuerwerke des begnadeten Sechssaitenduos András Ficzek und Szabó Mátyás Németh bringen selbst jedes erkaltete Herz unweigerlich zum Glühen.

Das druckvoll-dynamische Schlagzeugspiel von Taktspezialist Tadeusz Rieckmann bringt ausnahmslos jeden Konzertsaal zum Kochen. Wenn Zupfbruder István Molnár mit seiner tonal großkalibrigen Bassflinte abfeuert, tanzen selbst Lautsprechermembranen voller Freude.

Und Keyboarder Barnabás Ungár betört mit bezaubernd verspielten Tastenhöhenflügen die Ohrenpaare aller Altersklassen. Ja, und ergreifend feuriges Fidelspiel hochemotionaler Natur, teils mit schwer melancholischen Untertönen, setzt dem berauschend wonnevollen Nobelvortrag dieser niveaustarken ungarischen Ausnahmekünstler eine weit nach allen Seiten weit funkelnde Klangkrone auf.

Wenn also die hochleidenschaftlichen Vollblutmusikanten von Dalriada ihre bewegenden Lieder spielen, gilt es wahrlich Großartiges zu genießen.

Vollmelodisch hochqualitativen und hymnischen Folk Metal vom Allerfeinsten bietet auch „Arany – Album“, das neue Langspielmeisterwerk der 2003 gegründeten Anspruchsgruppe aus der Stadt Sopron, südwestlich des Neusiedler Sees gelegen.

Für mich als bekennend frenetischen Verehrer des Sextetts legte Drummer Tadeusz „Tad“ Rieckmann gerne eine Weile seine beiden Trommelzauberstäbe zur Seite.

„Die Vorband von Dalriada (Steelium) wurde schon 1998 von unserem Sänger und Gitarristen Andris Ficzek auf die Beine gestellt, die Musik hatte allerdings noch nicht zu viel mit dem Genre zu tun, das wir heute vertreten. Den Namen Dalriada haben wir dann 2003 angenommen. Davor, gegen 2001 hatten wir allerdings schon einige musikalische Versuche in die Richtung Folklore mit traditionellem Metal gemacht“, weiß mir der Schlagzeuger eingangs zu berichten.

Es ist laut seiner Aussage sehr schwer, sich in Ungarn überhaupt erst einen Namen als Band zu verdienen:

„Natürlich wollen wir so schnell wie möglich auch in Westeuropa touren, allerdings haben wir uns bewusst in den letzten Jahren eher dem ungarischen beziehungsweise mitteleuropäischen Markt zugewendet. Dazu kommt auch, dass wir in den Anfangsjahren einfach nicht die Möglichkeiten hatten, mit der Band westwärts zu gehen. Seit Mitte September 2009 sind wir auf einer Herbst-Winter Tournee durch ganz Ungarn, mit einigen zusätzlichen Auftritten in Serbien, Siebenbürgen sowie der Slowakei. Bei einigen wichtigeren Gigs begleitet uns auch das Streichtrio live, das man auch auf dem ‚Arany’-Album hören kann!“

Ich erkundige mich nachfolgend, wie es ihm auf künstlerischer Ebene innerhalb der Jahre in der Band ergangen ist.

„Ich glaube, ich kann beruhigt behaupten, dass ich erst in dieser Band richtiger Schlagzeuger geworden bin. Ich habe sehr viel von den anderen bei uns gelernt, was Technik und Geschwindigkeit anbelangt und auch viele gute Kenntnisse gesammelt bezüglich Songschreiben an sich.“

Obwohl es in den Liedern von Dalriada primär betont um ungarische Historie geht, beschäftigt sich der Trommler überraschend eher mit der deutschen Geschichte, wie er mir erzählt.

„Allerdings gibt es auch einige Epochen des Ungarntums, die mir sehr nahe stehen: Türkische Besatzung, die KuK-Monarchie und die Geschichte Siebenbürgens an sich, das ja auch lange Zeit zu Ungarn gehörte.“

Und das neue „Arany“-Album beinhaltet laut Statement von Tadeusz ausschließlich Balladen des großen ungarischen Dichters János Arany, daher auch der Titel der Scheibe.

„Wir haben diesmal keine eigenen Texte geschrieben. Wir haben schon vor Jahren angefangen, Gedichte zu vertonen und dachten, dass nun die Zeit für ein Konzeptalbum gekommen sei. Lyrisch dreht es sich auf der neuen Veröffentlichung um ungarische Geschichte, Schlachten aus dem Mittelalter, Mysterien, schwermütige Tragödien, wahnsinnige Racheakte, Liebe, Hass und Tod. Eigentlich haben uns diese Themen immer schon am meisten bewegt und, um ehrlich zu sein, wer könnte dazu nein sagen?“

Mich interessiert im Weiteren noch, was seine sonstigen Bekannten, außerhalb der Musikszene, zu seinem Mitwirken beziehungsweise zur Musik von Dalriada zu sagen haben. Wir erfahren:

„Theoretisch kann ich fast nur von positiver Rückmeldung und ernst gemeinter Unterstützung berichten. Eltern und Freunde waren von Anfang an dabei. Einige Leute gibt es natürlich, die das ganze Musikertum für einen schlecht gemeinten Witz halten und mir mit ihren Spießbürgeräuglein Löcher ins Gewissen bohren möchten und mir raten, endlich erwachsen zu werden. Das machen allerdings die Wenigsten, weil sie insgeheim wissen, dass ich es ernst genug meine – nur können sie diese Lebensart eben in ihren Schädeln nicht verarbeiten.“

Schlagzeugspielen ist seiner Meinung nach ohnehin etwas sehr meditatives und gleichzeitig befreiendes. Jetzt verströmt er pure Begeisterung:

„Durch dieses Instrument kann ich mich von jedem störenden Gedanken befreien, allerdings gibt es mir ebenfalls Kraft und Energie.“

Kennt ein Schlagzeuger wie er, also jemand, der so sehr in der eigenen Musik aufgeht, überhaupt so was wie echten Frust?

„Sicher, selbst wenn wir nur von und für die Musik leben könnten, würden uns Enttäuschungen nicht verschonen. Frust kann jeden befallen, es geht meiner Ansicht nach nur um die Frage der Bewältigung. Also Verarbeitung und nicht Verdrängung und das geht in der Musik, bei unseren Auftritten und in der Gemeinschaft unserer Band ziemlich gut. Natürlich möchte man denken, dass die wachsende Verantwortung der Gruppe auch mehr Frustmöglichkeiten mit sich bringt … ein Teufelskreis“, platzt es unter einem herzlichen Lachen aus ihm heraus.

Tiefe Freude empfindet Tadeusz hingegen immer wieder auf dieser Welt, wenn er beispielsweise in Ruhe üben kann, wie er zu berichten weiß. Oder:

„Bei einer Flasche Scotch, beim Bergsteigen, mit sehr vielen Büchern und wenn wir ein großartiges Konzert mit Dalriada geben können. Und eigentlich erfreuen mich auch noch ziemlich viele andere Sachen.“

Tadeusz, was genau erwartet die Hörer nun auf musikalischer Ebene auf „Arany – Album“?

Der Fellklopfer geht in die Tiefe:

„Die Folklore-Sektion hat auf dem ‚Arany – Album’ definitiv mehr Raum bekommen: Das Streichtrio, mit dem wir gearbeitet haben, spielt nicht nur zur Untermalung, hier und da haben sie absolut tragende Melodien und Parts zu spielen. Ungarische Folklore-Melodien können übrigens einem ‚ungewohnten’ Ohr sehr eigenartig vorkommen, allerdings haben sie eine einzigartige, eine schwermütige Schönheit in sich. Von der Metal-Seite her hat sich eigentlich nicht viel verändert: Wir operieren weiterhin mit Einflüssen aus Death Metal bis Stoner Rock, haben diesmal auch etwas mehr mit heroischen Chören rumexperimentiert und auch den Gitarrensoli mehr Zeit gelassen. Volle Breitseite also!“

Die neuen Kompositionen wurden zum Großteil von Gitarrist und Sänger András Ficzek geschrieben, so der wackere Tadeusz:

„Er schreibt etwa 95 % unserer Musik. Wir haben uns darauf schon recht gut eingerichtet, wir arbeiten meist am PC, András zeigt mir die Themen, ich sag ihm meine Meinung, wir bauen eine Reihenfolge auf, erstellen das rhythmische Gerüst und gehen damit dann in den Probenraum. Mátyás (Sologitarre) schreibt die Soli, unserem Barnabás sind die Keyboard-Themen fast gänzlich überlassen und unser Bassist hat auch ziemlich freie Hand.“

Ich frage in diesem Kontext gezielt nach, wie hoch die Gruppe ihre künstlerischen Ziele für das aktuelle Werk „Arany – Album“ angesiedelt hatte.

Er überlegt kurz und gibt mir dann zu Protokoll:

„Man hat immer gewisse Erwartungen bezüglich des neuesten Albums, die meistens höher sind, als die an das vorige Album gestellten Erwartungen. Ich glaube schon, dass wir mit dem `Arany`-Album hierzulande ziemlich viel erreicht haben, was in diesem Genre – mit einer neuen Scheibe – überhaupt möglich ist.“

Sieht Tadeusz seine Erwartungen denn nun aktuell mit „Arany – Album“ erfüllt?

„Nein, das nicht, aber ein Album ist irgendwie nie abgeschlossen – etwas findet man immer, was man noch verbessern, verfeinern, ändern möchte. Sonst, was die Rückmeldungen bezüglich des Albums betreffen, können wir eigentlich nicht klagen. Allerdings würden wir uns schon sehr über mehr Auslands-Gigs freuen.“

Apropos, Live-Auftritte 2009 auf Bühnen vor Publikum – wie empfand er diese? „Ich habe fast nur positive Erinnerungen, was die Band auf der Bühne betrifft, allerdings gab es schon einige niederschmetternde Erlebnisse: Ein bis zwei fast leere Clubs beispielsweise, stundenlanges Fahren über vereiste und menschenleere Straßen durch nicht enden wollende Schneestürme, aber auch netteres, wie der Sziget-Auftritt vor Turisas, labern bei einem Bier mit My Dying Bride und natürlich überhaupt sehr viel Alkohol!“

Für dieses Jahr 2010 haben sich Dalriada laut Tadeusz circa 40 bis 45 Auftritte vorgenommen, wovon sie fünf auf jeden Fall irgendwo in Westeuropa auf die Beine stellen wollen.

„Sonst bleiben wir hier in Ungarn und Umgebung, aber es wird auf jeden Fall kein stressfreies Jahr. Wir erhoffen uns für unsere Mühen mit der Band mehr internationale Anerkennung, größere Festivalauftritte und, dass wir langsam von unserer Musik leben können … obwohl das ja wohl jeder Musiker will.“

Das weltweite Folk Metal-Genre: Worin beziehungsweise in welcher Position sieht er Dalriada inmitten des Ganzen?

„Wir sind eine ungarische Folk Metal-Band, im wahrsten und musikalischen Sinne des Wortes“, stellt der Schlagzeuger lachend klar. „Ich meine, dass sich unsere Kreativität nicht nur im Proberaum und auf der Bühne erhaschen lässt, sondern sich des Öfteren auch über die mit Bier bepackten Tische unserer ebenso verrauchten wie verruchten Stammkneipe erbricht! In diesem Sinne: Hoffentlich sieht man sich bald irgendwo in Deutschland oder Umgebung! Prost!“

© Markus Eck, 16.01.2010

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