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Interview: ASHES YOU LEAVE
Titel: Tragische Impressionen

Die Kroaten Ashes You Leave veröffentlichen dieser Tage mit „The Inheritance Of Sin and Shame“ ihr bereits drittes musikalisches Dokument der abgrundtiefen und scheinbar endlosen Trauer humanen Daseins.

In ihren wirklich packenden und tragischen musikalischen Impressionen spiegeln die State Of The Art Gothic-Zauberer die grenzenlose Verzweiflung und die nachhaltige Beklommenheit der zutiefst verletzten menschlichen Seele mit kunstvoller Beschlagenheit und wuchernder Opulenz wieder. Unwiderrufliche Resignation und endgültige Selbstaufgabe, die sich in den klagenden Liedern des scheinbar manisch depressiven Sextetts Gehör verschaffen, beleuchten mit aller Konsequenz die dunklen und verzehrenden Seiten der Psyche.

In seiner anmutigen Schönheit und Sensibilität nicht mehr zu steigernder weiblicher Gesang von aufwühlender Eindringlichkeit korrespondiert hervorragend mit veredelnden Geigen und dem seit Gründungstagen zum Markenzeichen gewordenen verträumten Flötenspiel, welches intensiv prägende Akzente im Sound des leidenden Orchesters zu setzen versteht.

Die drastischen Gefühlsausbrüche, die man auf dem Album zu hören bekommt, sind verheerend in der Wirkung; einmal davon ergriffen, kann man so schnell nicht wieder von den schmerzlichen Kompositionen der Kroaten lassen, die zweckdienlich allesamt mit dezent gedrosselter Gesamthärte und ausschließlich in gemäßigten Geschwindigkeitsebenen zelebriert werden.

Ashes You Leave verstehen es ohne Zweifel meisterhaft, Verletzlichkeit und Melancholie in nachdenklich stimmende und vollendet entrückte Klanggebilde zu verwandeln und setzen mit ihrem Album ein flackerndes Glanzlicht im trüben Dunkel des Genres.

„The Inheritance Of Sin And Shame“ ist also für den Liebhaber der beschriebenen Stilistik eine regelrechte Delikatesse. Neven Mendrila, seines Zeichens Gitarrist und Mainman der hinreißenden Musikanten freute sich zu berichten.

„Viele Leute denken aufgrund unserer Art von Musik, daß wir total depressiv und traurig durchs Leben gehen. Aber im Grunde sind wir wie alle anderen Menschen auch den unterschiedlichsten Stimmungen der Psyche ausgesetzt. Man kann nicht immer nur traurig oder auf der anderen Seite glücklich sein. Es hängt eben von der jeweiligen Situation ab. Manchmal gehe ich schon durch für mich wirklich sehr harte Prüfungen meiner Person, aber durch das Komponieren für Ashes You Leave kann ich mir glücklicherweise einiges von der Seele schreiben. Auch den anderen Mitgliedern der Band ergeht es ebenso. So können wir alle unseren Geist rein erhalten.“

Ganz genauso ergeht es dem Autoren beim Konsumieren solcher Musik. Wenn man die von Ashes You Leave in sich aufsaugt, kommt man unweigerlich ins schwelgende Träumen von imaginären Orten und Landschaften, die scheinbar schon so lange zurückliegen.

Bezieht denn eigentlich auch Neven seine Inspirationen aus solcherlei Träumerei? Wir erfahren von dem Mann:

„Zu einem gewissen Teil schon, aber in der momentanen Welt gibt es eigentlich erschöpfend grausames und bedrückendes genug, was uns noch Jahrzehnte als inspirative Quelle für unsere Songinhalte dienen wird.“

Mir will die filigran gespielte Flöte im Ashes You Leave-Sound schier nicht mehr aus dem Sinn gehen.

Die einzige Band im härteren Musikbereich, die bislang mit einer so eindringlichen Präsenz dieses Instrumentes bekannt wurde, war die britische Legende Jethro Tull.

Kann man auf Seiten von Ashes You Leave einen gewissen Einfluß der besagten englischen Originatoren nennen?

„Alles was wir komponieren, spricht aus unserem inneren zu uns. Oft finde ich mich selbst wieder, wie ich ein wenig durch die Gegend bummele und eine winzig kleine Tonfolge vor mich hinsumme. Dann beginne ich zu realisieren, daß es mit ein wenig Arbeit eine großartige Melodie werden könnte. So übertrage ich sie alsdann auf meine Gitarre und kann sie endgültig ausarbeiten und verfeinern. Die Flöte wird von Dunja gespielt. Ich kann wirklich nicht genau sagen, woher sie ihre Inspirationen nimmt, aber sie spielt wunderbar und hat auch diesmal wieder alles gegeben.“

Ich muß anerkennend zustimmen. Sicherlich sind Ashes You Leave auf der Bühne ein unvergeßliches Erlebnis. Ich kann es richtig vor meinem geistigen Auge sehen, wie die Band einen mitreißenden Set vor staunendem Auditorium zum Besten gibt.

„Leider sind wir durch die von Beginn an wie ein böser Fluch auf uns lastenden Line-Up-Wechsel noch nie in der von mir gewünschten musikalischen Höchstform auf den Brettern gewesen. Aber wenn wir einmal spielten, waren wir in neun von zehn Fällen sehr erfolgreich und konnten das Publikum begeistern.“

Das glaube ich aufs Wort. Wie kann man den eigentlich den Albumtitel und das doch sehr surreale Cover-Artwork interpretieren?

„Die beiden zusammenströmenden Gebilde repräsentieren zum einen fleischliche Lust auf dem oberen Element und menschliche Gier auf dem unteren. Sicherlich kann man das in vielen verschiedenen Blickwinkeln auslegen, aber ich finde die beiden Eigenschaften jede für sich in hohem Maße erotisch. Die ineinander verschlungenen Körper; die Leidenschaft, die sich in deren Verschmelzung abzeichnet. Das Bild hat auf jeden Fall sehr viel mitzuteilen und kann in Verbindung mit unserer tiefsinnigen Musik doch sehr zum Nachdenken anregen, was ja eigentlich das Ziel und die Hauptaufgabe eines Covers ist.“

© Markus Eck, 14.08.2000

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