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Special: Traditioneller Gothic Metal
Titel: 1993 - 2000

Das, was heutzutage im Populär-Subgenre Gothic Metal im überwiegenden Sinne als solcher verstanden wird, war im Jahreszeitraum von 1995 bis zur aufregenden Millenniumswende ja beileibe nicht auf gegenwärtig vorherrschende Klischees beschränkt.

Theatre Of Tragedy
Erst mit den Jahren sollten Ästhetik und Anmut darin merklich anwachsen. Fünf Jahre vor dem neuen Jahrtausend sorgten gerade die Norweger Düsterseelen Theatre Of Tragedy mit ihrem Bahn brechenden Sensationsdebüt gleichen Namens für eine überraschende Wende im gesamten Metal-Bereich an sich. Das war neu, das war viel versprechend. Vor allem sie prangten von da nämlich allwöchentlich auf beinahe sämtlichen Rock- Metal-Gazetten.

Wobei ganz besonders die damalige, blonde und stets effektiv-attraktiv zurechtgemachte Sängerin Liv Kristine Espenaes ins Auge stach, welche wie ein Engel aus dem Dunkelcredo ihrer Band herauszustrahlen schien.

Die aus Stavanger Stammende ehelichte später medial viel beachtet den extrem langhaarigen Hünen Alexander Krull, welcher ebenfalls noch heute Sänger ist, und zwar bei der schwäbischen Band Atrocity.

Letztere nahmen ebenfalls zu Anfang der 1990er Jahre (zufälliger Weise?) von anfänglichem reinen Death Metal mehr und mehr Kurs in Richtung gotischmetallische Gestade.

Paradise Lost & Tiamat
Was die Briten Paradise Lost auf ihrem fulminanten Jahrtausendwerk „Gothic“ (...) und die Schweden Tiamat auf „The Astral Sleep“ vier Jahre zuvor der globalen Musikwelt ebenso eigenständig wie mutig und auch eindrucksvoll vormachten, fruchtete jetzt auf einmal gar übermäßig:

My Dying Bride
Ein Jahr später legten Sänger Aaron Stainthorpe und seine Formation My Dying Bride in Form von „As The Flower Withers“ ein fesselndes Tragikermanifest vor, welches bis heute nichts von seiner unbändigen dramaturgischen Faszination eingebüßt hat.

Überhaupt, Tragik, Verzweiflung und Tristesse waren außerordentlich angesagt.

Crematory
Und da konnte beziehungsweise wollte auch Deutschlands Nachwuchs überhaupt nicht nachstehen:

Massive Death- und nicht selten auch Doom Metal-Elemente verhalfen somit auch den deutschen Dunkelstahlschmieden Crematory auf ihrem wuchtigen Debütalbum „Transmigration“ 1993 zu schier gigantischen emotionalen Graden.

Einst dafür von den „härtesten Hörern“ abwertend belächelt beziehungsweise nicht selten sogar übel verteufelt, zogen Crematory ihr Ding jedoch unbeirrt durch.

Und das tun sie - inklusive Pausierungen - bis heute mit beachtlichem Erfolg.

Der berührend dunkelromantische Brückenschlag vom puren, eigentlich in sich geschlossenen Gothic-Genre in den Metal hinein war geglückt.

Allerdings erstreckte sich das kreative Spektrum zu der Zeit noch primär auf die Verwendung von Keyboards und Frauenstimmen. Die Musik an sich hatte vorerst noch knallhart zu bleiben. Und leider auch eher monoton.

Anathema
Eindrucksvoll überzeugen kann man sich davon auf dem Melancholikermanifest „Serenades“. Letzteres ein überaus kantiger wie beängstigend drückender Release, 1993 auf den Markt gebracht von Engländern Anathema, deren ebenfalls stark doomige Lieder typisch für den damaligen desolaten Zeitgeist in diesem Bereich waren.

Type O Negative
Doch damit sich dieser rasch und unerwartet ausufernd änderte, dafür sorgte auch der jüngst tragisch früh verstorbene Ausnahmesänger Peter Steele samt seiner Band Type O Negative.

Deren 1993er Klassikerscheibe „Bloody Kisses“ beispielsweise bietet mordsdüsteren und betont atmosphärischen Gruftsound.

Irgendwo zwischen gruselnder Friedhofsromantik, erotisierendem gesanglichen Mystizismus und finstermetallischer Klanganmut angelegt, sprangen immens viele Hörer auf diesen Zug auf.

Die bezwingende Klasse von „Bloody Kisses“ konnte aber nach Ansicht des Autoren nicht mehr erreicht werden.

Besonders interessant erscheint mir persönlich in diesem Zusammenhang, dass zu Anfang der 1990er Jahre das gesamte harte Musikspektrum ja eigentlich von lediglich zwei führenden Populärsegmenten ausdominiert wurde: Depressiver Grunge Rock und bedauerlicher Weise immer extremer werdender Death Metal.

Währenddessen klassischer beziehungsweise ursprünglicher und sozusagen dogmatischer Heavy Metal ja sogar absolut verpönt schien. Doch der Grunge limitierte sich in den Entfaltungsmöglichkeiten bekanntlich ebenso schnell in sich selbst wie orthodox gegossenes Todesblei.

Nicht nur die puristischen Anhänger krasser Klänge waren also mehr als bereit für etwas grundlegend Neues.

Ja, in der Tat vollauf hungrig nach etwas, das ihnen allen neue abgründige Horizonte eröffnen konnte!

Da kam der Gothic Metal mit seinen einschneidenden Herzschmerz-Lyriken nur recht – was sich alsbald eben an den Frontseiten einschlägiger Musikmagazine bemerkbar machte.

Theatre Of Tragedy
So sind wir nun also wieder bei Theatre Of Tragedy angelangt, deren selbstbetiteltes Debüt als Meilenstein gewertet werden kann.

Denn so erfolgreich wie sie war in alten Zeiten keine andere Formation, welche sich dieser Kunstform widmete.

Sie beeinflussten Heerscharen von (eigentlich viel zu vielen, weil sich oft frappierend gleichenden) globalen Newcomern, was sich vor allem beim wohlbekannten Gesangsduell im klassischen Sinne von „The beauty and the beast“ fatal abzeichnete.

Und das wundersame vokalistische Wechselspiel aus guttural ausgestoßenen ultratiefen „Grunts beziehungsweise Growls“ und elfengleichem als auch zuweilen operettenhaftem Geträller hat sich bis heute im grundsätzlichen Gothic Metal-Genre als kennzeichnender Faktor gehalten.

Wobei die dominierende Seite je nach Band und Stil durchaus sowohl die eine als auch die andere Stimme sein kann. Ganz besonders die unzähligen Grunzvorträge aber brachten mir beziehungsweise meinem Musikgeschmack alsbald schon überwiegend eine langweilende Monotonie mit sich, für die das Genre auch von vielen anderen Seiten noch immer berechtigte Kritik einstecken muss.

Moonspell
Ein probates Beispiel für die eher vielseitige Variante lieferten 1995 die Portugiesen Moonspell, welche damals vor allem mit ihrem heute als Klassiker geltenden Erfolgsalbum „Wolfheart“ in bis dato nicht gehörte Bereiche vordrangen.

Prägend waren auch beinahe von Anbeginn klassische Instrumente wie beispielsweise Geige, Cello und Violine, oft fand und finden auch Piano-Parts Verwendung.

Letztere, aus vorwiegendem Mangel an monetären Mitteln überwiegend auf Keyboards erzeugt, konnten additional zum lieblichen Frauengesang dann auch die Liebhaber der Klassik auf die Seite dieser neuen Musikbewegung ziehen.

Eine Vielzahl von Gruppen verzettelte sich oftmals aber auch in stressendem Geklimper.

Spektakuläre Orchestrierungen sollten zwar erst einige Zeit später folgen. Doch zeichnete sich das Verlangen bei Musikern und Hörern nach symphonischen Höhenflügen tendenziell ansteigend ab.

Tristania
Im Zuge dessen experimentierten auch so einige Bands erstmals mit prächtigen Choreinsätzen. Und zu größter Popularität gelangten auf diese Weise die Norweger Tristania, welche 1998 ihr sensationelles Debütalbum „Widow’s Weeds“ vorlegten, dem schon ein Jahr später das nicht minder geniale Werk „Beyond The Veil“ folgte.

Nicht nur Tristania brachten eine dunkel schillernde Blüte zum Blühen, die sich in den nächsten zehn Jahren zu monumentaler Größe und düsterromantischer Pracht entfalten sollte, deren kreativer Nektar nachfolgend allerdings nur noch in den wenigsten musikalischen Fällen ähnliche Schönheiten entstehen ließ.

© Markus Eck, 04.06.2010

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