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Special: CREMATORY
Titel: Gegen alle Widerstände

Hinter meinem herzlich-düsteren Glückwunsch zum feierlichen Jubiläum von ganzen 25 Jahren Crematory stehen nicht nur weltweit unzählige treue Fans. Sondern auch die Musikmedien mussten irgendwann einfach vorbehaltlos anerkennen, dass man diese unbeirrbaren Pfälzer Überzeugungstäter weder ignorieren noch aufhalten kann.

Um ein ganzes Vierteljahrhundert lang dermaßen gehaltvollen, tiefgründigen und vor allem auch wandelbaren Gothic Dark Metal zu spielen, muss eine Band schließlich ganze Unmengen an Leidenschaft, Hingabe und Idealismus zu kultivieren imstande sein.

Und das, was damals in seinem Schicksalsjahr 1991 von Schlagzeuger und Ideengeber Markus Jüllich als anfängliche Death Metal-Formation auf die Beine gestellt wurde, scheint in der Tat gleichfalls unverwüstlich wie alterslos zu sein.

Davon kündet vor allem auch das 13. Studioalbum dieser außergewöhnlich stabilen Künstlervereinigung: „Monument“.

Und der hochgradig selbstbewusst gewählte Titel dieser Scheibe kann gerne auch als geltendes Programm für die Gruppe selbst gesehen werden, die mittlerweile niemandem mehr irgendetwas beweisen muss.

Veröffentlicht am 15. April des aktuellen Jahres, stehen die Beteiligten auf „Monument“ auch gegenwärtig noch immer mit urtypischer Frische und Souveränität voll und ganz hinter ihrem vielfältigen Tun. Kein Wunder, der pochende Heißhunger im Kern der Band nach unverbrauchten Einfällen und stilistischen Innovationen ließ zum musikalischen Glück für die Anhänger bis heute nicht ansatzweise nach. Ganz im Gegenteil, selbst ihr multipel ausgeprägtes Faible für nonkonforme Songstrukturen und überraschende Arrangements haben sich die Jubilare um Sänger und Galionsfigur Felix gänzlich beibehalten.

Als Crematory zu Beginn als allererste deutsche Extreme Metal-Combo überhaupt mit Keyboards im Genre für viel Furore sorgten, gingen im Todesstahl-Metier die Münder auf. Als sie im Weiteren Elemente aus den eigentlich weit entfernten Bereichen EBM, Trance, Electronic etc. in ihre Songs einbanden, klappten der Dunkelmetall-Gilde die Kiefer runter.

Und als nachfolgende Lieder dann irgendwann sogar auch noch betont kommerziell bis poppig-verspielt erklangen, klatschten schließlich nicht nur weite Teile der Gothic Metal-Gemeinde begeistert anerkennenden Beifall.

Egal also, wie man den Werdegang von Crematory nun sieht oder hört: Ehrlich wie selten, lückenlos authentisch, jederzeit beherzt und letztlich respektabel bis überzeugend war ihre komplette Performance seit jeher.

Als Markus Jüllich im Februar 1991 den musikalischen Startschuss für seine Band Crematory knallen ließ, sollte dies das künftige Leben des jungen Schlagzeugers bis heute ebenso maßgeblich wie nachhaltig beeinflussen.

Dabei wurden die kreativen Weichen in Worms für eine kraftvoll schillernde Ausnahmeerscheinung des Genres intuitiv in die einzig korrekte Richtung gestellt: Geradeaus ins Neue, stets der jeweiligen musikalischen Vorliebe nach!

Was da im südöstlichen Teil der Rheinland-Pfalz vor einem ganzen Vierteljahrhundert seinen hungrigen Anfang nahm, zählt mittlerweile zum interessantesten, wandelbarsten und beständigsten, was im Bereich des Dark Metal jemals zum Vorschein kam.


Im zarten Alter zehn Jahren fing Markus als neugieriger Autodidakt erstmals damit an, Trommelstöcke zu schwingen. Sechs Jahre später heuerte er bei einer lokalen Metal-Band an. Dort lernte er auch Gitarrist Lothar ,Lotte‘ Först kennen. Ein zweiter Griffbrettschrubber, Smog genannt, fand sich ebenfalls ein. Emsig nachgespielt wurden von den Beteiligten im Weiteren primär die Songs von vier Thrash Metal-Titanen: Slayer, Anthrax, Metallica und Megadeth. 



„Zeitgleich ging dann die Suche nach geeigneten Mitstreitern los, was sich im Kleinstadtmilieu eher mit schwach ausgeprägter Metal-Szene schwierig gestaltete“, erinnert sich der wuchtige Drummer an die alten Zeiten zurück.

Zwei Jahre reifte man zusammen, hauptsächlich nahmen noch immer diverse Coverversionen ihren Platz im Repertoire ein. „Erste eigene Thrash-Kompositionen und Lyriken entstanden sukzessive mit ansteigendem Spielvermögen.“ Diverse Aspiranten wurden einem Test unterzogen. Als ein erstes arbeitsfähiges Line-Up auf die Beine gestellt war, so Markus, wurde das Songwriting unter dem alten Bandnamen Excess stärker vorangetrieben.

Als Sänger und Bassist fungierte zunächst noch Harald Heine. „Unser Lotte war damals Zivildienstleistender in einem Berufsbildungswerk, wo 1990 auch unser allererster Live-Gig stattfand.“ Da hierfür viel Werbung gemacht wurde und ein paar befreunde Bands, von Markus eingeladen, mit Excess die Bühne teilten, fanden sich ganze 300 Besucher vor der Bühne ein. „Sämtliche Metaller des Umkreises, gleich welcher jeweiligen Stil-Vorliebe, waren anwesend.“

Es war als allererster Auftritt überhaupt für alle in Excess natürlich sehr aufregend, lässt der damals 18-jährige Trommler wissen. „Aber es war insgesamt schon ein voller Erfolg.“ 



Zwei Wochen später wollte der vielseitige Lotte eine stilistische Erweiterung verwirklichen und kam mit einem Keyboard (!) an. Das war zur damaligen Zeit eine absolut ungewöhnliche, eine beinahe unvorstellbare Idee.

Doch es gestaltete sich laut Markus sehr interessant, wie die nachfolgenden drei Stücke inklusive neuen Tastensounds mit sich bringen sollten.

Simultan war der Entschluss gefasst, es damit gleich auch mit neuem Bandnamen versuchen zu wollen: Crematory.

Kontakte in die Metal-Szenen nach Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg wurden geknüpft.

Vor dem einzigen Crematory-Demonstrationstonträger, dem „Demo 1992“, kam Marc Zimmer als Tieftöner und Sänger dazu, der später noch mit seiner eigenen Black Metal-Truppe Mystic Circle unter dem Künstlernamen Graf von Beelzebub außergewöhnlich krass polarisierte.

Und Katrin Goger fand sich als Keyboarderin ein, damit Lotte sich voll und ganz auf die Gitarre konzentrieren konnte.

„Wir kopierten die Demokassetten noch jeweils einzeln mit einem Doppel-Tapedeck. Die Papier-Einleger wurden mit einem Farbkopierer vervielfältigt. Es war alles in Handarbeit, aber so aufwändig wie möglich mit viel Hingabe hergestellt.“

Besagtes Demo wurde 2001 schließlich auf dem Best Of-Release „Remind“ erneut veröffentlicht. Ein unübersehbarer Frontmann kam dann über einen Umweg vors Crematory-Mikro: „Da Felix Stass auch ganz gut zeichnen und malen kann, hatte er damals das Frontcover für das Excess-Demo ,Torment Of Death‘ gestaltet. Wir fragten ihn irgendwann, ob er nicht bei uns singen wolle. Und Felix nahm den Posten nur zu gerne an.“

Markus kannte bereits den Talentscout und Bandmanager Andy Siry, welcher auch heute noch circa fünf Kilometer von ihm entfernt wohnhaft ist. „Er war schlichtweg der ,Demo-Papst‘ der damaligen Zeit, mit vielen weltweiten Connections zu allen möglichen Underground-Magazinen. Andy hat importierte Demo-Tapes aus Amerika und in die deutsche Szene gebracht.“

Der umtriebige Siry unterstützte auch Crematory, was den sensationellen Abverkauf von weit über 1.000 „Demo 1992“ für zehn D-Mark pro Stück zur Folge hatte. Crematory kamen dadurch als völlige Newcomer zu ihrem großen Glück schon gleich zu globalen Presseberichten.“

Sämtliche Einnahmen wurden allerdings keinesfalls verjubelt, sondern stets strikt in Crematory investiert. „Mein erstes Drumkit kostete gerade mal um die 500 D-Mark, die ersten Gitarren wurden für 200 bis 300 D-Mark angeschafft. Das war aber alles nichts richtig Brauchbares, somit erwarben wir nach und nach besseres Equipment.“

Die ersten T-Shirts gingen ebenfalls in Druck, finanziert mit den Demo-Einnahmen. „Katrins erstes Keyboard kostete 300 D-Mark. Allerdings waren die Möglichkeiten damit eher limitiert.“ Daher schaffte sie sich ein größeres und leistungsstärkeres an, womit sie auch völlig neuen Klangspektren Entsprechung verleihen konnte.

Diese insgesamt umgesetzte Vorgehensweise ließ das Gesamtklangbild von Crematory jährlich facettenreicher und vielfältiger werden.

„Wir experimentierten ohnehin auch beim Songwriting und den Arrangements. Wenn es sich für unseren Geschmack gut anhörte, machten wir es eben so. Und das hat sich bis heute auch nicht geändert.“


Andy hatte unter diversen anderen Firmen auch gute Verbindungen zum jungen schwäbischen Label Massacre Records, denen er das Crematory-Band ebenfalls zukommen ließ.

Der Tonträgerverlag fand den innovativen Sound der Band sofort super. Der erste Plattenvertrag konnte eingesackt werden, was den Weg für das 1993 auf den Markt gebrachte Debütalbum „Transmigration“ ebnete. Markus:

„Da wurde ein Wunschtraum war, an den so früh niemand von uns ernsthaft gedacht beziehungsweise geglaubt hatte.“

Als es ins Studio von Produzent Gerhard Magin zu den Aufnahmen für die Songs von „Transmigration“ ging, waren die Beteiligten der Band ziemlich nervös, wie der Kopf von Crematory offenbart.

„Gerhard hat uns von Anfang an jedoch so dermaßen super und motivierend unterstützt, dass relativ schnell eine produktive Zusammenarbeit gewährleistet war. Mit uns in enger Kooperation auf vielen Ebenen hatte Gerhard maßgeblichen Anteil an der klanglichen Entwicklung von Crematory.“ Viel Herzblut floss in die gesamte Produktion dieser Scheibe, das hat Markus nie vergessen.

Von vielen Metallern wurde das Debüt ob seiner innovativen Frische und mutiger Ungewöhnlichkeit überwiegend begeistert aufgenommen.

Dass der frühe Melodic Death Metal-Klangkosmos, wie der Stil zu der Zeit bezeichnet wurde, in der einschlägigen Musikpresse auch durchaus harsche Kritik mit sich brachte, konnte die junge Kapelle nicht merklich aufhalten.

„Auch, dass mit Katrin eine Frau mit an Bord bei uns war, wurde bisweilen kopfschüttelnd kommentiert. Wir kauften natürlich selbst auch die einschlägigen Magazine wie beispielsweise Metal Hammer und Rock Hard. Als wir dann lesen mussten, wie überflüssig wir eigentlich wären, setzte uns dies anfänglich noch ganz schön zu. Doch schnell einigten wir uns darauf: Auch negative Presse gibt nötige Aufmerksamkeit und wichtige Beachtung. Als dann die 10.000er-Grenze der Verkäufe überschritten wurde, gab uns dies sowieso enorm viel an Selbstwertgefühl.“ 


Für damalige Verhältnisse am Markt war dies erneut sensationell. „Wir entwickelten im Zuge dessen irgendwann eine ,Scheißegal-Mentalität‘. Und das war richtig so. Denn die Presse gab uns erst einige Jahre später das, was wir uns als angemessene Kritik erachteten. ,Sie‘ konnten Crematory eben irgendwann einfach nicht mehr ignorieren, was unserem geplanten Vorhaben vollauf entsprach.“ 



Mit dem zweiten Album „…Just Dreaming“ trieben die gänzlich entschlossenen Todesmetaller das Ganze weiter auf die Spitze. „Wofür wir ,Shadows Of Mine‘, den ersten Song überhaupt in unserer Laufbahn jeweils zur Hälfte in deutschen und englischen Lyriken verfassten.“

Das war eigentlich ein Zufallsprodukt, da Felix die Texte immer zuerst in Deutsch niederschrieb.


„Als wir dafür eines Abends im Proberaum waren, war noch nicht alles übersetzt worden. Wir empfahlen Felix dann einfach, das bislang nicht Übersetzte in unserer deutschen Muttersprache zu singen. Als er das tat, waren wir schlagartig begeistert. Ich dachte mir, das können wir wirklich so lassen. Denn zu der Zeit war Doro bereits mit dem Song ,Für immer‘ sehr erfolgreich. Es kam mir in den Sinn: ,Was die kann, das können wir doch auch!‘ Und da wir bislang von den Fachmedien ohnehin so oft auf die Fresse bekamen, gab es da keinerlei langes Zögern.“ 





Auch die Plattenfirma war schlagartig begeistert von dieser Idee. „Wir fanden dabei eine für uns enorm wichtige Bestätigung.“

Und das war eigentlich auch der Anfang von dem, was 1996 mit „Crematory“ als rein deutsch besungenes Album erschien und für die Band auch verdammt erfolgreich war. 


„Denn damit konnten wir auch noch diejenigen Leute erreichen, die primär auf Rocksounds mit deutschen Texten stehen. Man muss ja zwar mittlerweile eher vorsichtig sein, wenn man den Begriff ,Deutschrock‘ für seine Musik in den Mund nimmt. Doch natürlich hatten wir die rechte Szene damit nicht im Geringsten im Fokus. Sondern eben gediegenere Menschen, die sich eben lieber Rocksongs in der eigenen Sprache anhören. In Rocker- beziehungsweise Bikerkreisen beispielsweise gibt es davon bekanntlich nicht wenige.“ 


Dass dies nicht ausnahmslos allen Fans so gut mundete, damit wurde von den Urhebern gerechnet.

„Wir wussten, dass dies nicht genau so weitergehen wird. Wir sahen es viel eher als Herausforderung und damit als erfahrungs- und erkenntnisreichen Ausflug, wie mit dem 1997 veröffentlichten Albumnachfolger ,Awake‘ von uns demonstriert wurde.“



Da „…Just Dreaming“ innerhalb relativ kurzer Zeit das Doppelte an Verkäufen verbuchen konnte, wussten Crematory laut Markus, dass sie auf der genau richtigen Spur mit der Band sind.

Und dieser Eindruck festigte sich noch ganz massiv, als 1995 der dritte Langspieler erschien, der gar noch einen Ticken erfolgreicher war.

Der Knüller „Tears Of Time“ wurde nicht nur zum ganz großen, zum ewigen Hit der Band, sondern zog gleich auch noch die Aufmerksamkeit der sogenannten ,Schwarzen Szene‘ auf sich.

Letztere beinhaltete zum Großteil Fans aus dem Gothic-Lager, was sowohl Bekanntheitsgrad als auch Erfolg von Crematory noch sehr viel breiter ausfächern konnte. 


„Auf den Gigs tauchten plötzlich weiß geschminkte Besucher in pechschwarzen Gothic-Monturen und Ballkleidern auf. Anfänglich wussten wir damit gar nicht so recht umzugehen. Wir bemerkten dies auch am Merchandise-Stand nach den Konzerten, wo wir uns mit vielen Leuten unterhielten und für uns sehr wichtiges Feedback der ganzen Gothic-Leute erhielten. Mit am interessantesten und überraschendsten war es auch, dass sich all die Fans trotz teils krass differierender musikalischer Lager untereinander grundsätzlich prima verstanden haben.“

Für den allseits gewieften Marketing-Strategen Markus, der auch in seinem regulären Beruf als Versicherungsmakler immer erfahrener und simultan erfolgreicher wurde, brachte dies alles immens wichtige Erkenntnisse mit sich.

Markus hat immer versucht, wie er Einblick gewährt, den Absatzmarkt für Crematory noch mehr zu erweitern.

Mit den nachfolgenden Jahren steuerte er die partiellen Ausflüge seiner Band daher auch noch geschickt in die Bereiche Electro, Trance, EBM, Ambient etc.

Gerne erinnert er sich noch an die Dreharbeiten zum offiziellen „Tears Of Time“-Videoclip, der rundum hervorragend geholfen hat, Crematory zu promoten.

„Jedem von uns wurde dafür eine Rolle zugeteilt, die auf gewisse Weise am besten zum jeweiligen Musiker, zur Person an sich passte. Lotte war der Biker, ich war der Geschäftsmann. Harald war eher so ein wenig der Hippie. Felix als Sänger erzählt im Clip die zugrunde liegende Story. Diese sozusagen auf den Leib geschnittenen Profile fand ich damals ebenso witzig wie originell, weil es eben so prima zu uns als individuelle Typen gepasst hat. Die Umsetzung des Regisseurs war nach unseren Vorstellungen gelungen. Ein alter Mann kommt auf den Dachboden, wühlt dort in seinen verstaubten Sachen um schließlich ein spezielles Buch zu finden. Als er es durchblättert, wird er sichtlich immer jünger. Die Zeit läuft auf magische Weise rückwärts. Und der Alte durchlebt seine bisherigen Daseinsabschnitte auf geradezu gespenstisch reale Weise. Im Videoclip werden dementsprechend die einzelnen Stationen seines Lebens dargestellt. Es geht von der weltberühmten Mafia der 1930/40er Jahre über die bunte Hippiezeit der 70er bis hin zur martialischen Rocker-Ära der 80er. Teils kann der Protagonist sich eine Träne der tiefen Rührung nicht verkneifen.“

1996 kamen dann auch die ersten schwarzen Magazine an den Start, wie sich der Drummer erinnert. „Wir waren die erste Formation, die das eine mit dem anderen kombiniert hat, wovon wir in Sachen genreübergreifender Berichterstattung immer gut profitieren konnten.“

Zu der Zeit brachten sich dann ohnehin auch schon artverwandte Acts wie Paradise Lost, Amorphis, Type O Negative ins Rampenlicht: Gothic Metal war quasi über Nacht überaus populär geworden. Jüllich konstatiert:

„Ich sehe uns nach wie vor in Deutschland als die Gothic Metal-Pioniere Nummer eins.“ 


Zurück zum für die Band anhaltend wichtigen Langdreher „Awake“, der 1997 auf den Markt gebracht wurde: Damit wurde simultan auch der mittlerweile vollzogene Wechsel der Plattenfirma markiert. Der Mann schwärmt aufrichtig:

„Auf der damaligen Musikmesse Popkomm fiel die Entscheidung, zum Branchenprimus Nuclear Blast zu wechseln. Das sind auch Leute, die wie wir mit Herz und Seele hinter der Musik stehen. Es geht dort nicht nur ums Geld alleine. Dort wird das Ganze jeden Tag real gelebt! Von Fans für Fans sozusagen. Uns wollten viele Labels haben, doch die Entscheidung fiel letztlich auch aus genannten Gründen. Und bereut haben wir den Schritt niemals.“


Auch die weiteren Labelwechsel wurden bis heute nicht wenig nach solchen Gesichtspunkten umgesetzt, was mit auch für die bemerkenswert lange Existenz der Ausnahmegruppe verantwortlich ist.

Nuclear Blast waren es auch, die nach der Auflösung von Crematory das 2004er Comeback-Album „Revolution“ maßgeblich antrieben, wie bekannt ist.

Labelboss Markus Staiger lag die Sache auch persönlich sehr nahe am Herzen, der heute noch hin und wieder bei den Jüllichs zum Grillen eingeladen wird.

2001 gingen die Musiker nämlich auf Jubiläumstour, um danach zum Schock der Fanbase die Auflösung der Formation zu verkünden. Dazu ein Rückblick mit Stirnrunzeln:

„Der Markt für CDs war völlig eingebrochen, nachdem sich beinahe jedermann selbst diese Silberscheiben im heimischen PC brennen konnte. Von den ganzen Streaming-Diensten und der MP3-Schwemme ganz zu schweigen! Wir fühlten uns viel zu ausgebrannt und leer, um uns in einer derart ungünstigen Gesamtsituation noch das ganze Jahr über den Arsch für Crematory aufreißen zu wollen.“ 



 Als Nuclear Blast die Band schließlich wieder zusammentrommelte, spielten Crematory zunächst einen Metallica-Coversong für eine entsprechende Tribute-Kompilation ein. „Hierfür standen wir nun wieder gemeinsam im Studio. Das fühlte sich gut an, nachdem vorher längere Zeit beinahe gar kein Kontakt mehr zwischen uns bestand. Schnell hatten wir wieder Bock auf mehr. Ja, und so ging es wieder los.“

Zehn Jahre später nach dem selbstbetitelten Album „Crematory“ trat die Dunkelmetallkapelle deswegen dann auch mit dem ähnlich konzipierten Nachfolger „Klagebilder“ - mit ebenfalls rein deutschen Texten - ins Rampenlicht.

„Und wieder hatten wir daran ebenso große Freude wie es sich für uns alle künstlerisch äußerst spannend gestaltete.“ Was in Crematory über Jahre optimal funktionierte, das griff auch auf die heutigen Eheleute und Eltern Markus und Katrin Jüllich über.

„Es ging bereits 1992 los. Ich war Zivildienstleistender, hatte relativ viel Zeit übrig für meine Band. Katrin war noch in der Schule, sie hatte also auch nachmittags oftmals Zeit. Wir kopierten die Demos, sie schnitt die Cover beziehungsweise Papier-Einleger für die Kassetten aus. Wir waren tagtäglich zusammen am Werk. Die Zusammenarbeit klappte exzellent. Während Lotte mit Felix als Texter zur Seite überwiegend für die rein musikalischen Belange zuständig war, verstanden wir beide uns sowieso von Anfang an hervorragend, und das eben nicht nur im organisatorischen Bereich sowie im Band-Management.“

Elf Jahre später, am dritten März 2003, wurde dann schließlich geheiratet. „Katrin hatte nach ihrer Schulzeit bei mir in der Versicherungskanzlei Mitte der 90er ihren Lehrberuf begonnen. Ich selbst habe dieses Business von der Pike auf von meinem Vater gelernt, welcher mir auf Tour mit der Band oder wenn ich im Studio etc. beschäftigt war immer den Rücken freihalten konnte. Mein gesetztes Jahresziel als Verkäufer konnte ich jedenfalls immer erfüllen. Mehr noch, ich gab nach der Beendigung von Crematory nach der Jahrtausendwende beruflich absolut Vollgas und war dann immer unter den deutschen Top Ten richtig gut im Geschäft. Die letzten drei Jahre habe ich mich bis zur Nummer eins in Deutschland hocharbeiten können. Für die Band brachte mir die beruflich angeeignete Disziplin sowie mein ständig angewachsenes Verantwortungsbewusstsein sowieso immer sehr viel. Denn, wenn ich was mache, versuche ich stets 100 % zu geben. Ich bin hochgradig froh darüber.“


Als Kind war Markus laut eigener Aussage nämlich eher ein schlitzohriger Chaot, dem berühmten Michel aus Lönneberga aus den Büchern von Astrid Lindgren nicht ganz unähnlich. „1991 änderte ich mich aber maßgeblich und disziplinierte mich wirklich sehr, als es mit Crematory so richtig losging.“


Noch heute kommen Katrin und er außergewöhnlich problemlos miteinander klar und sind somit ein hervorragendes Team. „Sie hat für die hohe zeitliche Beanspruchung meines tagtäglichen Jobs vollauf Verständnis und entlastet mich daher, wo sie nur kann. Katrin erledigt die steuerlichen Arbeiten, macht Buchhaltung, übernimmt Fanpost, Merchandise-Verkauf über Mailorder etc. Das ist unser Schlüssel zum Glück“, freut sich der Vater von zwei Töchtern. 



Auf dem im Februar 2008 auf den Markt gekommenen Album „Pray“ band das Quintett dann nicht nur die bislang stärkste Synthesizer-Komponente ins Songmaterial ein.

Den Urhebern schwebte dafür eine adäquate Mischung aus „Awake“ und „Illusions“ vor, wie Markus sagt.

„Es sollte auf eigene, eher getragene Art ,Back to the roots‘ gehen. Selbst wiederholen wollten wir uns allerdings auch dafür wieder so gar nicht.“ 


Mit „Pray“ verbindet ihn nämlich auch eine der für ihn allerschönsten Gegebenheiten bezüglich Crematory überhaupt.

„Meine zweite Tochter Melina wurde am 24. Oktober 2007 geboren. Exakt einen Tag vorher wurde die CD fertig und konnte somit erstmalig im Player angehört werden. Bei der Geburt war ich persönlich zugegen. Es war unbeschreiblich. Emotionaler geht es nicht mehr! Ungefähr so, als würde man seinen nagelneuen Ferrari erstmalig aus der Garage fahren, denke ich mir, natürlich witzig gemeint. Die Hebamme war sehr cool, wie wir auch ein absoluter Metalfreak.“ 



Und so erschallten, eben ganz die Jüllichs, die Lieder von „Pray“ im Raum. Markus gibt preis: „Katrin konnte sich dadurch optimal entspannen. Die gesamte Geburt ging daher auch relativ schnell vonstatten.“

Und genau beim letzten Song der Scheibe, ,Say Goodbye‘, erblickte die kleine Melina dann erstmals das Licht der Welt. „Das war schon etwas ganz Besonderes für uns. Für mich war das gewissermaßen die Geburt von zwei Kindern. Ein neues Album fühlt sich für mich nämlich auch immer an wie ein neues Kind.“

© Markus Eck, 31.05.2016

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