NIGHTWISH
„Once“

(Nuclear Blast) 9/10
Der zwei Jahre zuvor erschienene Albumvorgänger „Century Child“ konnte diesen hochmusikalischen Finnen einen weiteren riesengroßen Karriereschritt nach vorne ermöglichen – bekanntlich bis hin zum Platinstatus der Platte etc. Doch als dann „Once“ 2004 endlich heraus kam, schien das Nightwish-Fieber seinen absoluten globalen Höhepunkt zu erreichen – kein Wunder, denn nicht nur die unvergessliche Hitsingle „Nemo“, ein echter Knüller, brachte massentauglichen Hymnencharakter mit. Doch Galionsfigur, Sympathieträgerin und vor allem Wunderkehle Tarja samt Band hatten auf der erzfeinen Scheibe noch so viel mehr zu bieten – man höre sich nur mal wieder den zweiten Zaubersong „Wish I Had An Angel“ an, dessen stürmisch aufbrausende Dynamiken, bestechende (poppig moderne!) Rhythmisierung und vor allem dessen verführerischer Refrain unweigerlich betören. Was konnte ihnen Besseres glücken beziehungsweise passieren nach dem Labelwechsel von Drakkar ins tiefschwäbische Donzdorf? Sie hatten es geschafft. Geschafft, die eigene künstlerische Rezeptur zu perfektionieren. Mit massiven Opulenzen ausorchestrierte Aha-Momente zeichnen die gesamte Scheibe aus, wie beispielsweise im vierten Meisterstück „Planet Hell“, dessen hohe dramaturgische Dichte neben packenden Arrangementkünsten zu bestechen weiß. Genau so hört sich eben eine Symphonic Melodic Metal-Erfolgsband auf dem allerhöchsten Zenit ihres Schaffens an – stets (ziel)sicher in den eigenen Möglichkeiten, mutig für neue Songstrukturen und vor allem hochpräzise im punktuellen Zusammenspiel der kompletten beteiligten Instrumentalfraktion. Und so etwas glückt nur, wenn wirklich alle an einem Strang ziehen. Das so eine ergiebige Hochform einfach nicht zu duplizieren ist, steht außer Frage – die weitere viel beachtete Nightwish-Historie bestätigte es auf ebenso ereignisreiche wie spannende Weise.

 

Und weil ich gerade dabei bin - hier noch ein wenig Historie zum Thema an sich: Frauen als Sängerinnen beziehungsweise Musikerinnen und Künstlerinnen an sich im Metal sind seit nicht wenigen Jahren vollauf etabliert als auch größtenteils von den Fans akzeptiert. Das weiß jeder. Wovon allerdings eventuell nicht jeder ausreichend Kenntnis hat: Diese Musiksparte wurde anfangs ausschließlich von männlichen Protagonisten dominiert – weibliche Repräsentantinnen hatten in dieser zugespitzt maskulinen Testosteronwelt bis Anfang der 80er Jahre so gut wie nichts zu suchen. Die Initialzündung für eine ausschlaggebende Änderung kam – wie so oft bislang – auch hierzu aus den USA: Dort machte sich die aus Los Angeles stammende Heavy Metal-Band Bitch mit Frontfrau und Sängerin Betsy Bitch daran, die Geschicke im Schwermetall auch zugunsten zugeneigter Ladys zu modifizieren. 1983 erschien das Debütalbum „Be My Slave“, welches erst in Amerika, dann auch bei uns für großes Aufsehen sorgte – Bitch waren schließlich nachweislich die allererste Metal-Band mit Frontfrau überhaupt, die in den vereinigten Staaten einen Plattenvertrag erhielt.

 

Auch die mächtige Musikindustrie erkannte natürlich schnell, welches gigantische Plus in Sachen Umsatzzahlen entsprechend zurechtgemachte beziehungsweise mit laszivem Image versehene Metal-Amazonen bescheren konnten. Rasant erwuchs eine spezielle Anhängerschicht, die entsprechend versorgt werden wollte. Abhilfe wurde auch in Deutschland zügig von einigen wenigen Bands geschaffen, und nachfolgend war besagte Gleichberechtigung nicht mehr aufzuhalten. Es auch nicht lange dauern, bis dominanter weiblicher Gesangseinsatz im Gothic Metal zu hören war – bei den ersten Gehversuchen im Genre lediglich noch als femininer Counterpart zu all den bösen Grolltiraden der männlichen singenden Kollegenschaft zu hören, eroberten sich diverse Kehlenartistinnen nachfolgend die Rolle der Frontfrau. Erstmalig breitenträchtig etablierten sich mit ihren Liedern die Holländer The Gathering, welche der talentierten Anneke van Giersbergen 1994 diesen Posten zukommen ließen – was eine ganze Szene aufhorchen ließ. Solcherlei Vorgehen war ebenso ungewöhnlich wie belebend und vor allem interessant, schon allein wegen der Optik bei Live-Gigs.

 

Die Presse freute sich, denn solcherlei frisches Metierblut konnte profitabel auf vielen Ebenen vermarktet werden, eben auch auf den Titelseiten vieler damaliger Magazine. Nach drei Jahren wurden die Vorreiter von der Nachhut überholt – und dann war es endgültig soweit, dass die Welt vom Female fronted Gothic Metal Kenntnis nehmen sollte, ja, musste: Nightwish waren schuld. Sie debütierten 1997 mit ihrem vorzüglichen Langspielklassiker „Angels Fall First“ – die klassisch ausgebildete junge hübsche Sopranistin Tarja Turunen bescherte dieser Veröffentlichung weltweit einen wirklich sensationellen Erfolg. Ein regelrechtes Lauffeuer hatte begonnen sich auszubreiten: Im selben Jahr offenbarten auch die Kollegen Within Temptation ihr Erstwerk „Enter“, welchem einiger Erfolg, vor allem in der Heimat, beschieden war. Hauptsächlich Vokalistin Sharon Janny den Adel konnte mit ihren unter die Haut gehenden Leistungen Herzen im Sturm für sich einnehmen. Hierzulande damalig eher weniger beachtet, bauten sie ihre Erfolgsquote jedoch mit der 2004er Wiederveröffentlichung des opulenten Nachfolgers „Mother Earth“ beachtlich aus. Und tatsächlich manifestierte sich ganz speziell ab der Jahrtausendwende in vielen Hörerkreisen ein merklich ansteigendes Bedürfnis nach dieser bezaubernden Schöngeistermusik – während die omnipräsenten Massenmedien immer noch Schrecklicheres zu berichten hatten und der Metal an sich zeitgleich immer noch brutalere Züge annahm, sehnten sich auch immer mehr Fans inniglich nach träumerischer Romantik, betont angenehmer Emotionalität und etwas hoffnungsvollem Positivismus für die wenigen schönen Stunden des Alltags.

 

Weltweit machten sich bedauerlicherweise aber eher Abertausende von billigen Nachahmern und lästigen Plagiatoren an ihr ärgerlich halbherziges Werk, was alsbald zu einer inflationären Ausstoßweise von sich immer ähnlicher klingenden Ensembles führte. Bereits also schon wieder Gefahr im Verzug für ein noch relativ junges Genre! Die gigantisch hoch gewordene Female Gothic Metal-Flutwelle spülte beständig Newcomer ins Bewusstsein der Hörer – darunter auch die Österreicher Edenbridge, die neben überzeugenden Kompositionen mit Sabine Edelsbacher auch über eine attraktive Sängerin verfügten. Ein Lichtblick im Trüben. Sie gelten seither neben Visions Of Atlantis als landesbeste Stilistikvertreter.

 

So oder so – man hatte auf einmal die kleine Qual der übergroßen Wahl. Doch waren solche Bands überhaupt nicht mehr von der Bildfläche wegzudenken – darunter die noch heute sehr populären Repräsentanten Evanescence und Lacuna Coil. Interessant in diesem Kontext: Allmählich schmückten sich auch immer mehr Metal-Bands mit den bekannten Frontfrauen beziehungsweise deren Gastgesängen auf Alben, das nur bestätigte was viele ohnehin schon wussten: Die Zeit männlicher Vorherrschaft im Metal war längst vorbei. Doch vieles dabei stank stark nach Kommerz. Simultan zum ansteigenden und beständigen Erfolg der Genregrößen veränderte sich das Angebot der spezialisierten Versandhauskataloge – denn das, was die Stars auf der Bühne vorführten, das wollten sich natürlich auch unzählige Mädchen und Frauen weltweit anziehen. „Totaler Kitsch“, schätzten dies nicht wenige Fans nicht ganz zu Unrecht ein ... so dominierte neben den obligatorischen Darkwave-Düsterlooks auch ein nicht selten übertrieben sinnlicher und allzu augenfreundlicher Epochen-Mix aus Barock, Rokoko und spätromantischer Kleidungsanmut die erdrückenden Sortimente. Alles in allem konnte mit den Jahren die Zahl der Gesandtschaften leider schier nicht mehr überblickt werden. Die allerwenigsten Bands schafften es, sich dauerhaft zu etablieren, wenn überhaupt. Eine davon ist definitiv Leaves’ Eyes, die mit Sängerin Liv Kristine beständig Alben veröffentlichten – wozu man erwähnen muss, dass ohne die Vorarbeit, die Liv bei ihrer Vorgängergruppe Theatre Of Tragedy leistete, auch Leaves’ Eyes wohl lange nicht der heutige Erfolg beschieden gewesen wäre.

Das größte Pech aber überhaupt bislang hatten wohl Skyward: Denn deren selbstbetiteltes Jahrtausend-Debütalbum, veröffentlicht auf einem klitzekleinen französischen Independent-Label im Oktober 2005 und ganz im dynamisch-hochemotionalen Stile früher Nightwish-Glanztaten gehalten, bietet dermaßen fantastisches Songmaterial, dass man die inspirativen Originale, zumindest in der gegenwärtigen Form, beim Hören dieser magischen Zauberscheibe glatt vergisst. Kürzlich löste diese in vielen Belangen außergewöhnliche Edelband sich zu allem Unglück auch noch auf – aufgrund mangelnden Erfolgs, während sie das zweite Album schon fertig hatten. Zu einer Weltkarriere gehört eben auch im fraulich besungenen Gothic Metal mehr als nur gute Musik – nämlich unbedingter Durchhaltewillen und eine riesengroße Portion an echtem Enthusiasmus für die eigene Kunst.

 

© Markus Eck

(03.06.2010)