VINTERRIKET
„Lichtschleier“

(Flood The Earth) 9/10
Immer, wenn ich vollkommen entrückten und immens naturverbundenen Klängen von Vinterriket lausche, verliert die Realität jedwede Relevanz für mich. Ein untrügliches Qualitätskriterium, welches auch auf das vorliegende Weltflucht-Album „Lichtschleier“ zutrifft. Vollendet schöner und anmutiger Dark Ambient-Sound hoch erhabener Erscheinung, wie ihn in dieser speziellen hochatmosphärischen Erscheinungsform wohl nur ein einziges Lebewesen auf diesem geschundenen Planeten kreieren kann: Christoph Ziegler. Der betreibt nebenbei auch noch die Gruppenprojekte Atomtrakt und Nebelkorona. Zeitweise erschien stilistisch entsprechendes Material von Vinterriket auch mit misanthropisch klingender Vokalisierung, deutlich angesiedelt im stimmungsvollen Black Metal-Sektor. Und da gibt es so einige Klasselieder, von denen der ebenso bekannte wie umstrittene schwäbische Tonträgerverlag Black Attakk eigentlich einige als eine Art „Best Of“ schon seit Längerem veröffentlichen wollte. Doch nichts dergleichen tat sich bislang. Wir werden sehen beziehungsweise hören, was da noch kommt. Doch „Lichtschleier“ selbst ist mal wieder ein pures und unverfälschtes Ambient-Werk geworden, aber eben ein hochgradig authentisch wirkendes. Soll heißen, dass der Urheber es mit der akustischen Vielfalt seines Keyboards erneut gar meisterlich versteht, prächtige und ausladende Landschaften vor dem geistigen Auge des Hörers auferstehen zu lassen. Es gibt nur wenige Genre-Vertreter, denen dies immer wieder so dermaßen perfekt glückt.

So denkt man auch hier bei entsprechender Hingabe unweigerlich an abgeschiedene und düstere, zerklüftet-windige Täler zwischen endlosen nordischen Bergketten – oder beispielsweise an meterhoch schneebedeckte Steppengebiete, über die ein sanftes nächtliches Lüftchen feinsten Puderzuckerschnee weht. Es kommen mir während des andächtigen Lauschens auch kilometerweit reichende, scheinbar längst vergessene Winterwälder in den losgelösten Sinn, welche von tiefsten frostklirrenden Temperaturen mit fein verästeltem Raureif überzogen wurden. Bisweilen wähne ich mich gar auch auf einen sehr hohen Berggipfel mitten im Dezembermonat, mitternächtlich, kauernd sitzend – dabei mit überwältigendem Hochgenuss auf alles unter mir liegende hinabblickend, über mir Milliarden von gleißend hell funkelnden Sternen. Ja, auch bei diesem superben Langspieler erfährt man durch die träumerisch-surrealen Tonfolgen innigliche imaginäre Naturwahrnehmungen, wie sie einem realer nicht vorkommen könnten. Nur, an Menschen, da denkt man dabei überhaupt nicht – denn grandiose Hypnoseplatten wie „Lichtschleier“ helfen effizient dabei, diese mit peinlicher Schande beladene Spezis für einige Zeit zu vergessen. Um solcherlei Empfindungen in Vollendung auszukosten, empfiehlt es sich natürlich dringlich, das Gebotene mit Kopfhörer in sozialer Abgeschiedenheit bei geschlossenen Augen zu konsumieren. Die Wiederveröffentlichung dieser Spitzenscheibe steht übrigens gerade auf Displeased Records an, inklusive Bonus-Videoclip.

© Markus Eck

(09.01.2007)