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Interview: XANDRIA
Titel: Vorstoß in neue Bereiche

Seit dem 2014er Album „Sacrificum“ hatten sich die Anhänger der beflissenen Symphonic Metaller zu gedulden. Kürzlich traten die epischen Nordrhein-Westfalen an die Öffentlichkeit mit der Nachricht, am 27.01. ein neues Langwerk zu veröffentlichen.

Für „Theater Of Dimensions“ erweiterte das erfolgsverwöhnte Quintett um Sängerin Dianne van Giersbergen dem Titel gemäß das eigene Repertoire um reizvolle Facetten. Für Bassist Steven Wussow gestaltete sich sein persönliches 2016 insgesamt extrem spannend, aber auch ziemlich anstrengend, wie er wissen lässt.

„Neben Shows rund um den Globus haben wir uns noch so ganz nebenbei ein neues Album aus den Rippen geschwitzt. Aber es war die Mühe auf jeden Fall wert.“

Befragt, ob sich spezielle Hoffnungen und Erwartungen für seine Band 2016 größtenteils erfüllt haben, zuckt er zunächst milde lächelnd mit den Schultern.

„Ehrlich gesagt, habe ich mich von diesem Könnte/Hätte/Wollte/Sollte-Denken schon vor langer Zeit verabschiedet. Ich freue mich, wenn die Ideen, die wir haben, gut funktionieren. Ich verzweifle aber auch nicht, wenn mal etwas daneben geht. Wobei ich fairerweise behaupten muss, dass ich ziemlich zufrieden mit diesem Jahr bin. Alles andere wäre meckern auf sehr hohem Niveau.“

Der Dialog geht über zu mehr oder weniger berühmten Persönlichkeiten, die den Mann in den letzten zwölf Monaten so richtig begeistern konnten.

„Ob die Idealisten aussterben? Nein! Sonst wäre keiner von uns hier. In erster Linie ziehen wir alle doch los, schreiben Songs, spielen Konzerte oder schreiben Bücher, damit wir den Leuten etwas geben können, das ihnen etwas bedeutet. Ob es dabei nur um eine paar schöne Stunden oder gar etwas Lebens-veränderndes gehen soll, ist für mich eher zweitrangig. Das alles geschieht aus einem gewissen Idealismus heraus. Und um sein Innerstes in Songs, Texten, oder auf der Bühne nach außen zu kehren, sollte man schon ein bestimmtes Maß an Mut und Unerschrockenheit mitbringen. Daher sind es auch genau diese Menschen, welche diesen steinigen Weg gehen, die mich immer wieder am meisten beeindrucken.“ Das schönste, leibhaftig erlebte Festival 2016 durfte der Schrubber der dicken Saiten im brasilianischen Sao Paulo erleben, erzählt er mit strahlendem Gesicht. „Und bei diesem Epic Metal Fest ging die Post mächtig ab! 3.000 komplett Verrückte, welche die Halle in eine Art ausverkauftes Fußballstadion verwandelten. Unfassbar schön!“

Zu seinen wichtigsten Vorhaben für 2017 zählt ganz klar das neueste Xandria-Album „Theater Of Dimensions“. „Es erscheint am 27.01.2017. Und das bedeutet, dass das gute Stück auch einen Großteil meines Jahres 2017 bestimmen wird. Viele, viele Shows, viele Reisen und neue Abenteuer. [lacht] Und dass ich dabei gesund bleiben will und muss, versteht sich ja quasi von selbst. Sonst funktioniert das Ganze nicht.“

Was treibt Xandria immer noch am meisten zum eigenen Schaffen an? „Ich denke, es ist der eigene Ehrgeiz, mit jedem Album einen Schritt weiter zu gehen um den Vorgänger zu übertrumpfen. Ob uns das aktuell geglückt ist? Frag’ mich in zwei Jahren nochmal“, verlässt es den Mund des Bassisten mit entschlossenen Worten unter einem herzlichen Lachen.

„Ich höre die neuen Songs in Vorbereitung auf die anstehende Tour immer noch jeden Tag, sodass mir doch etwas der Abstand fehlt. Dass sie mir aber noch nicht zu den Ohren rauskommen und ich die Lieder immer noch tierisch finde, ist aber definitiv ein gutes Zeichen.“

Seit der Veröffentlichung des 2014er Vorgängeralbums „Sacrificium“ haben Xandria 150 Shows auf der ganzen Welt gespielt.

„Das hielt uns eigentlich am meisten auf Trab. Das neue, 2017er Album lief, ohne das es sich jetzt komisch anhören soll, so nebenbei mit. Gestartet sind wir bereits Anfang 2015 mit den ersten Vorbereitungen. Aber wirklich aktiv haben wir erst Ende 2015 beziehungsweise Anfang 2016 damit begonnen, am Album zu arbeiten.“

Auf die Album-Pause von drei Jahren angehauen, lässt Steven voller Energie im Stimmfall keine Sekunde Redestopp einhergehen.

Er zieht voller Selbstwertgefühl vom Leder:

„2015 kam ja dann die ‚Fire & Ashes‘-EP, die mit 35 Minuten auch schon fast Longplayer-Niveau hat. Wäre uns dann dieses ominöse Weihnachten nicht dazwischen gekommen, hätten wir es sogar noch dieses Jahr geschafft ‚Theater Of Dimensions‘ rauszuhauen. Also doch eher drei Alben in fast drei Jahren! [lacht lauthals] Aber mal Spaß beiseite: Wir platzen fast vor Neugier und können es schier nicht abwarten, was die Leute zum neuen Album sagen werden. Es steckt wirklich unfassbar viel Herzblut in unserem kleinen Meisterwerk.“

Bei der Songauswahl für das neue Album sind Xandria abermalig in Gemeinschaft vorgegangen. Und das war auch sehr gut so, wie Steven findet. Er blickt zurück:

„Wir hatten diesmal in der Tat wesentlich mehr Songs in Demoform zur Verfügung als jemals zuvor. Die Entscheidung, welche aufgenommen und welche beiseite gelegt werden, haben wir, wie immer, versucht demokratisch zu treffen.“

Bei ein bis zwei Nummern gab es aber doch Meinungsverschiedenheiten. „Diese hat dann unser Produzent jedoch weise und höchst erfolgreich geschlichtet.“ Die Fans wird auch diese Info freuen: „Die übrig geblieben Songs werden aber auf keinen Fall weggeworfen. Die wandern vorerst einmal ins Archiv.“

Generell versuchen Xandria, verdeutlicht der Bassist, sich mit jedem Album weiterzuentwickeln. „Wir möchten eine gesunde Evolution zulassen, ohne uns dabei selbst zu verleugnen. Heißt, die speziellen Elemente wie epische Longtracks, Powerballaden, Rocker und schnelle Power Metal-Hymnen, die jeder an Xandria liebt, sind auch wie immer dabei. Wir haben das Ganze ‚nur‘ aufs nächste Level gehievt. Statt einem normalen Longtrack haben wir dieses Mal mit dem Titeltrack eben einfach eine 15-minütige Minioper gemacht. Eine harte Nummer wie ‚We Are Murderers‘ erscheint durch Björns Gastbeitrag gleich noch eine ganze Ecke deftiger. Und ich glaube, so nah wie in ‚Burn Me‘ und ‚Forsaken Love‘ waren wir, im positiven Sinne, der Popmusik auch noch nie. Es darf sich also jeder, wie man so schön sagt, auf einen Strauß bunter Melodien, der zugleich Xandria pur ist, freuen.“

So hat sich Björn ‚Speed’ Strid von Soilwork gerne als Vokalist mit einbringen lassen.

Angereichert wird „Theater Of Dimensions‘ darüber hinaus durch weitere Gastbeiträge von Henning Basse (Firewind), Zaher Zorgati (Myrath) als auch Ross Thompson von Van Canto.

Es folgt Grundsätzliches: „In erster Linie müssen wir selbst mit dem zufrieden sein, was wir da tun. Wenn wir nicht zu 200 % hinter den Platten oder Shows stehen, wie sollen wir dann von allen anderen erwarten, dass sie es gut finden? Die Antwort auf das gute alte ‚Warum macht ihr das?‘ lautet daher schlicht ‚Ganz einfach, weil wir allesamt Bock drauf haben!‘“, entgegnet der Mann.

Als es an die Ausleuchtung des Hintergrundes zum neuen Titel „Theater Of Dimensions“ geht, gerät Steven erneut in schwungvollen Redefluss. „Das Album wurde zwar, ganz klar, nach unserer ‚Minioper‘ ‚A Theater Of Dimensions‘ benannt, sinngemäß kam die Idee aber eher aus einer anderen Richtung. Wir haben uns lange den Kopf über einen möglichen Titel zerbrochen. Irgendwie blieben wir aber immer wieder an ‚Theater Of Dimensions‘ hängen. Aber eher aus dem Grund, dass das Album wirklich breit aufgestellt, oder wie schon erwähnt, stilistisch sehr ‚bunt‘ ist. Ein ganzes Theater verschiedener musikalischer Dimensionen eben.“

Der neue Albumtitel lädt schlagartig zur Interpretation ein. Haben gewisse innovative bis mutige Dimensionen in die Musik Einzug gehalten? Da steigt die Spannung: „Für Xandria-Verhältnisse auf jeden Fall. Wir versuchen immer wieder, unsere eigenen Grenzen, im spielerischen, wie auch im Songwriting, auszuweiten oder auch mal zu einzureißen. Stillstand bedeutet Tod.“

Angeregt wird der Titel des Songs „We Are Murderers (We All)“ diskutiert, als die Frage des Autoren aufkommt, ob damit der industrielle Tiermord der Nahrungsmittelindustrie angeklagt wird.

„Ja, natürlich. Und nein, eigentlich nicht“, platzt es impulsiv aus Steven heraus.

„Es geht hier um die generelle Attitüde, die die Menschheit an den Tag legt. Jeder möchte alles haben. Kosten darf das Ganze nichts. Jeder möchte alles sein. Dafür tun möchte er oder sie wiederum auch nichts. Diese Gier und Stumpfsinnigkeit frisst uns über kurz oder lang auf. Wo bleibt die Gier nach Wissen, danach, wie man Dinge nachhaltig und für alle zum Funktionieren bringt? Wie man Krankheiten wirklich heilt, oder unsere Umwelt vor uns selbst schützt? Wer übernimmt die Verantwortung oder interessiert sich überhaupt für die nächsten Generationen? Die Antworten darauf wird jedoch keiner auf Facebook, RTL II oder in der BILD finden. Und solange kein flächendeckendes Umdenken stattfindet, geht der freie Fall eben weiter. Anyway, wie man das Ganze für sich interpretiert, ist einem wie bei dem Großteil der neuen Lyrics selbst überlassen. Das finde ich übrigens gerade das Spannende daran.“

Was die hauptsächlichen Inhalte des neuen Xandria-Langdrehers anbelangt, so entstammen die Inspirationen dazu gleichermaßen diversen Fiktionen wie sie auch reale Bezüge haben.

„Wir haben wieder einige sehr kritische Geschichten, wie zum Beispiel im erwähnten ‚We Are Murderers‘ dabei. Mir persönlich ist das Stück sehr wichtig, da mich diese Themen sehr beschäftigen. Besser als es unser Gitarrist Marco Heubaum hier getan hat, hätte ich es nicht in Worte fassen können! Aber es gibt auch sehr persönliche Songs. Und solche, die man, wie ‚Ship Of Doom‘, vielleicht nicht ganz so bierernst nehmen sollte. Am Ende des Tages bleibt die Interpretation der Lyrics eben komplett den Hörern überlassen. Wir geben lediglich die Denkanstöße.“

Das Zusammenbringen des vorangegangenen Ideenflusses für die neuen Kompositionen kommentiert Steven wie folgt: „Marco startet meistens mit einer ersten Idee, die er dann zu unserem Produzenten Joost ins Studio bringt. Dort entsteht nachfolgend ein rohes Demo, das via E-Mail an den Rest der Band geht. Dann startet jeder mit seinen eigenen Parts und steuert noch so lange Ideen zu Arrangement und Melodielinien bei, bis wir an einem Punkt angelangt sind, an dem wir einen fertigen Song vorliegen haben.“

Zusammen geprobt werden die Lieder von der Band witziger Weise, so der Bassist, aber erst nach dem Abschluss der Produktion. „Das hat auch seine Vorteile. Die Studioarbeit zwingt einen zum genauen, pingeligen Arbeiten. Im Proberaum schleichen sich viel schneller Schludrigkeiten ein, da sich jedes Instrument im Lärm mal eben kurz verstecken kann. Im Studio dagegen gibt’s nur die nackte Wahrheit. Geschummelt wird nicht“, lässt er schallend lachend wissen.

Höhen und Tiefen im kreativen Prozedere wurden durch den beschriebenen Austausch gemeistert.

„Wenn einer kreativ nicht weiterkommt, an einer bestimmten Stelle hängt, fragt er einfach einen Kollegen, lässt ihn mal drüber hören und nachdenken. Meist ist dann die passende Idee schon mit dabei und es kann weitergehen.“

Das gesamte Songwriting und Ausarbeiten des neuen Materials für „Theater Of Dimensions“ nahm konkret circa sechs Monate in Anspruch.

„Marco sammelt eigentlich immerzu Ideen und werkelt an Songs. Also zähle ich das jetzt mal nicht mit.“

Für die Zusammenarbeit zur neuen Veröffentlichung gingen alle Bandmitglieder zum wiederholten Male Hand in Hand, wie der Gesprächspartner es frohgemut formuliert. „Bei uns hat - neben den rein musikalischen Belangen - jeder seinen Fachbereich, den er oder sie betreut. Der eine kümmert sich um die logistischen Vorbereitungen, der nächste um den Papierkram, während die anderen die Presse- und Promo-Abteilung bilden.“

Xandria sind nach der Firma Drakkar seit 2012 anhaltend bei Napalm Records unter Vertrag. Wie steht die Formation dem Musikgeschäft mittlerweile gegenüber, nach all den Erfahrungen? „Wir haben mit Napalm einen optimalen Partner an unserer Seite. Man respektiert und schätzt sich nicht nur geschäftlich und künstlerisch, sondern auch persönlich. Und das ist etwas, was speziell heutzutage absolut nicht selbstverständlich ist. Klar sind die goldenen Jahre wohl vorbei. Ich denke jedoch, dass vieles auch schlechter geredet wird, als es ist. Den einen Weg zum sogenannten Erfolg gibt es meiner Meinung nach sowieso nicht. Jeder sucht sich heutzutage seine für ihn funktionierende Arbeitsweise.“

Für viele Fans und Follower sieht es ganz danach aus, als ob Dianne sich mittlerweile nicht nur sehr gut in die Band eingelebt hat, sondern auch als Konstante wirken wird.

Steven kann da nur freudig zustimmen.

„Irgendwie fühlt es sich so an, als wäre alles schon immer genau so gewesen, wie es jetzt ist. Dianne war und ist unser fehlendes Puzzleteil. Sie ist also definitiv eine Konstante! Wir haben ein sehr familiäres Verhältnis. Dianne, die Jungs und unsere Crew sind für mich eine zweite Familie geworden. Man lacht, streitet, feiert, weint, kämpft und lebt zusammen. Diese Typen haben sich in den letzten Jahren in den Kreis meiner engsten Freunde und Vertrauten geschlichen. Einfach so. Und auch in kreativer Hinsicht kann Dianne, wie auf ‚Fire & Ashes‘ schon angedeutet, auf dem neuen Album endlich all das zeigen, was in ihr steckt. Als sie zur Band stieß, waren die Songs für ‚Sacrificum‘ bereits fertig. Sie musste daher mit dem arbeiten, was da war und eigentlich nicht direkt für ihre Stimme geschrieben war. Sie hat dennoch einen Wahnsinnsjob abgeliefert. ‚Theater Of Dimensions‘ legt da aber noch einige Schippen drauf. Aber hört selbst.“ 


© Markus Eck, 02.12.2016

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