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Interview: WOLFCHANT
Titel: Aus dem Wald

Wie schon mittels meines vorhergehenden Interviews zu lesen war, schickt sich derzeit eine musikalisch sehr potente Newcomer-Truppe an, mit ihrem hochmelodischen und betont epischen Pagan Metal die Herzen der entsprechenden Hörer-Klientel im Sturm zu nehmen.

Als wirkungsvolles exekutives Instrument dazu dient der beherzten fünfköpfigen Tannenhorde aus dem malerischen Bayerischen Wald das gerade erscheinende Debütalbum „Bloody Tales Of Disgraced Lands“, ein mitreißendes Heidenwerk.

Erfüllt von enorm spielfreudig tosenden Gitarren-Gewittern und herrlich rüden Gesangsattacken gehässig verbissener Natur, welche zwischen anhaltenden Detonationsserien von hochexplosiven Trommelrhythmen lust- und machtvoll inszeniert werden. In den einschlägigen Medien wurden Wolfchant bis jetzt immer nur als „bayerische“ Band erwähnt – doch wo genau kommen diese fünf Idealisten denn nun her?

„Das Dorf, in dem wir leben, grenzt direkt an den Nationalpark des Bayerischen Waldes. Rundum gibt es Quadratkilometer große Waldflächen und eine Vielzahl von Bergen. Nicht weit entfernt gibt es eine Rekonstruktion eines heidnischen Dorfes in dem die alten Feste noch groß gefeiert werden. Es ist also kein Klischee, dass wir `mitten im Wald` wohnen, wie es mittlerweile schon von ein paar Leuten in Erwägung gezogen wurde“, entgegnet der bissig singende Fronthüne Lokhi eingangs.

Das aktuelle Debütalbum „Bloody Tales Of Disgraced Lands“ ist ja ein Konzeptalbum. Die Texte haben bei Wolfchant daher einen hohen Stellenwert:

„Neben den Liedtexten gibt es auch noch eine Geschichte, welche ab Veröffentlichungs-Datum mit allen Zusammenhängen der einzelnen Songs frei zum Download auf unserer Internetseite angeboten wird. Es ist die Geschichte über ein friedlich lebendes Volk das wegen seines heidnischen Glaubens, über Nacht vom Nachbarsland überfallen und über Jahre hinweg grausam unterdrückt wird. Nach einigen Jahren der Flucht beginnt eine kleine Gruppe von Widerstandskämpfern gegen die übermächtigen Besatzer, den `Clan Of Cross`, zu rebellieren, um ihr Land und die Freiheit zurück zu gewinnen. In diese Geschichte haben wir immer wieder auch aktuelle Thematiken mit einfließen lassen. Das Hauptthema ist sicherlich der Glaubenskonflikt, der ja wie bekannt auch heute noch viele Menschenleben einfordert. Da wir aber grundsätzlich fröhliche Gesellen sind, spielen auch diverse Feierlichkeiten sowie der Verzehr von Bier und Met eine große Rolle neben den ganzen Schlachten in unseren Songtexten. Die 13 Tracks auf der neuen CD stellen jeweils eine wichtige Station unserer Helden dar. So haben wir bewusst darauf geachtet, dass die Melodien und Abläufe der einzelnen Songs der Stimmung der jeweiligen Situation gerecht werden. Gerade deswegen ist „Bloody Tales Of Disgraced Lands“ ein sehr abwechslungsreiches Album geworden. So ist natürlich von epischen Schlachthymnen bis zu fröhlichen Trinkliedern alles mit dabei.“

Alle Songs auf „Bloody Tales Of Disgraced Lands“ sind laut Lokhi neu entstanden.

„Wir wollten nicht Sachen aus alten Tagen wieder aufwärmen, weil es irgendwie für die Besitzer unserer Demos dann nicht den Anreiz gäbe, sich das neue Album zuzulegen.“

Auf ihren vorhergehenden Demos spielten die fünf Bayern einen vergleichsweise ruppigen Sound mit eher wenig Melodien.

„Dies resultierte unter anderem daraus, dass wir uns für die Demos nicht genug Zeit genommen hatten, weil es immer einen Grund zur Eile gab. Für unser Debütalbum haben wir uns von der Komposition bis zur Produktion ein ganzes Jahr Zeit gelassen. Was man den Songs auch anhört. Diesmal sind sie viel eingängiger, haben mehr ausgefeilte Melodien und sind viel reifer als in älteren Tagen.“

Bei der Aufnahme dazu musste das Quintett leider viele Abstriche machen, da bei ihnen in der Nähe kein Studio ist und sie auch nicht genügend Geld für einen längeren Studioaufenthalt aufbringen konnten, so der Vokalist.

„So haben wir die Songs über einen langen Zeitraum eigenständig produziert. Als wir dann genügend Geld zusammen hatten, haben wir alles im Schallzeitstudio in Landshut mischen und mastern lassen. Ich kann Bands, die nicht wissen wohin, auf jeden Fall raten, sich das dort mal anzusehen. Das nächste Album werden wir aber auf jeden Fall komplett im Studio aufnehmen, um eine richtig fette Produktion zu erhalten.“

Wie Lokhi dem anknüpft, hat die Band momentan wieder angefangen gedanklich am neuen Album zu arbeiten. „Es gibt bereits ein paar ganz gute Ansätze und ein paar Demos für die neue CD sind auch schon in unserem kleinen Studio aufgenommen worden. Genaueres wollen wir dazu aber noch nicht sagen, außer dass das Album wahrscheinlich „A Pagan Storm“ heißen wird. Wir haben mit der musikalischen Richtung, die wir jetzt eingeschlagen haben, den für uns richtigen Weg gefunden und werden diesen auch weitergehen. Wobei für uns aber natürlich auch eine gewisse Weiterentwicklung wichtig ist.“

Wir sprechen im Weiteren darüber, welche Bands für den Sound von Wolfchant als Vorbilder dienten. Lokhi bekennt: „In diesem Zuge werden wohl am besten Mithotyn, Enslaved, Windir, Bathory, Thyrfing, Einherjer, Blind Guardian, Cruachan, Dubliners, Moonsorrow, Manowar und noch einige andere genannt.“

Wie bei so vielen anderen metallischen Musikrichtungen, so gibt es auch im Pagan- und Heathen Metal etliche Poser-Bands, die nur auf den fahrenden Zug aufgesprungen sind.

Mich interessiert daher, wie Wolfchant sich selbst sehen – und welche Pagan Metal-Bands ihrer Meinung nach „echt“ sind? Lokhi stellt klar:

„Als Mitläufer würden wir uns natürlich absolut nicht bezeichnen, und auch nicht als Jungspunde. Ich denke, da bin ich mit meinen 27 Jahren weit darüber hinaus“, gibt der Sänger herzhaft lachend zu Protokoll.

Schlagzeuger Norgahd klinkt sich in die Diskussion ein.

„Wir betreiben unsere Musik schon mit dem nötigen Ernst. Schon allein durch die Tatsache, dass wir praktisch im Wald wohnen, sind wir sehr naturverbunden und dieser Thematik noch zugänglicher. Die Tatsache, dass es solche `unechten` Bands gibt ist nicht von der Hand zu weisen. Wir werden uns aber hüten, Bands zu verurteilen und wollen dies ehrlich gesagt auch nicht tun.“

Lokhi ergänzt seinen Bandkollegen:

„An der Pagan Metal-Szene selbst gibt es für uns nichts Schlechtes da wir sonst in dieser nicht tätig wären. Lediglich ist die Tatsache zum Kotzen, dass diese Szene von dem einen oder anderen dazu benutzt wird, um rechtsradikales Gedankengut an Unwissende zu verbreiten. Noch schlimmer ist dann die Übertragung von irgendwelchen stupiden Ignoranten auf die gesamte Szene. Wolfchant sind schließlich eine in jeder Hinsicht unpolitische Band und wir finden, dass Politik oder politische Statements, egal welcher Art, im Metal nichts verloren haben.“

Wie der Frontmann anschließend verrät, entstand der Wunsch, sich als Band in Richtung heidnischem Schwermetall weiterzuentwickeln, erstmals im Sommer 2003, als Wolfchant sich mit anderen Bands noch einen Proberaum geteilt haben.

„Immer wieder mal sind wir abends bei einem Bierchen zusammen gesessen und haben darüber gesprochen, Musik mit Folk-Einflüssen und traditionellen Instrumenten zu machen. Der heidnische Gedanke und das Interesse an den alten Mythen und Erzählungen war bei uns auch schon lange vorher immer ein Gesprächsthema, so war von Anfang an klar, dass auch unsere Texte von dieser Thematik handeln sollen. Nach ein paar Wochen haben wir dann Nägel mit Köpfen gemacht und haben uns, damals noch zu viert, im Proberaum getroffen. Wir haben ab dem ersten Ton gespürt, dass die Chemie zwischen uns stimmt, und so entstand auch ziemlich schnell das erste Demo „The Fangs Of The Southern Death“.“

Dann philosophieren wir darüber, was das Thema Heidentum für die Band im Speziellen bedeutet und was genau sie daran so sehr fasziniert.

Lokhi expliziert daher im Folgenden, wie genau Wolfchant ihre Einstellung „leben“.

„Heidentum bedeutet für mich in erster Linie Freiheit, denn in der heidnischen Tradition wird niemanden vorgeschrieben, was er zu denken hat, dies ist ja speziell im Christentum ganz gegenteilig. Im Weiteren bedeutet es für mich die Rückbesinnung auf die Natur und ihre Werte sowie die einfachen Dinge des Lebens wieder etwas mehr schätzen zu lernen. Fasziniert hat mich von Anfang an der Gedanke, sein Leben so leben zu können wie man es selbst für richtig hält – neben der Lebenseinstellung natürlich auch all die Mythen und Geschichten und was man daraus für sich selbst lernen kann. Wir feiern natürlich mit Freunden und gleich gesinnten Bekannten traditionell die alten Feste wie das Julfest. Auch mit dem bei uns angesiedelten alten Keltendorf planen wir dieses Jahr 2006 eine Aktion, welche heidnische beziehungsweise keltische Bräuche und Musik zu einer schönen Veranstaltung verbindet. Natürlich pflegen wir auch über das Land verteilt Freundschaften und treffen uns immer wieder.“

Am Anfang gingen die fünf Musiker den traditionellen Weg und haben sich Bücher gekauft, um an Informationen zum Heidentum heranzukommen. Lokhi:

„Das machen wir zwar heute noch, aber man findet ja auch unzählige Informationen im Internet. Wir tauschen uns immer wieder gerne in verschiedenen Diskussionsforen aus beziehungsweise sprechen mit Gleichgesinnten. Was aber nicht heißen soll, dass wir uns Tag und Nacht nur über Heidentum oder Religionen unterhalten. Einen großen Teil der gemeinsamen Zeit verbringen wir damit über Kleinigkeiten oder irgendwelchen Schwachsinn zu diskutieren“, platzt es schallend lachend aus dem erzählfreudigen Gesangsmann heraus.

Der Diskurs tendiert anschließend in die Richtung, ob die Menschen der heutigen Zeit nach Meinung der Band für sich und ihre spirituelle Entwicklung aus den alten Heidenmythen, -Philosophien und -Weisheiten etwas lernen können.

Laut Lokhi kann man auf jeden Fall etwas aus den alten Mythen lernen. „Natürlich wird da jeder etwas anderes finden. Um ein Beispiel zu nennen: Den `schlechten` Menschen gibt es erst seit dem Christentum. Vorher gab es kein Gut und Böse. Auch könnte man sich wieder mehr auf seine Umwelt besinnen und diese nicht immer weiter zerstören. Wenn denn nun nicht die Kirche die stetig gesammelten Spendengelder und Steuern für die Hilfsbedürftigen verteilen würde, gäbe es wahrscheinlich auch mehr Essen und weniger Bibeln für eben diese Menschen.“

Neugierig bin ich auch darauf, wie wohl die Bewohner der Heimatgemeinde unserer Helden auf die Tatsache reagierten, dass Wolfchant im eigentlichen Sinne „antichristlichen“ Pagan Metal spielen. Sehr unterschiedlich, so Lokhi:

„Es gibt hier so einige Leute, die nicht verstehen, wie man sich in aller Öffentlichkeit vom Christentum und der Kirche lossagen kann, um dann seinen eigenen Weg zu gehen. Eigenständiges Handeln und Denken oder eine eigene Meinung sind da sehr unerwünscht. Solche Leute versuchen immer wieder, uns zu `bekehren`“, grinst er.

„Der Großteil der Leute, die wir kennen, steht aber hundertprozentig hinter uns, und unterstützt uns tatkräftig bei unseren Vorhaben. Gerade die jüngere Generation schaut mit großem Interesse auf das was mir machen. Wir erklären beziehungsweise begründen den Leuten hier unser Tun damit, dass der allerwichtigste Grund für uns, dies alles zu machen, mit Sicherheit die Freude an der Musik ist. Dass wir dann mit der Musik diverse heidnische Mythen und Geschichten verbreiten beziehungsweise erzählen können, rundet das alles wunderbar ab. Eine weitere wichtige Antriebskraft für Wolfchant ist sicherlich auch der Hass auf die verfluchte Kommerzgesellschaft und wie oben bereits erwähnt, die Engstirnigkeit der Kirche mit ihren veralteten Dogmen. Sich nicht von den Medien oder irgendwelchen Predigern beeinflussen zu lassen, sondern selbständig zu Handeln und zu Denken, dass ist die Botschaft die wir weitergeben wollen.“

Das größte Problem, dass die fünf Wolfsbrüder bis jetzt dabei hatten, war der Verlust ihres Proberaums vor circa einem Jahr. Lokhi erinnert sich daran mit gerunzelter Stirn und blitzartig entstehenden Sorgenfalten zurück.

„Da einigen Leuten nicht gefallen hat, was wir machten, hat man uns unter Angabe irgendwelcher Gründe dieses Raumes verwiesen. Wenn ich mich noch richtig erinnern kann, sollte dort eine Art Museum für den Heiligen Oswald entstehen. Was vielleicht noch interessant ist: Unser alter Proberaum war ein ehemaliger Pfarrsaal.“ So zählt man eben eins und eins zusammen.

Wie der wortgewandte Sänger dann abschließend informiert, gibt es in der Gegend seiner Heimat zwar viele Bands die Metal spielen, aber eine artverwandte Horde findet man dort nicht. „Ganz in der Nähe existiert eine Einmann-Band mit dem Namen Nordfrost: Gefällige heidnische Musik, die man allerdings nicht direkt mit Wolfchant vergleichen kann.“

© Markus Eck, 02.01.2006

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