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Interview: WIZARD
Titel: Mit purem Metal im Blut

Deutscher Power Metal wird international noch immer viel zu viel belächelt. Massive Abhilfe dieses leidigen Zustandes sollte das neue Studioalbum der linientreuen Teutonen-Crew um Ausnahmesänger Sven D´Anna schaffen. Denn mit „Goochan“ hat die bereits langjährig aktive Truppe ein wirkliches Klassewerk dieser Richtung erschaffen, an dem Kraftstahl-Liebhaber ihre helle Hörfreude haben sollten.

Wahrlich, nur allzu selten hat man aus hiesigen Gefilden solcherlei energische, dynamische und durchdacht melodische Schwermetallkunst gehört. Erfüllt mit aggressiven Gitarrenduellen vom Feinsten, wild galoppierenden Schlagzeugritten, mächtig pumpenden Bassläufen und erhebend heroisch vokalisiert von einem Sänger, dessen austrainierte Stimmbänder sämtlichen Tonlagen scheinbar spielend gewachsen sind.

„Goochan“ ist ein Konzeptalbum und Sven expliziert mir hierzu:

„Die Idee hierfür hatte unser Bassist Volker. Er hat sich schon immer gewünscht mal eine eigenständige Fantasiegeschichte zu kreieren. Nach Abschluss der Arbeiten an unserem letzten Album „Magic Circle“ hat er sich rangesetzt und angefangen Songs zu schreiben. Insgesamt haben wir für das Songwriting und die Vorbereitungen für die Aufnahmen zwei Jahre benötigt. In dieser Zeit haben wir sehr wenig live gespielt und uns überwiegend auf das Album konzentriert. Ich finde die Arbeit hat sich sehr gelohnt.“

Seine kurze Erläuterung zur erwähnten Konzeption: „Die Erde ist von Außerirdischen infiltriert. Die Menschen stehen unter deren Kontrolle und betrieben Raubbau an der Natur. Die Außerirdischen benötigen die Ressourcen, damit ihr eigener Planet überleben kann. Nur eine Magierin namens Goochan ist nicht besessen und führt den Widerstand an. Die gesamte Story wird es ab April zusätzlich als Taschenbuch geben. Was somit daraus schließen lässt, dass sich der Texter mehr als nur Gedanken über die Lyrics gemacht hat. Ist auf jeden Fall eine geniale und interessante Story und sehr schön geschrieben noch dazu.“

Da hake ich doch gleich mal nach. Sven singt über Drachen, aber auch über Krieger und Helden, die für „ihre“ Sache bedingungslos einstehen. Wie aber steht der Sänger wiederum der „modernen“ Gesellschaft gegenüber, beziehungsweise was beobachtet er an seinen Mitmenschen so alles, was ihn entweder freut, belustigt oder ärgert?

Ich frage ihn darum, ob er mir darin zustimmt, dass die massenmediale Volksverblödung der gleichgeschalteten globalen Systemmedien nie geahntes, beeinflussendes Ausmaß angenommen hat? Ich meine damit nicht nur die Werbung, sondern auch die auffallend gleichgeschalteten Nachrichten, die gewisse Dinge entweder hochschaukeln oder andere wiederum einseitig darstellen und manche gar komplett übergehen. Sven, wie soll man da noch an Helden glauben?

„Es geht wie gerade vorhin beschrieben nicht nur um Krieger, Drachen etc. Wenn man sich die Texte der Scheibe beziehungsweise das Buch vornimmt, wird man im Kontext sehr viele Übereinstimmungen mit der heutigen Zeit finden. Bitte bedenke, auch in Fantasietexten findet man zwischen den Zeilen eine Menge Wahrheit und Jetztzeit. Dass unsere Gesellschaft verblödet – da muss ich Dir leider Recht geben. Mich stört diese Gleichgültigkeit die der Grossteil der Menschheit mit sich trägt. Immer weniger Menschen sind in der Lage Verantwortung für sich und die Umwelt zu tragen und das kotzt mich an. Das Fängt bei den Lehrern an und hört bei den Politikern auf. Allerdings gibt es für mich auch sehr viele Helden auf dieser Welt – viele findet man im ganz normalen Alltag wieder.“

Die Aufnahmen zum aktuellen Langspieler entstanden im House Of Music Studio in Stuttgart. Der Vokalist resümiert: „In Zusammenarbeit mit Dennis Ward von Pink Cream 69 haben wir die neuen Songs in kürzester Zeit eingezimmert. Auf Grund der hohen Studiokosten mussten wir von der ersten bis zur letzten Sekunde durcharbeiten um das Album überhaupt auf Band zu bekommen. Du kannst dir sicher leicht vorstellen, dass da nicht viel Zeit für irgendwelche Gefühle war. Zum Glück waren wir alle sehr gut vorbereitet – ansonsten wäre uns dieser Output sicherlich nicht so gut gelungen.“

Sven persönlich hat nach dem Studioaufenthalt erstmal drei Tage geschlafen, wie er vor mir zugibt. „Mein Kopf tat weh und das Fleisch war ausgesaugt. Aber ich war heilfroh, dass letztendlich alles so geworden ist wie ich es mir vorgestellt habe. Die Zusammenarbeit mit Dennis basierte auf rein professioneller Basis. Wie schon erwähnt blieb leider nicht viel Zeit für Privates. Man konnte aber sehr gut mit ihm arbeiten, er war sehr umgänglich, aber eher von der ruhigen Sorte. Ich hoffe sehr dass wir unser nächstes Album wieder in Stuttgart, zusammen mit Dennis aufnehmen können. Wir sind sehr zufrieden mit dem vorliegenden Ergebnis.“

Ich frage den auskunftsfreudigen Shouter anschließend ganz überraschend nach seinen innersten Gefühlen, welche er verspürt, wenn er an die neuen Wizard-Lieder und ihre zahlreichen Hörer denkt! Die Antwort liest sich entsprechend interessant:

„Ich habe ein Grummeln im Bauch. Ha, das fühlt sich teilweise so an als wäre man frisch verliebt! Es ist wie eine innerliche Befriedigung – die Ruhe kehrt zurück und nun ist genießen angesagt. Wenn man noch alles vor sich hat wie beispielsweise die Aufnahmen, das Organisieren etc, dann staut sich eine Menge Stress und Druck im Bauch. Das ganze fällt ab, wenn ich jetzt in meinem Keller sitze bei einem feinen Glas Jacky und „Goochan“ aus den Boxen knallt. Ab und zu reiße ich die Regler hoch und bange mir allein die Birne vom Hals, wenn das mal jemand sehen würde“, lacht er lauthals los, und knüpft an:

„Es ist einfach so geil wenn alles passt, ich habe dieses Mal wirklich gar nichts zu meckern. Alles ist so geworden wie ich es mir vorgestellt habe und das ist wirklich ein geiles Gefühl. Ich habe bis jetzt noch nicht darüber nachgedacht was die Leute da draußen wohl empfinden. Ich meine in erster Linie mache ich das alles für mich selbst. Wenn andere die Musik die ich mache auch toll finden und sich damit identifizieren können, finde ich das natürlich schön. Ist ja auch für das Selbstbewusstsein eine feine Sache, aber ein Muss ist das nicht in meinen Augen. Ich weiß, dass man nicht jeden zufrieden stellen kann, darum versuche ich mich immer selbst zufrieden zu stellen und das habe ich mit der neuen Platte gemacht. Auch wenn wir keinen Plattenvertrag hätten, würden wir weiterhin Metal machen. Es spielt einfach keine Rolle, ob nur wir unsere Musik mögen oder 50.000 andere Hörer. Was das betrifft sind wir sehr unabhängig und ehrlich – denn wir müssen in keiner Weise von der Musik leben. Ich singe jetzt schon so viele Jahre Metal, das ist, als hätte man ein Kind geboren was man dann ja – normalerweise – auch nicht einfach so aufgibt beziehungsweise abgibt. Der antreibende Motor ist die enge und gute Freundschaft zwischen uns, die, wie ich hoffe, niemals enden wird.“

Die Musik an sich hat ihm erst so richtig gezeigt, wie viele Idioten es auf dieser Welt gibt und wie viel Oberflächlichkeit, so Sven. „Sie hat mich aber auch gelehrt, am Ball zu bleiben und für etwas zu kämpfen. Heute ist es so, dass ich eine mittlere Krise bekomme wenn wir mal eine Woche nicht proben. Man ist dann so unausgeglichen. Aber zum Glück kommt das nur selten vor. Musik bedeutet für mich Gemeinschaft, Freundschaft und ganz viel Spaß.“

Die musikalischen Ziele beziehungsweise Interessen seit der damaligen Gründung der Gruppe haben sich laut Statement des Sängers nicht geändert.

„Wir haben die neuen Songs genau so geschrieben wie alle anderen Lieder in unserer bisherigen Laufbahn. Eigentlich haben wir uns noch nie darüber Gedanken gemacht, wie ein Song auszusehen hat beziehungsweise in welche musikalische Richtung er fließen soll. Wir schreiben alle Stücke zusammen, alle Songs entstehen meist aus den zusammen gewürfelten Ideen aller Bandmitglieder. Was sich geändert hat ist der Sound. Ha, dieses Mal kann man auch wirklich Sound dazu sagen. Zusätzlich sind die Gitarren hier und da etwas moderner geworden was ich sehr geil finde. Es gibt natürlich auch einige Schreiberlinge die nicht mit diesem „neuen“ Sound klar kommen aber dafür können wir nichts. Denn unser Motto ist: Wer immer auf einer Stelle stehen bleibt, der stirbt.“

Was die Entwicklung der gemeinsamen Interessen und Ziele von Wizard angeht, so hat sich laut Aussage von Sven so einiges getan. „Zum einen haben wir alle Familie und Kinder, da ist es nicht immer einfach seine eigenen Interessen durchzusetzen. Aber zum Glück haben sich die Frauen an unser „Hobby“ gewöhnt. [lacht] Zusätzlich gibt es noch einen großen Unterschied: Früher haben wir mehr gesoffen als Musik gemacht – heute machen wir Musik und trinken dabei Bier. Ansonsten haben wir musikalisch eigentlich die gleichen Interessen und Wünsche – sonst würde es mit Wizard ja auch nicht laufen.“

Er und seine beständigen deutschen Power Metal-Maniacs machen ihr Ding noch immer aus vollem Herzen, wie Sven mir abschließend noch zu Protokoll gibt.

„Finanziell und gesundheitlich hätten wir sicherlich mehr davon, wenn wir unsere gesamte Energie in andere Dinge des Lebens stecken würden. Wenn wir nicht mit vollem Herzen dabei wären, dann würden wir auch nicht mehr lange existieren. Natürlich ist es heute lange nicht mehr so einfach wie früher – damals hatten wir die alleinige Verantwortung für uns. Heute haben wir Familie, einen Job und dergleichen mehr. Aber unser Herzblut führ uns immer wieder zusammen. Markus, ich habe dir für das Interview zu danken und würde mich freuen wenn wir uns mal auf einem unserer Konzerte im März 2007 sehen. Zudem möchte ich mich auch bei allen anderen Wizard-Fans für den Support bedanken. Schaut ruhig mal auf unserer Homepage www.legion-of-doom.de vorbei. Es gibt viel zu sehen und zu hören. Wir sehen uns bei unseren Release-Shows! In the sign of the wizard!“

© Markus Eck, 06.02.2007

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