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Interview: VOGELFREY
Titel: Reich an Kontrasten

Das aktuelle und zweite Album wurde „Zwölf Schritte zum Strick“ betitelt. Enthalten sind darauf eben zwölf kernige Kompositionen. Zwölf inhaltsreiche Stationen mithin, auf denen die geneigten Hörer den unterhaltsamen Gang des munteren Sextetts vom feierlichsten und ausgelassensten Treiben bis hin zum sinnbildlich wartenden Galgen miterleben dürfen.

Diese Veröffentlichung zeigt diesen 2004 gegründeten fidelen Haufen aber auch von so einigen neuen musikalischen Seiten. Und die Hamburger Mittelalter Folk-Rocker haben ihre neuen Lieder mit so einigen knallharten Metal-Bolzen stabil vernietet. Auch auf lyrischem Terrain nehmen diese hanseatischen Vogelfreyen mal wieder überhaupt kein Blatt vor den Mund.

Wie Sänger Jannik zu berichten weiß, wurde die Musik seiner Truppe von den Medien bislang überwiegend „erschreckend gut“ aufgenommen. Er erzählt gut gelaunt:

„Unser Debüt ,Wiegenfest‘ hat bis auf wenige Ausnahmen bei den Rezensenten extrem abgeräumt, was uns natürlich sehr glücklich gemacht hat. Trotzdem werden wir fleißig ackern müssen, um das Medieninteresse noch weiter auf uns zu lenken, da braucht man sich nichts vorzumachen. Die Bestätigung für das Wacken Open Air hat dann auch nochmals für so einige Aufmerksamkeit gesorgt. Und nun sind wir schon sehr gespannt, wie die Reaktionen auf unser zweites Werk ,Zwölf Schritte zum Strick‘ sein werden.“

Wie der Frontmann weiter ausführt, stellt der neue Langspiel-Dreher in seinen Augen definitiv eine Weiterentwicklung des 2010er Debütalbums „Wiegenfest“ dar. Und es gibt jetzt gewisse Unterschiede dazu.

„Das ist auch gut so, denn wir wollten natürlich nicht ,Wiegenfest 2‘ aufnehmen, sondern ein neues Werk schaffen und die Hörer nicht mit der ewig gleichen Leier langweilen. Aber keine Bange: Wo Vogelfrey drauf steht, da ist auch immer noch Vogelfrey drin. Wir haben unseren Stil weiter ausgeprägt und sind dabei teilweise etwas direkter geworden. Die Mehrzahl der Songs wie zum Beispiel ,Schuld ist nur der Met‘ oder ,Der Tusch!‘ ist tanzbarer geraten, was nicht zuletzt daran liegt, dass wir im Studio sehr viel Percussion wie beispielsweise Shaker und Schellenkränze aufgenommen haben. Dabei ist die Produktion gleichzeitig erheblich druckvoller geworden und lädt bei den heftigeren Songs wie ,Freitod‘ oder ,Lindwurm Massaker‘ mehr zum Headbangen ein. Erstmalig hat sich auch unser Geiger Alex beim Songwriting eingeklinkt und damit unserem Klang eine völlig neue Note beigemischt, wie man vor allem dem Song ,Flamme bin ich sicherlich‘ anmerken wird. Das ist die erste gemeinsame Arbeit von ihm und mir und eines meiner persönlichen Album-Highlights. Auf ,Wiegenfest‘ stammten noch alle Stücke aus der Feder von unserem Bassisten Chris und mir, abgesehen von gewissen Gedichten Heinrich Heines. [lacht] Insgesamt sind die harten Lieder härter und die ruhigen Lieder sanfter. So ist das neue Werk letztlich ein Album der Kontraste.“

Produzent Danny hat dem aktuellen Vogelfrey-Album mit der bescheidenen Beihilfe der Band, so Jannik, einen derartig fetten Sound verpasst, dass die Gruppe selbst ganz überrascht war. Der Vokalist expliziert:

„Was stilistische Vielfalt und Abwechslungsreichtum angeht, kenne ich momentan nichts Vergleichbares zu diesem Album in unserem Genre. Zudem sind die Metal-Einflüsse bei uns wie erwähnt dominanter. Wir achten generell bewusst darauf, dass sich die Songs voneinander, und das mitunter recht stark, unterscheiden und benutzen eine weite Palette an musikalischen Farben. Uns ist es sehr wichtig, dass jeder Song den Hörer neugierig darauf macht, was wohl als nächstes kommt, anstatt es schon vorwegzunehmen. Manchmal trifft man mit dieser Einstellung auf Unverständnis, woraufhin uns in der Vergangenheit ein angeblich ,fehlender roter Faden‘ attestiert wurde. Tja, was soll man dazu sagen: Kritiker versuchen eben, einem aus allem einen Strick zu drehen.“ [grinst]

So wurden die künstlerischen Ziele für die aktuelle Platte der ambitionierten Hanseaten vorab von den Beteiligten nicht klar abgesteckt, wie sich der Kehlen-Artist dazu erinnert.

„Das ist sowieso immer recht schwer zu beantworten. Es gibt meines Erachtens nach ohnehin keine Maßeinheit für künstlerische Ziele, weil die immer hinter dem kreativen Horizont verschwinden und man ihnen als Künstler sozusagen ächzend hinterher hastet. Präziser formuliert: Man sollte i-m-m-e-r das Ziel haben, das geilste Album aller Zeiten aufzunehmen. Wenn man mit diesem Ziel und allem, was man zu bieten hat, inklusive einer ordentlichen Portion Ehrgeiz, zu Werke geht, muss es schon mit dem Teufel zugehen, wenn das Ergebnis dann enttäuschend ist. Darüber entscheidet dann aber letztlich jeder Hörer für sich.“

Jannik ist im Weiteren der Ansicht, dass sich die Fähigkeit seiner Band zur Umsetzung der eigenen Lieder größtenteils mit den gewachsenen musikalischen Interessen der Beteiligten entwickelt hat.

„Wir schaffen es mittlerweile besser, unsere Songs musikalisch und textlich auf den Punkt zu bringen. Dabei sind wir nach wie vor sehr experimentierfreudig, aber die Experimente führen schneller und bewusster zu starken Ergebnissen. Dazu muss man auch sagen, dass manche Songs wie beispielsweise ,6 Vaganten‘ oder ,Schuld ist nur der Met‘ schon sehr lange in unserem Live-Repertoire waren, aber unserer Ansicht nach besser zu unseren Vorstellungen vom zweiten Album passten. ,Der Tod und das Mädchen‘ haben wir bereits beim zweiten Konzert 2006 gespielt, damals noch unter dem alten Titel ,Kleine Träne‘. Der Song ist also richtig alt. Dennoch fügt er sich dank einiger kompositorischer Änderungen perfekt in den Albumkontext und konnte stark von den Erfahrungen der letzten Jahre profitieren. Wir haben versucht dem Zuhörer die Songs nicht bloß um die Ohren zu hauen, sondern ihn mehr zu animieren - sei es nun zum Tanzen oder Headbangen. Ich bin sehr gespannt, ob uns das gelungen ist.“

Vogelfrey beschreiben sich in der aktuellen Info zum neuen Album als ein „Pakt der Geächteten“. Fühlt sich Jannik in der immer irrer werdenden Gegenwart auf gesellschaftlicher Ebene denn auch selbst oftmals wie ein Geächteter?

„Also ich gewinne schon immer wieder den Eindruck, dass man um seine Lebensqualität stark kämpfen muss. Wahrscheinlich war das schon immer so, nur die Schauplätze haben sich geändert. Als ,Pakt der Geächteten‘ bezeichnen wir uns aber eher aus musikalischer Sicht, was sich aber gut mit der gesellschaftlichen Ebene verbinden lässt. Es ist zwar schon ein alter Hut, aber wenn ich den Fernseher einschalte und die Magen-Darm-Endprodukte der Casting-Shows sehe und leider auch höre, frage ich mich, was Musik in der heutigen Gesellschaft eigentlich noch für einen Wert hat. Im Prinzip bleibt einem ambitionierten Künstler, wenn er nicht sehr viel Glück hat, gar nichts anderes übrig, als Szene-Musik zu machen, weil die Leute da zum Glück noch wissen, warum sie diese Musik eigentlich mögen. Dafür bin ich sehr dankbar. Fairerweise muss man ja auch sagen, dass eben jene Casting-Erzeugnisse eine relativ kurze Halbwertszeit haben. Aber was hier an Qualität nicht geboten wird, gleicht man durch Quantität aus und haut alle paar Wochen so einen Einweg-Musiker raus. Ich will diese Leute eigentlich auch gar nicht beleidigen, da sind schon teilweise gute Stimmen dabei. Aber wo bleibt denn die Leidenschaft, wenn man sich nicht mit seiner Musik bis nach oben kämpft, sondern über so genannte Votings zum ,Star‘ deklariert wird? Darum geht es auch im Intro zu unserem neuen Album und im Refrain von ,6 Vaganten‘. Solche Musik ist ein ,Akt der Geknechteten‘. Die Lösung? ,Der Pakt der Geächteten‘. [lacht] Damit meinen wir auch nicht nur uns, sondern alle Künstler, die sich von ganz unten durchbeißen. Wie schön wäre es, wenn nicht so viele Leute den von den Medien vorgekauten ,Musikgeschmack‘ annehmen würden, sondern stattdessen mal ein bisschen im sogenannten ,Underground‘ stöbern würden. Vielleicht wäre ,Mainstream‘ dann irgendwann auch kein Schimpfwort mehr und man müsste ,massentauglich‘ nicht mehr hinter vorgehaltener Hand sagen. Utopisch.“

Der Sänger selbst ist mit dem aktuellen Album-Endresultat sehr zufrieden, wie er berichtet. „Weil wir so gut wie alles umsetzen konnten, was wir uns vorgenommen haben. Die neue Scheibe ist schön lebendig und rund geworden und ich höre sie mir, jetzt wo ich ein wenig Abstand zu den Aufnahmen gewinnen konnte, auch selber gerne an. Auf diesem Album ist zum ersten Mal meine Irish Bouzouki zu hören, ein Mandolinen-artiges Saiteninstrument, das einfach nur großartig klingt. Mit fast schon Banjo-artigem Sound kann man sie beispielsweise bei ,Schuld ist nur der Met‘ zu Beginn hören. Viel Spaß!“



„Zwölf Schritte zum Strick“ ist ein eigentlich eindeutig zu interpretierender Titel. Der Vokalist erzählt zum Entstehungshintergrund:

„Lange bevor ,Wiegenfest‘ auch nur in Planung war, hatten wir überlegt erstmal eine EP mit fünf Tracks aufzunehmen. Mir fiel dann als Titel ,Fünf Schritte zum Strick‘ ein, weil das ja grundsätzlich gut zu unserem Bandnamen passt. Die EP kam letztlich nicht zustande, weil wir dann doch gleich ein komplettes Album abliefern wollten und so war der Einfall erstmal auf Eis gelegt. Nach dem Release von ,Wiegenfest‘, als wir langsam begonnen haben Richtung zweites Album zu schielen, hatte Chris dann die Idee den alten Titel wieder auszugraben und zu benutzen. Allerdings reichten fünf Schritte natürlich nicht für ein ordentliches Album, also schlug er vor, doch zwölf daraus zu machen. Klingt auch cooler. Der Titel eignet sich auch hervorragend für Wortspiele. Bei uns am beliebtesten ist ,Zwölf Tritte in den Schritt‘.“

Auch die Texte des neuen Albums stammen wieder von Tieftöner Chris, Geiger Alex und Jannik selbst, wie dieser mich informiert.

„Teilweise texten wir auch zusammen, wenn uns mal ein Vers fehlt oder dergleichen. Bis auf wenige Ausnahmen ist aber zumeist ein Texter pro Song für die Lyrik zuständig. Inhaltlich ist auf ,Zwölf Schritte zum Strick‘ wieder mal alles Mögliche dabei: ,Düsterpflicht‘ ist der obligatorische Schlachtensong der neuen CD, in ,Freitod‘ geht es um eine Person, die aufgrund einer schlimmen Untat vorsichtig ausgedrückt, nicht ganz mit sich im Reinen ist. ,Der Tusch!‘ entführt den Hörer in einen altertümlichen Zirkus, in dem so einiges schief geht und ,Lindwurm Massaker‘ parodiert die typische Geschichte eines Drachentöters, der in unserem Song ein ziemlicher Anti-Held ist und ,Heinrich der Schlächter‘ genannt wird. Chris‘ Vorgehensweise beim Texten ist häufig ein relativ gängiges Thema aufzugreifen und es im Detail subtil zu entfremden, wodurch sehr eigenständige und eingängige Texte entstehen. Mich selbst inspirieren häufig Romane wie zum Beispiel der Hexer-Zyklus von Andrzej Sapkowski. Da kommt es oft vor, dass mir eine Formulierung oder ein bestimmtes Wort so gefällt, dass daraus ein Text entsteht. Es hängt in dem Fall von meinen Assoziationen ab, was dabei rauskommt. Ansonsten kommt es auch vor, dass mich Situationen im Leben zu Texten inspirieren. Der geneigte Hörer kann ja mal versuchen, selbst herauszufinden, welcher Song auf welche Weise entstanden ist, wie in ,Schuld ist nur der Met‘ zum Beispiel. [grinst] Was Alex beim Texten so alles inspiriert, das möchte ich lieber nicht wissen. [grinst schief] Das Vertonen von Gedichten haben wir diesmal übrigens gelassen. Es wird zwar mal in einem Intro Wedekind zitiert und Nietzsche lieferte Titel und Refrain für bereits erwähntes ,Flamme bin ich sicherlich‘, aber komplette Gedichtbearbeitungen gibt es nicht mehr. Uns ist diesmal nichts ins Auge gesprungen und man muss ja nicht immer das Gleiche machen. Dafür gibt es unser erstes Quasi-Liedermacher-Lied ,Lebenslehre‘, wo dem Zuhörer wortreich und mit Argumenten ans Herz gelegt wird, sein Leben doch mit Alkohol und Freudenmädchen zu verbringen. Textlicher Fortschritt oder Niedergang? Entscheidet selbst!“ [lacht]

Und eigentlich, so Jannik, gab es dieses Mal gar nicht so viele konkrete mittelalterliche oder altertümliche Geschichten, die Gegenstand der neuen Texte geworden sind.

„Das Grundgerüst des Albums, also die Verwandlung der ,6 Vaganten‘ auf den letzten Schritten zum Strick, wo sie schließlich als ,Galgenvogel‘ verenden, ist allerdings schon von der Historie beeinflusst, da man als Geächteter sicherlich nicht viel zu lachen hatte in der Vergangenheit. Das handgezeichnete Artwork des Albums ist passend dazu sehr altertümlich angelegt. In ,Der Tod und das Mädchen‘ schwingt das in manchen Teilen der Welt trauriger Weise sehr aktuelle Thema der Zwangsehe mit. Vordergründig geht es aber um das romantische Prinzip des Todes als Freund und Geliebtem, weswegen ich dem Lied den Titel eines Werkes von Schubert gegeben hab, aufgrund von inhaltlichen Parallelen. Musikalisch haben die beiden Stücke wie man hören wird, nichts miteinander zu tun. ,Lindwurm Massaker‘ erinnert wie zuvor schon gesagt zunächst natürlich an den guten alten Drachentöter Siegfried. Wer genau hinhört wird aber feststellen, dass unser Heinrich mit dem legendären Helden nicht viel mehr als Klinge und Pferd gemeinsam hat. Den Text zu ,Düsterpflicht‘ habe ich glaube ich sogar zu Schulzeiten im Geschichtsunterricht angefangen zu schreiben, aber ich kann mich partout nicht dran erinnern, ob wir da eine bestimmte Schlacht besprochen haben. Vielleicht war es auch in Philosophie, das könnte ich mir dann aber gar nicht erklären“, entfährt es dem Vogelfrey-Frontmann lachend.

Vogelfrey werden ja dieses Jahr sogar in Wacken auftreten. Und der Kerl freut sich mächtig darüber: „Das ist der absolute Hammer! Wir in Wacken, und diesmal nicht nur als Zuschauer, einfach nur geil. Als die Nachricht von unserer Bookerin kam, war ich gerade unterwegs und Dominik hat mich dann auf dem Handy angerufen, als ich gerade im Supermarkt war. Das war ein Einkauf, an den ich mich gerne zurückerinnere. Es ist uns einerseits eine riesige Ehre, andererseits sind wir schon ganz kribbelig, weil wir endlich die Bühne entern wollen. Zum Glück stehen bis dahin noch einige Konzerte an, wie zum Beispiel unsere Releaseparty in Hamburg am 18. Mai. Andernfalls würden wir vor Tatendrang wahrscheinlich durchdrehen.“ 



© Markus Eck, 03.05.2012

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